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Nashville Milestones | The Mavericks – Music For All Occasions

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The Mavericks – „Music For All Occasions“ (1995)

Mitte der 90er Jahre. Country schickte sich gerade an, den Mainstream zu erobern; die Großstädte, die jungen, hippen Leute. Das Imperium, den Eindruck konnte man gewinnen, schlug zurück. Zu lange haben versnobte Kritiker und ahnungslose Musikkonsumenten ihre vor Häme triefenden Klischees über das Genre ausgekübelt: verstaubt sei die Musikrichtung. Nur Rednecks und Lastwagenfahrer würden den Sound hören. Die Klischees klebten hartnäckiger an Nashville-Künstlern, als Kuhmist am Stiefel. Doch dann kam Ende der 80er Jahre Garth Brooks – und mit ihm ein frischer Wind, der durch die Music Row wehte. Er war charismatisch; er sang über Minderheiten, über häusliche Gewalt und Homosexuelle und er coverte Billy Joels „Shameless“ zu einer stilübergreifenden Gänsehaut-Hymne. Country war … nun ja, nicht mehr ganz so übel.

Photo_TheMaveri_300RGBDoch es musste dann schon noch mehr her. Immerhin trug auch Brooks einen Hut und sein Klamottenstil war – und ist – zumindest modisch fragwürdig. Mitte der 90er Jahre also in Nashville Downtown. Die Country Music Awards stehen in der Grand Ole Opry an. Schon auf dem Weg zur Ruhmeshalle und Pilgerstätte der Countrygemeinde lachten einen Riesenplakate an: hausfassaden- große Poster vom aktuellen The Mavericks-Album „Music For All Occasions“. Doch nicht nur die Größe dieser „Billboards“ war imposant, sondern vor allem die Motive: Coole Typen in knallbunten Klamotten, die irgendwelche 50er-Jahre-Motive nachstellen – so überzeichnet, bunt und fröhlich wie eine Doris-Day/Rock-Hudson-Schmonzette. Ich war gespannt.

Bei den Country Music Awards kamen The Mavericks dann endlich auf die Bühne. Und dann war ich nicht mehr nur gespannt, sondern überwältigt. Der Sound klang nach Elvis während seiner kitschigsten Nashville-Phase, die Performance erinnerte in ihrer schrägen Knalligkeit an die B52s oder die Talking Heads. Das alles aber stellte die butterweiche Roy-Orbison-Stimme von Frontmann Raul Malo in den Schatten.

Raul Malo

Raul Malo

Er sang wie … wie ein Gott! Ich durfte, da war ich mir sicher, bei der Geburtsstunde von „the next big thing“ aus Nashville beiwohnen. Große Ehre! Musikgeschichte wird gerade geschrieben!

Nun ja, ganz so big verlief die Karriere von The Mavericks dann doch nicht. Warum? Schwer zu sagen. Fest steht, dass die Band um diesen großartigen Sänger alle Voraussetzungen für den globalen Überflug mitbrachte und vielleicht immer noch mitbringt. Gut, die Band hatte diverse Hits. Manche davon besitzen Evergreen-Qualitäten. Sie verfügen außerdem über eine treue Fangemeinde. Alles gut, alles schön – doch alles nicht dem Talent der Formation entsprechend. Dabei ist es nicht nur das Talent, tolle Musik zu schreiben und zu interpretieren. Die vier Herren besitzen auch einen herrlich skurrilen Humor.

Das alles zusammen macht „Music For All Occasions“ zu einem echten Gesamtkunstwerk. So empfiehlt sich, während die grandiosen Country-Schmalz-Songs wie „Foolish Heart“, „One Step Away“ oder „Missing You“ den CD-Player verwöhnen, im Booklet zu blättern. Jede Seite ein tolles Bild: Von adretten Hausfrauen in penibel dekorierten Fifties-Wohnzimmern und Küchen; Fotos von twistenden Partygesellen mit schmalen Krawatten oder von pinkfarbenen Geburtstagstorten. Schrill, schick – aber mit Klasse und Geschmack in Szene gesetzt. Diese Booklet-Zeitreise treten The Mavericks auch musikalisch in den zwölf Titeln an. Meist bleiben sie groovend, swingend und schmalzend im dezent ironisierten Balladen-Terrain. Gelegentlich geht die Post ab. Da legen sie ein Temperament an den Tag, das selbst die Firmenfeier einer Krankenkasse in eine ekstatische Orgie verwandeln würde – mit Songs wie dem grandiosen Akkordeon-Inferno „All You Ever Do Is Bring Me Down“ und dem Country-Feger „If You Only Knew“.

Gegen Ende dieses herrlichen Song-Dutzends kramen sie noch zwei gut abgehangene Klassiker der Musikgeschichte aus: „Something Stupid“, bei dem sich Raul Malo das Mikro mit Country-Star (und jetziger Ehefrau von Garth Brooks) Trisha Yearwood teilt. Und das bereits 1934 komponierte „Blue Moon“. Ihre überwältigend herzergreifende Interpretation schaffte es immerhin in die Charts und in den Soundtrack des Tom-Hanks-Films „Appollo 13“ – und erlangte damit wenigsten ein kleines Stück Weltruhm. Nicht genug aber für dieses sensationelle Album.

Text: Gunther Matejka
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