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Popkultur

Zeitsprung: Am 3.5.1988 brillieren Queensrÿche mit „Operation: Mindcrime“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.5.1988.

von Christof Leim

Am 3. Mai 1988 erschien das womöglich beste Konzeptalbum aller Zeiten. Ja, wir lehnen uns da jetzt mal ein bisschen aus dem Fenster. The Wall, Tommy und so weiter sind alle sowieso toll, aber mit Operation: Mindcrime haben Queensrÿche unbestritten ein Meisterwerk ganz besonderer Güte hingelegt. Anderer Meinung? Nur zu. Wir tauchen jetzt aber erst nochmal ein die Geschichte von Nikki, Mary, dem Priester und Dr. X…




I remember now. I remember how it started. I can’t remember yesterday. I just remember doing what they told me…

Dies sind die ersten Worte des Protagonisten Nikki auf Operation: Mindcrime, einem Konzeptalbum über Manipulation, gewaltsame Revolution und einen unfreiwilligen Mörder. Queensrÿche gelten damals in der Metal-Szene der Achtziger bereits als eine der cleveren Bands und haben mit einer Debüt-EP und zwei Alben Achtungserfolge erzielen können. Doch mit ihrem dritten Werk absolviert die fünfköpfige Gruppe aus Seattle 1988 einen wahren Quantensprung.

Signiertes Promofoto von 1988

Queensrÿche (nur echt mit dem „ÿ“) schaffen hier eine aufwändige, dramatische „Rockoper“, wenn man so will, in der Text und Musik perfekt ineinandergreifen. Dabei wirkt das inhaltliche Konzept mit seiner Sozialkritik und den revolutionären Akteuren auch drei Dekaden später noch aktuell, die zugrunde liegenden menschlichen Empfindungen Liebe, Verlust und Verrat sind per se zeitlos. Die Handlung verpacken die Musiker in durchdachte, aber trotzdem griffige Metal-Songs, die sogar ohne die Story zum Niederknien wären. In der Welt der Riffs und Headbangerei hatte es sowas bis dahin nicht gegeben.



Die Idee zu Operation: Mindcrime kommt Sänger Geoff Tate eines Nachts in einer Kirche in Montreal. Die Flut an plötzlicher Inspiration muss er sofort fieberhaft niederschreiben, wie er später erzählt. Im Booklet der Neuauflage des Albums von 2003 schreibt er zudem: „In einer Bar namens St. Supice habe ich den Mann getroffen, der Dr. X werden sollte. Wenn ich an diese kalte, berechnende, bösartige Persönlichkeit denke, fühle ich mich heute noch unwohl. Sein Charakter und seine angebliche Beteiligung an einer Terrororganisation verbunden mit anderen Leute, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin, bilden die Grundlage für diese Platte.“



Die Handlung folgt dem Protagonisten Nikki, einem heroinsüchtigen Rumtreiber, der von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit der Gesellschaft und des politischen Systems frustriert ist und von einem mysteriösen Demagogen namens Dr. X manipuliert wird. Wann immer Dr. X das Codewort „Mindcrime“ benutzt, kann er Nikki zwingen, für eine revolutionäre Geheimorganisation Morde zu begehen. Erst die Liebe zu Sister Mary, einer ehemaligen Prostituierten in den Fängen des korrupten Priesters Father William, lässt Nikki sein Tun erkennen. Er will aussteigen, doch das gefällt Dr. X gar nicht…

Kill her. That’s all you have to do.

Kill Mary?

She’s a risk. And get the priest as well.



Nikki versucht, sich seinem Beherrscher zu widersetzen, befreit Mary von dem Priester, doch seine Geliebte findet er tot in der Kirche, den Rosenkranz um ihren Hals gewickelt. Es lohnt sich für den Hörer, die Geschichte zu verfolgen, die natürlich wie geschaffen dafür ist, mit viel Theatralik auf die Bühne gebracht zu werden. Eine entscheidende Wendung lassen Queensrÿche jedoch offen: Wer hat Sister Mary umgebracht?

Spoiler-Alarm: Wer die Geschichte von „Operation: Mindcrime“ tatsächlich noch nicht kennt, sollte sich ein bisschen schämen. Weil es jetzt auch egal ist, kann er/sie aber genauso weiterlesen.



1989, also im Jahr nach der Veröffentlichung, startet der Musiksender MTV einen Wettbewerb  zur Klärung des Rätsels und eröffnet, der entscheidende Hinweis sei in der VHS-Veröffentlichung Video: Mindcrime mit neun Clips versteckt sein. Man muss schon genau hinschauen, denn erst am Ende findet sich die Auflösung, die ein findiger Fan hier gut zusammengefasst hat: Dr. X erscheint in der Kirche und gibt der knienden Mary eine Waffe…

Wer hat Sister Mary umgebracht? Hier sieht man es.

Diese Geschichte erzählen Queensrÿche in kraftvollem, dramatischem Heavy Metal, dominiert von Geoff Tates opernhaften Vocals und geprägt von gekonnt orchestrierter Gitarrenarbeit. Interessanterweise laufen die Songs dabei nicht aus dem Ruder, sondern bleiben fast immer im Bereich von vier, fünf Minuten. Spektakuläre Ausnahme: Das epische Suite Sister Mary mit einer Länge von über zehn Minuten. Kurze gesprochene, hörspielartige Passagen, cineastische Soundeffekte, sinfonische Klänge und akustische Zwischenspiele sorgen für Abwechslung.



Dabei entstehen gleich mehrere Ohrwürmer und zukünftige Hits, allen voran das finale Eyes Of A Stranger, das die Handlung zum Abschluss bringt und als Single veröffentlicht wird. Bis heute haben Queensrÿche kein Stück häufiger live gespielt. Als ähnliches Kaliber erweist sich I Don’t Believe In Love mit seinen immensen Chören, das 1990 sogar eine Grammy-Nominierung einstreicht (und gegen Metallicas One verliert). Auch Revolution Calling über den Wunsch nach gesellschaftlichem Umbruch, der Titeltrack Operation: Mindcrime über Nikkis Mordaufträge oder Breaking The Silence über seinen Schmerz nach Marys Tod gehören zu den Höhepunkten dieser Metal-Ära.





Operation: Mindcrime erscheint am 3. Mai 1988, erweist sich aber nicht sofort als Riesenerfolg: In den USA steigt die Platte auf Platz 50 in die Charts ein, in Deutschland auf Platz 40. Es dauert ein ganzes Jahr, bis Queensrÿche in ihrem Heimatland dafür eine Goldauszeichnung einheimsen können, während es bei vielen Krachmusikkollegen damals förmlich Platinplatten hagelt. Doch das Video zu Eyes Of A Stranger, ein Engagement als Support für Metallica auf deren Damaged Justice-Tour und generell überschwängliche Reaktionen von Fans und Kritikern sorgen für kontinuierliche Verkäufe.



Spätestens als Queensrÿche im Zuge der Konzerte zum Nachfolgealbum Empire (1990) das gesamte Konzeptwerk Operation: Mindcrime am Stück aufführen, hat sich das Album als veritabler Hit etabliert. Auf dieser Tour wird auch das sehens- und hörenswerte Video/Audio-Paket Operation: Livecrime mitgeschnitten.

Die drei Single-Auskopplungen von „Operation: Mindcrime“

Fast zwei Dekaden später wagen sich Queensrÿche sogar an einen Nachfolger: Operation: Mindcrime II erscheint am 31. März 2006 – und enttäuscht auf ganzer Linie, obwohl der unvergessene Ronnie James Dio hier den Dr. X gibt. Damals herrscht großer Streit in der Band, Mindcrime II wird quasi zum Soloprojekt von Geoff Tate und Produzent Jason Slater, während die anderen Mitglieder kaum mitspielen. Damals haben Mitglieder der europäischen Metal-Presse das fertige Album teilweise vor Gitarrist Michael Wilton gehört. Immerhin kommt im Zuge der Weiterführung die Handlung beider Teile in aufwändiger Produktion auf die Bühne, mit Schauspielern, Videoinstallationen und großer Kulisse. Hierbei klärt sich das Mysterium von Sister Marys Tod dann ein und für allemal. Leider nimmt unser Held Nikki kein gutes Ende, und auch Queensrÿche fallen als Folge der anhaltenden internen Streitigkeiten spektakulär auseinander. Aber das ist eine andere Geschichte…



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