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Popkultur

Polaroid-Paranoia-Pop: Peter Gabriels drittes Soloalbum „Melt“ wird 40 Jahre alt

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Peter Gabriel Melt Cover

Zwischen dem ausufernden Theater-Rock von Genesis in den Siebzigern und den MTV-Hits der mittleren Achtziger liegt das wahre kreative Glück: Peter Gabriel III ist das beste Album des Sängers und Songwriters.

von Michael Döringer

Ein künstlerischer Befreiungsschlag

Das Jahr 1975 markiert das Ende für das gemeinsame Projekt von Genesis und Peter Gabriel. Der Frontmann und seine Bandkollegen hatten sich während der Arbeit an ihrem letzten Album, dem Prog-Meilenstein The Lamb Lies Down On Broadway (1974), im kreativen Prozess verloren und entfremdet. Gabriel wollte solo weitermachen und zog von dannen, bei Genesis übernahm Phil Collins nach kurzer Ratlosigkeit den Lead-Gesang. Es sollte ungefähr fünf Jahre dauern, bis beide Trennungsparteien dort ankamen, wo sich sich künstlerisch wieder vollkommen neu entfalten konnten und jeweils ein großes neues Kapitel aufschlugen.

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Genesis wurde zur Pop-Band, spätestens mit dem Album Duke (1980). Und Peter Gabriel gelang nach zwei Soloalben, einem mäßig stringenten und einem mäßig erfolgreichen, mit Peter Gabriel III ebenfalls 1980 sein musikalischer Befreiungsschlag. Die Platte mit dem Spitznamen Melt deutet den ganz großen kommerziellen Triumph an, den er später dank Hits wie Sledgehammer feiern sollte, ist aber aus tiefstem Herzen als Experimental-Pop-Album gedacht, das Avantgarde-Techniken genau so frönt wie den zwingenden Melodien. In dieser Zwischenposition ist es eines der besten Alben der ganzen Dekade, und noch immer das beeindruckendste Solowerk von Peter Gabriel.

Sonische Widerhaken und politischer Widerstand

Schräge Gitarren kratzen über dem Drumbeat-Intro von Intruder, das eine geheimnisvoll-paranoide Stimmung entwickelt. Der Opener ist keiner der großen Hits, die man heute allgemein mit Gabriel assoziiert, aber eine derart einflussreiche Nummer für den Pop der Achtziger, dass über ihre Details noch heute geredet wird. Gleich mehr dazu. Einfallsreiches Songwriting und herausfordernde Klangspielereien verbinden sich in No Self Control oder Family Snapshot, auch ein vermeintlich straighter Disco-Rocker wie I Don’t Remember spart nicht mit sonischen Widerhaken und schaffte es dennoch weit nach oben in die Charts.

Games Without Frontiers und Biko waren die anderen Single-Erfolge auf Melt. Die Hymne auf den südafrikanischen Widerstandskämpfer Steve Biko, der in Polizeigewahrsam verstarb, steht für ein ganz anderes Kapitel in Gabriels Karriere. Der Anti-Apartheidssong war sein erster dezidiert politischer Song, er sollte sich in Zukunft nicht nur vehement für globale Menschenrechte einsetzen, sondern auch an der Vermittlung zwischen sogenannter Weltmusik und westlicher Kultur mitwirken.

Am Anfang war der Rhythmus

Biko wurde einer von Gabriels wichtigsten Songs, spielt aber für den Sound von Melt eine eher untergeordnete Rolle. Die großen Themen auf seinem dritten Album sind düster und persönlich, investigieren Abgründe der menschlichen Psyche, Depression und Paranoia. In vielen retrospektiven Betrachtungen heißt es, dass Gabriel hier zum ersten Mal Themen, Songs und Sounds in perfekten Einklang bringen konnte, auch wenn sich eine solche Ästhetik auf den Vorgängern schon angedeutet hatte.

Genesis: Darum sind Peter Gabriel und Steve Hackett nicht dabei!

Ein Grund dafür war wohl, dass Gabriel seine Art des Songwritings änderte: Er begann nun zuerst mit dem Rhythmus, die Melodie folgte später. Alle Songs bauten sich nach und nach auf den rhythmischen Sequenzen auf. Ein großer Einfluss auf diese Herangehensweise war die „Systems Music“ von Minimal-Komponisten wie Steve Reich, dessen Werk Music For Eighteen Musicians Gabriel als Inspiration zitiert: „Da tauchten Marimbas auf. Von allen Komponist*innen hatten seine Stücke die schönsten Texturen, Farben und Grooves. Das sprach mich sehr an. Solche Elemente versuchte ich einzubauen und arbeitete deshalb unter andere mit dem Percussion-Spieler Morris Pert auf No Self Control.“

Künstlerische Freiheit: Weniger ist mehr

Natürlich profitierte Gabriels Vision von den Musikern, mit denen er die Platte aufnahm: King Crimsons Robert Fripp mit seinen unerhörten Gitarrenideen. Dave Gregory von der New-Wave-Band XTC, ebenfalls an der Gitarre. Zuvor mit XTC arbeiteten auch Steve Lillywhite und Hugh Padham, die genau die experimentierfreudigen jungen Produzenten waren, die Gabriel brauchte, um unkonventionelle Ideen umzusetzen.

Legendär ist Gabriels Ansage an die Drummer, ganz auf Becken zu verzichten. Jerry Marotta sträubte sich, Phil Collins war weniger skeptisch, der seinem alten Kollegen auf einigen Tracks aushalf. So entstand der berühmte „gated drum sound“, ein stark mit Effekten und Hall versehener Schlagzeug-Sound, den Collins zuerst in Intruder spielte und daraufhin auch in seiner eigenen Musik einsetzte – In The Air Tonight ist das markanteste Beispiel. Diese Drum-Ästhetik wurde über Jahre hinweg zum Maßstab in der Pop-Produktion. „Komplette künstlerische Freiheit führt zu gar nichts“, sagte Gabriel später in einem Interview und erklärte seine Entscheidung: „Wenn man Künstler*innen vorgibt, was sie nicht machen dürfen, werden sie kreativ. Deshalb habe ich die Becken verboten. Stell dir vor, du bist Rechtshänder und sollst lernen, mit der linken Hand zu schreiben.“

Der subtile Einsatz der Mittel

Es gibt noch andere Stargäste, die auf Melt ihre Spuren hinterlassen haben: Seit Wuthering Heights war Gabriel ein Fan von Kate Bush und engagierte sie nun für Backing Vocals in No Self Control und Games Without Frontiers. Ihre Stimme schwebt oft nur wie ein Soundeffekt im Hintergrund, doch genau dieser subtile und sparsame Einsatz der Mittel zeichnet das ganze Album aus. Jahre später erst nahmen Bush und Gabriel mit Don’t Give Up vom Album So (1986) ein richtiges Duett auf.

Paul Weller ist ein Gast, mit dem man nicht unbedingt gerechnet hätte. Er nahm im Studio nebenan mit The Jam auf und wurde von Gabriel für den Gitarrenpart in And Trough The Wire verpflichtet. Ein ideale Wahl für diesen eher konventionelleren Rocksong, der nichtsdestotrotz ein wichtiges musikalisches Puzzleteil von Melt ist.

Polaroid-Paranoia

Den inoffiziellen Titel Melt erhielt die Platte aufgrund des auffälligen Coverdesigns von Hipgnosis. Man hatte ein Polaroid-Portrait von Gabriel derart im Entwicklungsprozess bearbeitet, also geknautscht und geknickt, bis die Farben zerflossen und das Foto regelrecht zerschmolzen wirkte. Das Artwork bietet nicht wenig Interpretationsmöglichkeiten: Zusammen mit den beklemmenden Themen der Songs und dem für kommerziell ausgerichtete Ohren verstörenden Klangeffekten konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass sich Gabriel mental nicht im besten Zustand befand. Lead A Normal Life beschreibt den Aufenthalt in einer Psychiatrie und das Gefühl von Isolation. Family Snapshot basiert auf den Aufzeichnungen eines politischen Attentäters. Not One Of Us erzählt vom Dasein als Außenseiter.

Als die Verantwortlichen seiner Plattenfirma Gabriels neues Werk zum ersten Mal hörten, dachten sie, er selbst hätte einen mentalen Kollaps erlitten. Atlantic Records wollte Melt in den USA so nicht veröffentlichen, man versprach sich keinen großen Erfolg. Doch Gabriel fand Ersatz und die Platte übertraf alle Erwartungen. In Großbritannien ging sie auf Platz eins, in Deutschland erschien Melt als Ein deutsches Album in komplett deutscher Übersetzung. Das klingt aus heutiger Sicht vollkommen kurios, doch die deutschen Texte funktionieren verstörend gut, indem sie der Musik eine noch seltsamere Aura als im Original verleihen.

Bei Atlantic Records sah man den Fehler bald ein und nahm Peter Gabriel wieder unter Vertrag. Kluger Schachzug, denn sein kommerzielles Potenzial sollte er auf den folgenden Alben immer weiter entfalten. Das musste sich naturgemäß auf den avantgardistischen Aspekt seiner Musik auswirken. Peter Gabriel III ist in dieser Hinsicht ein Höhepunkt und bleibt sein größtes Meisterwerk auf dem schmalen Grat zwischen Popsongs und Soundexperimenten. Gabriel selbst sieht es genau so: „Ich glaube, dass das dritte Album sehr wichtig für mich war, weil ich zusammen mit der Band einen eindeutigen eigenen Sound entwickeln konnte. Es war die erste Platte, auf der ich ganz deutlich etwas anderes machte als alle anderen.“

Zum 70. Geburtstag von Peter Gabriel: 7 überraschende Wahrheiten

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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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