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Popkultur

Rudeboys, Rastas, Raggamuffins – in fünf Minuten durch die Geschichte des Reggae

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Jamaika! Kein Musik-Fan kommt an dieser karibischen Insel vorbei, die weniger Einwohner hat als Berlin. Den Einfluss jamaikanischer Musiker und Produzenten hört man heute überall. Der Hip Hop verdankt den Sound-Systems und seinen Deejays viel, ebenso die elektronische Dancefloor-Musik, und kein Singer-Songwriter kann den Einfluss Bob Marleys ignorieren. Pünktlich zum Winter: die große Story des Sonnenschein-Sounds – von Ska über Reggae bis zum Dancehall.

 


Höre hier in frühe & wegweisende Reggae-Hymnen, während Du den Artikel liest:




 

Die Anfänge der jamaikanischen Popmusik liegen am Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Welle jamaikanischer Gastarbeiter wirkte beim Bau des Panama-Kanals mit und geriet dort in einen musikalischen Schmelztiegel aus Tango, Calypso, Samba und der kubanischen Rumba, woraus sich ein eigener Stil namens Mento entwickelte. Seine Wurzeln sind die afrikanischen Nyabinghi-Trommelrhythmen, die mit der Sklaverei auf die Insel gelangten.

Spürbar entwickelte sich der jamaikanische Sound dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in den 1950ern, in den Armenvierteln von Kingston. Die ersten DJs waren Schnapsverkäufer. Sie spielten Musik vor ihren Läden, um Kunden anzulocken, packten bald darauf einen Stromgenerator, Plattenspieler und riesige Lautsprecher in ihre Lastwagen, fuhren auf irgendeinen günstig gelegenen Platz, und die Party konnte beginnen.

 

Wake the town and tell the poeple – Die Ära der Soundsystems

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Zur Mitte der 1950er gibt es zwei führende dieser Sound-Systems: das von Clement “Coxsone” Dodd, und das von Duke Reid. Coxsone trägt den Beinamen Downbeat Ruler. Duke Reid kennt man als den Trojaner. Auf die Seiten seines 7-Tonners, in dem der ehemalige Polizist sein Equipment transportiert, hat er den heute berühmten Trojanerkopf seines späteren Labels gemalt. Ihre Anhänger gleichen heutigen Fußballfans. Die Sound-Systems treten direkt gegeneinander an. Wer hat die stärkere Anlage? Das Wettrüsten bringt speziell angefertigte, Wandschrank-große Lautsprecher hervor. Noch wichtiger: Wer hat die bessere Musik, die aktuelleren Singles? Zu Beginn triumphiert der mit den neusten Platten aus den USA. Das Beschaffen solcher Platten wird zu aufwändig, also hilft man sich selbst. Dodd und Reid gründen eigene Plattenfirmen: Studio-1 und Trojan. Neben diesen beiden wird das Island-Label des weißen Jamaikaners Chris Blackwell zum Paten der jamaikanischen Popmusik. 1958 nimmt der 21-Jährige 1000 Pfund in die Hand, um fortan “Platten zu machen, die in der Zeit bestehen können”.

Zuerst klingen diese Singles dem US-amerikanischen R&B sehr ähnlich, driften dann immer mehr davon ab. Dodd und Reid besinnen sich auf ein Element traditioneller jamaikanischer Mento-Musik: den Off-Beat-Schlag von Gitarre und Snare-Drum auf der 2 und 4. Das erste typisch jamaikanische Pop-Genre tauft man Ska. Es kommt 1962 im Zuge der Unabhängigkeit Jamaikas von der britischen Krone auf, untermalt den neuen Nationalstolz auf der Insel.

Die Unabhängigkeit bringt nicht den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung, im Gegenteil: die soziale Schere geht auf Jamaika noch weiter auseinander. Slums wie Trenchtown breiten sich um Kingston herum immer weiter aus. Zu Beginn der 1960er ist ein Drittel der erwachsenen jamaikanischen Bevölkerung arbeitslos, und 70% der Bevölkerung unter 21. Auch im Machtkampf zwischen den Sound-Systems werden die Bandagen härter. Ab Mitte der Dekade stellen manche Betreiber jugendliche Rabaukengangs in ihre Dienste: die notorischen Rude Boys, damit sie die Tanzveranstaltung eines Mitbewerbers aufmischen. In scharfen Anzügen, mit Sonnenbrillen und Porkpie-Hüten, beziehen sich diese 14- bis 24-Jährigen auf damalige US-Gangsterfilme und Westerns. Songs wie “Don´t Be A Rudeboy” von The Ruler und “Simmer Down” von den Wailers wollen sie in die Schranken weisen.


Der Sommer 1966 markiert das Ende von Ska auf Jamaika. Zeitzeugen behaupten, er wäre selbst für Jamaika unglaublich heiß gewesen, so dass keiner mehr die schnellen Tanzschritte des Ska ausführen konnte. Sein Nachfolger heißt Rocksteady. Vom Tempo langsamer als Ska, wird hier der Bass zum virtuosen Hauptinstrument der Musik, was sich später im Reggae fortsetzen wird.

Über jamaikanische Emigranten finden Ska und Rocksteady in England ein ganz eigenes Publikum: die Mods und die Skinheads. Den Namen bekommen letztere durch ihre auf 2-3 Millimeter rasierte Kopfbehaarung. Getragen werden karierte Button-Down-Hemden zu Hosenträgern, gerade geschnittene Jeans, oft hochgekrempelt, und die säurefesten Gesundheitsschuhe von Doc Martens. Der unbekümmerte jamaikanische Sound, insbesondere des Trojan-Labels, passt perfekt ins Weltbild der Skinheads, die weder etwas mit der psychedelischen Hippiebewegung anfangen konnten, noch mit der Studentenbewegung der späten 60er und erst Recht nichts mit dem Bubblegum-Pop jener Ära.

1969 kommt der kommerzielle Durchbruch mit Tony Tribes Version des Neil Diamond-Songs “Red Red Wine”, gefolgt von Desmond Dekkers “The Israelites”, der Platz 1 in England erobert und auch in Deutschland zum Sommerhit wird. Im Herbst des Jahres zieht Jimmy Cliff mit “Wonderful World, Beautiful People” nach. Neue Talente streben nach oben, darunter Dennis Brown und der Lovers-Rocker Gregory Isaacs, ebenso der Toaster (Sprechsänger) U-Roy und nicht zuletzt ein Trio namens The Wailers, aus dem später Bob Marley & The Wailers hervorgehen.

Parallel hierzu entsteht Ende der 1960er in Jamaika ein ganz eigenes Sub-Genre namens Dub, als ein Produzent beim Pressen eines Muster-Vinyls (genannt Dubplate) die Gesangsspur des Songs vergaß. Schnell entwickelt sich hieraus eine eigene Form. Schwere Bässe, Echos und Sound-Effekte werden zur Plattform für neue Versionen alter Songs. Produzenten wie King Tubby, Lee “Scratch” Perry oder Lloyd “Prince Jammy” James entwickeln den Dub immer weiter. Die heutige DJ-, Dance- und Remix-Kultur fußt auf diesem Genre!

The harder they come – Popularisierung


The Harder They Come from Dustin Lynn on Vimeo.

Den Weg zum internationalen Durchbruch des Reggaes ebnet 1972 der Kinofilm “The Harder They Come”: ein wütendes Gangster-Epos, eine raue Robin Hood-Saga, Jamaikas Antwort auf US-amerikanische Blaxpolitation-Filme wie “Shaft” oder “Superfly”. Produzent des Films ist der Island-Labelchef Chris Blackwell. Eine essentielle Band auf dem Soundtrack sind die Maytals. Das ehemalige Ska-Trio liefert hier einen paradigmatischen jamaikanischen Song ab: “Pressure Drop”, gecovert von The Clash und Robert Palmer. Die Hauptrolle in “The Harder They Come” spielt der Sänger Jimmy Cliff. Über den Film hinaus hat Blackwell die Vision, aus ihm einen sexy Rebellentypen für den Rockmarkt zu machen. Der Film wird zum popkulturellen Meilenstein, irgendwo zwischen “The Wild One” und “City Of God”, doch Cliff nimmt den Hut. Blackwell findet den rebellischen Protagonisten seiner Träume, als kurz darauf Bob Marley in seinem Büro erscheint. Gemeinsam stellen sie die Weiche für den weltweiten Siegeszug des Roots-Reggaes.
Bob Marley Live

Bob Marley Live

Jetzt hier lesen: Bob Marley – Botschafter des Reggae und friedlicher Revolutionär

Brüder, zur Sonne, zum Reggae! Die Roots-Bewegung spiegelt in den 1970ern den Zeitgeist. Burning Spear, Black Uhuru, Third World und viele andere begeistern in der Alternativ- und in der Punk-Szene. Über allen thront der Reggae-Messias Bob Marley. Immer noch ist er der einzige globale Superstar aus der Dritten Welt und quasi im Alleingang hat er die Reggae-Kultur Jamaikas bis in den letzten Winkel unseres Planeten gebracht. Marleys Musikerkarriere begann 1963 in der Ska-Band The Teenagers, aus der The Wailers hervorgingen. 1973 wird er mit seinem “Catch A Fire”-Album zum Botschafter der Rasta-Kultur. Zu Hause vereint er die Menschen auf der von bürgerkriegsähnlichen Zuständen zerrütteten Insel. Nur John Lennon wurde bei seinem Tod ebenso betrauert. Das New Yorker Time-Magazine brachte Bob Marley 1981, als er mit nur 36 Jahren starb, auf dem Titel und erklärte Marleys “Exodus”-Album zum “größten Album des 20. Jahrhunderts”. Mit “Legend” erschien 1984 posthum das meisterverkaufte Reggae-Album aller Zeiten. 2012 hat der Dokumentarfilm “Marley” des britischen Oscar-Preisträgers Kevin MacDonald Schlagzeilen gemacht. Das gleichnamige Soundtrack-Album zog international in die Top-20 der Reggaecharts ein.

Der Tod Bob Marleys tritt zum Beginn der 1980er einen Erdrutsch in der Reggae-Kultur los. Der Roots-Reggae verschwindet, ein neues Genre namens Dancehall taucht auf und überrollt Jamaika flächendeckend. Wichtigste Produzenten des Genres werden Henry “Junjo” Lawes, dessen Platten für den Albino-Sänger Yellowman, Eek-A-Mouse und Barrington Levy den Dancehall definieren, und Lloyd “King Jammy” James, ehemals “Prince Jammy”, oben erwähnter Dub-Spezialist. Mit digital produzierten Beats und Texten über Sex und Gewalt steht dieser Sound in totalem Gegensatz zu den Rastaman Vibrations der Roots-Ära und wird zum jamaikanischen Pendant des US-amerikanischen Gangsta-Raps. Ins Bild passt, dass Lawes später bei einem Attentat in London stirbt.

Zeitgleich feiert der frühe Reggae, insbesondere des Trojan-Labels, ein Revival mit der Wiedergeburt der Mods in England und wird danach zur festen Konstante im Pop: The Specials, Fishbone, Maldita Vecindad, No Doubt…zig Bands haben diesen Stil wiederbelebt.

In den frühen 1990ern wird der Dancehall-Sound immer skandalöser, gipfelnd im homophoben Track “Boom Bye Bye” des Kingstoner Deejays und Sängers Buju Banton – neben Shabba Ranks der Top-Raggamuffin auf der Insel – der die junge jamaikanische Szene in Verruf bringt. Mit seinem 1995 beim Island-Label erschienen Album “Til Shiloh” zeigt Banton sich geläutert. Im Rückenwind gibt es eine ganze Welle von Dancehall-Stars, die zur Rasta-Religion konvertieren, darunter Sizzla und Capleton, während der Dancehall-Rapper Sean Paul in Richtung Hip Hop und R&B ausschwärmt.


Im 21. Jahrhundert hat sich der Kreis zum Roots-Reggae mit verschiedenen großartigen Alben von zwei Söhnen Bob Marleys weiter geschlossen: Damian Marley mit “Welcome to Jamrock” (2005) und Stephen Marley, der 2012 einen Grammy für “Revelation Part 1: The Root of Life” gewann.

Jamaika, mitten in einem Ozean aus Musik, strahlt weiter in die Popwelt. Hier gibt es für jeden Musikfan zwischen Ska, Reggae, Punk, Jazz, R&B und Hip Hop viel zu entdecken!

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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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Zeitsprung: Am 30.1.2007 singt Jim Morrison posthum gegen die Erderwärmung

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.1.2007.

von Timon Menge und Christof Leim

Unter dem Motto „Save The Planet“ finden am 30. Januar 2007 zwei Pressekonferenzen in Los Angeles und London statt. Dort stellen Perry Farrell von Jane’s Addiction, Doors-Schlagzeuger John Densmore und Schauspieler Josh Hartnett die Kampagne Global Cool vor, ein Projekt gegen die Erderwärmung — und verwenden dafür unveröffentlichte Gesangsspuren von Jim Morrison.

Hier könnt ihr euch Woman In The Window anhören:

Die globale Erwärmung schreitet voran, zahlreiche Kunstschaffende aller Couleur und weltweit engagieren sich dagegen. Als Sprachrohre der britischen Kampagne Global Cool möchten Farrell, Densmore und Hartnett es „uncool machen, nicht grün zu sein“.

Kleine Schritte, große Wirkung

Dafür erhalten die drei eine Menge prominenter Unterstützung, zum Beispiel von Kasabian, The Killers, KT Tunstall und den Scissor Sisters. Auch Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und Dave Grohl helfen mit. Die Mission der Kampagne: Menschen sollen dazu motiviert werden, ihre CO²-Emissionen über einen Zeitraum von zehn Jahren um zehn Milliarden Tonnen zu reduzieren.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen zum Beispiel das Abschalten des Lichts, das Ausstecken von Smartphone-Netzteilen, das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf Urlaubsflüge und das Herunterschalten der Heizung um eine Stufe. „Wenn viele Menschen kleine Dinge in die Tat umsetzen, wird daraus am Ende eine verdammt große Sache“, stellt Global-Cool-CEO Julian Knight fest. Alles gute Vorschläge. Für Musikfreaks wird die Aktion zusätzlich interessant.

Jim Morrison hilft auch. Quasi.

Um dem Projekt zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, greift Doors-Drummer Densmore in die Trickkiste und stellt eine bis dato unveröffentlichte Gesangsspur von Jim Morrison zur Verfügung. Der Titel der Nummer: Woman In The Window. Das Stück basiert auf einem Gedicht von Morrison, das der kurz vor seinem Tod vertont hat. Die Jahrzehnte später eingespielte Musik stammt von Farrells Band Satellite Party.

Densmore und Farrell bei der Pressekonferenz in Los Angeles – Pic: Hector Mata/AFP via Getty Images

Sein Debüt feiert der Song bei den Pressekonferenzen am 30. Januar 2007. „Wir freuen uns darüber, dass Woman In The Window die Titelmelodie eines so tollen Projektes wird“, erklärt Farrell im Interview mit dem NME. „Jim hat all das Übel in der Welt gesehen, wusste aber auch, dass wir für unser Schicksal verantwortlich sind. Und genau das tun wir. Niemand wird uns davon abhalten können, Energie und Geld zu sparen und dabei den Planeten zu retten.“ Das klang schon 2007 vernünftig.

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

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