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Popkultur

Rock hinter schwedischen Gardinen: Diese Musiker haben schon im Knast gespielt!

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Foto: Richard McCaffrey/ Michael Ochs Archive/ Getty Images

Johnny Cashs Gefängnisaufnahmen kennen wir alle. Der Man In Black ist aber nur einer von zahlreichen unerschrockenen Künstler*innen, die schon im Knast gespielt haben. Eine Reise hinter Gitter.

von Björn Springorum

Jedes Konzert ist einzigartig

Im Grunde ist natürlich jedes Konzert etwas Besonderes. Eine einzigartige Momentaufnahme, die man in dieser Form nie wieder reproduzieren kann, ein fliehender Moment. Dennoch sind manche Konzerte besonderer als andere. Eine außergewöhnliche Halle kann das ebenso sein wie ein denkwürdiger Anlass, ein Abschied oder ein Geburtstag. Manchmal machen aber auch die Umstände ein Konzert zu etwas Einzigartigem. Auftritte hinter Schloss und Riegel gehören zweifelsfrei ganz vorn in diese Liste.

Musiker*innen, die vor verurteilten Kriminellen oder Schwerverbrecher*innen spielen, das klingt zunächst mal nur bedingt wünschenswert und wahrscheinlich noch weniger empfehlenswert. Dennoch sind Auftritte hinter schwedischen Gardinen gar nicht so selten, wie man zunächst mal vermuten könnte. Und für die aus welchen Gründen auch immer inhaftierten und ihrer Freiheit beraubten Menschen natürlich einer der ganz wenigen Hoffnungsschimmer in einem zermürbenden Strafvollzug. Eine Reise zu den musikalischen Knastbrüdern des 20. Jahrhunderts.

Johnny Cash

Das berühmteste Gefängniskonzert aller Zeiten wollen wir hier gleich mal zuerst nennen: At Folsom Prison von Johnny Cash ist vielleicht nicht der erste, aber durchaus so etwas wie der Inbegriff aller Knastauftritte. Inspiriert vom Film Inside the Walls of Folsom Prison, den Cash 1953 bei der Air Force zu sehen bekam, schrieb er erst den Song Folsom Prison Blues – und gab auf das inständige Flehen vieler Folsom-Insassen am 13. Januar 1968 gleich zwei Konzerte in dem kalifornischen Gefängnis. Es waren nicht die ersten Auftritte, die Cash hinter Gittern absolviert hatte: Seit 1957 trat er regelmäßig in Gefängnissen auf und identifizierte sich zunehmend mit den Insassen. Ein gutes Jahr später trat er dann mal wieder in San Quentin auf und veröffentliche im Sommer 1969 At San Quentin. Noch zwei weitere Live-Alben aus Gefängnissen sollten folgen. Wie es sich angefühlt haben muss, verurteilten Mördern die Zeile But I shot a man in Reno, just to watch him die vorzusingen, kann man sich kaum ausmalen.

B.B. King

Oft waren es die Outsider, die tragischen Figuren am Rande der Gesellschaft, die sich mit ihrer Musik hinter die dicken Gefängnismauern wagten. Sie, so könnte man mutmaßen, verstanden die Sorgen und die Frustration der Insassen vielleicht besser als die verwöhnten Glückskindern aus ordentlichen Verhältnissen. Am 10. September 1970 führte es dann also auch B.B. King ins Kittchen. Er und seine Gitarre Lucille spielten 2000 überwiegend schwarze Insassen eines Chicagoer Gefängnisses regelrecht in einen Rausch und heizten die fiebrige Stimmung so auf, dass niemand ganz genau wissen konnte, was passieren würde. Ein Glücksfall nur, dass man Aufnahmegerät mitgebracht hatte: Live In Cook County Jail ist eine der besten Blues-Platten aller Zeiten!

The Cramps

Wenn Punk jemals für etwas stand, dann für offene Kritik an der Gesellschaft und Ablehnung konservativer Werte. Es kann also durchaus als riskant bezeichnet werden, wenn man einen wilden Haufen wie The Cramps einlädt, in einer psychiatrischen Klinik aufzutreten. Am 13. Juni 1978 trat aber genau diese Fall ein: The Cramps, begleitet von The Mutants und ein paar anderen Punks, bestiegen einen Bus und fuhren in die Napa State Mental Institution in Kalifornien. Irgendwann wandte sich Sänger Erick Purkhiser ans Publikum. „Wir sind die Cramps und wir fuhren 3.000 Meilen von New York City, um für euch zu spielen“, teilte er mit. „Irgendjemand hat mir gesagt, ihr Leute seid verrückt, aber ich bin mir da nicht so sicher. Für mich wirkt ihr echt normal.“ Punks eben.

Sex Pistols

Bleiben wir noch kurz beim Punk und den Vorzeige-Bösewichten dieser Musik: Natürlich ließen es sich auch die Sex Pistols nicht nehmen, im Knast aufzutreten. Am 17. September 1976 suchten sie das Hochsicherheitsgefängnis in Chelmsford nördlich von London heim – noch vor ihrem ebenso legendären wie infamem Fernsehinterview im Dezember 1976 oder der Single God Save The Queen. Der Auftritt verlief ohne besondere Vorkommnisse, was Steve Goodman, den Soundmann der Band, für die LP-Veröffentlichung 1990 dazu brachte, einfach nachträglich die Geräuschkulisse eines Gefängnisaufstands einzubauen. Sex Pistols eben – immer irgendwo zwischen Realität und Fiktion.

Frank Sinatra

Wie sein Kollege Johnny Cash, trat auch Frank Sinatra in seiner Karriere in zahlreichen Gefängnissen auf. Mehr noch: Er brachte den Inhaftierten seine komplette Vegas-Show ins Haus, um ihnen ein bestmögliches Konzertereignis zu bieten. Mit dem Count Basie Orchestra verzückte Sinatra auch die Insassen in San Quentin und hatte sogar lange vor Cash die Idee, dort ein Live-Album aufzunehmen. Zu dieser Veröffentlichung kam es nie; ein Ausschnitt wie dieser hier mit einem vollkommen entspannten Sinatra und sichtlich ergriffenen Zuschauern zeigt aber eindringlich, wie wichtig diese Konzerte für die Häftlinge waren.

Bob Dylan

Als Bob Dylan Mitte der Siebziger mit seiner legendären Rolling Thunder Revue durch den Nordosten der USA tourte, hatte er den großen Stadien zugunsten etwas kleinerer Hallen abgeschworen. In diese Zeit fällt auch sein Einsatz für Rubin Carter, den zu Unrecht verurteilten Boxer, dem er die unsterbliche Nummer Hurricane gewidmet hatte. Um auf den Fall Carter aufmerksam zu machen, spielte Dylan ein Tributkonzert in dessen Gefängnis in New Jersey. Während des Auftritts holte Joan Baez, die die Tour begleitete, eine Insassen auf die Bühne und tanzte mit ihm. „Vielen Dank, dass man es uns so leicht gemacht hat, hier reinzukommen“, sagte sie dann. „Ich wünschte nur, man würde es euch leichter machen, rauszukommen.“ Wirklich gut wurde das ganze Spektakel allerdings nicht aufgenommen, würde die reisende Revue später dazu sagen. Ist eben was anderes, ob man vor einem weißen Mittelschichtpublikum spielt – oder vor einem überwiegend aus Schwarzen bestehenden Gefängnispublikum.

Carlos Santana

Am 10. Dezember 1988 wurde San Quentin wieder einmal der Schauplatz eines besonderen Konzerts. Nach Cash und Sinatra war es nun an Carlos Santana, die Häftlinge zu bespaßen. Ist natürlich alles schön und ehrbar, doch so langsam bekam man dann schon dein Eindruck, dass sich Künstler*innen Auftrittsorte wie diese bewusst aussuchten, weil sie mittlerweile sehr wohl wussten, wie viel Resonanz es darauf geben würde. Den Insassen dürfte es herzlich egal und wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk erschienen sein.

Zeitsprung: Am 13.1.1968 nimmt Johnny Cash sein legendäres Livealbum “At Folsom Prison” auf

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