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Popkultur

„Wir waren on top of the world“: R.E.M. im Interview zum Jubiläum von „Monster“

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R.E.M.
Foto: Kevin Cummins/Getty Images

„We all invent ourselves“: Mit der Zeile hat Michael Stipe bestimmt recht, aber für seine Band R.E.M. und ihr Album Monster, das gerade sein 25-jähriges Jubiläum feiert, gilt das im besonderen Maße.

Nach den Megasellern Out Of Time (1991) und Automatic For The People (1992), dem Über-Hit Losing My Religion und mehreren Jahren ohne Tournee war die damals größte Alternative-Band der Welt (ja, auch Kurt Cobain sah das so) reif für ROCKmusik in Großbuchstaben. Die meisten Monster-Lieder sind wie für die Bühne gemacht: laut, voll trotziger Lebensfreude und  – denn dies sind schließlich R.E.M. – manchmal wunderbar seltsam und in den leisen Momenten durchaus sehr (be)sinnlich. Die Mischung macht’s! Sänger Michael Stipe und Bassist Mike Mills sprachen in Berlin über ihr Meisterwerk und seine Neuauflage.

Hier könnt ihr euch R.E.M.s Album Monster anhören

Für das Reissue von Monster habt Ihr Demos und Live-Aufnahmen hinzugefügt, aber auch das Originalalbum remixen lassen – vom ursprünglichen Produzenten Scott Litt, es war sein ausdrücklicher Wunsch. Wie findet Ihr das Ergebnis?

Michael Stipe: Ich mag den Remix! Ich wäre nicht in diese Richtung gegangen, aber Scott Litt wollte eben alles noch mal aufarbeiten. Wenn man den Original-Mix und den neuen und dann die Demos dazu anschaut, beleuchtet das den Prozess ganz gut: So ist das alles also entstanden!

Mike Mills: Mit den Jahren hat sich ja die Technologie verbessert, deshalb kann man jetzt Platten remastern und Sounds herausstellen, die man früher gar nicht so gehört hat, weil sie vielleicht im Mix verborgen waren.

Nach welchen Kriterien wählt Ihr die Demos aus?

Mike Mills: Danach, welche wir interessant finden und gut genug. Manchmal sind es Songs, die einfach nicht fertig wurden. Manches ist albern. Es sollen Sachen sein, die den Fans etwas Einblick geben in unsere Arbeit. Da muss man natürlich auch etwas loslassen können – nicht nur, weil man den Leuten etwas Unfertiges zeigt, sondern auch schon, wenn man sich selbst wieder damit beschäftigt, nach 25 Jahren – normalerweise machen wir so was ja nicht. Wir sind eher Typen, die nach vorne schauen und nicht zurück.


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Der Song Revolution, der jetzt bei den Demos dabei ist, hat es zum Beispiel nicht auf Monster geschafft. Bereut Ihr später manchmal solche Entscheidungen?

Mike Mills: Wenn es gerade läuft, dann schreiben wir halt mehr gute Songs, als wir brauchen. Es ist immer eine schwere Entscheidung, das Stück muss ja auch auf das Album passen. Für uns ist so ein Album eine Reise: Man legt es auf, und es soll einen 40 Minuten lang irgendwohin führen. Alles muss ein Teil davon sein, und Revolution schien uns da nicht recht reinzupassen.

Michael Stipe: Revolution hatte sicherlich diesen Swagger, den wir für das Album wollten. Als Fanboys, als Musikliebhaber sind wir ja alle mit Glamrock aufgewachsen, das war ein wichtiger Teil unserer musikalischen Erziehung. Bei R.E.M. hatten wir das bisher nie durchscheinen lassen können, und bei Monster wollten wir nun etwas Anderes kreieren. Etwas ganz Anderes als Automatic For The People auf jeden Fall. Da hätte Revolution gut gepasst, aber vielleicht war es etwas zu nahe an anderen Songs dran.

Gab es bei den Aufnahmen auch mal die Sorge, dass die Fans so eine krasse Veränderung nicht mitmachen wollen?

Michael Stipe: Wir hatten zu der Zeit wohl selbst genügend Swagger (lacht). Wir hatten gerade 20 Millionen Alben verkauft, wir waren on top of the world. Was Popularität und Anerkennung betrifft, war das der Höhepunkt der Band. Wir wussten, dass es ein Schritt zur Seite war, ein radikaler Neuansatz, aber wir waren zuversichtlich, dass wir das schon hinkriegen und die Fans uns folgen würden. Die echten taten das ja auch, die eher zufälligen, die wir durch Losing My Religion und die Automatic-Hits hinzugewonnen haben, nicht alle. Manche verstanden es, manche nicht. Das war okay.

R.E.M. veröffentlichen Remix ihres Tributs an Kurt Cobain

Ihr hattet schon vor den Aufnahmen beschlossen, dass Ihr danach wieder auf Tournee geht. Wie sehr hat das die Songs beeinflusst?

Mike Mills: Die generelle Herangehensweise war dadurch: Lasst uns größere, lautere Songs schreiben! Nachdem wir diese Entscheidung getroffen hatten, ergab sich alles andere daraus. Man kann aber nicht bei jedem einzelnen Song denken: Wird der auf der Bühne funktionieren oder nicht? Grundsätzlich geht’s erst mal ums Album. King Of Comedy haben wir dann zum Beispiel nur zweimal gespielt, auch You nicht so oft.

Auf der Deluxe-Edition gibt es auch Aufnahmen von einem R.E.M.-Konzert, Chicago 1995. Welche Erinnerungen habt Ihr an diese Tournee?

Mike Mills: Die Tour war großartig, eine Menge Spaß. Wir haben vor sehr vielen Leuten in sehr vielen Ländern gespielt. 1989 waren wir ja auch schon ein wenig bekannt gewesen, aber jetzt waren wir richtig populär. Es war schon faszinierend zu sehen, wie viele Menschen kamen, auch an exotischen Orten.

Michael Stipe: Wie Chicago! (Lachen) Seit 1989 hatte sich tatsächlich sehr viel verändert. Wir haben die 80er-Jahre eigentlich damit verbracht, zu lernen, wie man größer wird und berühmter, vor allem ich als Frontman. Nach Losing My Religion war für mich alles anders, auch einfach nur die Straße entlangzugehen. Was die Tournee angeht, war es so: Ich bin vorher zu einigen Konzerten gegangen, einfach als Zuschauer, als Kunde, nicht als special guest oder als Michael Stipe von R.E.M., und da habe ich dann festgestellt, wie mühsam es ist, überhaupt zu so einer Show zu kommen: parken, zahlen, reingehen, Platz finden – und sich dann genügend entspannen können, um das Konzert zu genießen. Dort habe ich auch erkannt, dass wir die Leute ganz hinten gar nicht erreichen. Ich wollte aber auch diese Leute erreichen, die sich die Mühe machen und die Zeit nehmen, den Abend mit uns zu verbringen – auch sie sollten alles kriegen, was wir zu geben haben. Das haben wir versucht.

R.E.M. haben sich vor acht Jahren aufgelöst. Vermisst Ihr zumindest die Konzerte manchmal?

Mike Mills: Nicht wirklich.

Michael Stipe: Ich schon.

Mike Mills: Natürlich, auf eine Art. Aber es richtig zu vermissen würde für mich bedeuten, dass ich die Entscheidung, dass wir uns getrennt haben, bereue, aber ich bereue es überhaupt nicht. Ich denke sehr gern an vieles zurück, aber möchte ich nächste Woche wieder damit anfangen? Nicht unbedingt. Neulich sah ich Freunde von mir spielen, und ich dachte: Mensch, das könnte ich doch auch machen, sieht nach Spaß aus! Und dann: Und sie machen das morgen wieder, und übermorgen, und nächste Woche, und nächsten Monat, und übernächsten. Weißt du was, zieht Ihr mal los und ich bleibe hier!

Ihr wirkt auf jeden Fall entspannt zusammen, vielleicht mehr als früher.

Michael Stipe: Unserer Freundschaft hat die Band-Auflösung sicher gut getan. Aber wir haben uns immer umeinander gekümmert, die Freundschaft kam immer vor allem anderen. Uns war damals einfach klar, dass wir – so, wie wir waren und mit unseren Fähigkeiten – etwas Wunderbares geschaffen hatten. Wie wir diese kleine Box, in der wir arbeiten sollten, genommen und aufgeblasen haben und so was wie Monster daraus gemacht haben. Ich wollte das nicht gefährden. Ich wollte nicht 70 sein und jeden Sommer mit einer Greatest-Hits-Tour durch Europa touren. Das schien mir nicht die richtige Art, unser Werk zu ehren. Besser, es einzukapseln und für sich zu betrachten. Und so machen das jetzt ja auch die Hörer – weil wir nicht jedes Jahr ein neues Album rausbringen, das alle ignorieren und nicht im Radio gespielt wird. Unser Werk steht jetzt für sich.

Das Zurückschauen: Macht es bei manchen Alben mehr Spaß als bei anderen?

Michael Stipe: Wir sind noch gar nicht bei meinen beiden liebsten R.E.M.-Alben angekommen, New Adventures In Hi-Fi und Reveal. Was sind denn deine, Mike?

Mike Mills: Ich habe keine richtigen Favoriten, aber was ich bei Alben mag, und bei unseren besonders, ist, wenn alles zusammenhängt und sie ein geschlossenes Bild vermitteln – und das haben wir bei dreien sehr gut gemacht, finde ich: Murmur, Automatic For The People und Reveal. Letzteres ist leider weitgehend übersehen worden, das ist sehr schade.

Michael Stipe: War einfach schlechtes Timing. Wir waren zu lange da gewesen.

Was macht Ihr momentan, wenn Ihr nicht gerade in Sachen R.E.M. unterwegs seid?

Mike Mills: Mein Freund Robert McDuffie und ich versuchen, die Rock’n’Roll-Welt und die klassische zu vermischen und zu zeigen, dass es da weniger Unterschiede gibt, als gemeinhin angenommen wird. Concerto For Violin, Rock Band And String Orchestra heißt das Projekt. Bobby ist ein Rockstar mit einer Violine, und das Konzert ist eine Rockshow, aber es hat eben auch diese klassischen Elemente.

Und immer noch kein Soloalbum?

Mike Mills: Ich weiß, dass ich das versprochen habe…

Michael Stipe: Du musst es schon wegen des Titels machen: The Mike Mills Experience Featuring Mike Mills. Das muss passieren!

Mike Mills: Vielleicht nächstes Jahr. Mal sehen.

Michael Stipe: No time like now! Ich kann Backgroundvocals beisteuern.

Michael, du bist schon etwas weiter.

Michael Stipe: Ja, ich habe vor einigen Wochen meine Solokarriere begonnen, mit der Single Your Capricious Soul. Ich arbeite auch an anderen Songs. Es ist aufregend. Ich liebe meine Singstimme, meine Sprechstimme nicht so, aber die Singstimme. Material zu finden, das dazu passt, macht mich sehr glücklich. Einiges habe ich zusammen mit Andy LeMaster geschrieben, einem genialen Musiker, Singer/Songwriter und Produzenten aus Athens,Georgia. Wir sind schon einige Male gemeinsam als The Watchcaps aufgetreten – eine Band, zu der auch Jessie Smith, die Tochter von Patti, gehört –, bei Benefizveranstaltungen oder als Vorgruppe für Patti Smith. The Watchcaps haben einige der schwierigsten Coversongs aller Zeiten gespielt, und kürzlich auch einige meiner neuen Songs.

Wann können wir denn mit dem Soloalbum rechnen, nächstes Jahr?

Michael Stipe: Ich würde nicht darauf warten. Ich würde mir Zeit erlauben. Ich komponiere zum ersten Mal in meinem Leben Musik – das ist schwerer, als ich dachte. Danke, Mike, dass Ihr es all die Jahre so leicht aussehen lassen habt! Aber es macht mir Spaß, auch wenn es nicht meine Stärke ist. Ich puzzle gern im Studio rum und probiere alles Mögliche aus, meine ganz eigene Kunst. Ich weiß, dass ich mich niemals mit R.E.M. messen kann, das versuche ich nicht mal.

Der historische Verriss: Automatic For The People von R.E.M.

Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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Popkultur

„Give peace a chance“: Die stärksten Lieder gegen den Vietnamkrieg

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Vietnamkrieg
Foto: PhotoQuest/Getty Images

Vor genau 50 Jahren wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das langsame Ende des Vietnamkriegs einläuten sollte. Diese zehn Songs werden auf ewig an das sinnlose Gemetzel im Indopazifik erinnern.

von Björn Springorum

Bis März 1973 waren fast alle US-amerikanischen Truppen aus Vietnam abgezogen. Dennoch dauerte es noch bis 1975, bis auch die letzten Amerikaner das versehrte Land verlassen und ein grausamer, sinnloser, bestialischer Krieg langsam zu Ende geht. Die zehn Jahre davor waren in den USA beherrscht von immer lauteren und massiveren Protesten und Kundgebungen gegen den Krieg – der Aufstieg der Gegenkultur und ihrer unsterblichen Songs. Diese Lieder werden uns für immer an den Vietnamkrieg denken lassen. Und uns in Zukunft hoffentlich bessere Entscheidungen treffen lassen.

1. Barry McGuire – Eve Of Destruction (1965)

„The Eastern world, it is explodin’ – Violence flarin’, bullets loadin’ – You’re old enough to kill but not for votin’“ singt Barry McGuire 1965 im aufgewühlten Eve Of Destruction. Er findet klare Worte, was ihm prompt einen Bann vieler Radiosender einbringt. Der Erfolg des Songs kann davon nicht aufgehalten werden: Im September 1965 ist Eve Of Destruction an der Spitze der US-Charts angekommen.

2. Phil Ochs – I Ain’t Marching Anymore (1965)

Auch der texanische Protestsänger Phil Ochs versteckt sich nicht hinter Metaphern: In I Ain’t Marching Anymore (1965) rechnet er mit der blutigen Geschichte der Vereinigten Staaten ab und singt mit ernster Stimme: „It’s always the old to lead us to the wars – Always the young to fall – Now look at all we’ve won with the saber and the gun – Tell me, is it worth it all?“ Das kriegt Bob Dylan auch nicht besser hin.

3. Tom Paxton – Lyndon Johnson Told The Nation (1965)

Eine politische Folk-Moritat reiht sich ebenfalls 1965 von Tom Paxton ins Antikriegsgeschehen ein: Zu melancholischen Klängen erinnert er daran, dass Präsident Lyndon B. Johnson stets beteuerte, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen – im besten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“-Style. „Lyndon Johnson told the nation – Have no fear of escalation – I am trying everyone to please – Though it isn’t really war – We’re sending fifty thousand more – To help save Vietnam from the Vietnamese“ singt er voller verzweifeltem Zynismus. Da muss man schon mal schlucken.

4. Joan Baez – Saigon Bride (1967)

1967 vertont Joan Baez ein Gedicht von Nina Duschek und macht mit fragiler Trauer auf die Sinnlosigkeit des Krieges aufmerksam: „How many dead men will it take – To build a dike that will not break? How many children must we kill – Before we make the waves stand still?“

5. Country Joe & The Fish – Feel Like I’m Fixin’ To Die (1967)

Einen ganz anderen Ansatz wählen Country Joe & the Fish in ihrem ikonischen Woodstock-Evergreen Feel Like I’m Fixin’ To Die. Beschwingte Hillbilly-Stimmung statt elegischer Wandergitarre, dazu ein aberwitziger, bizarrer, trotziger Text zum Mitträllern, der die Rekrutierungsmethoden der US-Armee aufs Korn nimmt: „And its 1, 2,3 what are we fighting for? Don’t ask me I don’t give a damn – The next stop is Vietnam – And it’s 5, 6, 7 open up the pearly gates – Well there ain’t no time to wonder why – WHOOPEE we’re all gonna die.“ Vielleicht der größte aller Anti-Vietnam-Songs.

6. Richie Havens – Handsome Johnny (1967)

Noch ein unvergessener Woodstock-Moment: Handsome Johnny von Richie Havens wird zu einem Meilenstein der Gegenkultur, zum Soundtrack eines Landes, das den Krieg immer weniger unterstützen kann.

7. Creedence Clearwater Revival – Fortunate Son (1969)

Fortunate Son ist nicht nur einer der besten Rock-Songs aller Zeiten. Sondern auch einer der wichtigsten: Geschrieben nach der Hochzeit von David Eisenhower und Julie Nixon handelt der Song von denen, die nicht in den Krieg müssen, weil sie mit einem Silberlöffel in der Hand geboren werden und dem Einzug durch Macht, Geld und Einfluss entgehen dürfen. Ein großer Moment.

8. John Lennon – Give Peace A Chance (1969)

Die überwältigende Anzahl der Protestsongs aus der Zeit des Vietnamkriegs kommt natürlich aus den USA. Mit Give Peace A Chance steuert aber auch John Lennon ein wichtiges Kapitel zum Antikriegskanon dieser Zeit bei. Aufgenommen in einem Take in Montreal, fünf Monate später von einer halben Million Kehlen bei einem Protestmarsch gesungen. Lennon hat auch als Engländer den richtigen Ton getroffen.

9. Edwin Starr – War (1970)

Edwin Starr bringt es 1970 mit Funk, Disco und Bläsern auf den Punk: „War, huh yeah – What is it good for? Absolutely nothing, oh hoh, oh.” Mehr muss man wirklich nicht dazu sagen. Außer vielleicht: ursprünglich wird der Song für The Temptations geschrieben, die ihn dann aber lieber doch nicht anfassen, um keine Fans zu verärgern. Glück für Edwin Starr: Die Nummer wird zu einer der erfolgreichsten des Jahres.

10. Jimmy Cliff – Vietnam (1969)

Auch die Reggae-Welt rechnet mit dem Krieg ab. 1969 veröffentlicht Jimmy Cliff das schlicht Vietnam betitelte Stück, nach Ansicht Bob Dylans „der beste Protestsong, der jemals geschrieben wurde“. Cliff erzählt in der ersten Strophe von einem Soldaten, der einen Brief nach Hause schickt – und in der zweiten von einem Telegramm, das den Tod des Soldaten übermittelt.

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Protest in zwei Minuten: Die erste The-Clash-Single „White Riot“

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Zeitsprung: Am 26.1.1973 veröffentlichen Deep Purple „Who Do We Think We Are“ – mit Folgen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 26.1.1973.

von Christof Leim

Who Do We Think We Are von Deep Purple wird am 26. Januar 1973 veröffentlicht. Zwar verkauft sich die Scheibe gut und liefert mit Woman From Tokyo sogar einen Hit, aber einfach kam das Album nicht zustande. Das verwundert kaum angesichts des Arbeitspensums der Band. Dass damals zudem zwei der fünf Musiker nicht miteinander reden, hilft natürlich auch nicht. Schlussendlich zerbricht das legendäre Mark-II-Line-up kurz nach der Veröffentlichung.

Hört euch das Album hier und lest die ganze Geschichte:

Vielleicht war einfach die Luft raus. Als Deep Purple im Sommer 1972 ihr siebtes Album angehen, haben sie gerade 18 Monate Tour hinter sich. „Irgendwann bekam jeder von uns ernsthafte gesundheitliche Probleme“, erinnert sich Ian Gillan. Eine Pause gibt es trotzdem nicht, und die Schuld dafür sucht der Sänger – wie so oft in der Rockgeschichte – beim Management: „Wenn das vernünftige Leute gewesen wären, hätten sie uns für drei Monate in den Urlaub geschickt. Stattdessen haben sie uns gedrängt, die Platte im Zeitplan abzuliefern.“

Immer weiter

Also verschanzen sich Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice im Studio, zunächst in Rom, später in Walldorf bei Frankfurt. Aufgenommen wird mit dem Rolling Stones Mobile, das die Band schon im unsterblichen Smoke On The Water besungen hatte. Als Toningenieur agiert Martin Birch, der später mit Rainbow, Black Sabbath und Iron Maiden zu weiterem Weltruhm gelangen sollte.

Das legendäre Mark-II-Line-up von Deep Purple: Blackmore, Gillan, Glover, Lord, Paice.

Die Stimmung innerhalb der Truppe befindet sich schon vor den Aufnahmen an einem Tiefpunkt, wie Bassist Glover in einer Dokumentation der BBC beschreibt: „Ich glaube nicht, dass Ritchie und Ian in dem letzten Jahr dieser Besetzung ein Wort miteinander gesprochen haben. Sie wurden zu zwei entgegengesetzten Polen, die sich immer weiter angestachelt und voneinander entfernt haben.“ Deshalb spielen die Musiker ihre Parts sogar getrennt ein; die legendäre musikalische Interaktion von Deep-Purple-Konzerten kommt so natürlich nicht zustande. Blackmore wünscht sich außerdem, dass die Band ihre Blues-Wurzeln wiederentdeckt, angeblich deshalb, weil ihm die letzten Platten zu „poppig“ erscheinen. Das allerdings klingt angesichts der Rockmacht von Machine Head (1972) und Made In Japan (1973) doch sonderbar. Man könnte sogar anführen, dass Who Do We Think We Are „poppiger“ und gefälliger klingt.

Ladehemmung

Der einzige Track aus den Rom-Sessions im Sommer, der es auf das Album schafft, heißt Woman From Tokyo. Hier singt Gillian über die Erfahrungen der ersten Japan-Tour. Den Rest kann die Band erst nach einer erneuten Konzertreise durch Fernost aufnehmen. Dabei kommt die Kreativität nur langsam ins Rollen, schlussendlich enthält die Platte nicht mehr als sieben Songs. Einer davon, Mary Long, handelt von zwei bekannten britischen Persönlichkeiten: der erzkonservativen Aktivistin Mary Whitehouse und dem Sozialreformer Lord Longford. „Die beiden waren ständig mit erhobenem Zeigefinger unterwegs“, erläutert der Sänger später. „Es ging um die Standards der älteren Generation und die gängige Moral. Ich habe die beiden zu einer Person verschmolzen, um die Heuchelei der Zeit darzustellen“. Mit Place In Line findet sich sogar ein echtes Blues-Stück auf der Platte, ansonsten regiert der bekannte Stil des Mark-II-Lineups mit kompetenten Songs und souveränen Wechselspielen zwischen Orgel und Gitarre. Langlebige Hits produziert die Scheibe mit Ausnahme von Woman In Tokyo jedoch nicht.

Who Do We Think We Are erscheint am 26. Januar 1973. Als Titelinspiration dient negative Fanpost, die laut Drummer Ian Paice gerne mit der Frage beginnt: „Wer glauben Deep Purple eigentlich wer sie sind?“ Trotz aller Probleme erweist sich das Werk als Kassenschlager mit einer halben Millionen verkaufter Exemplare in den ersten drei Monaten, was sicher auch an den äußerst erfolgreichen Vorgängern liegt. Das reicht für Platz 15 in den US-Charts, Platz vier in Großbritannien und Platz drei in Deutschland. In den USA bringt im ganzen Jahr 1973 niemand mehr Alben unter die Leute als Deep Purple.

Doch es hilft alles nichts: Die anhaltenden Zwistigkeiten führen dazu, dass dieses Line-up schon am 29. Juni 1973 in Osaka sein letztes Konzert spielt. In einem Brief an die Kollegen verkündet Ian Gillan seinen Ausstieg, Roger Glover geht gleich mit. Erst 1984 kommt die Mark-II-Besetzung wieder für Perfect Strangers zusammen. Die Band engagiert nach Who Do We Think You Are den Trapeze-Bassisten Glenn Hughes und einen gänzlich unbekannten Sänger namens David Coverdale. Schon im Folgejahr erscheinen die Alben Burn und Stormbringer. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Zeitsprung: Am 25.1.1975 gibt es Ärger zwischen Deep Purple und AC/DC.

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