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Popkultur

So war’s: Rammstein live in Gelsenkirchen 2019

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Rammstein-Gelsenkirchen

Es knallt wieder: Am 27. Mai 2019 starteten Rammstein ihre Tour zum neuen Album mit einem fulminanten Konzert in der Arena in Gelsenkirchen. Über zwei Stunden stand die Band auf der Bühne, mit gewaltigem Sound, cleverer Dramaturgie und natürlich ordentlich Kawumm. Wir haben uns die Sause angesehen…

von Christof Leim

Rammstein, volles Programm Rammstein, von mittags bis nachts: Es dürfte keine andere Band geben, die vor dem Konzert ihre eigenen Alben über die PA laufen lässt. Und das Vorprogramm bestreiten die beiden Pianistinnen vom Duo Jatekok mit Pianoversionen – von Rammstein-Songs. Aber die Fans haben auch lange genug gewartet: Mitte Mai erschien das erste Album seit zehn Jahren, auf einer deutschen Bühne stand das Sextett seit 2017 nicht mehr. Und Selbstbewusstsein kann sich die Kapelle leisten: Alle Termine der Tour sind pickepacke ausverkauft.


Hier könnt ihr in die Setlist des Abends reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Natürlich steht eine bombastische Bühne in Gelsenkirchen; ihr Aufbau wirkt von der Grundstruktur ein bisschen wie das Artwork zu Fritz Langs Metropolis. Als zentrales Element fällt eine Art Turm in der Mitte auf, in dem eine einzelne Leinwand offensichtlich hoch und runter fahren kann. Vier riesengroße runde Lampen hängen ebenfalls in der Luft.

Leider herrscht noch Tageslicht, als Rammstein pünktlich um 20:30 Uhr anfangen. Warum das Dach der Arena geöffnet wurde, wird sich gleich zeigen. Die Sause startet mit einer einzigen gewaltigen Explosion und dem stoischen Beat von Was ich liebe, einem neuen Song. Der setzt die Massen gleich in Bewegung, Szenenapplaus gibt es, als die restlichen Akteure die Bühne betreten. Der Sound drückt glasklar, mit richtig Pfund, nicht zu laut, nicht zu leise. Dazu schießen Rauchkanonen auf der Bühne und an den Lautsprechertürmen im Auditorium schwarzen Qualm in die Luft. Ja, so kann man das Licht auch ausmachen. Als Intro funktioniert das alles hervorragend; Rammstein haben ihr Händchen für Dramaturgie nicht verloren.

Es folgen das treibende Links 2 3 4 (eine eindeutige politische Standortbestimmung), dann mit Sex und Tattoo noch zwei neue Lieder. Die Herren wollen sich also nicht nur mit sattsam bekannten Greatest Hits beschäftigen – sehr schön. Noch hält sich die Show in Grenzen, auch Pyrogeballer gibt es kaum, die Band spielt, die Leute feiern. Erst bei Zeig dich züngeln wieder Flammen. Rammstein steigern sich also und verschießen (ähüm) nicht sofort ihr Pulver. Leider wird auch die Videoleinwand in der Mitte zunächst nur mit dem Logo bespielt. Abgesehen von der Entscheidung, nur einen einzigen solcher Screens aufzustellen, bedeutet das erstmal: Viele Fans im Innenraum sehen nichts, bis nach und nach Sänger Till Lindemann und dann auch der Rest der Mannschaft auf dem Bildschirm auftauchen.


 

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Musikalisch brennt derweil nichts an: Die Band spielt und singt souverän, hat offensichtlich Spaß auf der Bühne und zeigt (für ihre Verhältnisse) viel Bewegung. Das ist keine Rock’n’Roll-Show wie bei AC/DC, der „human factor“ spielt nicht so eine Rolle bei der Darbietung, aber da ist heute tatsächlich Swing und viel Groove drin. Beim bejubelten Puppe fährt Lindemann einen großen Kinderwagen auf die Bühne. Mit Diamant ändern die Musiker die Stimmung weg von „Brett“ in Richtung melodisch-melancholisch, zu Heirate mich (zum ersten Mal 2001 im Set) geht es wieder ab. Solche Wechsel funktionieren hervorragend.

Nun verschwindet die Bühne in weißem Rauch, während Richard Kruspe im weißen Mantel in einer Art DJ-Kanzel im Turm nach oben fährt. Aus den Boxen dröhnt jetzt der Remix von Deutschland, dazu geistern „Strichmännchen“ über die Bühne: Tänzer mit Leuchtstreifen an ihren schwarzen Ganzkörperanzügen. Cool.

Natürlich knallt das folgende Deutschland wie nichts Gutes und wird lautstark mitgesungen, ebenso Radio im Anschluss, bevor die Hits auf uns einprasseln: Bei Mein Teil sitzt Flake Lorenz in einem großen Topf, der vom bekochmützten Lindemann mit einem Flammenwerfer bearbeitet wird. Das ist gleichermaßen bekannt wie beeindruckend. Doch diesmal kommt der Keyboarder nicht so einfach davon: Er setzt sich eine große Schutzhaube zu seinem goldenen Anzug auf und sieht aus wie ein Stahlkocher aus dem Pott. Muss er auch, denn sein Sänger packt jetzt eine noch größere Flammenkanone aus und hüllt seinen Kollege in Feuer. Flake flambé – woah!


 

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Natürlich singt jeder in der Arena mit, als Du hast losknattert. Die Lichtshow wirkt mit zunehmender Dunkelheit immer eindrucksvoller und imposanter, mehr geht schwerlich. Immer wieder schießt schwarzes Konfetti in Massen durch die Luft, schwarzer Rauch sorgt für eine bedrohliche Atmosphäre. (Nicht-Muggel dürfen hier an Dementoren denken.) Als dann ungefähr bei Sonne noch Feuerwerkskörper von der Bühne in Richtung der Ränge schießen, dann quasi nach oben „abbiegen“ und unter der Hallendecke explodieren, gehen auch viele Münder erstmal auf und nicht gleich wieder zu. Es folgt noch das ruhige Ohne dich, dann treten die sechs Akteure geschlossen nach vorne. Mit dem Publikum gesprochen haben sie während dieser 17 Songs wie gewohnt nicht, was je nach Geschmack konsequent oder stoffelig wirkt, aber jetzt bedanken sie sich gestenreich und verbeugen sich.

Umgehend brechen „Zugabe!“-Rufe los, denen Rammstein mit einer besonderen Version von Engel nachkommen: Im Zuschauerraum steht ein Podest mit einer kleinen Bühne, auf der die beiden Pianistinnen im Vorprogramm gespielt hatten. Hier taucht die Band nun auf, golden bestrahlt, und stellt sich rundherum an sechs Mikros auf. Scala & Kolacny spielen auf zwei Pianos, die Musiker summen und singen. Dabei zeigen die Sechs ihre Begeisterung deutlich, animieren das Publikum und sind selber animiert. Coole Einlage.

Nur wie sollen sie zurück zur Hauptbühne? Per Schiffchen natürlich. 2019 jedoch lässt sich nicht nur wie früher Flake in einem Schlauchboot von der Menge nach vorne tragen, sondern auch einige seiner Kollegen. Das scheint ihnen trotz Gewackel Spaß zu machen, Paul Landers lacht später auf der Bühne sogar. (Darf der das überhaupt?)


 

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Bei Du riechst so gut schießen stachelförmige Funkenfontänen von den Armen der Gitarristen (der nächste Woah-Moment), die Riffs knallen wie nix Gutes, und anscheinend hat der Soundmensch ein bisschen aufgedreht. Wäre clever: So gibt es zum Ende hin nochmal einen Energieschub, ohne vorher Zehntausende Ohren zu sehr zugeballert zu haben. Für Pussy setzt sich Lindemann auf einen Kanone, die noch mehr Konfetti in die Gegend feuert.

Doch auch damit gehen Rammstein noch nicht in den Feierabend – und lassen sich von den Leuten für eine zweite Zugabe zurückrufen: Den ultrafett stampfenden Song Rammstein gab es seit 2005 nicht mehr live, dazu steigen überall in der Halle so viele Flammensäulen in die Luft, dass es tatsächlich muckelig warm wird. Lindemann trägt dabei einen feuerspuckenden Anzug, der ihn wie einen brennenden Pfau aussehen lässt. (Woah!) Seine Gitarristen lassen sich nicht lumpen und ballern bei Ich will Raketen aus ihren Instrumenten, dass Ace Frehley auf sie stolz wäre. Ein packendes Finale!

Erneut treten die Musiker unter tosendem Applaus an den Bühnenrand. Diesmal gehen sie in die Knie und verbeugen sich nochmal. Till Lindemann spricht zur allgemeinen Überraschung sogar: „Das erste Konzert auf der Tour. Und ihr habt uns wahnsinnig geholfen. Vielen, vielen Dank.“ Bitte. Wir haben zu danken. Denn Rammstein haben sich wahrlich fulminant zurückgemeldet – mit großer Show, beeindruckendem Licht, perfektem Sound, cleverer Dramaturgie, souveräner Darbietung und vor allem Songs, wie sie sonst niemand schreibt. Da kommt so schnell keiner ran.

Die Bühne verlassen Rammstein über einen Aufzug, der den besagten Turm hinauf fährt. Sie winken, verbeugen sich weiter, klopfen sich in Dankesgeste auf die Brust – dann gibt es einen Knall, und sie sind weg. Woah.


Die Setlist von Rammstein in Gelsenkirchen:

Was ich liebe
Links 2 3 4
Sex
Tattoo
Sehnsucht
Zeig dich
Mein Herz brennt
Puppe
Heirate mich
Diamant
Deutschland
Radio
Mein Teil
Du hast
Sonne
Ohne dich

Engel (Pianoversion)
Ausländer
Du riechst so gut
Pussy

Rammstein
Ich will


Titelfoto: Araceli Galvani Vadillo / Elements Media Studio


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