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Popkultur

Ein Vierteljahrhundert „Murder Ballads“: Nick Caves widerwilliger Flirt mit dem Mainstream

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Nick Cave
Foto: Dave Tonge/Getty Images

Als Nick Cave und seine Bad Seeds am 5. Februar 1996 ihre morbiden Murder Ballads präsentieren, geraten zwei Entwicklungen in Gang: Cave selbst wird unfreiwillig zum MTV-Posterboy. Und Kylie Minogue bekommt Anerkennung aus gänzlich unerwarteter Ecke. Chronik eines Erfolgs wider Willen.

von Björn Springorum

Hört hier Nick Caves Murder Ballads:

Eigentlich ist Nick Cave zu Beginn der Neunziger bereits ein größerer Star als er das jemals für möglich gehalten hätte. Heroin, ein Krähennest auf dem Kopf, erratisches Verhalten, sein schwieriges Verhältnis zur Presse und morbide, funebre, todesschwangere Lieder über die abergläubischen Sümpfe der Südstaaten konnten nicht verhindern, dass der Australier zur dämonischen Galionsfigur der düsteren Indie-Szene wurde. Ein Halbgott wider Willen, entstiegen dem krachigen Post-Punk-Dunst von The Birthday Party und mit den Bad-Seeds-Platten Kicking Against The Pricks, Your Funeral… My Trial und Tender Prey ins Pantheon der Untergangsprophet*innen eingezogen.

Lustmord und wilde Rosen

Nach rauschhaften Jahren in Australien, London, Berlin und New York zieht Cave 1990 nach São Paulo und wird in der Sonne Brasiliens clean. Wie immer im Leben des australischen Musikers hat sein Privatleben direkten Einfluss auf die Art der Musik, die er macht: Nach dem fiebrigen, schwelenden Southern-Gothic-Sound der letzten Jahre findet man ihn vermehrt hinter dem Piano. Schon The Good Son deutet 1990 an, was Mitte der Neunziger mit den Murder Ballads passieren wird. Vorbereitet ist Nick Cave darauf nicht.

Und die Grundidee, die klingt ja auch zunächst mal nicht besonders erfolgversprechend: Eine „murder ballad“ ist ein Stück über Lustmorde, meistens mit tödlichem Ausgang. Die Wurzeln dieser Mordballaden liegen Jahrhunderte zurück, Cave und seine Bad Seeds holen sie in ihre ganz eigene gepeinigte Mythologie, angesiedelt in einem gotischen, biblischen, trunkenen Setting. Wo die wilden Rosen wachsen und sich der Aberglaube auf die warme Haut legt wie ein salziger Schweißfilm.

Schluss mit Lolita, her mit der Wasserleiche

Gefundenes Fressen für diese Band, die mit Stücken wie dem boshaften Cover von Stagger Lee, dem wehmütigen Folk-Traditional Henry Lee oder dem nervös zuckenden, grölenden Spelunkenlied The Curse Of Millhaven alle Register ihres unheilschwangeren Könnens ziehen. Dann ist da aber eben noch eine Nummer namens Where The Wild Roses Grow, die Cave in einem ungewöhnlichen Duett mit Kylie Minogue singt. „Ich dachte schon beim Schreiben an Kylie“, sagte Cave 2007 in einem australischen Interview über seine Landsfrau. „Ich wollte schon einige Jahre lang einen Song für sie schreiben und war rund sechs Jahre lang regelrecht besessen von ihr. Ich schrieb mehrere Stücke, aber keins fühlte sich richtig an.“

Was es wohl zu bedeuten hat, dass es ausgerechnet eine Nummer wurde, die auf einem Dialog zwischen einer Frau und ihrem Killer basiert, wollen wir vielleicht lieber gar nicht wissen. Kylie Minogue ist sofort begeistert von der Idee und sagt einen Tag später zu. Sie ist merklich angetan von der Idee, mal aus ihrem Image zwischen kindlicher Pop-Prinzessin und lustvoller Lolita auszubrechen. Selbst wenn das bedeutet, von Nick Cave getötet zu werden und als Wasserleiche zu enden. Alles Schöne muss vergehen. „Es ist für sie ein gefährlicher Song“, sagte Cave damals. „Sie ist mit diesem Projekt ein großes Risiko eingegangen, und das bewundere ich.“

Meine Muse ist kein Rennpferd

Am Ende ist es doch eher der Schmerzensmann, der unter diesem Lied leidet. Der unverhoffte Erfolg der Nummer bringt ihn weltweit in die Charts und ins Musikfernsehen, in Deutschland allein verkauft sich die Single mehr als 250.000 Mal. Die temporäre Mainstream-Aussetzung bringt Nick Cave sogar eine Nominierung bei den MTV Video Music Awards für den besten männlichen Künstler ein. Auf seinen eigenen Wunsch wird die Nominierung zurückgezogen, er begründet die Entscheidung in einem berühmten Brief an MTV, der hier zu lesen ist:

„My muse is not a horse and I am in no horse race and if indeed she was, still I would not harness her to this tumbrel — this bloody cart of severed heads and glittering prizes. My muse may spook! May bolt! May abandon me completely.“

Ihm ist wichtig, das nicht als Arroganz verstanden zu wissen. „Ich weiß ja, dass ich ein Teil von MTV bin“, sagte er 1998. „Ich erhebe mich nicht darüber. Ich stecke mit ihnen unter einer Decke wie jeder andere auch: Ich schicke ihnen meine Videos und entweder sie spielen sie oder eben nicht. Ich bin nur der Meinung, nicht zu ihren verdammten Galas gehen zu müssen.“ Außerdem gab er mal zu, den Brief high geschrieben zu haben. Da denkt man ja vielleicht ein wenig anders über gewisse Dinge.

Blutdurst für den Mainstream

Die Reaktion zeigt aber keine Hochnäsigkeit. Sie zeigt eher Verwirrung, Hilflosigkeit und die heillose Überforderung, die Nick Cave im unerwartet gleißenden Licht des Popbusiness erfasst wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Und es ist ja auch ziemlich absurd, dass ein blutrünstiges, lüsternes, dunkelpoetisches Stück Musik über eine mit einem Stein erschlagene Frau ein derartiger Erfolg wird. Es dürften also nicht wenige Augenbrauen in die Höhe gegangen sein, wenn man sich nach der Single auch die ganze Murder Ballads kaufte und direkt hineintaumelte in diese böse, mörderische, sexuell aufgeladene und angetrunkene Bänkelparty an der Schwelle zum Jenseits, die einen höheren Bodycount hat als jede Slayer-Platte.

Nick Cave sammelt sich nach diesem unerwarteten Intermezzo, wischt sich den Glamour von den schmalen Schultern und bringt kaum ein Jahr später das berührende The Boatman’s Call heraus. Diesmal ganz ohne Duette. Und Kylie? Die durfte sich über unerwartete Anerkennung aus den Reihen selbsternannter Musikkritiker*innen (vorwiegend männlich) freuen. „Dieses Lied ist bis heute eines meiner liebsten überhaupt“, sagte sie mal. Ob Cave das nach all dem Tumult auch noch so sieht?

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Popkultur

Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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Popkultur

Olivia Newton John: 10 ihrer wichtigsten Stücke

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Oliva Newton John
Foto: Radio Times/Getty Images

Zu Ehren der kürzlich verstorbenen Olivia Newton-John hören wir uns durch zehn ihrer besten Stücke.

 von Markus Brandstetter

Am 8. August 2022 verstarb Olivia Newton John. Die Britin wurde nicht nur mit der Verfilmung des Musicals Grease weltbekannt, sondern hatte auch eine extrem erfolgreiche und langlebige Solokarriere als Musikerin. Vier Grammys, etliche Top-5-Hits und 24 Studioalben — und eine Menge verschiedener Stile von Pop über Folk bis Disco: Wir hören uns an dieser Stelle mal quer durch ihr Schaffen und sprechen über zehn ihrer bemerkenswertesten und/oder bekanntesten Stücke.

1. Long Live Love (1974)

1974 trat Newton-John beim Eurovision Songcontest in London an. Long Live Love ist rückblickend definitiv nicht ihr bestes Stück (sondern eher ein harmloser Schunkelschlager), aber wir wollen es alleine aus historischen Gründen an dieser Stelle keinesfalls unerwähnt lassen. Für einen Spitzenplatz reichte der Song damals nicht: Newton-John schaffte es immerhin auf Platz 4. Die Konkurrenz war an diesem Abend historisch: Den Sieg mit nach Hause brachten ABBA mit ihrem legendären Stück Waterloo.

2. Xanadu (1980)

Anfang der 1980er-Jahre machte die Künstlerin mit Jeff Lynne und ELO gemeinsame Sache — und veröffentlichte das Stück Xanadu aus dem gleichnamigen Musicalfilm. Der Film entpuppte sich zwar als Flop, den Song ereilte ein besseres Schicksal. Er kletterte in den UK-Charts auf den ersten Platz.

3. Twist Of Fate (1983)

1983 kam es nochmal zur Film-Reunion von Travolta und Newton-John für den Film Two of a Kind. Das sorgte für nostalgische Gefühle, so ganz konnte es aber den globalen Erfolg von Grease nicht mehr anknüpfen. Das Stück Twist of Fate aus dem Film ist aber dennoch erinnerungswürdig.

4. Magic (1989)

Nochmal Xanadu: Aus dem Soundtrack zum Film stammt auch der Disco-Kracher Magic. Das war nicht nur in den Charts extrem beliebt — 1980 bezeichnete John Lennon das Stück als einen jener damals aktuellen Songs, die er mochte. Eine große Ehre — und ein erster Platz in den US-Charts.

5. A Little More Love (1978)

A Little More Love war die erste Single, die Newton-John nach ihrem Mega-Erfolg mit Grease veröffentlichte. Sie erschien auf ihrem 10. Album Totally Hot.

6. I Honestly Love You (1984)

Mit I Honestly Love You landete Olivia Newton-John 1974 einen weltweiten Pop-Hit. Bis sie 1981 Physical veröffentlichte, war I Honestly Love You jenes Stück, mit dem sie meist in Verbindung gebracht wurde, wenn man ihren Namen nannte.

7. You’re The One That I Want (1978)

Natürlich darf auch ein bestimmter Song aus Grease nicht fehlen. Das Duett mit John Travolta  You’re The One That I Want ist eines der bekanntesten Duette der Popgeschichte — und zählt zu Newton-Johns besten Stücken.

8. Hopelessly Devoted To You (1978)

Wer  You’re The One That I Want sagt, muss aber auch Hopelessly Devoted To You sagen — denn der Song aus Grease ist ebenfalls unvergesslich. Die Country-Ballade war für Songschreiber John Ferrer eine große Herausforderung: „Ich habe die längste Zeit damit verbracht, den Text eines Songs zu schreiben, den ich je geschrieben habe. Ich habe jeden Thesaurus und jedes Reimwörterbuch, das ich hatte, benutzt, um ihn richtig zum Laufen zu bringen“, erklärte er  einmal. Die Arbeit zahlte sich aus: Das Stück wurde für einen Oscar als Beste Filmmusik nominiert, verlor aber leider gegen den Beitrag Last Dance aus Thank God It’s Friday.

9. Have You Never Been Mellow (1975)

Auf der Country-Pop-Ballade Have You Never Been Mellow, drei Jahre vor ihrem Mega-Erfolg mit Grease erschienen, klingt Newton-Johns Stimme beinahe schon sirenenhaft. Der Song erschien als Single des gleichnamigen Albums und schaffte es in den USA auf die Spitze der Billboard Charts — völlig zurecht, Have You Never Been Mellow ist ein absolutes Highlight im Backkatalog der Sängerin.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 11.8.64 bekommt Roger Daltrey von seinem Schwiegervater auf die Mütze

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 11.8.64.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Die Fäuste und das Mundwerk sitzen bei Roger Daltrey von The Who Zeit seines Lebens eher locker. Kaum vorzustellen, dass er am 11. August 1964 vom Schwiegerpapa selbst eins hinter die Löffel bekommt. Hier kommt die Geschichte dieser Ausnahme-Ohrfeige.

Hört euch hier die größten The Who-Hits an: 

Blick zurück ins Jahr 1964: Roger Daltrey, selbst erst 20 Lenze jung, hat wenige Monate zuvor die sechzehn Jahre alte Jacqueline „Jackie“ Rickman geheiratet, da das Paar ein Kind erwartet. Der Frontmann merkt jedoch schnell, welches Leben ihn als Familienvater erwartet: Aus Angst vor einer bürgerlichen Existenz als Blechschlosser verlegt er seinen Schlafplatz noch vor der Geburt des Sohnes in den Van der Band. Das Ehegelübde nimmt Daltrey ohnehin nicht ganz ernst und geht offen damit um, dass die Karriere seiner Gruppe mit Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon für ihn oberste Priorität hat. Als Schwiegersohn des Jahres qualifiziert er sich damit nicht.

Ratespiel: Das Cover zur Doppelsingle „I’m The Face“/„Zoot Suit“.

In Rahmen der Gruppe übernimmt Daltrey aber durchaus Verantwortung und positioniert sich als Gründer und Frontmann. Bereits zu Schulzeiten pflegte er den Umgang mit Gangs und Kleinkriminellen, also verwundert es kaum, dass er innerhalb der Band gern mal die Fäuste sprechen lässt, wenn es um seine Meinung geht. Er fällt letztendlich auch die Entscheidung für den Namen The Who, nachdem die Band zunächst als The Detours beginnt. Im August 1964 spielt die Kombo auf Geheiß des damaligen Managers Peter Meaden kurzzeitig unter dem Namen The High Numbers. Im Juli erscheint als erste Single I’m The Face/Zoot Suit, deren Chartplatzierung lässt jedoch zu wünschen übrig lässt.

Am Abend des 11. August stehen The High Numbers dann zum wiederholten Male auf dem Programm des Railway Hotel in Nord-London. Während sich Daltrey und Co. bereithalten, um jeden Moment die Bühne zu betreten, schlägt laut Augenzeugen Jackie Rickmans Vater im Backstage-Bereich auf, zerrt Daltrey ohne viel Federlesens vor die Tür – und haut ihm schlicht eine rein. Zack.

Ein konkreter Anlass für den Zorn des Schwiegervaters ist nicht bekannt; ob der Sänger sich wehrt, lässt sich ebenfalls nicht ausmachen. So oder so stellt Daltrey das Wohl und die Professionalität der Band vor seine persönlichen Querelen, betritt wenige Augenblicke nach dem Zwischenfall die Bühne und legt eine Show hin, die es 2007 sogar in die Dokumentation Amazing Journey: The Story of The Who schafft.

Der Stoff von Dokumentationen: Das Cover zu „Amazing Journey: The Story of The Who“.

Auf dem Papier bleibt die Ehe Daltrey/Rickman noch einige Zeit bestehen, Sohn Simon kommt wenig später am 22. August auf die Welt. Als der Who-Gründer jedoch um 1968 ein Kind mit einer anderen Frau zeugt, zieht Jackie Rickman die Reißleine und reicht die Scheidung ein. Kurze Zeit später lernt der Rockstar dann auch schon das Model Heather Taylor kennen, die er 1971 heiratet und mit der er drei weitere Kinder bekommt. Diese Partnerschaft dauert bis heute an.

Zahm wird Daltrey jedoch keinesfalls, erzählt der britischen Presse vor einigen Jahren noch, die Ehe mit Taylor sei vielleicht keine offene, aber Vorschriften habe seine Frau ihm auch keine gemacht. Da kratzt man sich kaum am Kopf, weil sich über die Jahre diverse uneheliche Kinder beim Rockstar melden. Zu ihnen pflegt er jedoch ein gutes Verhältnis und integriert sie in seine Familie mit Taylor. Auch Jackie Rickman und der gemeinsame Sohn Simon nehmen an Gruppenurlauben teil.

Fliegende Hände hin oder her, Daltrey macht nie einen Hehl daraus, dass The Who bei ihm an erster Stelle stehen. So liest man auch auf der Website der Band, sie bliebe stets seine „erste Liebe“

Zeitsprung: Am 2.12.1973 landen The Who im Gefängnis.

 

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