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Popkultur

Rudeboys, Rastas, Raggamuffins – in fünf Minuten durch die Geschichte des Reggae

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Jamaika! Kein Musik-Fan kommt an dieser karibischen Insel vorbei, die weniger Einwohner hat als Berlin. Den Einfluss jamaikanischer Musiker und Produzenten hört man heute überall. Der Hip Hop verdankt den Sound-Systems und seinen Deejays viel, ebenso die elektronische Dancefloor-Musik, und kein Singer-Songwriter kann den Einfluss Bob Marleys ignorieren. Pünktlich zum Winter: die große Story des Sonnenschein-Sounds – von Ska über Reggae bis zum Dancehall.

 


Höre hier in frühe & wegweisende Reggae-Hymnen, während Du den Artikel liest:




 

Die Anfänge der jamaikanischen Popmusik liegen am Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welle jamaikanischer Gastarbeiter wirkte beim Bau des Panama-Kanals mit und geriet dort in einen musikalischen Schmelztiegel aus Tango, Calypso, Samba und der kubanischen Rumba, woraus sich ein eigener Stil namens Mento entwickelte. Seine Wurzeln sind die afrikanischen Nyabinghi-Trommelrhythmen, die mit der Sklaverei auf die Insel gelangten.

Spürbar entwickelte sich der jamaikanische Sound dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in den 1950ern, in den Armenvierteln von Kingston. Die ersten DJs waren Schnapsverkäufer. Sie spielten Musik vor ihren Läden, um Kunden anzulocken, packten bald darauf einen Stromgenerator, Plattenspieler und riesige Lautsprecher in ihre Lastwagen, fuhren auf irgendeinen günstig gelegenen Platz, und die Party konnte beginnen.

 

Wake the town and tell the poeple – Die Ära der Soundsystems

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Zur Mitte der 1950er gibt es zwei führende dieser Sound-Systems: das von Clement “Coxsone” Dodd, und das von Duke Reid. Coxsone trägt den Beinamen Downbeat Ruler. Duke Reid kennt man als den Trojaner. Auf die Seiten seines 7-Tonners, in dem der ehemalige Polizist sein Equipment transportiert, hat er den heute berühmten Trojanerkopf seines späteren Labels gemalt. Ihre Anhänger gleichen heutigen Fußballfans. Die Sound-Systems treten direkt gegeneinander an. Wer hat die stärkere Anlage? Das Wettrüsten bringt speziell angefertigte, Wandschrank-große Lautsprecher hervor. Noch wichtiger: Wer hat die bessere Musik, die aktuelleren Singles? Zu Beginn triumphiert der mit den neusten Platten aus den USA. Das Beschaffen solcher Platten wird zu aufwändig, also hilft man sich selbst. Dodd und Reid gründen eigene Plattenfirmen: Studio-1 und Trojan. Neben diesen beiden wird das Island-Label des weißen Jamaikaners Chris Blackwell zum Paten der jamaikanischen Popmusik. 1958 nimmt der 21-Jährige 1000 Pfund in die Hand, um fortan “Platten zu machen, die in der Zeit bestehen können”.

Zuerst klingen diese Singles dem US-amerikanischen R&B sehr ähnlich, driften dann immer mehr davon ab. Dodd und Reid besinnen sich auf ein Element traditioneller jamaikanischer Mento-Musik: den Off-Beat-Schlag von Gitarre und Snare-Drum auf der 2 und 4. Das erste typisch jamaikanische Pop-Genre tauft man Ska. Es kommt 1962 im Zuge der Unabhängigkeit Jamaikas von der britischen Krone auf, untermalt den neuen Nationalstolz auf der Insel.

Die Unabhängigkeit bringt nicht den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung, im Gegenteil: die soziale Schere geht auf Jamaika noch weiter auseinander. Slums wie Trenchtown breiten sich um Kingston herum immer weiter aus. Zu Beginn der 1960er ist ein Drittel der erwachsenen jamaikanischen Bevölkerung arbeitslos, und 70% der Bevölkerung unter 21. Auch im Machtkampf zwischen den Sound-Systems werden die Bandagen härter. Ab Mitte der Dekade stellen manche Betreiber jugendliche Rabaukengangs in ihre Dienste: die notorischen Rude Boys, damit sie die Tanzveranstaltung eines Mitbewerbers aufmischen. In scharfen Anzügen, mit Sonnenbrillen und Porkpie-Hüten, beziehen sich diese 14- bis 24-Jährigen auf damalige US-Gangsterfilme und Westerns. Songs wie “Don´t Be A Rudeboy” von The Ruler und “Simmer Down” von den Wailers wollen sie in die Schranken weisen.


Der Sommer 1966 markiert das Ende von Ska auf Jamaika. Zeitzeugen behaupten, er wäre selbst für Jamaika unglaublich heiß gewesen, so dass keiner mehr die schnellen Tanzschritte des Ska ausführen konnte. Sein Nachfolger heißt Rocksteady. Vom Tempo langsamer als Ska, wird hier der Bass zum virtuosen Hauptinstrument der Musik, was sich später im Reggae fortsetzen wird.

Über jamaikanische Emigranten finden Ska und Rocksteady in England ein ganz eigenes Publikum: die Mods und die Skinheads. Den Namen bekommen letztere durch ihre auf 2-3 Millimeter rasierte Kopfbehaarung. Getragen werden karierte Button-Down-Hemden zu Hosenträgern, gerade geschnittene Jeans, oft hochgekrempelt, und die säurefesten Gesundheitsschuhe von Doc Martens. Der unbekümmerte jamaikanische Sound, insbesondere des Trojan-Labels, passt perfekt ins Weltbild der Skinheads, die weder etwas mit der psychedelischen Hippiebewegung anfangen konnten, noch mit der Studentenbewegung der späten 60er und erst Recht nichts mit dem Bubblegum-Pop jener Ära.

1969 kommt der kommerzielle Durchbruch mit Tony Tribes Version des Neil Diamond-Songs “Red Red Wine”, gefolgt von Desmond Dekkers “The Israelites”, der Platz 1 in England erobert und auch in Deutschland zum Sommerhit wird. Im Herbst des Jahres zieht Jimmy Cliff mit “Wonderful World, Beautiful People” nach. Neue Talente streben nach oben, darunter Dennis Brown und der Lovers-Rocker Gregory Isaacs, ebenso der Toaster (Sprechsänger) U-Roy und nicht zuletzt ein Trio namens The Wailers, aus dem später Bob Marley & The Wailers hervorgehen.

Parallel hierzu entsteht Ende der 1960er in Jamaika ein ganz eigenes Sub-Genre namens Dub, als ein Produzent beim Pressen eines Muster-Vinyls (genannt Dubplate) die Gesangsspur des Songs vergaß. Schnell entwickelt sich hieraus eine eigene Form. Schwere Bässe, Echos und Sound-Effekte werden zur Plattform für neue Versionen alter Songs. Produzenten wie King Tubby, Lee “Scratch” Perry oder Lloyd “Prince Jammy” James entwickeln den Dub immer weiter. Die heutige DJ-, Dance- und Remix-Kultur fußt auf diesem Genre!

The harder they come – Popularisierung


The Harder They Come from Dustin Lynn on Vimeo.

Den Weg zum internationalen Durchbruch des Reggaes ebnet 1972 der Kinofilm “The Harder They Come”: ein wütendes Gangster-Epos, eine raue Robin Hood-Saga, Jamaikas Antwort auf US-amerikanische Blaxpolitation-Filme wie “Shaft” oder “Superfly”. Produzent des Films ist der Island-Labelchef Chris Blackwell. Eine essentielle Band auf dem Soundtrack sind die Maytals. Das ehemalige Ska-Trio liefert hier einen paradigmatischen jamaikanischen Song ab: “Pressure Drop”, gecovert von The Clash und Robert Palmer. Die Hauptrolle in “The Harder They Come” spielt der Sänger Jimmy Cliff. Über den Film hinaus hat Blackwell die Vision, aus ihm einen sexy Rebellentypen für den Rockmarkt zu machen. Der Film wird zum popkulturellen Meilenstein, irgendwo zwischen “The Wild One” und “City Of God”, doch Cliff nimmt den Hut. Blackwell findet den rebellischen Protagonisten seiner Träume, als kurz darauf Bob Marley in seinem Büro erscheint. Gemeinsam stellen sie die Weiche für den weltweiten Siegeszug des Roots-Reggaes.

Bob Marley Live

Bob Marley Live

Jetzt hier lesen: Bob Marley – Botschafter des Reggae und friedlicher Revolutionär

Brüder, zur Sonne, zum Reggae! Die Roots-Bewegung spiegelt in den 1970ern den Zeitgeist. Burning Spear, Black Uhuru, Third World und viele andere begeistern in der Alternativ- und in der Punk-Szene. Über allen thront der Reggae-Messias Bob Marley. Immer noch ist er der einzige globale Superstar aus der Dritten Welt und quasi im Alleingang hat er die Reggae-Kultur Jamaikas bis in den letzten Winkel unseres Planeten gebracht. Marleys Musikerkarriere begann 1963 in der Ska-Band The Teenagers, aus der The Wailers hervorgingen. 1973 wird er mit seinem “Catch A Fire”-Album zum Botschafter der Rasta-Kultur. Zu Hause vereint er die Menschen auf der von bürgerkriegsähnlichen Zuständen zerrütteten Insel. Nur John Lennon wurde bei seinem Tod ebenso betrauert. Das New Yorker Time-Magazine brachte Bob Marley 1981, als er mit nur 36 Jahren starb, auf dem Titel und erklärte Marleys “Exodus”-Album zum “größten Album des 20. Jahrhunderts”. Mit “Legend” erschien 1984 posthum das meisterverkaufte Reggae-Album aller Zeiten. 2012 hat der Dokumentarfilm “Marley” des britischen Oscar-Preisträgers Kevin MacDonald Schlagzeilen gemacht. Das gleichnamige Soundtrack-Album zog international in die Top-20 der Reggaecharts ein.

Der Tod Bob Marleys tritt zum Beginn der 1980er einen Erdrutsch in der Reggae-Kultur los. Der Roots-Reggae verschwindet, ein neues Genre namens Dancehall taucht auf und überrollt Jamaika flächendeckend. Wichtigste Produzenten des Genres werden Henry “Junjo” Lawes, dessen Platten für den Albino-Sänger Yellowman, Eek-A-Mouse und Barrington Levy den Dancehall definieren, und Lloyd “King Jammy” James, ehemals “Prince Jammy”, oben erwähnter Dub-Spezialist. Mit digital produzierten Beats und Texten über Sex und Gewalt steht dieser Sound in totalem Gegensatz zu den Rastaman Vibrations der Roots-Ära und wird zum jamaikanischen Pendant des US-amerikanischen Gangsta-Raps. Ins Bild passt, dass Lawes später bei einem Attentat in London stirbt.

Zeitgleich feiert der frühe Reggae, insbesondere des Trojan-Labels, ein Revival mit der Wiedergeburt der Mods in England und wird danach zur festen Konstante im Pop: The Specials, Fishbone, Maldita Vecindad, No Doubt…zig Bands haben diesen Stil wiederbelebt.

In den frühen 1990ern wird der Dancehall-Sound immer skandalöser, gipfelnd im homophoben Track “Boom Bye Bye” des Kingstoner Deejays und Sängers Buju Banton – neben Shabba Ranks der Top-Raggamuffin auf der Insel – der die junge jamaikanische Szene in Verruf bringt. Mit seinem 1995 beim Island-Label erschienen Album “Til Shiloh” zeigt Banton sich geläutert. Im Rückenwind gibt es eine ganze Welle von Dancehall-Stars, die zur Rasta-Religion konvertieren, darunter Sizzla und Capleton, während der Dancehall-Rapper Sean Paul in Richtung Hip Hop und R&B ausschwärmt.


Im 21. Jahrhundert hat sich der Kreis zum Roots-Reggae mit verschiedenen großartigen Alben von zwei Söhnen Bob Marleys weiter geschlossen: Damian Marley mit “Welcome to Jamrock” (2005) und Stephen Marley, der 2012 einen Grammy für “Revelation Part 1: The Root of Life” gewann.

Jamaika, mitten in einem Ozean aus Musik, strahlt weiter in die Popwelt. Hier gibt es für jeden Musikfan zwischen Ska, Reggae, Punk, Jazz, R&B und Hip Hop viel zu entdecken!

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