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Popkultur

Ole Beich: Das vergessene Gründungsmitglied von Guns N‘ Roses

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Foto: Flyer

Axl Rose, Slash, Duff McKagan, Izzy Stradlin, unseretwegen auch Steven Adler bringt man alle sofort mit Guns N‘ Roses zusammen. Ole Beich nicht. Dabei ist der Däne sogar bei der Gründung der Band dabei – und findet wenige Jahre später ein tragisch frühes Ende am Grund eines Sees.

von Björn Springorum

Ah, das Los Angeles der frühen Achtziger. Ein Sündenpfuhl aus Rock, Drogen, Sex und dem uramerikanischen Traum vom schnellen Geld. Eine Scheinwelt, die junge Menschen in Scharen anlockt, mit Haut und Haaren verschlingt und in die Gosse spuckt. Einer von ihnen ist Ole Beich, ein junger Däne, der seit den Siebzigern fasziniert ist von der verruchten Magie dieser Stadt der Engel. Geboren 1955 im süddänischen Esbjerg, macht sich der junge Bassist zunächst einen Namen in einigen lokalen Bands und wird Anfang der Achtziger kurzzeitig sogar Mitglied bei den neu gegründeten Mercyful Fate. Auf der im Herbst 1982 erschienen Debüt-EP Mercyful Fate hat Beich zwar schon dem vor wenigen Monaten verstorbenen Timi Hansen ersetzt; es soll aber nicht die einzige legendäre Band bleiben, bei der Beich zumindest kurzzeitig mitmischt.

Glam übernimmt den Strip

Angefressen von seiner stagnierenden Karriere brennt er nach Kalifornien durch, um es als Musiker in Los Angeles zu schaffen. Damit ist er zu dieser Zeit alles andere als allein: Konstant strömen hungrige, großäugige, ambitionierte und trinkfeste Typen in die Stadt, die sich nach und nach in Bands wie Mötley Crüe, Ratt, W.A.S.P., Poison, Faster Pussycat oder Guns N‘ Roses zusammenfinden. Nach den Eskapaden mit den Doors in den Sechzigern oder Led Zeppelin in den Siebzigern bringen sie eine neue Musik auf den Strip, einen neuen Stil, eine neue Mode: Glam ist geboren, der perfekte Soundtrack mit toupierten Haaren, Kajal und High-Heels, die Musik dieser dekadenten Koks-Nächte rund um den Sunset Boulevard. Whisky-A-Go-Go, Rainbow, das notorisch schwelende Mötley House direkt gegenüber – diese schier unfassbare Menge an Partys, Drogen, nackten Körperteilen und lauter Musik macht ordentlich Eindruck auf all die, die neu in der Stadt sind.

Slash in Frauenkleidern

Im Dezember 1982 kommt auch Axl Rose in der Stadt der Engel an. Er heißt zwar noch nicht so, hat aber schon damals kühne Vorstellungen. Rockstar will er werden, steigt erst bei Rapidfire ein und gründet danach mit seinem Sandkastenfreund Izzy Stradlin die Band Hollywood Rose. Stradlin ist da schon drei Jahre in Los Angeles und hat die harte Schule dieses Molochs durchlaufen: Seine erste Band Naughty Woman wird bei einem Konzert vom Publikum angegriffen, danach versucht er sein Glück gleich in mehreren anderen Formationen, bis sein alter Kumpel auftaucht. Bevor sich Hollywood Rose vorübergehend trennen, kommen Slash und Steven Adler in die Band. Adler und Slash sind in Los Angeles aufgewachsen, schleichen sich schon als Minderjährige mit falschen Ausweisen ins Rainbow. Einmal wird Slash erwischt und nach Hause geschickt. Mit der Hilfe seiner besorgniserregend begeisterten Mutter verleidet er sich als Mädchen – und kommt rein.

Slash im Jahr 1982 – als er noch mit seiner Highschool-Band spielte. Foto: Marc S Canter/Michael Ochs Archives/Getty Images

Vom Zigarettentester zum Rockstar

Nach dem Ende von Hollywood Rose heuert Axl Rose bei den L.A. Guns an, wo auch Ole Beich zu der Zeit spielt. Rose übernimmt die Nachtschicht bei Tower Records, um sich über Wasser zu halten und raucht für acht Dollar die Stunde sogar Zigaretten für eine Studie. Das ist eben LA: Du musst es zu 1.000 Prozent wollen. Oder du kannst es gleich bleiben lassen. 1985 folgt dann die schicksalhafte Verschmelzung von Hollywood Rose und L.A. Guns zu Guns N‘ Roses. Die Urbesetzung der Band besteht somit aus Sänger Axl Rose, den Gitarristen Tracii Guns und Izzy Stradlin, Schlagzeuger Rob Gardner – und dem Bassisten Ole Beich.

Die L.A. Guns bei einem Auftritt im Jahr 1984 in Los Angeles, California. Foto: Marc S Canter/Michael Ochs Archives/Getty Images

Das Besetzungskarussell dreht sich weiterhin rasant. Und wieder erwischt es Ole Beich: Am 26. März 1985, so besagten mehrere Quellen, spielt Beich seine einzige Show mit Guns N‘ Roses, bevor er gefeuert und von Duff McKagan ersetzt wird. Tracii Guns ereilt ein ganz ähnliches Schicksal: Er wird von Slash abgelöst, der früher schon bei Hollywood Rose spielte. Soweit, so undurchsichtig. Ole Beich dürfte das alles egal gewesen sein: Er ist mal wieder ohne Band in den langen LA-Nächten unterwegs und hat die Schnauze voll von seinen alten Kollegen.

Unmusikalisch, aber erfolgreich

Ein Zeitzeuge, der diese Aussage validieren kann, ist Robert Cromwell, auch so ein Glücksritter im Los Angeles der frühen Achtziger. Er spielt mit Dave Mustaine bei Fallen Angels und ist 1983 auch für kurze Zeit bei Megadeth an der Gitarre. Er und Beich freunden sich schnell über ihre gemeinsame Liebe zum Heavy Metal an – für Cromwell auch der Grund, warum es zwischen Beich und der Band nicht mehr lief. „Er hatte Axl satt“, sagt er dazu. „Die Band war nicht musikalisch genug für ihn.“ Da ist natürlich schon ein bisschen ironisch und mehr als bitter, dass Guns N‘ Roses 1987 mit Appetite For Destruction mal so eben das bis heute erfolgreichste Debütalbum aller Zeiten raushauen.

Der historische Verriss: “Appetite For Destruction” von Guns N’ Roses

Beich nimmt das alles nicht so gut auf. Er versinkt in Drogen und Kriminalität, begeht Diebstähle auf dem Strip, wird regelmäßig mit oder ohne Cromwell im Schlepptau aus Bars und Restaurants geworfen. Irgendwann verfällt Beich dem Heroin und begeht einen Selbstmordversuch. Man kann sich gut vorstellen, wie schwer es für einen wie ihn in dieser Stadt gewesen sein muss, nachdem alle seine ehemaligen Kollegen und Kumpels auf einmal in begehrten, berühmten, erfolgreichen Bands spielen und in Geld schwimmen.

Die Geister, die er rief

Desillusioniert kehrt Beich nach Dänemark zurück. Die Geister der Vergangenheit, die kann er dennoch nicht abschütteln. Am 19. August 1991 spielen Guns N‘ Roses auf ihrer Use Your Illusion-Tour in Kopenhagen. Sie sind am absoluten Höhepunkt angekommen, es ist die Tournee, die weltweit mehr als sieben Millionen Fans sehen werden. Einer davon ist, gerüchteweise, Ole Beich. Sehr wahrscheinlich gibt ihm dieser Konzertbesuch – oder allein die Tatsache, dass die Band in der Stadt ist und alte Wunden aufreißt – den Rest. Wenige Wochen später, am 16. Oktober 1991, ertrinkt Beich im Sankt-Jørgens-See im Herz von Kopenhagen, sein Blut voller Alkohol und Heroin. Die Todesursache ist bis heute ungeklärt, doch seine Familie geht von einem Selbstmord aus. Natürlich ist Beich nicht das einzige Todesopfer des schnellen, wilden, gefährlichen und toxischen Lebens auf dem Sunset Strip der frühen Achtziger. Aber doch zumindest ein besonders tragisches – besonders, weil die meisten Menschen diese Geschichte gar nicht kennen.

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