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Popkultur

„Wir waren on top of the world“: R.E.M. im Interview zum Jubiläum von „Monster“

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R.E.M.
Foto: Kevin Cummins/Getty Images

„We all invent ourselves“: Mit der Zeile hat Michael Stipe bestimmt recht, aber für seine Band R.E.M. und ihr Album Monster, das gerade sein 25-jähriges Jubiläum feiert, gilt das im besonderen Maße.

Nach den Megasellern Out Of Time (1991) und Automatic For The People (1992), dem Über-Hit Losing My Religion und mehreren Jahren ohne Tournee war die damals größte Alternative-Band der Welt (ja, auch Kurt Cobain sah das so) reif für ROCKmusik in Großbuchstaben. Die meisten Monster-Lieder sind wie für die Bühne gemacht: laut, voll trotziger Lebensfreude und  – denn dies sind schließlich R.E.M. – manchmal wunderbar seltsam und in den leisen Momenten durchaus sehr (be)sinnlich. Die Mischung macht’s! Sänger Michael Stipe und Bassist Mike Mills sprachen in Berlin über ihr Meisterwerk und seine Neuauflage.

Hier könnt ihr euch R.E.M.s Album Monster anhören

Für das Reissue von Monster habt Ihr Demos und Live-Aufnahmen hinzugefügt, aber auch das Originalalbum remixen lassen – vom ursprünglichen Produzenten Scott Litt, es war sein ausdrücklicher Wunsch. Wie findet Ihr das Ergebnis?

Michael Stipe: Ich mag den Remix! Ich wäre nicht in diese Richtung gegangen, aber Scott Litt wollte eben alles noch mal aufarbeiten. Wenn man den Original-Mix und den neuen und dann die Demos dazu anschaut, beleuchtet das den Prozess ganz gut: So ist das alles also entstanden!

Mike Mills: Mit den Jahren hat sich ja die Technologie verbessert, deshalb kann man jetzt Platten remastern und Sounds herausstellen, die man früher gar nicht so gehört hat, weil sie vielleicht im Mix verborgen waren.

Nach welchen Kriterien wählt Ihr die Demos aus?

Mike Mills: Danach, welche wir interessant finden und gut genug. Manchmal sind es Songs, die einfach nicht fertig wurden. Manches ist albern. Es sollen Sachen sein, die den Fans etwas Einblick geben in unsere Arbeit. Da muss man natürlich auch etwas loslassen können – nicht nur, weil man den Leuten etwas Unfertiges zeigt, sondern auch schon, wenn man sich selbst wieder damit beschäftigt, nach 25 Jahren – normalerweise machen wir so was ja nicht. Wir sind eher Typen, die nach vorne schauen und nicht zurück.


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Der Song Revolution, der jetzt bei den Demos dabei ist, hat es zum Beispiel nicht auf Monster geschafft. Bereut Ihr später manchmal solche Entscheidungen?

Mike Mills: Wenn es gerade läuft, dann schreiben wir halt mehr gute Songs, als wir brauchen. Es ist immer eine schwere Entscheidung, das Stück muss ja auch auf das Album passen. Für uns ist so ein Album eine Reise: Man legt es auf, und es soll einen 40 Minuten lang irgendwohin führen. Alles muss ein Teil davon sein, und Revolution schien uns da nicht recht reinzupassen.

Michael Stipe: Revolution hatte sicherlich diesen Swagger, den wir für das Album wollten. Als Fanboys, als Musikliebhaber sind wir ja alle mit Glamrock aufgewachsen, das war ein wichtiger Teil unserer musikalischen Erziehung. Bei R.E.M. hatten wir das bisher nie durchscheinen lassen können, und bei Monster wollten wir nun etwas Anderes kreieren. Etwas ganz Anderes als Automatic For The People auf jeden Fall. Da hätte Revolution gut gepasst, aber vielleicht war es etwas zu nahe an anderen Songs dran.

Gab es bei den Aufnahmen auch mal die Sorge, dass die Fans so eine krasse Veränderung nicht mitmachen wollen?

Michael Stipe: Wir hatten zu der Zeit wohl selbst genügend Swagger (lacht). Wir hatten gerade 20 Millionen Alben verkauft, wir waren on top of the world. Was Popularität und Anerkennung betrifft, war das der Höhepunkt der Band. Wir wussten, dass es ein Schritt zur Seite war, ein radikaler Neuansatz, aber wir waren zuversichtlich, dass wir das schon hinkriegen und die Fans uns folgen würden. Die echten taten das ja auch, die eher zufälligen, die wir durch Losing My Religion und die Automatic-Hits hinzugewonnen haben, nicht alle. Manche verstanden es, manche nicht. Das war okay.

R.E.M. veröffentlichen Remix ihres Tributs an Kurt Cobain

Ihr hattet schon vor den Aufnahmen beschlossen, dass Ihr danach wieder auf Tournee geht. Wie sehr hat das die Songs beeinflusst?

Mike Mills: Die generelle Herangehensweise war dadurch: Lasst uns größere, lautere Songs schreiben! Nachdem wir diese Entscheidung getroffen hatten, ergab sich alles andere daraus. Man kann aber nicht bei jedem einzelnen Song denken: Wird der auf der Bühne funktionieren oder nicht? Grundsätzlich geht’s erst mal ums Album. King Of Comedy haben wir dann zum Beispiel nur zweimal gespielt, auch You nicht so oft.

Auf der Deluxe-Edition gibt es auch Aufnahmen von einem R.E.M.-Konzert, Chicago 1995. Welche Erinnerungen habt Ihr an diese Tournee?

Mike Mills: Die Tour war großartig, eine Menge Spaß. Wir haben vor sehr vielen Leuten in sehr vielen Ländern gespielt. 1989 waren wir ja auch schon ein wenig bekannt gewesen, aber jetzt waren wir richtig populär. Es war schon faszinierend zu sehen, wie viele Menschen kamen, auch an exotischen Orten.

Michael Stipe: Wie Chicago! (Lachen) Seit 1989 hatte sich tatsächlich sehr viel verändert. Wir haben die 80er-Jahre eigentlich damit verbracht, zu lernen, wie man größer wird und berühmter, vor allem ich als Frontman. Nach Losing My Religion war für mich alles anders, auch einfach nur die Straße entlangzugehen. Was die Tournee angeht, war es so: Ich bin vorher zu einigen Konzerten gegangen, einfach als Zuschauer, als Kunde, nicht als special guest oder als Michael Stipe von R.E.M., und da habe ich dann festgestellt, wie mühsam es ist, überhaupt zu so einer Show zu kommen: parken, zahlen, reingehen, Platz finden – und sich dann genügend entspannen können, um das Konzert zu genießen. Dort habe ich auch erkannt, dass wir die Leute ganz hinten gar nicht erreichen. Ich wollte aber auch diese Leute erreichen, die sich die Mühe machen und die Zeit nehmen, den Abend mit uns zu verbringen – auch sie sollten alles kriegen, was wir zu geben haben. Das haben wir versucht.

R.E.M. haben sich vor acht Jahren aufgelöst. Vermisst Ihr zumindest die Konzerte manchmal?

Mike Mills: Nicht wirklich.

Michael Stipe: Ich schon.

Mike Mills: Natürlich, auf eine Art. Aber es richtig zu vermissen würde für mich bedeuten, dass ich die Entscheidung, dass wir uns getrennt haben, bereue, aber ich bereue es überhaupt nicht. Ich denke sehr gern an vieles zurück, aber möchte ich nächste Woche wieder damit anfangen? Nicht unbedingt. Neulich sah ich Freunde von mir spielen, und ich dachte: Mensch, das könnte ich doch auch machen, sieht nach Spaß aus! Und dann: Und sie machen das morgen wieder, und übermorgen, und nächste Woche, und nächsten Monat, und übernächsten. Weißt du was, zieht Ihr mal los und ich bleibe hier!

Ihr wirkt auf jeden Fall entspannt zusammen, vielleicht mehr als früher.

Michael Stipe: Unserer Freundschaft hat die Band-Auflösung sicher gut getan. Aber wir haben uns immer umeinander gekümmert, die Freundschaft kam immer vor allem anderen. Uns war damals einfach klar, dass wir – so, wie wir waren und mit unseren Fähigkeiten – etwas Wunderbares geschaffen hatten. Wie wir diese kleine Box, in der wir arbeiten sollten, genommen und aufgeblasen haben und so was wie Monster daraus gemacht haben. Ich wollte das nicht gefährden. Ich wollte nicht 70 sein und jeden Sommer mit einer Greatest-Hits-Tour durch Europa touren. Das schien mir nicht die richtige Art, unser Werk zu ehren. Besser, es einzukapseln und für sich zu betrachten. Und so machen das jetzt ja auch die Hörer – weil wir nicht jedes Jahr ein neues Album rausbringen, das alle ignorieren und nicht im Radio gespielt wird. Unser Werk steht jetzt für sich.

Das Zurückschauen: Macht es bei manchen Alben mehr Spaß als bei anderen?

Michael Stipe: Wir sind noch gar nicht bei meinen beiden liebsten R.E.M.-Alben angekommen, New Adventures In Hi-Fi und Reveal. Was sind denn deine, Mike?

Mike Mills: Ich habe keine richtigen Favoriten, aber was ich bei Alben mag, und bei unseren besonders, ist, wenn alles zusammenhängt und sie ein geschlossenes Bild vermitteln – und das haben wir bei dreien sehr gut gemacht, finde ich: Murmur, Automatic For The People und Reveal. Letzteres ist leider weitgehend übersehen worden, das ist sehr schade.

Michael Stipe: War einfach schlechtes Timing. Wir waren zu lange da gewesen.

Was macht Ihr momentan, wenn Ihr nicht gerade in Sachen R.E.M. unterwegs seid?

Mike Mills: Mein Freund Robert McDuffie und ich versuchen, die Rock’n’Roll-Welt und die klassische zu vermischen und zu zeigen, dass es da weniger Unterschiede gibt, als gemeinhin angenommen wird. Concerto For Violin, Rock Band And String Orchestra heißt das Projekt. Bobby ist ein Rockstar mit einer Violine, und das Konzert ist eine Rockshow, aber es hat eben auch diese klassischen Elemente.

Und immer noch kein Soloalbum?

Mike Mills: Ich weiß, dass ich das versprochen habe…

Michael Stipe: Du musst es schon wegen des Titels machen: The Mike Mills Experience Featuring Mike Mills. Das muss passieren!

Mike Mills: Vielleicht nächstes Jahr. Mal sehen.

Michael Stipe: No time like now! Ich kann Backgroundvocals beisteuern.

Michael, du bist schon etwas weiter.

Michael Stipe: Ja, ich habe vor einigen Wochen meine Solokarriere begonnen, mit der Single Your Capricious Soul. Ich arbeite auch an anderen Songs. Es ist aufregend. Ich liebe meine Singstimme, meine Sprechstimme nicht so, aber die Singstimme. Material zu finden, das dazu passt, macht mich sehr glücklich. Einiges habe ich zusammen mit Andy LeMaster geschrieben, einem genialen Musiker, Singer/Songwriter und Produzenten aus Athens,Georgia. Wir sind schon einige Male gemeinsam als The Watchcaps aufgetreten – eine Band, zu der auch Jessie Smith, die Tochter von Patti, gehört –, bei Benefizveranstaltungen oder als Vorgruppe für Patti Smith. The Watchcaps haben einige der schwierigsten Coversongs aller Zeiten gespielt, und kürzlich auch einige meiner neuen Songs.

Wann können wir denn mit dem Soloalbum rechnen, nächstes Jahr?

Michael Stipe: Ich würde nicht darauf warten. Ich würde mir Zeit erlauben. Ich komponiere zum ersten Mal in meinem Leben Musik – das ist schwerer, als ich dachte. Danke, Mike, dass Ihr es all die Jahre so leicht aussehen lassen habt! Aber es macht mir Spaß, auch wenn es nicht meine Stärke ist. Ich puzzle gern im Studio rum und probiere alles Mögliche aus, meine ganz eigene Kunst. Ich weiß, dass ich mich niemals mit R.E.M. messen kann, das versuche ich nicht mal.

Der historische Verriss: Automatic For The People von R.E.M.

Popkultur

30 Jahre Eurodance: Was haben wir uns dabei nur gedacht?

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DJ
Foto: Paula Bronstein/GettyImages

Aua, unsere Ohren: Vor 30 Jahren erobert mit Eurodance ein Genre die deutschen Charts, für das man sich schon 1992 hätte schämen müssen. Stattdessen werden jahrelang Hits am Fließband produziert und Millionen gescheffelt. Wie konnte das eigentlich passieren?

von Björn Springorum

Erklärungen, Leute, wir brauchen Erklärungen. Was da zwischen 1992 und 1996 die deutsche Popkultur und Chartlandschaft aufmischt, ist im Grunde nicht weniger als ein kollektives Trauma. Ein Unfall, bei dem man irgendwie doch nicht wegsehen kann. Eurodance kam, sah und siegte mit der ewig gleichen Formel aus billigsten Dance-Beats zwischen 120 und 140 BPM, weiblichen Soul-Vocals und unterirdischen Rap-Parts, natürlich rein männlicher Natur.

Die Erfinder des Eurodance sind Deutsche. Natürlich

Schuld ist, so muss man das in aller Härte formulieren, Rhythm Is A Dancer von Snap! Er steht im März 1992 am Anfang der Eurodance-Welle, er vereint erstmals all jene Insignien, die schon bald den Neunziger-Alltag bestimmen werden. Hinter Snap! verbergen sich die deutschen Produzenten  Michael Münzing und Luca Anzilotti. Die nennen sich aber lieber Benito Benites und John Virgo Garrett III (!) und begründen mit häufig wechselnden Sänger*innen den Eurodance-Trend, der uns so viel Fremdscham und Spott einbringen soll.

Den beiden bringt er aber natürlich vor allem eines ein: Kohle. Jede Menge Kohle. Allein Rhythm Is A Dancer geht in Deutschland, Großbritannien, Österreich und der Schweiz auf die Eins, selbst in den USA rückt der Song bis auf Rang fünf vor. Dafür gibt es reichlich Gold und Platin und bis heute eine dicke GEMA-Abrechnung. Gratis gibt es den zweifelhaften Ruf als Eurodance-Gründer. Aber bei einem dicken Bankkonto kann man damit sicherlich leben.

Weder Techno noch Rap

Der Weg ist danach zumindest frei für ein Heer an Epigonen, die alle in dieselbe Kerbe schlagen: It’s My Life von Dr. Alban, More And More vom Captain Hollywood Project oder Mr. Vain von Culture Beat folgen in rapider Sukzession und etablieren das Genre. Das nennt damals übrigens noch niemand Eurodance. Der Name rückt erst ins kollektive Bewusstsein, als der Schrecken schon vorbei ist.

Bis heute erschütternd ist der eklatante Sexismus im Eurodance: Die Rollenbilder stammen straight aus den Fünfzigern, die knapp bekleideten Damen säuseln im Refrain, während starke, muskelbepackte Testosteron-Hünen so tun, als hätten sie Sprachgefühl. Das hat bezeichnenderweise weder mit Techno noch mit Rap etwas zu tun – beides Subkulturphänomene der Achtziger. Aber vielleicht wird Eurodance ja deshalb zum Massenphänomen: Wo echter Techno, echter Rap für ein Mainstream-Publikum unerreichbar bleiben, gibt es die kommerzialisierte Billig-Fassung in jedem Werbespot und in jedem Fahrgeschäft auf dem Rummel. Musik wie diese musste einfach in Deutschland erfunden werden. Es dauert dann jedenfalls nicht mehr lang, bis man mit dem Begriff Kirmestechno im die Ecke kommt. Herrlich passend eigentlich.

Das Spiel ist aus

1996 ist der Spuk dann mehr oder weniger schlagartig wieder vorbei. Der Musiksender VIVA erkennt zunehmend spöttelnde Reaktionen auf neue Eurodance-Songs, die omnipräsente Verwendung auf Volksfesten erledigt den Rest: VIVA verzichtet weitgehend auf Eurodance im Programm, die Zahlen schießen ebenso schnell nach unten wie sie wenige Jahre zuvor nach oben gingen. Ruhe in 120 billigen BPM, Eurodance. Ausnahme ist natürlich DJ Bobo, der es mit Scharfsinn und Verstand geschafft hat, die kurze Welle zu überleben und immer noch erfolgreiche Tourneen spielt.

Das eigentlich Schlimme ist ja aber: Man kennt diese Songs alle noch. Fast 30 Jahre später haben sich die Melodien, Refrains und Claims dieser Retortenware immer noch erfolgreich in unsere Hirne eingebrannt, weigern sich hartnäckig, neue, gute Musik an ihre Synapsen zu lassen. Ob man es also will oder nicht: Eine Erfolgsgeschichte ist Eurodance schon. Nur eben eine mit besonders schlechtem Geschmack. Aber wahrscheinlich bekommt jede Generation die Musik, die sie verdient.

Während also in Seattle Musikgeschichte geschrieben wurde, tanzte das immer noch frisch wiedervereinte Deutschland trunken vor Ekstase mit Neon-Klamotten lieber zu „Eins zwei Polizei“ von Mo-Do (RIP). Man darf sich dann manchmal eben doch nicht über die Wahrnehmung unseres Landes im Ausland wundern…

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Popkultur

Halbzeitbilanz: Die acht besten Alben von Januar bis Juni 2022

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Harry Styles
Foto: Dia Dipasupil/Getty Images

Halbzeitpfiff, die ersten sechs Monate des Jahres 2022 sind rum! Lasst uns also schauen, welche großartigen Platten seit Silvester erschienen sind. Ob übliche Verdächtige wie die Scorpions und Rammstein, neue Stars wie Harry Styles und Rosalía oder Geheimtipps wie Sarah Shook & The Disarmers: Das sind unsere acht Favoriten von Januar bis Juni 2022.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch unsere Favoriten von Januar bis Juni 2022 anhören:

1. Harry Styles – Harry’s House

Ihren wilden Anfang nahm die Karriere von Harry Styles ab 2010 in der britischen Boyband One Direction. Seit 2016 erobert der junge Sänger auch als Solokünstler den Planeten und wir lehnen uns nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten: Er ist einer der größten Popstars unserer Zeit. Schon mit seinen ersten beiden Alben Harry Styles (2017) und Fine Line (2019) landete er weltweit auf den Champions-League-Plätzen der Hitparaden. Mit seiner neuen Veröffentlichung Harry’s House untermauerte Styles endgültig seinen Status als lebende Legende und stürmte in mehr als 25 Ländern auf Platz eins der Albumcharts. Kein Wunder: Seine kreative Mischung aus Pop und Rock verbindet die Musikgeschichte mühelos mit der Moderne und bietet Anknüpfungspunkte für so ziemlich jede Generation.

2. Rosalía – Motomami

Den Flamenco auf unkitschige Art und Weise in die Popmusik des 21. Jahrhunderts zu retten, ist keine einfache Aufgabe. Dennoch meistert Rosalía aus Spanien genau diesen Spagat, staubt die Tradition ihres Landes kräftig ab und landet damit seit 2017 einen Hit nach dem anderen. Die Grundlage dafür ist zum einen ihre Ausbildung als professionelle Flamenco-Sängerin, zum anderen ihr Verständnis für modernere Einflüsse aus Pop und Rock. Zusätzlich bringt Rosalía mit ihrem großen Erfolg mächtig Schwung in die spanische Musikindustrie, setzt sich für Frauenrechte ein und verschafft der Kultur ihres Landes eine internationale Bühne. Mit Motomami gelang ihr nämlich zum ersten Mal auch in den USA der Sprung in die Charts, wo ihr drittes Album gleich auf Platz 33 kletterte. Kurz danach trat sie als erste spanische Solokünstlerin in der US-Sendung Saturday Night Live auf.

3. Eddie Vedder – Earthling

Dass Eddie Vedder auch solo zu überzeugen weiß, hat der Pearl-Jam-Frontmann bereits mit seinem Debüt Into The Wild bewiesen, dem Soundtrack für den gleichnamigen Film. Mit Earthling legte der Sänger im Februar 2022 seinen dritten Alleingang vor und zeigt sich darauf noch einmal von einer ganz anderen Seite. So lässt Vedder die Ukulele für Earthling mal im Schrank, probiert ansonsten aber so ziemlich alles aus, was die Rockmusik so hergibt. Ob Mundharmonika-Punk (Try), eine Kollaboration mit Elton John (Picture), straighte Rocker (Power Of Right) oder Heartland Rock, der auch Bruce Springsteen und Tom Petty gut zu Gesicht gestanden hätte (The Dark; Long Way): Vedder zeigt auf seinem dritten Solowerk zum ersten Mal, dass er die gesamte Palette des Rock und Pop beherrscht. Ein starkes Album!

4. Ghost – Impera

Wenn auf großen Metal-Festivals vom sogenannten „Headliner-Sterben“ die Rede ist, drängt sich automatisch die Frage nach den großen Rock- und Metal-Bands der Zukunft auf. Eine der Antworten: Ghost. Seit mehr als 15 Jahren wächst der Hype um die Schweden immer weiter und dafür gibt es reichlich gute Gründe. Da wäre zum Beispiel die faszinierende Bühnenshow der Gruppe um Mastermind Tobias Forge. Oder die fantasievollen, abwechslungsreichen und stets kreativen Alben der Band. „Mir ging es sehr gut, der Welt aber nicht“, beschreibt Forge die Impera-Schaffensphase im Interview mit uDiscover Music. „Und in meinem Augen spiegelt sich das auf der Platte wieder. Das Resultat sind 40 Minuten voll düsterem Rock, der sich um den Aufstieg und dem Fall von Imperien dreht.“

5. Rammstein – Zeit

In musikalischer Hinsicht schalten Rammstein auf ihrem achten Album zwar einen Gang zurück, doch inhaltlich geht es auf Zeit durchaus ans Eingemachte. So beschäftigt sich Frontmann Till Lindemann in seinen Texten nicht nur mit dem allgegenwärtigen Schönheitswahn und „dicken Titten“, sondern auch mit der eigenen Vergänglichkeit, unterschiedlichen Ängsten und mit anderen schweren Themen wie häuslicher Gewalt. Die besonders melancholischen Momente sind die, die am besten funktionieren. Dann, wenn sich Rammstein geradezu in Trance spielen und singen, und von den Uffta-Pflichtübungen absehen. Dass die Band auf Zeit ihr eigenes Ende besingt, glauben und hoffen wir nicht. Sollte dem aber aus irgendeinem Grund doch so sein, handelt es sich bei Rammsteins Achter um eine Platte, mit der man ruhigen Gewissens den Ruhestand einläuten kann.

6.Scorpions – Rock Believer

Wenn Deutschlands größte Rockband nach sieben Jahren ohne Studioveröffentlichung ein neues Album rausbringt, horchen die hiesigen Krachmusik-Jünger natürlich auf. Und die Wartezeit hat sich gelohnt: Auf ihrer 19. Platte feiern die Scorpions ihren Achtziger-Sound, packen das Ganze in ein modernes Gewand und liefern stolze 15 Songs für eure nächste Rock-Gartenparty ab. Eine richtige Zehn von Zehn verbirgt sich auf Rock Believer zwar nicht, doch der Titeltrack kommt der vollen Punktzahl schon verdächtig nahe. So oder so: Es besteht kein Zweifel daran, dass die Scorpions im Studio nichts von ihrer Qualität eingebüßt haben. Dass dabei nicht mehr das ganz große Feuerwerk abgefackelt wird, wie es in den Achtzigern der Fall war, ist nur logisch. Dafür sind die Scorpions heute so etwas wie der wohlig wärmende Kamin, um den sich Rockfans weltweit versammeln können.

7. Sarah Shook & The Disarmers – Nightroamer

In den Staaten erspielt sich Sarah Shook bereits seit einigen Jahren einen Namen in der Country-Szene; hierzulande dringt die junge Sängerin bisher etwas langsamer in die Musikwelt vor. Das könnte sich mit ihrem dritten Album ändern, denn auf Nightroamer lässt Shook mehr poppige Elemente in ihren Cowpunk einfließen, der mal energiegeladen und mal balladesk daherkommt. So schreckt sie weder davor zurück, mit der Ehrlichkeit des Outlaw Country aus ihrem nicht immer einfachen Leben zu erzählen, noch weigert sie sich, den Stallgeruch das traditionellen Country bisweilen auch mal abzuwaschen. Das äußert sich auch auf politischer Ebene, denn Shook macht keinen Hehl daraus, dass sie genderqueer und bisexuell ist und sich mit großem Engagement für die Belange der LGBTQIA+-Welt einsetzt.

8. Red Hot Chili Peppers – Unlimited Love

Nach fast 40 Jahren Bandgeschichte haben die Red Hot Chili Peppers ihren Sound längst gefunden. Das stellen die Kalifornier auch auf ihrem zwölften Album Unlimited Love unter Beweis, das zwar keine bahnbrechenden Neuigkeiten enthält und der Rockgeschichte sicher kein neues Kapitel hinzufügen wird, dafür aber den guten alten RHCP-Vibe zelebriert. Die Band klingt auf der Platte, wie zu ihren erfolgreichsten Zeiten, was unter anderem daran liegt, dass Gitarrengott John Frusciante wieder nach Hause gefunden hat. Selten war so deutlich, wie anders die Chili Peppers klingen, wenn er die Musik der Gruppe um seine Virtuosität an der Gitarre und sein einzigartiges Songwriting bereichert.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.7.2000 spielen Metallica ohne James Hetfield. Also müssen andere singen.

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John Shearer/WireImage

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.7.2000.

von Christof Leim

Selbst den mächtigen „Papa Het“ erwischt es mal: Im Sommer 2000 muss Metallica-Frontmann James Hetfield verletzungsbedingt bei drei Shows aussetzen. Doch die Konzerte finden trotzdem statt: Jason Newsted, Korn, Kid Rock und System Of A Down helfen mit Brüllerei und Rhythmusgitarre.

Hört euch hier das damals aktuelle Reload an:

Ein neues Album gibt es Mitte 2000 nicht, als Metallica sich auf Summer Sanitarium-Tour begeben. Im Vorjahr erschien die Orchesterkollaboration S&M (1999), die letzte „richtige“ Studioplatte heißt Reload (1997). Wenige Monate vorher hatte es den Streit um Napster gegeben (heute wissen wir: Lars hatte völlig Recht), der große interne Knall – Stichworte: Jason raus , Streit, Entzug, St. Anger und Some Kind Of Monster – steht noch bevor. Also rollt die Metal-Maschine fröhlich durch die Welt, denn live sind Metallica immer eine Macht und vor allem ein Zuschauermagnet. Die auf 20 Shows angelegte Konzertreise führt durch riesige Stadien in den USA, als Begleitung sind angesagte Künstler der Jahrtausendwende dabei: System Of A Down, Korn, Powerman 5000 und Lars Ulrichs Kumpel Kid Rock.

Los geht es am 23. Juni 2000 in Seattle, doch während der kurzen Pause nach der fünften Show in Baltimore am 4. Juli verletzt sich Hetfield bei einem Unfall mit einem Jetski. Das Ergebnis: Bandscheibenvorfall. Damit ist der 36-Jährige für ein paar Tage raus. Nur: Die Show muss weitergehen. Sommer, Sonne, Thrash Metal, das war der Plan! Deshalb laden Lars Ulrich, Kirk Hammett und Jason Newsted die anderen Musiker der Tour auf die Bühne ein und erlauben sich großzügig ein paar Freiheiten mit der Setlist. Dafür halten die drei erstmal eine kleine Ansprache, bei der Newsted erklärt: “Hetfield ist der härteste Motherfucker, den ich kenne. Er sagt eine Show nur ab, wenn es wirklich nicht anders geht.”

Vor allem Jason zeigt, dass seine Brüllmonster-Backingvocals in der Not auch für die erste Stimme taugen, und singt gleich zu Anfang Creeping Death, For Whom The Bell Tolls und Seek And Destroy. Dabei helfen ihm Gitarrist Kenny Olson und Rapper Joe C. aus der Truppe von Kid Rock. Die Instrumente gehen dann an Korn, die das Cheech & Chong-Cover Earache My Eyes sowie ihr eigenes Counting zum Besten geben.

Mit Herrn Rock spielen Metallica dann Sad But True, das in sein American Bad Ass übergeht – ist ja der gleiche Song. Der Mann singt gleich noch Nothing Else Matters, das Creedence-Clearwater-Revial-Cover Fortunate Son und eine Nummer aus dem eigenen Katalog (Somebody‘s Gotta Feel This/Fist Of Rage). Damit sind schon mal zehn Songs durch. 

Jason übernimmt für Fuel, bei Turn The Page hilft ihm schon wieder Kid Rock. Bei Mastertarium (yep, ein Medley aus den beiden Hits von Master Of Puppets) mischen Gitarrist Daron Malakian und Sänger Serj Tankian von System Of A Down mit, für den Abschluss mit – natürlich – Enter Sandmanstehen dann mehr oder minder alle auf der Bühne. Fotos von der Sause gibt es hier, natürlich geistern jede Menge Bootlegs durch die Welt.

Damit haben die 44.000 Fans (95% ausverkauft) in Atlanta, Georgia eine ziemlich einmalige Show gesehen, Metallica konnten den Termin retten – und spielen am 5. und 6. August sogar noch zwei Wiedergutmachungskonzerte in der Stadt für alle, die ihr Ticket behalten haben. Auf ihrer Website schreibt die Band: „Make-up show featuring Special Guest James Hetfield“. Die nächsten beiden Juli-Termine in Sparta, Kentucky (8.7.) und Dallas, Texas (9.7.) muss der Frontmann übrigens ebenfalls aussetzen. Aber so langsam gewöhnen sich die Ersatzleute an den Job, die Setlist wird länger: Jonathan Davis singt noch bei One, Jason brüllt sich durch Whiplash. Auch in Texas und Kentucky gibt es später je zwei Nachholgigs.

Damit hat Lars die besten Fehlquote bei Metallica, denn er muss (Stand Juli 2022) nur ein einziges Mal aussetzen, nämlich am 6. Juni 2004. Die Geschichte dazu findet ihr hier.

Zeitsprung: Am 6.6.2004 spielen Metallica das einzige Mal ohne Lars.

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