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Therapy?s “Troublegum”: Der Gegenentwurf zu den Heulbojen der Grunge-Welle

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“I’m gonna get drunk / Come round and fuck you up” – spätestens mit diesem Vorschlag zur Güte haben sich Therapy? als Garant für solide Statements manifestiert. Eine grell grummelnde Rock-Formation auf dem Zenit ihrer Zeit. Herkunft dieser lieblichen Worte: Der bissige Opener Knives ihres Bestsellers Troublegum. In ihrem wegweisenden Album geizen die drei Nordiren nicht mit altbewährt britischem Pub-Proletentum. Als Abschreckung. Aus Selbstschutz. Denn was Gitarrist und Sänger Andy Cairns da noch in den nachfolgenden dreizehn Stücken verschanzt, macht “Troublegum” zu einem hochsensiblen Kunstwerk aus Selbstzerpflückung und Wutzerstäubung. Ihr Durchbruch.


 

Troublegum – ein schillernder Name, der nicht perfekter zu einem der reichhaltigsten Alben der 90er gewählt werden konnte. Und ja, liebe Hobby-Sherlocks und Rätselfreunde, eure Assoziationen sind berechtigt. Ein schwerer Vorhang der Traurigkeit und Frustration überzieht diese vor süßem Kaugummi duftenden Pop-Metal-Hybriden. Da glüht 90er-Pop-Gesang zu lockerem Country-Vibe in Stop It You’re Killing Me; dann herrscht Metallica-Geschrei in Trigger Inside; plötzlich Pop Punk-Riffs in Nowhere mit einem selbstbewusst-süßen Gothic-Gesang in der “going nowhere”-Hook, den sechs Jahre später HIMs Ville Valo groß macht.


Schaut euch hier das Video zu Trigger Inside an:


 

Songs wie Femtex bilden die Brücke zwischen den Ausläufern des Crossover und der Vorstufe vom brachial dahin gerotzten Nu Metal – nur noch mit dieser kuscheligen Hookline, die im Ohr kleben bleibt wie siebzehn Mini-Marshmallows im frisch aufgekochten Kakao. Da funktioniert auch ein in altbewährter Hardcore-Manier geshoutetes “all people are shit” in Knives blendend, was später Slipknot in People = Shit stibitzen. Weil sie wissen, dass es keine niederträchtigere Aussage gibt. Ärger vorprogrammiert.

Therapy? haben ein Manifest der Angepisstheit rausgerotzt. Cairns ist wütend auf sich und alle anderen. Frustriert von seiner Familie, wegen ihrer Unfähigkeit, Emotionen zu zeigen. Keiner da, dem er sich mit Problemen anvertrauen konnte. Der Klassiker, aus dem ganz große Kunst mit Identifikationsfläche geboren wird. Impulsive Musik voller Formen und Facetten. Neben den charismatisch-chaotischen Fugazi-Verrücktheiten packt auf Troublegum durchweg das flockige Punk-Riffing wie in ihrem Hit Screamager sowie ihr kruder Indie Rock, den sie als Fundament festhalten. Damit nicht alles aus dem Ruder läuft. Verrückt, aber verträglich soll es sein. Eine gesunde Verschmelzung, die es schon im Jahr vor Release von “Troublegum” ins Fernsehen schaffte.


Therapy


“Top Of The Pops” war das Katapult, das Therapy? weiter schoss, als sie es sich selbst hätten vorstellen können. Da turnten plötzlich diese drei Kaputten in Hardcore-Moves und finsteren Mienen mit Screamager über die Mattscheibe. Stirnrunzeln auf den heimischen Sofas der Arbeiterklasse, ein immer größer werdendes Lächeln auf den Gesichtern der alternativen Alltagsflüchtigen. Crossover in neu, anders und so nachvollziehbar strukturiert. Ansteckend in jeder Sekunde. Als Single landete Screamager schon auf ihrer geschätzten Shortsharpshock-EP 1993, die wiederum in den Top 40 der UK Charts landete. Wie die zwei darauf folgenden EPs Face The Strange und Opal Mantra. Der Grundstein, der Untergrund-Hype war gesetzt für den durchschlagenden Erfolg von Troublegum 1994. Platz fünf der britischen Charts – drei Typen aus dem Anarcho-Punk Nordirlands werden vom überwältigenden Schneeballeffekt mitgerissen. Plötzlich werden Therapy? in einem Zuge genannt mit Weltstars wie Red Hot Chili Peppers und Metallica.


Schaut euch hier das Video zu Screamager an:


 

Blöderweise aber auch als die nächsten Nirvana glorifiziert, was die drei Burschen unfreiwillig in die so gehypte Grunge-Welle manövriert hat. Enttäuschungen vorprogrammiert. Denn so wirklich verloddert und roh, wie Grunge es eben war, waren Therapy? selten. Eher die Antithese: Konzeptuell, austariert und sicher reicher als alle Nirvana-Nacheiferer zusammen. Aber die Grunge-Helden durften den Weg für die sägenden Riffs von Therapy? und ihre schmerzverzerrten Texte voller Selbstscham ebnen. Zumindest für das Verständnis in der breiten Masse. Denken wir kurz zurück: Mitte der 90er, wo es cool war, im Bus zu heulen. Eine Zeit, in der Raufasertapeten mehr Aufmerksamkeit bekamen als die zu jeder Zeit unpassenden Eltern.


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Rebellieren durch Trauer! Aber keineswegs witzlos. Auch Therapy? waren unterschwellig so sarkastisch, dass man über die eigene Sterblichkeit nur lachen konnte. Egal, welch minimale Problemchen dein Weltbild gerade erschüttern mochten, die nordirische Gelassenheit meldete sich mit: “then you realise / you’re gonna die anyway” (Die Laughing). Oder die so Mantra-artig vorgetragene Versöhnung und auf den Boden der Tatsachen zurückholende Zeile “you’re just the same as me” in Lunacy Booth. Loslösung aller Unterschiede, Hemmungen und Grenzen. So wie die ausufernden Klangexperimente von Therapy?. Vielleicht ist das alles aber auch überinterpretiert und nur ein Merkmal ist kausale Ursache der Durchschlagskraft des Monuments Troublegum: die herrliche Zeile “masturbation saved my life” in Femtex. Perfekt, oder? Goethe hätte es nicht besser hinbekommen.


Schau dir heir das Video zu Die Laughing an:


 

23 Jahre wird Troublegum heute alt und ist aktuell wie nie. Wir zitieren:

Stop It You’re Killing Me: Idiots’ authority  

Promising equality

So where is the land of the free?

Stop it, you’re killing me.

Bitte nicht ausrasten, werte Die-Hard-Fans. Wir wissen ja: Therapy? wollten selten politisch sein, sondern persönlich. Heute ranken sich noch Gerüchte darum, ob Nirvana nicht eher ein äußerst geschickt ausgeklügelter Marketing-Schachzug waren. Konzeptionierte Selbstverlorenheit quasi und Kurt Cobain als Marionette, Sprachrohr seelenverstümmelnder Teenager. Bei Therapy? kam dieser Gedanke nie auf. Sie haben sich über die Jahrzehnte ihre Haltung bewahrt. Andy Cairns ist immer noch mit seiner Drei-Mann-Sturmfront auf Achse wie auch solo unterwegs. Überwunden hat er sein Dasein bis heute nicht. Und immer noch klemmt da dieses beängstigend ungewisse Fragezeichen hinter seinem Bandnamen.


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In Flames: 6 Neuauflagen der Melodic-Death-Titanen auf Coloured Vinyl

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In Flames
Foto: Mariano Regidor/Redferns/Getty Images

In Flames erfreuen sich derzeit bekanntlich an ihrem zweiten Frühling. Da passen die sechs schicken Vinyl-Neuauflagen in besonderen Farben, die es ab sofort bei uns zum Vorbestellen gibt. Erscheinen werden sie im November.

von Björn Springorum

Mit Foregone haben sich In Flames in diesem Jahr mehr als eindrucksvoll zurückgemeldet. Die Tour der Band war ein Triumph, die Festivalauftritte Abrisse wie vor 20 Jahren. Da passt natürlich eine große Neuauflagen-Offensive, die uns jetzt ganze sechs schmucke und limitierte Reissues in besonderen Farben beschert. Hier kann man sie alle vorbestellen, erscheinen werden sie dann im November:


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

In Flames - Diverse Alben
In Flames
Diverse Alben
Col. Vinyl

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Vom großen Durchbruch bis in die jüngere Vergangenheit

Da wäre zum Beispiel Sounds Of A Playground Fading (genau, die mit Where The Dead Ships Dwell), die in einem edlen Beige kommt, das perfekt zum Artwork passt. Reroute To Remain, der internationale Durchbruch von 2002, erscheint in sattem und knalligen Rot. Mit diesem Album nahm die Karriere von In Flames damals so richtig Fahrt auf – Songs wie Trigger oder Cloud Connected sei Dank.

Gleich zweimal gibt es das intensive und emotionale Come Clarity, mit dem In Flames 2006 zahlreiche Preise abräumen konnten: Einmal als Total clear und einmal in einem transparenten Violett. Auch A Sense Of Purpose von 2008 stellt Sammler vor eine schwere Wahl: Transparent lime green oder Transparent ocean blue steht hier zur Wahl – bei letzterer Neuauflage wird das Ganze dann noch um die EP The Mirror’s Truth ergänzt.

Alle Neuauflagen sind auf schweres 180-Gramm-Vinyl gepresst, kommen als Doppel-LP im Gatefold daher. Und verschönern jede In-Flames-Sammlung da draußen erheblich.

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Interview mit In Flames: „Sobald man ein paar Alben veröffentlicht hat, ist plötzlich alles voller Regeln“

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Fehlfarben: „Glut und Asche“ erscheint als 40th-Anniversary-Edition

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Fehlfarben Glut und Asche Header

Vor 40 Jahren veröffentlichten Fehlfarben – eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands aller Zeiten – ihr Album Glut und Asche. Zum runden Jubiläum gibt’s eine besondere Ausgabe des Albums – und zwar auf limitiertem, farbigem Vinyl.

Hier könnt ihr euch Glut und Asche anhören:

„Es wirkt manchmal so, als hätten wir nur Monarchie und Alltag gemacht“, erzählte Fehlfarben-Gründungsmitglied Thomas Schwebel 2020 anlässlich des 40. Geburtstags der Fehlfarben-Überplatte Monarchie und Alltag im uDiscover-Interview. Dabei hat die Band, soviel steht fest, noch eine ganze Reihe anderer fabelhafter Alben aufgenommen – etwa Glut und Asche, das es nun zu feiern gilt.

Fehlfarben-Mitglied bezeichnet Glut und Asche als „persönlichen Favoriten“

Glut und Asche bezeichnete Schwebel damals sogar als sein Lieblingsalbum der Band: „Weil wir da nur noch eine ganz kleine Band waren – und mit wahnsinnig viel Aufwand und Genauigkeit lange daran gearbeitet haben. Musikalisch ist das, glaube ich, die beste Platte. Die kam damals raus, als sich die Neue Deutsche Welle erledigt hatte und von einem Tag auf den anderen völlig in sich zusammenbrach und plötzlich alle Flops hatten. Auch wesentlich erfolgreiche Bands als wir verkauften plötzlich keine Platten mehr. Unsere Platte ist im Vergleich sogar noch ganz gut angenommen, aber nicht so gut, wie wir uns das erhofft hatten. Die kam ein bisschen zum falschen Zeitpunkt“.

Limitierte, signierte Vinyl

Nun ist es also soweit: Glut und Asche feiert seinen 40. Geburtstag. Das wird mit einer speziellen Langspielplatte getan: Eine Jubiläumsausgabe von Glut und Asche erscheint am 20.Oktober 2023 als Doppel-LP auf violettem Vinyl.


Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Fehlfarben - Glut und Asche
Fehlfarben
Glut und Asche
Ltd. Ed. Purple 2LP (signed, 10000 copies)

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Die Ausgabe kommt signiert daher und ist streng limitiert. Das Besondere: Es werden drei bislang unveröffentlichte Songs enthalten sein – die verloren geglaubten englischen Songs  All Night Station (Jenseits der Tür), It’s Not Enough (Tag und Nacht)  und Magnificent Obsession.  Pflichtkauf für jeden Fehlfarben-Fan also!

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Zeitsprung: Am 19.9.1988 erscheint „New Jersey“ von Bon Jovi

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Bon Jovi
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.9.1988.

von Christof Leim

Wie geht man mit dem Problem um, einen Nachfolger für ein internationales Nummer-eins-Album liefern zu müssen? Die Antwort von Bon Jovi: Man schreibt noch eins. Mit New Jersey etablieren sich die fünf Rocker mit Nachdruck in der Ruhmeshalle des Hard Rock – Gold, Platin, eine gewaltige Welttour und mehrere Klassikersongs inklusive.

Hört hier in New Jersey rein:

Ab Mitte der Achtziger läuft’s bei Bon Jovi: Mit dem dritten Album Slippery When Wet erreicht die Band 1986 zum ersten Mal die Spitze der Charts in den USA und etlichen anderen Ländern. Songs wie You Give Love A Bad Name, Livin’ On A Prayer und Wanted Dead Or Alive laufen wirklich immer und überall. Kurz gesagt: Die fünf frisch gebackenen Millionäre zwischen 25 und 35 haben es geschafft. Doch Frontmann Jon Bon Jovi will nach diesem Höhenflug auf keinen Fall als One-Hit-Wonder verglühen. Der immense Erfolg und die (tatsächlich tolle) Platte sollen nicht als Glückstreffer abgehakt werden. Außerdem muss man das Eisen – oder eher: Gold und Platin – schmieden, solange es heiß ist. Deshalb macht sich der Sänger mit seinem Songwriting-Partner, Gitarrist Richie Sambora, nur vier Wochen nach unfassbaren 16 Monaten auf Welttour zu Slippery When Wet schon Ende 1987 wieder an die Arbeit.

Sie schreiben über zwei Dutzend neue Stücke, immer mit der bangen Frage im Hinterkopf, ob ihnen nochmal ein Knaller gelingt wie You Give Love A Bad Name, ihre erste US-Nummer eins. Erneut arbeiten sie mit Hitschmied Desmond Child, mit dem sie schon Hitsingles für Slippery When Wet komponiert hatten. Never change a winning Erfolgsrezept, keine Frage. Und wieder hauen die drei Kollegen ein paar Granaten raus, darunter Bad Medicine und Born To Be My Baby. Die Ergebnisse dieser Kollaboration klingen immer noch nach Bon Jovi, aber irgendwie scheint der Herr Child ein Händchen für Refrains zu haben, die quasi zwingend im Radio gespielt werden müssen. Es gibt kaum einen Songwriter, der den US-Hard Rock insbesondere der Achtziger so geprägt hat, angefangen mit Kiss (I Was Made For Lovin’ You) über Aerosmith (Dude (Looks Like A Lady)) bis Alice Cooper (Poison). Mit dem Team Bon Jovi/Sambora funktioniert das am allerbesten. Auch andere Lohnschreiber wie Holly Knight und Diane Warren sind beteiligt.

Für die Aufnahmen begibt sich die Band erneut mit Produzent Bruce Fairbairn und Toningenieur Bob Rock in die Little Mountain Studios in Vancouver, nutzt also so das gleiche Setup wie zwei Jahre zuvor. Ursprünglich wollen die Musiker ein Doppelalbum veröffentlichen, auch einen Titel haben sie sich schon ausgesucht: Sons Of Beaches. Davon hält die Plattenfirma jedoch gar nichts, und Bon Jovi müssen die Tracklist ganz ordentlich zusammenstreichen. Dazu laden sie 50 junge Fans ins Studio ein und spielen ihnen die über 20 Songs vor, um herauszufinden, welche am besten ankommen. Schon beim Vorgängeralbum hat diese Methode (offensichtlich) geholfen, das potenteste Material auszusuchen. Direkte Marktforschung, wenn man so will.

Übrig bleiben die zwölf Lieder mit sonnigem Party-Hard Rock, wie gemacht für unendliche MTV-Einsätze und die wirklich großen Stadien der Welt. Besser geht’s in diesem Genre fast nicht. Nichtsdestotrotz zeigen sich Bon Jovi als Band und Songwriter gereift und bieten eine musikalisch breitere Palette. Beispiele dafür finden sich zum Beispiel im getragenen, souligen Intro zu Lay Your Hands On Me, der Mundharmonika bei Homebound Train und dem Akustik-Blues Love For Sale. Textlich haben die Herren zwar glücklicherweise weiterhin nichts mit Feuilleton oder Auf-die-Füße-guck-Studentengeschrammel zu, doch Jon und Ritchie erweisen sich zusehends als Geschichtenerzähler in der Tradition ihres Helden Bruce Springsteen. So beschwört Blood On Blood alte Freundschaften samt der alltäglichen, aber prägenden Erlebnisse von früher. In Born To Be My Baby hält ein Paar ganz wie in Livin’ On A Prayer in mageren Zeiten zusammen, während Living In Sin von zwei Liebenden erzählt, deren Eltern sie lieber getrennt sehen wollen. Klassischer Songwriting-Stoff, keine Weltrettung, aber auch mehr als Floskeln.

Die Produktion erweist sich erneut als äußerst groß und kräftig, schön und poliert, und klingt dabei noch ein bisschen runder als auf Slippery. Vom albernen Arbeitstitel Sons Of Beaches verabschieden sich Bon Jovi und wählen stattdessen den Namen des Bundesstaates, aus dem sie stammen: New Jersey. Der gilt üblicherweise nicht als das Zentrum der Welt-Coolness, doch hier kommen einige Rock’n’Roll-Helden wie Springsteen, Skid Row und Zakk Wylde her. Das geplante Artwork, eine Sgt. Pepper-mäßige Collage, wird ebenfalls verworfen zugunsten eines einfach gehaltenen Designs, das eine blauschwarze Steinwand, das Bandlogo und den Albumtitel zeigt.

New Jersey erscheint am 19. September 1988, weniger als zwei Jahre nach Slippery When Wet und nur acht Monate nach dem Ende der monumentalen Tour. Der Rolling Stone schreibt damals kritisch, aber an einer Stelle mit weiser Voraussicht: „Jon Bon Jovi ist brilliant… in dem, was er tut. Noch klingt kaum einer der Tracks nach einem Hit, aber es besteht kein Zweifel daran, dass in einem Jahr mindestens vier Songs Teil unseres kollektiven Bewusstseins sind werden.“ Und so kommt es auch: New Jersey steigt auf Platz 8 in den USA ein, kracht aber schon in der nächsten Woche mit Schwung auf die Eins und bleibt da erstmal einen Monat. Bon Jovi haben es also geschafft und das Kunststück von Slippery When Wet tatsächlich wiederholt. Auch in anderen Ländern erobert die Scheibe die Charts, in Deutschland reicht es für Rang 4. Und die Konkurrenz aus diesem Stil kann sich damals sehen lassen: Def Leppard stehen mit Hysteria immer noch ganz weit vorne, Aerosmith und Mötley Crüe verkaufen Millionen, und seit einem Jahr spielt noch eine neue Band namens Guns N’ Roses mit.

Alle Singles von „New Jersey“ schaffen es in die US-Top Ten

Von den zwölf Songs werden gleich fünf als Single ausgekoppelt, und alle erreichen sie die Top Ten. Das hat es für ein Hard Rock-Album bis vorher nicht gegeben und nachher auch nicht mehr. Die Platte kommt sogar erstes amerikanisches Album überhaupt in der Sowjetunion auf den Markt. Schon die erste Single Bad Medicine, am 3. September vorab veröffentlicht, steht rasch auf Platz 1 der Single-Charts, womit Bon Jovi auch an diese Errungenschaft ein weiteres Häkchen machen können. Für das Video zu dieser spaßigen Rock’n’Roll-Nummer mit XXL-Refrain lässt Regisseur Wayne Isham mit Hilfe des Comedians Sam Kinison bei einem Konzert in Long Beach 5000 Kameras an die Fans verteilen – und schneidet aus deren Aufnahmen den Clip zusammen.

Born To Be My Baby klettert bis auf Platz drei, die dritte Auskopplung I’ll Be There For You rauscht wieder ganz nach oben. Nicht überraschend: Das Stück gehört zu den Top-Balladen der Ära, alleine die Backing Vocals von Richie sind schon ihr Geld wert. Man höre rein bei 2:15 Min. und 3:37 Min.. Und ein bisschen zeigt die Nummer schon den „erwachseneren“ Sound späterer Alben.

Wie lange New Jersey „heiße Ware“ bleibt, zeigt sich daran, dass Lay Your Hands On Me fast ein ganzes Jahr nach der Albumveröffentlichung ausgekoppelt wird. Der Song wird sogar von Dolly Parton als Countrynummer gecovert. Ansonsten empfiehlt sich das Stück mit seinem kapitalen Refrain natürlich als perfekte Konzerteröffnung.

Bei Living In Sin schließlich zickt MTV ein bisschen rum wegen ein paar Sexszenen, also gibt es vom Video eine entschärfte Version. Reichweite verschenken kommt für Bon Jovi nicht in Frage. Aber die Platte hat mehr drauf als die Singles: Blood On Blood und Wild Is The Wind sind Hammersongs, Love For Sale klingt (oder soll klingen), als sei es nach etlichen „Erfrischungen“ inmitten einer Party aufgenommen worden, und das kurze Ride Cowboy Ride erinnert dank einer Aufnahme in Mono an eine LoFi-Aufnahme von Annodazumal. Hinter den angegebenen Songwritern „Captain Kidd“ und „King of Swing“ stecken, genau, Jon und Richie.

Und die vielen übrig gebliebenen Songs? Etliche der unveröffentlichten Sons Of Beaches-Demos erscheinen erst 2014 im Rahmen einer Neuauflage der Platte. Einige davon tauchen daneben an anderer Stelle auf, etwa das von Alice Cooper, Joan Jett und Desmond Child geschriebene House Of Fire, das Meister Cooper schließlich 1989 auf Trash veröffentlicht. Does Anybody Really Fall in Love Anymore? nehmen später Samboras Freundin Cher und Alice Cooper-Klampfer Kane Roberts auf, Diamond Ring verwursten Bon Jovi selber 1995 für ihr Album These Days.

Jon Bon Jovi auf der Bühne in Rotterdam, November 1988: Rob Verhorst/Redferns/Getty

Mit New Jersey stehen Bon Jovi 1988 ganz oben: Sie haben zwei Hitalben hintereinander abgeliefert, die eine Ära definieren und gleichzeitig einige zeitlose Songs bieten. Das muss man erstmal hinbekommen. Die Tour zur Platte dauert nochmal anderthalb Jahre, und danach sind fünf Rocker tatsächlich komplett durch. Doch die Hard Rock-Weltherrschaft haben sie erstmal in der Tasche.

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Zeitsprung: Am 24.12.1980 kann man Jon Bon Jovi mit R2-D2 singen hören.

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