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Popkultur

Trennung, FBI und das „Lost Weekend“: Die turbulente Entstehungsgeschichte von Lennons „Mind Games“

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John Lennon
Foto: Yoko Ono

1973 befindet sich John Lennon in einer aufwühlenden Phase: Er hat Stress mit Yoko Ono, wird vom FBI beobachtet, hat keinen Bock mehr auf seinen Produzenten Phil Spector und beginnt eine Affäre mit May Pang. In diesem Tumult entsteht Mind Games – ein lange unterschätztes Juwel.

von Björn Springorum

Allein die Vorgeschichte zu John Lennons Mind Games liest sich wie die Ouvertüre zu einer antiken Tragödie, an deren Ende alle tot sind: Nachdem Lennon und Yoko Ono im August 1971 nach New York City gezogen waren und sich dort sofort der linksradikalen Szene angeschlossen hatten, begann Präsident Nixon schon Anfang 1972 mit seinen mehrjährigen Versuchen, Lennon zu deportieren. In dieser Zeit veröffentlicht Lennon mit Some Time In New York City ein kontroverses Werk über Frauenrechte, die Rolle Großbritanniens in Nordirland und seine Schwierigkeiten, eine Green Card zu erhalten.

Grandiose Neuauflage eines unterschätzten Klassikers

Das Album floppt kommerziell, Lennon ist hart getroffen von den harschen Kritiken. Er ist zunehmend deprimiert, handelt erratisch, trinkt mehr und mehr. Als Nixon dann noch wiedergewählt wird, wächst seine Verzweiflung zunehmend. Die Beziehung mit Ono bricht auseinander, die beiden trennen sich. In dieser wilden, toxischen, berauschten Zeit von ganzen 18 Monaten, die Lennon später sardonisch als sein Lost Weekend bezeichnen soll, entsteht sein viertes Soloalbum Mind Games. Es erscheint am 29. Oktober 1973 – und wird im Juli in aufregenden Konfigurationen neu veröffentlicht. Im Zentrum dieser Reissues steht die Mega Deluxe Box, die die Geschichte des Albums auf einzigartige Weise erzählt. Sie ist die wahrscheinlich schönste, allumfassendste Edition, die es je für ein Album irgendeines Beatle gab.


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Diese Mega Deluxe Box taucht tief ein wie nie zuvor, lässt uns diese besondere, schwierige Phase in Lennons Leben völlig neu erleben. Das hätte nicht zuletzt auch John Lennon gut gefallen: Vieles von dem, was zwischen 1973 und 1974 passiert, ist für ihn für immer verloren. Yoko Ono setzt ihre musikalische Managerin May Pang auf ihn an, die beiden beginnen eine Affäre, die viele Monate andauern wird. Pang protestiert anfänglich gegen Onos Pläne, wird dann aber von ihr überzeugt.

Lennon produziert erstmals allein

In dieser Zeit entstehen die Lieder von Mind Games. Im Juli und August 1973 nimmt Lennon das Album in den New Yorker Record Plant Studios auf – erstmals allein und ohne seinen langjährigen Produzenten Phil Spector. Unter dem Namen The Plastic U.F.Ono Band engagiert Lennon den Session-Schlagzeuger Jim Keltner, den Gitarristen David Spinozza, Gordon Edwards am Bass, Arthur Jenkins am Schlagzeug, Michael Brecker am Saxophon, Ken Ascher am Klavier und an der Orgel sowie eine Gruppe namens Something Different für den Gesang.

Fans wissen: Schon eine Neuauflage 2002 fördert einige Audio-Anomalien zutage, die mit Lennons Unerfahrenheit zu erklären sind, aber in gewisser Weise auch den Reiz von Mind Games ausmachen. Denn obwohl auch dieses Album anfangs von der Kritik eher lauwarm aufgenommen wird, entwickelt es sich schnell zum Klassiker. Lieder wie der Titeltrack oder Out Of The Blue gehören ohne jeden Zweifel zu den besten, die Lennon jemals geschrieben hat. Und wenn man dann bedenkt, in welchem Zustand er sich damals befindet, kann man davor nur den Hut ziehen.

Kostbarer Blick in den Kopf eines geplagten Musikers

Natürlich ist auch auf diesem Album nichts dem Zufall überlassen. Das fängt schon beim Cover an, gestaltet von John Lennon selbst aus verschiedenen Fotoschnipseln. Vorder- und Rückseite ähneln sich, zu sehen ist sein symbolisches Entfernen von Ono und ihren scheinbar übermächtigen Einfluss auf ihn. Textlich geht es ebenfalls viel um die Beziehung der beiden. Manchmal scheint Lennon sich zu entschuldigen, manchmal scheint er sich mit der Trennung zu arrangieren, manchmal scheint er sie sich zurückzuwünschen. Kurz: Mind Games ist ein kostbarer Blick in den Kopf eines geplagten Musikers in der schwierigsten Phase seines Lebens. Seine Frau ist weg, das FBI belauscht ihn, Nixon will ihn vertreiben, dazu große Mengen Alkohol, Drogen und die Ablehnung der Presse, die ihn einst verehrte: Es ist schon klar, dass John Lennon damals nicht weiß, wo ihm der Kopf steht.

Obwohl er viel auf sanfte, melancholische  Akustikgitarren, gar auf Gospel-, Country- und R’n’B setzt, schimmert in vielen Songs von Mind Games seine Vorliebe für den traditionellen Rock’n’Roll der Fünfziger durch – etwa in Tight A$ oder Meat City. Es geht eben viel vor sich in seinem Kopf. Das hört man. Und vor allem versteht man es aus heutiger Sicht auch. Das erklärt die teils vernichtenden Kritiken, die damals auch Mind Games einstecken musste, das erklärt seine zunehmende Entfremdung vom Musikbusiness. Mit dem Wissen von 2024 gehört, ist das Album aber eine faszinierende Bestandsaufnahme, ein Schnappschuss aus dem Leben eines Genies – und das mehr denn je in der ausschweifenden Neuauflage.

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Alkohol, Drogen, Hollywood – und jede Menge Musik: John Lennons „Lost Weekend“

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