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Popkultur

Zeitsprung: Ab 15.9.2014 können Apple-User ein ungewolltes U2-Album löschen.

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Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.9.2014.

von Max Röbel und Christof Leim

Im Herbst 2014 können sich die Fans von U2 freuen: Nach immerhin fünfeinhalb Jahren Wartezeit erscheint am 9. September das Studioalbum Songs Of Innocence. Nicht ganz so unschuldig, wie der Albumtitel es vermuten lässt, fällt jedoch die PR-Strategie aus, die das irische Quartett um Weltstar Bono wählt: Im Rahmen einer Pressekonferenz des Tech-Giganten Apple veröffentlichen die irischen Rocker ihre neue Scheibe als kostenlosen, automatischen Download für alle iTunes-Nutzer weltweit, und das sind 2014 mehr als 500 Millionen! So etwas gab es noch nie. Apple-Chef Tim Cook feiert die Weltpremiere in gewohnter Manier kurzum als „größten Album-Release aller Zeiten.“

Hier könnt ihr euch Songs Of Innocence anhören:

Der Haken an der Sache: Der Download – laut U2-Manager Guy Oseary „ein Geschenk von Apple“ – passiert nicht ganz freiwillig. Millionen User der beliebten Musikplattform wachen in den folgenden Tagen mit einem nie gekauften Album auf ihrem Telefon oder Rechner auf. Denn wer auf seinem Apple-Konto die Option für automatische Downloads aktiviert hat, ist nun um eine U2-Platte reicher. Eigentlich kein Problem für den versierten iTunes-User, denn man müsste die Platte schließlich einfach wieder löschen können. Kann man aber nicht, nicht ohne Weiteres zumindest. Es überrascht also wenig, dass die „nette Geste“ der 23-fachen Grammy-Gewinner nicht jedermanns Geschmack trifft.

Geschenk oder Zwang

Kaum entdeckt, machen Apple-Nutzer auf der ganzen Welt ihrem Unmut über den „Zwangs-Download“ in den sozialen Netzwerken Luft – viele nicht ohne Humor. So scherzt ein Twitter-User namens „jj dunning“, er hätte Bono soeben mit seinem Bademantel bei sich in der Küche dabei erwischt, wie er seinen Kaffee trank und seine Zeitung las. 

Andere finden die PR-Aktion der Iren gar nicht zum Lachen: Rap-Koryphäe Tyler, The Creator spart sich gleich jegliche Diplomatie und kommentiert den Marketing-Stunt wenig umschweifend mit „Fuck Bono.“ Doch auch darüber hinaus wirft die Art der Veröffentlichung Fragen auf. So meldet sich neben Black-Keys-Drummer Patrick Carney und Pink-Floyd-Mitbegründer Nick Mason auch ein enttäuschter Keith Nelson von Buckcherry zu Wort. Er sieht in der Aktion die „beunruhigende“ Botschaft mitschwingen, Musik sei umsonst.

Eine Entwertung der Kunst beanstandet auch Paul Quirk, der damalige Vorsitz der britischen Entertainment Retailers Association, also die Vereinigung der Händler von Unterhaltungsmedien. In der internationalen Presse wird das Vorgehen von Apple und U2 vor allem aus Nutzerperspektive kritisiert. So zeichnet Slate-Redakteur Chris Wade halb im Scherz, halb im Ernst eine dystopische Zukunft, in der Großkonzerne den Konsumenten jeglicher Entscheidungshoheit beraubt haben und unser Musikgeschmack von kommerziellen Lehnsherren bestimmt wird.

Kommando zurück

Der Aufschrei zeigt Wirkung: Am 15. September 2014, also nur sechs Tage nach der Veröffentlichung von Songs Of Innocence, stellt Apple ein Tool zur Verfügung, mit dem sich die manchmal eben ungeliebte Platte aus der Musikbibliothek löschen lässt. Schnell macht die als „U2-Entferner“ bekannte Anwendung die Runde durch Tech-Blogs und Musikseiten, wo sie von der Online-Community wahlweise spöttisch kommentiert oder als Befreiungsschlag gefeiert wird.

Nicht ansatzweise so umstritten ist hingegen die Tragweite der Marketingaktion: Ganze 33 Millionen Mal greifen User laut Apple innerhalb der ersten Woche nach seiner Veröffentlichung auf das Album zu. Anders gesagt: Vermutlich haben mehr Leute Lieder der Platte gehört als zu erwarten war – rein zahlenmäßig bedeutet das einen vollen Erfolg für U2. Und man darf auch nicht vergessen: Es werden sich etliche Millionen iTunes-Kunden über das Gratisalbum gefreut haben.

Will nichts von automatischen Downloads gewusst haben: Bono – Foto: Peter Neill/Wiki Commons.

Was die Band sagt

Dennoch sieht sich selbst Bono angesichts der negativen Berichterstattung zu einer Äußerung genötigt. Dem Rundfunknetzwerk NPR erzählt er, er hätte nichts von der automatischen Downloadfunktion gewusst. Eine offizielle Entschuldigung gibt es zwar nicht, dafür bemüht der Sänger eine kreative Analogie: „Wir wollten den Leuten eine Kanne Milch vor die Haustür liefern, aber in einigen Fällen ist sie stattdessen in ihren Kühlschränken und ihrem Müsli gelandet.“

Freiwillig oder nicht: Mit der Veröffentlichung von Songs Of Innocence haben U2 ein Stück Musikmarketing-Geschichte geschrieben. Und zwar nicht ohne dabei eine amtliche Diskussion um den Wert der Kunst und digitalen Verbraucherschutz anzustoßen. Der beste Zeuge dafür bleibt wohl eine kleine Webanwendung: Der „U2-Entferner“ funktioniert auch heute noch.

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