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Popkultur

Summer of Girlpop: Wie Chappell Roan, Charli XCX & Co. die Regeln des Pop 2024 neu erfinden

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Chappell Roan
Foto: Erika Goldring/Getty Images

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Sie ziehen auf Festivals ein riesiges Publikum an, verkaufen radikale Authentizität und brechen Pop-Regeln und -Rekorde am laufenden Band: Der Musiksommer 2024 gehört schon jetzt der Mädels-Garde um Chappell Roan, Sabrina Carpenter, Tyla und Co. Wer sind diese teils neuen Popprinzessinnen, wie funktioniert ihr Erfolg – und was musste ihm vorangehen?

von Sina Buchwitz & Victoria Schaffrath

Anfang Mai 2024. Der Livestream einer Häuserwand hält ganz TikTok in Atem. Die limettengrüne Fläche befindet sich im New Yorker Stadtteil Greenpoint, und die Kameras, die darauf gerichtet sind, senden ihre Bewegtbilder an ein Profil der britischen Sängerin Charli XCX (Fancy, Boom Clap). Ob sie auf einem Autodach vor der Wand performt oder Kurznachrichten darauf verewigen und wieder überpinseln lässt – was hier passiert, wirkt gleichermaßen kalkuliert und spontan.

Charli, Chappell, Chuba: Die Protagonistinnen des Summer of Girlpop

Die neonfarbene Gebäudefläche ist Teil des ausgeklügelten Meta-Marketings für Charlis sechstes Album Brat. Neben der „brat wall“ bringt die Kampagne auch Musikvideos voller It-Girls und ein Albumcover hervor, das den Stempel des Grafikprogramms Paint trägt. Charli performt da einen Marketing-Mix aus bewährten Praktiken und unorthodoxen Experimenten. Sie verhelfen Brat innerhalb kürzester Zeit zu Kultstatus und machen die eigentlich bereits etablierte Künstlerin zum neuen Liebling des Internets.

Wer dem musikalischen Zeitgeist folgt, kommt an Charli derzeit nicht vorbei. Neben ihr bestimmen aber noch weitere Frauen den popkulturellen Diskurs: Die Veranstaltenden des Festivals Bonnaroo verlegten in letzter Minute den Auftritt von Chappell Roan auf eine größere Bühne – das neue Wunderkind des Pop zog schon vor ihrem Slot deutlich mehr Fans an, als zunächst angenommen. Während Branchengrößen wie Jennifer Lopez oder die Black Keys Touren entweder verkleinern oder gar absagen, hängen Chappell und Kolleginnen wie Olivia Rodrigo eher noch Termine dran.

Die Zweitausender: Goldenes Zeitalter des Pop?

Sabrina Carpenter bricht mit Please Please Please und Espresso Chartrekorde und gehört auf Spotify regelmäßig zu den zehn am häufigsten gestreamten Acts. Tyla steckt hinter einer beeindruckenden Anzahl an Tanz-Trends auf TikTok, hierzulande gibt Nina Chuba noch vor dem zweiten Album eine Arena-Tour bekannt. Kein Zweifel: Der Sommer dieser Pop-Girls ist heiß. Die aktuelle Girlpop-Welle fühlt sich dabei aber irgendwie anders an als frühere Versionen.

Wir erinnern uns: Auch um die Jahrtausendwende herum dominieren Frauen die Pop-Welt. Künstlerinnen wie Britney Spears, Christina Aguilera und Shakira geben sich an der Spitze der Charts die Klinke in die Hand. Sie sind dabei vor allem eins: sexy. Während Britneys Lolita-Image von Anfang an fragwürdige Männerfantasien bedient – wer erinnert sich nicht an das Rolling Stone-Cover in Unterwäsche und Teletubby im Arm? –, wird Aguilera erst ein wenig später Dirrty; dafür dann aber mit Volldampf. Jennifer Lopez’ Allerwertester gilt zu der Zeit ebenso als akzeptables Gesprächsthema wie das Bettgeflüster von Paris Hilton, die sich mit Stars Are Blind zumindest zeitweise auch an der Musik versucht. Das Stereotyp des „dummen Blondchens“ verkauft sich gut.

Populärmusik für die männliche Perspektive

Gesellschaftlich entwickelt sich parallel der sogenannte Post-Feminismus: Es scheint, als hätten wir alles geschafft. Frauen sind im westlichen Kulturkreis zumindest allem Anschein nach gleichberechtigt und dürfen ihr Leben nach Lust und Laune gestalten – oder? Die Möglichkeiten scheinen erstmals unendlich. Wofür also noch kämpfen? In vielen Köpfen gilt es als uncool bis männerfeindlich, für weibliche Rechte einzustehen. Popkulturell ist der „Male Gaze“ weiterhin hoch im Kurs, viele Medien werden für eine männliche Sichtweise produziert und verkaufen sich entsprechend gut.

Wenngleich auch heute noch immer gilt: „Sex sells“, so hat die Verkaufsmasche damals einen bittereren Beigeschmack. Sie ist mindestens eindimensional und unreflektiert bis auferlegt und unangemessen. Die selbstironische Leichtigkeit, mit der Künstlerinnen wie Sabrina Carpenter heute die eigene Sexualität zelebrieren, fehlt den Pop-Queens der 2000er oft. Ihnen wird größtenteils die Möglichkeit abgesprochen, ihr Image selbst zu formen. Sprechen sie Kritik aus, so werden sie belächelt.

Pop 2024: Selbstbestimmung durch Social Media

Wo heute Social Media dafür sorgt, dass Musiker*innen Angriffe der Medien und Falschmeldungen quasi in Echtzeit geraderücken können, gieren in den Nullerjahren noch an jeder Ecke unzählige Paparazzi auf das perfekte Foto, um es für Unsummen an Klatschblätter zu verkaufen. Und die? Übertrumpfen einander mit möglichst misogynen Schlagzeilen über vermeintlich fehlerhafte Frauenkörper und erfinden hanebüchene Geschichten in der Hoffnung auf hohe Verkaufszahlen.

Wer sich mittlerweile altes Paparazzi-Filmmaterial von Britney Spears ansieht, dem dürfte sich der Magen umdrehen, denn sie wurde belagert, verfolgt und umzingelt wie Freiwild. Künstlerinnen wie Amy Winehouse scheiterten gar daran. Glücklicherweise ist das heute weitestgehend passé: Die neue Generation der Pop-Girls ist furchtlos, ambitioniert und selbstbestimmt. Einige davon stellen wir im Folgenden genauer vor.

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Die neue Garde des Girlpop

Wegbereiterinnen wie Beyoncé, Taylor Swift und Lana Del Rey gelang es im Laufe ihrer Karriere, ihr Image nach anfänglichem Schubladenmarketing mehr und mehr in die eigene Hand zu nehmen. Ihnen folgten in den letzten Jahren Künstlerinnen wie Billie Eilish, Doja Cat oder Olivia Rodrigo, die sich von Anfang an unangepasster geben konnten. Die neue Garde des Girlpop will es noch authentischer: Sie thematisiert das komplexe Selbstbild von Frauen in der heutigen Gesellschaft, flucht und säuselt in einem Atemzug oder verarbeitet Freundschaftskrisen im gemeinsamen Remix, statt sie hinter vorgehaltener Hand anzufeuern. Das sind ihre Mitglieder:

Chappell Roan (geb. Kayleigh Rose Amstutz)

Herkunft: USA
Geboren: 1998
Hörenswert: Good Luck, Babe!, Red Wine Supernova, Pink Pony Club
Werdegang: Man entdeckt die „Midwest Princess“ in jungen Jahren auf YouTube, sie unterschreibt bald ihren ersten Plattenvertrag. Kayleigh träumt den großen Traum, ihren bescheidenen Verhältnissen inklusive Wohnwagensiedlung zu entkommen.

Doch der Erfolg bleibt zunächst aus. Als Roan allen Mut zusammennimmt und nach Los Angeles zieht, kommt sie dort erstmals mit der queeren Szene in Berührung und entdeckt ihr wahres künstlerisches Ich. Optisch und inhaltlich von der LGBTQ+-Bewegung inspiriert, positioniert sie sich heute stolz als der Szene zugehörig: „Chappell Roan ist eine Drag Queen!“

Sabrina Carpenter (geb. Sabrina Annlynn Carpenter)

Herkunft: USA
Geboren: 1999
Hörenswert: Feather, Thumbs, Espresso
Werdegang: Wenn man Sabrina Carpenters Biografie nur bis zu einem gewissen Punkt liest, könnte man die US-Amerikanerin für einen klassischen Disney-Star halten. Im Alter von zehn Jahren belegt sie bei einem Gesangswettbewerb, der von Miley Cyrus organisiert wird, den dritten Platz. 2013 wird sie dann für die Rolle der Maya Hart in der Serie Girl Meets Word gecastet. Ihr Debütalbum Eyes Wide Open veröffentlicht sie 2015 ebenfalls unter der Disney-Fuchtel.

Musikalisch hat sie jedoch mehr zu bieten als Retorte: Neben Gitarre und Bass spielt Sabrina auch Klavier, Ukulele und Schlagzeug. Im Laufe der Jahre entwächst Carpenter ihrem einst kindlichen Image. So wirkt sie durch ihren Look mit blonder Mähne und rosafarbenen Rüschenkleidern zwar zunächst puppenhaft, doch ihr loses Mundwerk lässt immer wieder einen derben Humor erkennen. Unter Fans beliebt ist das Outro ihres Titels Nonsense, das sie bei Live-Auftritten immer wieder mit wenig jugendfreien Zeilen improvisiert. Vermutlich ist es die Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstironie, die die Künstlerin so sympathisch macht.

Charli XCX (geb. Charlotte Emma Aitchison)

Herkunft: UK
Geboren: 1992
Hörenswert: 360, Von dutch, Girl, so confusing
Werdegang: Wer bereits mit 14 Jahren und der vollen Unterstützung der eigenen Eltern die Londoner Rave-Szene mit seinen Songs beglückt, hat die Musikkarriere fest im Visier. Aitchison probiert sich in jungen Jahren radikal aus und versucht sich an zahlreichen Genres, landet trotz ihrer vermeintlichen Abneigung dagegen aber immer wieder beim Pop.

Songs wie I Love It (mit Icona Pop), Fancy (mit Iggy Azalea), Boom Clap und mehr begleiten die Zehnerjahre, außerdem schreibt sie Hits für Shawn Mendes und Camilla Cabello (Señorita), Selena Gomez (Same Old Love) oder Blondie (Gravity). Ihren eigenen, aktuellen Sound namens Hyperpop findet Charli erst später in ihrer Karriere und mithilfe der schottischen Produzentin Sophie. Der Clou: Im Marketing um das wegweisende Album Brat und in den dazugehörigen Musikvideos wie 360 lässt sie immer wieder durchblicken, wie Medien und Kommerz versuchen, auf die Musik Einfluss zu nehmen – und wie sich besonders Frauen dagegen wehren.

Tyla (geb. Tyla Laura Seethal)

Herkunft: Südafrika
Geboren: 2002
Hörenswert: Water, Art, Jump
Werdegang: Tylas Erfolg kommt nicht zufällig zustande. Schon früh weiß der Spross einer musikliebenden Familie, wo ihr Weg hinführen soll. Während der Schulzeit veröffentlicht sie eigene und gecoverte Songs auf Social Media. Ihr rohes Talent, gepaart mit Charisma und jeder Menge Selbstbewusstsein, beschert ihr schon bald erste Kontakte ins Musikgeschäft. Nur wenig später verbringt sie bereits ihre gesamte Freizeit im Studio.

Die erste eigene Single Getting Late startet national durch und das internationale Interesse am südafrikanischen Amapiano-Genre tut wenig später sein Übriges. Tylas Songs dominieren ab 2023 die Audiospuren zahlloser TikTok-Videos. Mittlerweile tanzt sie über die wichtigsten Bühnen der Welt und verhilft ihrer Heimat so musikalisch zu mehr wohlverdienter Sichtbarkeit.

RAYE (geb. Rachel Agatha Keen)

Herkunft: UK
Geboren: 1997
Hörenswert: Genesis, Worth It
Werdegang: Vocals. Drama. Jazz. Diese Assoziationen ploppen auf, wenn man RAYE zum ersten Mal auf der Bühne sieht. Die Künstlerin, die 2024 den BRIT Award für das Album des Jahres gewann, verbindet mühelos klassische Jazz-Elemente mit Hip-Hop-Beats und den Trends der Gegenwart. Dabei behandelt sie nicht nur „poppige“ Themen, sondern auch Tiefgründiges wie Selbstwert, Drogenmissbrauch und Suizid.

Die Britin wächst mit einem englischen Vater und einer schweizerisch-ghanaischen Mutter auf. Schon als Kind begeistert sie sich für den Jazz-Sound der 40er-Jahre und beginnt im Alter von sieben Jahren, eigene Songs zu komponieren. Als sie mit 16 ihren ersten Plattenvertrag bekommt, ist die Freude groß: Bald schreibt sie Songs für Charli XCX, John Legend und Beyoncé, doch eigene Veröffentlichungen liegen auf Eis. 2022 geht dann alles ganz schnell – ihre Single Escapism geht viral und toppt die internationalen Charts.

Nina Chuba (geb. Nina Katrin Kaiser)

Herkunft: Hamburg
Geboren: 1998
Hörenswert: Neben mir, Fieber
Werdegang: Wer zum Ende der 2000er in Deutschland den Kinderkanal einschaltet, läuft ihr sicher über den Weg – Nina Chuba, die sich damals noch Nina Flynn nennt, spielt bereits im Alter von sieben Jahren bei den „Pfefferkörnern“ mit. In den folgenden Jahren ist sie in verschiedenen deutschen Fernsehproduktionen zu sehen.

Ihren Grundstein als Musikerin legt sie ebenfalls in der Kindheit, indem sie sich dem Klavierspiel zuwendet. 2016 wird sie Teil der Band BLIZZ, verlässt diese jedoch zwei Jahre später. Ihre erste, englischsprachige EP als Solokünstlerin bringt sie 2020 auf den Markt. Doch erst, als sie 2021 mit Neben mir einen deutschen Song veröffentlicht, steigt ihr Bekanntheitsgrad. Fans schätzen die Hamburgerin für ihren unverwechselbaren Mix aus süßem Look, frechen Sprüchen und durchdachten Lyrics. Ihr Über-Hit Wildberry Lillet erreicht im Sommer 2022 innerhalb von zwei Tagen über zwei Millionen Streams.

Selbstbestimmt & sexy: Popmusik für junge Frauen

Was also haben dieser Drag-Fan, diese Disney-Absolventin und diese Jazz-Anhängerin gemeinsam – und ihren Vorgängerinnen womöglich voraus? Selbstbewusstsein, eine freche Attitüde und konventionelle Attraktivität machen schließlich noch keine Revolution aus. Vielmehr scheint es die Tatsache zu sein, dass diese Ladies hinter den Vorhang blicken lassen: Ihr Image, wenngleich verkaufstauglich, ist weniger für den bereits erwähnten „Male Gaze“ konzipiert, sondern behandelt Themen und Konflikte, mit denen sich besonders junge Frauen identifizieren können. Es geht um Freundschaften, Ehrgeiz, Stolz und Kummer; um Triebe und um Selbstbewusstsein. Kein Platz mehr für Unnahbarkeit oder konstruierte Narrative, und Sexualisierung findet nach neuen Parametern und selbstbestimmt statt. In einer Zeit, in der die mediale Aufmerksamkeitsspanne immer weiter zurückgeht, zahlt es sich eben aus, auf den Punkt zu kommen.

 

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Man darf daher gespannt bleiben, was der Sommer und das restliche Jahr 2024 noch für diese Pop-Girls bereithalten. In jedem Falle lässt sich hoffen, dass Authentizität weiterhin belohnt wird. Kurzum: Good Luck, Babe!

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