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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.4.1990 wird „Thrash Altenessen“ mit Kreator ausgestrahlt.

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Foto: Screenshot von Youtube

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.4.1990.

von Christof Leim

Kultfilm, Musikdokument, Zeitgeschichte: Der Film Thrash Altenessen porträtiert eine Clique junger Leute im Ruhrgebiet der Endachtziger rund um die gerade durchstartenden Kreator. Es geht um Perspektivlosigkeit, Umbruch und wegweisendes Geballer. Schön ist das nicht unbedingt, aber aufschlussreich. Am 17. April 1990 wurde der Streifen zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt – und seitdem nie offiziell veröffentlicht.

Hier gibt’s das damals brandneue Kreator-Album Extreme Aggression:

Terrible Certainty, schreckliche Gewissheit. So heißt das dritte Kreator-Album von 1987. Das scheint auch die allgemeine Stimmung im Ruhrgebiet des Jahres 1989 zu sein, wie sie Thrash Altenessen darstellt. Abgebrochene Lehren, keine Jobs, Strukturwandel, Industrie und Industriebrachen, viel Grau. Und die neue wilde Krachmusik der jungen Leute.

Milieubetrachtungen

Um eine Doku zu Kreator oder zum Genre Thrash Metal handelt es sich nicht, vielmehr um eine Milieu- und Gesellschaftsstudie. Regisseur Thomas Schadt zeichnet mit Thrash Altenessen – Ein Film aus dem Ruhrgebiet (so der volle Titel) in 90 Minuten ein Stimmungsbild einer Region und Generation im Jahr 1989. Wir sehen Kreator auf Zeche Carl in Essen bei Fotosession und Proben, vor allem aber beobachtet der Film die Menschen in ihrer Umgebung. Kumpels, Freundinnen, eine Clique aus Metal-Fans, dazu ihre Väter in Schrebergärten. Es geht um Arbeit und der Mangel an selbiger, Spaß haben und die Auflehnung gegen die Zustände. Manche Sprüche sind heute legendär wie der des älteren Herrn, der das Kamerateam anraunzt: „Wenn ihr von der CDU seid, könnt ihr gleich abhauen.“ 

Wir sehen den damaligen Kreator-Bassisten Rob Fioretti beim Zivildienst in einer Pflegeeinrichtung, Gitarrist Jörg „Tritze“ Trzebiatowski spricht über Essen-Karnap und Heimat, hin und wieder ballern Kreator in einigen wenigen Live-Sequenzen mit viel Stagediving-Flugverkehr Songs wie Love Us Or Hate Us raus. Auch Anton B., die Punk-Band eines kleinen Bruders, lärmt bei einem Auftritt. Daneben kommt selten, sagen wir, Anheimelndes ins Bild, landschaftlich oder architektonisch. Was das allgemeine Ambiente angeht, muss man durchaus sagen: Schön is’ datt nich. Aber echt. Zeitsprung-Autor und Ruhrgebiets-Veteran Tom Küppers nennt Thrash Altenessen „gnadenlos authentisch“. 

Nicht die schönsten Ecken

Viele der Gesichter in in der Doku hat schon mal gesehen, wer in der Welt der ganz harten Riffs länger als fünf Minuten aufgepasst hat: Peppi Dominik alias Grave Violator etwa gehörte zur Frühbesetzung von Sodom, Andreas „Stoney“ Stein arbeitet seit Dekaden als Merchandiser und auf Festivalproduktionen. Auch Stoney spricht von einer „super Milieustudie“ und weist darauf hin, dass Thrash Altenessen sich zwar auf die real vorhandene Tristesse konzentriert und das korrekt abbildet, aber andere Nuancen der Pottwelt weniger gut einfängt. „Der Regisseur hat nicht die schönsten Ecken rausgesucht, die hätten ja auch in Werden im Wald oder in Heiligenhaus filmen können. Wir waren gar nicht immer so missmutig und schwarzsehend.“ Küppers sekundiert: „Auch Altenessen hat schöne Orte, schon immer.“ Die allerdings bestimmen 1989 nicht das Bild, insofern kann man dem Film trotz einer gewissen Einseitigkeit wohl einen grundsätzlich realistischen Blick attestieren.

Kreator-Chef Miland „Mille“ Petrozza zeigt sich trotzdem unzufrieden, wie einige Zitate belegen, da die Doku „ein absolut destruktives Bild von Essen und unserem angeblichen damaligem Umfeld zeigt. Schadt hat alle Interviewsequenzen mit mir rausgelassen und stattdessen lieber besoffene Schrebergärtner gezeigt. Ich glaube, er ist mit einer vorgefertigten Meinung über das Ruhrgebiet und die Menschen, die dort leben, an die Sache herangegangen.“

Nicht alles schlecht

Stoney, der damals gerade seine Lehre als Bergmann hingeschmissen hatte, blickt heute mit positiver Attitüde zurück: „Die Zeit wird nie zurückkommen. Damals war alles frei, ohne Sorgen. Manchmal sind wir donnerstags zur Party in den Schuppen und kamen sonntags wieder raus.“ Dazu gibt es Heavy Metal, Pilsbier, und geraucht wird sowieso. Spaß brachten die Dreharbeiten jedenfalls: „Das kamen halt so Typen, die auch mal einen Kasten Bier bezahlt haben, und wir wurden gefilmt.“ Bei gemeinschaftlichem Philosophieren der Gang im Wohnzimmer eines Zechenhaus kommen aber auch Zweifel an den Lebensperspektiven auf. Normale Überlegungen von Leuten Anfang 20.

Heute gilt Thrash Altenessen als Kult, und das völlig zu Recht. Wer den frühen Thrash Metal aus dem Ruhrpott vor dem Hintergrund der Zeit und Region verstehen will, findet hier eine Menge Erklärungen. Um so mehr ist es schade, dass das Werk trotz vielfältiger und andauernder Bemühungen bisher nie offiziell veröffentlicht wurde und nur als Bootleg durch das Netz geistert

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