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Popkultur

Interview mit Paul Stanley: „Auf ihre eigene Weise sind KISS-Konzerte überaus intim“

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Paul Stanley

Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass Paul Stanley eine Soul-Band hat. Deren erstes Album bietet süffigen, ikonischen Soul zwischen Covern und Eigenkompositionen. Ein Zoom-Gespräch über Soul, KISS und seine Vergangenheit.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Now And Then hören:

Paul Stanley, das Starchild, der Rockstar vom anderen Stern: So kennen wir den Gitarristen, Sänger und Mitgründer von KISS. Es gibt aber noch einen anderen Paul Stanley. Den Soul-Aficionado, der Otis Redding in Jugendjahren in New York live gesehen hat. Form gibt er dieser Leidenschaft seit einigen Jahren mit seinem interkulturellen Ensemble Soul Station. Mit diesem hochwertigst besetzten Grüppchen hat er jetzt auch ein wunderbares Album aufgenommen, dessen Titel schon zeigt, was ihm da so vorschwebt: Now And Then, er will das Gestern mit dem Heute vereinen. Um die Musik lebendig zu halten, wie er sagt. Dem Rock’n’Roll schwört er aber nicht gänzlich ab. Zumindest noch nicht.

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Erzähl uns doch mal, wie ihr beide zusammengefunden habt – der Soul und du.

Soul ist ein derart breites Feld, dass man eigentlich gar nicht von dem Soul sprechen kann. Allein die Vorstellung, dass Stax, Philly-Soul und Motown dieselbe Musik sein soll, ist haarsträubend. (lacht) Was mir immer besonders imponiert hat und eigentlich auch das einzige ist, was wirklich zählt: Diese Musik hat Seele. Das suchte ich schon in jungen Jahren, das spricht noch heute zu mir. Und diese Seele im Soul, egal, aus welcher Stadt er kommt, hängt untrennbar mit dem Leidensweg der Schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten zusammen. Ihr Schmerz, ihr blutiger Weg durch Folter und Tod zu Selbstbestimmung und Freiheit, stecken in jeder Note. Als ich das erste Mal You’ve Really Got A Hold On Me von Smokey Robinson & The Miracles hörte, war es um mich geschehen. Es war kein perfekter Sound, aber dafür voller Leidenschaft. Diese Musik gibt einen Blick auf dein Innerstes frei, legt deine Seele offen und zieht Freude aus Trauer. Diese Musik hatte etwas Glorreiches – vor allem, wenn ich sie live hörte.

„All diese großartigen Songs kennt man heute allerhöchstens noch aus Samples in Rap-Songs.“


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Paul Stanley
Paul Stanley’s Soul Station
Now And Then
Col. 2LP, 2LP

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Es ist also dein persönlicher Weg zurück zu den Wurzeln?

Klar konzentrierte ich mich bei KISS eher auf die klassische Rock-Seite der Dinge, doch gerade deswegen war es mir so wichtig, mal zurück zu meine Ursprüngen zu gehen. Und was ich in diesem Prozess feststellen musste, war: All diese großartigen Songs kennt man heute allerhöchstens noch aus Samples in Rap-Songs. Nicht falsch verstehen, das ist okay, doch ich möchte der Welt zeigen, wie großartig diese Musik für sich genommen ist. Dafür habe ich Soul Station gegründet. Uns allen geht es darum, diese Musik zu ehren und für die Nachwelt zu bewahren. Wir alle kommen aus verschiedenen Kulturen, haben verschiedene Ursprünge und verschiedene Biografien. Doch hier kommen wir zusammen, um den Soul zu feiern und ihn in die Gegenwart zu bringen.

„Mich verwirren Menschen, die nur die eine Art von Musik hören.“

Wurde in deiner Familie früher auch viel Soul gehört?

Auch, aber nicht nur. Musik war für die Generation meiner Eltern immens wichtig. Meine Eltern waren Juden, mein Vater kam aus Polen nach New York City und meine Mutter floh aus Nazi-Deutschland. Sie lebten für die Kunst, für die Musik. Diese Generation sah Kultur nicht als Luxus an, sondern als essentiellen Baustein des täglichen Lebens. Die erste Musik, an die ich mich erinnern kann, waren Beethovens Klavierkonzerte. Die Klassik fesselte und triggerte mich, brachte mir all den Ärger ein, der mich später erwartete. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Elvis und Sam Cooke diesen Platz einnahmen. Ich war wie entfesselt, entdeckte überall neue Musik, verfiel dem Motown-Soul, der British Invasion, entdeckte die italienische Oper und den Blues. Das ist bis heute so: Mich verwirren Menschen, die nur die eine Art von Musik hören. Ich esse doch auch nicht jeden Tag dasselbe Essen! Die Menschen sagen mir, dass sie sich eben wohl fühlen, wenn sie nur diese eine Art von Musik hören, aber das glaube ich ihnen nicht. Wir alle profitieren davon, andere Musik zu hören, andere Speisen zu kosten. Ich liebe Pizza, aber wenn ich sie jeden Tag essen müsste, wäre ich nicht nur fett, sondern auch unterernährt. So ist es auch mit Musik. Es gibt gute und schlechte Musik, mehr zählt nicht.

Wie unterscheidet sich Paul Stanley von Soul Station eigentlich vom Starchild, das uns bei KISS seit 50 Jahren den Kopf verdreht?

Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, nehmen die Menschen nur diese eine Seite von dir wahr. Verständlicherweise. Bei mir ist das Paul Stanley, dieser Typ von KISS. Der Mensch ist aber vielschichtiger als man denkt, er hat unzählige verschiedene Interessen, Probleme, Vorlieben. Du willst also wissen, was er Unterschied ist? Bei KISS trage ich eine Gitarre um den Hals. (lacht)

„Manchmal reagieren die Menschen überrascht, wenn sie feststellen, wie ruhig ich bin.“

Das ist alles?

Nun, natürlich nicht. KISS sind Rock’n’Roll, das ist natürlich etwas ganz anderes. Wenn ich in einer Arena stehe und zu 20.000 Menschen spreche, dann funktioniert das nur über sehr hohe Lautstärke und auffällige Körpersprache. Bei Soul Station geht es um Konversation. Vor jedem neuen Song erzähle ich ein wenig über ihn, über seine Geschichte, unseren Ansatz, meine Beziehung zu ihm. Ich will nicht sagen, dass das intimer ist, auf ihre ganz eigene bizarre Weise sind KISS-Konzerte sogar überaus intim; der Maßstab ist einfach ein anderer. Manchmal reagieren die Menschen überrascht, wenn sie mir begegnen und feststellen, wie ruhig ich bin. Ich frage mich dann immer, was sie von mir erwarten und ob ich jetzt auf den Tisch springen soll oder so. Es gibt eine Zeit und einen Ort für alles. Soul Station wählt also einen anderen Zugang zur Musik, ist aber deswegen nicht mehr oder weniger ich selbst.

Muss man das Spielen in kleinen Clubs neu lernen, wenn man Jahrzehnte in Arenen und Stadien verbracht hat?

Nein, dafür sorgt die Energie dieser Band. Sie bringt Wände zum Beben. Das Publikum ist so entrückt, ergriffen und euphorisiert, dass die Intensität dieselbe ist. Hier kommen Menschen zusammen, die gemeinsam in Musik und Erinnerungen versinken. Das ist alles höchst emotional.

„Malen nach Zahlen wäre uns viel zu wenig gewesen.“

Euer Zusammenspiel bei Soul Station ist für ein 15-köpfiges Ensemble (darunter KISS-Drummer Eric Singer) aber auch wirklich beeindruckend…

Ich versuche auch noch, das zu beschreiben: Die Planeten standen gut zueinander, Gottes Wille, was auch immer, such dir was aus. (lacht) Als wir erstmals in einem Raum waren und zusammen spielten, hatten wir alle das Gefühl, uns schon ewig zu kennen. Wir alle lieben die Musik und die Gesellschaft, das merkt man einfach. Man muss sich nur mal die Aufnahmen aus dem Roxy in Los Angeles ansehen, da spielten wir seit zwei Wochen zusammen! Bei Soul Station zirkulieren zwei Dinge, die mehr und mehr verloren gehen: Leidenschaft und Spielfreude. Wir wollten die Songs nicht perfekt wiedergeben; wir wollten ihre Essenz einfangen und durch uns filtern. Malen nach Zahlen wäre uns viel zu wenig gewesen.

Kommen wir kurz noch auf die unterbrochene End-Of-The-Road-Abschiedstournee von KISS zu sprechen. Ist es nicht fürchterlich schwer, die Motivation für diese letzten Konzerte aufrecht zu erhalten, wenn man nicht live spielen kann?

Aber nein. Das wird schon wieder. Ich empfand unsere Abschiedstournee zu keinem Zeitpunkt als düster oder traurig. Sie ist eine Feier. Alles endet, und wenn wir Glück haben, wissen wir vorher, dass es passiert. So sehr wir KISS lieben, wissen wir doch, dass wir das nicht für immer machen können. Wir sind nicht wie andere Bands. Wenn du in Jeans und Turnschuhen auf die Bühne gehst, kannst du das auch noch mit 80 machen. Eine Show wie die unsere ist irgendwann nicht mehr zu stemmen. Also wollen wir uns mit der größten KISS-Show aller Zeiten verabschieden, der modernsten KISS-Show aller Zeiten, der Show mit der vollständigsten Setlist. Eine Ehrenrunde, eine letzte Party mit all unseren Freund*innen. Natürlich ist das alle sehr emotional, aber bei mir überwiegt die Freude. Ich habe weder ein halbleeres noch ein halbvolles Glas. Mein Glas läuft über. Die Freude, das alles erlebt haben zu dürfen, überstrahlt die Trauer über das Ende bei weitem.

Zumal du ein Wort wie Langeweile wahrscheinlich eh nicht kennst, oder?

Langeweile ist nichts für mich, nein. Langeweile sollte aber für niemanden etwas sein. Nimm dir nur diese Bucket Lists. Für mich sind die pures Gift für das Leben. Du hakst Dinge ab, wo du doch eigentlich konstant Dinge hinzufügen solltest. Darum geht es im Leben: Um neue Herausforderungen, neue Abenteuer. Ich habe keine Bucket List, ich achte nur darauf, dass immer genug Benzin im Tank ist.

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God Gave Soul To You: So gut ist „Now And Then“ von Paul Stanley’s Soul Station

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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Der Tod des Hippie-Traums: Die letzten Tage von Jimi Hendrix

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Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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