Join us

Popkultur

Udo Lindenberg: Nie zu spät, um noch mal durchzustarten!

Published on

Für das, worüber er Geschichten erzählen kann, bräuchten andere mehr als nur ein Leben. Aber er ist ja auch nicht wie die anderen. Und dabei braucht man auch gar nicht viele Stichwörter fallen zu lassen und jeder weiß, um wen es geht: Hut, Sonnenbrille, die stets zum nuschelig-lässigen Spruch leicht hochgezogene Oberlippe und ein Gang, als würde er auf Schienen reiten. Der Vollständigkeit halber vielleicht noch das obligatorische Gläschen Eierlikör. Richtig. Hier bahnt sich etwas über Udo Lindenberg an. Befreier der deutschsprachigen Musik, Dauerbewohner des Hotel Atlantic, Stern im Reeperbahn Walk of Fame, ein ewig rastloser Macher, Geburtshelfer der Tatort-Titelmelodie und ehemaliger Mitbewohner von Otto Waalkes und Marius Müller Westernhagen. Jetzt wird die Rock-Legende stolze 70 Jahre alt – dennoch hat man tief drin das Gefühl, er sei kein Stück gealtert. Jedenfalls hat er in den letzten Jahren eher an Relevanz gewonnen als verloren. Wir wagen es trotzdem mal, sein Leben in einen Text zu fassen. Oder zumindest zu skizzieren. Oh Gott, wo soll man da nur anfangen?


 

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Vielleicht starten wir ganz pragmatisch, nämlich am Anfang. Udos Anfänge – und damit seinen nicht nur die musikalischen gemeint – sind im Rückspiegel seines stets vorwärts rauschenden Lebens nämlich gar nicht mal so unbedeutend. Ausgerechnet im verschwiegenen und unkultiviert-provinziellen Gronau im Nachkriegs-Deutschland, nahe der holländischen Grenze, wird der Startschuss für das Abenteuer des Udo Lindenberg gegeben. Oder sollte man statt „ausgerechnet“ lieber „grade dort“ sagen? Vielleicht, denn die Beengtheit der Kleinstadt treibt ihn an, auszubrechen, um jeden Preis fortzugehen und immer wieder neue Ufer zu entdecken. Bereits mit zarten 15 Jahren trampt er los, hält den Daumen in den Wind und ist entschlossen, die Grenzen seiner trauten Heimat hinter sich zu lassen. Und wo geht das am besten? Gute Frage, zunächst einmal wird er jedenfalls in Düsseldorf angespült. Dort nimmt Udo – der als mittleres Kind schon immer das Trommeln (nicht zwingend auf einem Schlagzeug) als erstklassige Methode entdeckt hat, auf sich aufmerksam zu machen – seine ersten richtigen Schlagzeug-Stunden, besucht Jazzclubs, bestaunt die Stücke von John Coltrane und Miles Davies und fasst den damals noch mehr als heute wagemutigen Entschluss, Musiker zu werden. Sein Lebensprinzip wird ihn von da an in jeder Minute und im Grunde in seinem kompletten Schaffen begleiten: Ausbrechen, weitermachen, unterwegs sein!


Udo-Lindenberg (2)


Heute, mehr als 50 Jahre und unglaubliche 700 Songs später, hat er nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil, reißt man bei einen seiner atemberaubenden Stadion-Konzerte mal den Blick von der Bühne und betrachtet seine dicht-gedrängt um einen herumstehenden Mitstreiter im hellauf begeisterten Publikum, entdeckt man Menschen jedes Alters und jeder Couleur. Gar nicht mal so unbeeindruckend… schauen wir mal, wie er zu dem wurde, der er ist. Seine nächste Station ist eine nicht ganz freiwillige, denn auch der Wehrdienst macht vor Udo Lindenberg nicht halt. So landet er mit 17 in Tripolis, Libyen, das seiner Zeit noch von König Idris regiert wurde. Seine 12 Monate in Nordafrika verbringt der junge Udo damit, fleißig in den Clubs der Amerikaner aufzutreten und seine ersten amerikanischen Dollar zu verdienen – die waren damals noch richtig was wert! Aber dieser Auslandseinsatz bedeutet für ihn auch ein Leben in einer harschen Männerdomäne, zu viel billiger Whisky und zu lange Zigarren. Mit dem Ergebnis, dass er – wieder zurück in der immer noch nicht wirklich aufgewachten westfälischen Heimat – erstmal mit einer Vitamin B Kur aufgepäppelt werden musste. Gut so, sonst hätte er wahrscheinlich niemals Steffi Stephan kennengelernt. Der brauchte nämlich einen talentierten Trommler für seine Beat-Band „Die Mustangs“. Und Lindenberg fand in ihm – ohne es damals so recht zu wissen – das erste Mitglied seines Panikorchesters.


Udo-Lindenberg (1)


Das Talent des jungen Schlagzeugers spricht sich rum, sogar bis nach München. Aus den bayrischen Tiefen ereilt Udo schließlich ein Anruf, dessen Ergebnis einer Vielzahl der Deutschen noch heute regelmäßig jeden Sonntag Abend um 20:15 Uhr auf der Mattscheibe begegnet. Am anderen Ende der Telefonstrippe fragt ein gewisser Klaus Doldinger, ob Udo nicht nach München kommen möchte, er bräuchte einen Schlagzeuger für sein Bläser-Quartett. Klar möchte er das, schließlich feiert Udo die Trompeter und Saxophonisten aus seinen geliebten Jazz-Clubs schon lange als Helden und das Quartett von Doldinger war seiner Zeit eine echt renommierte Truppe. Die beiden trafen sich für einige Stunden, doch kaum einer sagte ein Wort. Sie spielten, ließen sich durch Schlagzeug und Saxophon treiben und lernten sich so kennen und schätzen. Lindenberg hatte den Job. Und – richtig geraten – mit Klaus Doldinger nahm Udo dann nicht nur eine Maxi-Tüte Studio-Erfahrung mit, sondern nahm auch die erste Version der Tatort Titelmelodie auf. Chapeau!


Udo-Lindenberg


Also, wo stehen wir? Udo beginnt, sich in der Musikwelt zu etablieren, bringt frischen Wind in jede Band, bei der er hinter den Trommeln sitzt und wird eine überregionale Szenebekanntheit. Aber das ist nicht genug, noch lange nicht! In jüngeren Jahren machte er eine Lehre als Kellner in einem Luxus-Hotel und lernte dabei die Taktung der Zweiklassen-Gesellschaft kennen. Und obwohl Udos Herz schon immer für die arbeitende Bevölkerung, den kleinen Mann schlug, wird ihm klar, dass er nicht auf ewig das Tablett halten will. Oder in anderen Worten: Der Platz am hinteren Rand der Bühne ist nicht für Udo bestimmt. Udo Lindenberg ist ein Mann der ersten Reihe, im übertragenen sowie im wörtlichen Sinne. Im Übrigen ist er auch ein Mann der ersten Stunde, denn Rockmusik, wie sie in den 70ern nur von Amerikanern und Engländern (sprich: mit englischen Texten) bekannt war, mit deutschen Texten zu versehen, war in der Schlager-durchtränkten deutschen Musikwelt allenfalls aberwitzig. Kein Wunder also, dass sich nie ein Sänger für Lindenbergs Bands finden wollte. Sei‘s drum, dann muss der Schlagzeuger eben selbst ans Mikro. Auch ohne Gesangsausbildung und vorerst sehr gemischten Gefühlen. Es dauerte vier Alben, ein paar wilde Abenteuer in den Zeiten freier Liebe, einige Whisky pur um die Stimme auf Vordermann zu bringen und dann war alles klar auf der Andrea Doria. Und Udo Lindenberg wurde in den Pop-Himmel katapultiert.



Nicht nur das. Mit seinem Mut, Rockmusik einfach auf Deutsch zu machen, durchbrach er eine Mauer und ebnete einen Weg den viele nach ihm und mit ihm gehen sollen: Marius Müller Westernhagen, Jan Delay, Clueso und, und, und… Alle, die heute deutschen Rock und Pop machen, haben von Udo gelernt. Hätte es ihn nicht gegeben, sähe die Welt vielleicht ganz anders aus. Denn, wie es sein Schützling Benjamin von Stuckrad-Barre getreu seines literarischen Talents so schön formulierte: Man könnte ein ganzes Wörterbuch mit Udo-Neologismen füllen. Wohl war, und diese nette Metapher zeigt nicht nur, dass Lindenberg mit einer nuschelnden Wortgewandtheit mal eben die deutsche Sprache von ihren biederen Fesseln befreite, er schaffte sich auch seine eigene Welt, mit sich selbst als Regisseur und gleichzeitig schillernder Hauptfigur im Mittelpunkt. Ein unverwechselbarer Charakter, um den sich eine enge und vertraute Gruppe aus Musikern und Kreativen – seine Panik-Familie – gebildet hat. Eine „Armee von Sonderlingen“ (wieder ein Stuckrad-Barre Zitat), die ihm auch in dunklen Zeiten nicht von der Seite rückt. Und die gab es – auch im Leben des Udo Lindenberg.


Udo-Lindenberg (4)


 

Es waren die 90er, eine Zeit, in der man meinen könnte, hier gibt‘s jetzt nur noch den Echo für‘s Lebenswerk und dann ciao, auf nimmer Wiedersehen. Auch der Alkohol, man könnte beinahe sagen sein damals bester Freund, ließ ihn Stufe um Stufe in einen dunklen Abgrund schreiten. Fast unaufhaltsam. Aber eben nur fast. Der plötzliche Tod seines älteren Bruders rüttelt ihn wach, seine Panik-Familie stützt ihn beim Aufstehen. Es geht weiter – wie sollte es auch anders sein? Bei Udo geht es immer weiter, das in Bewegung sein ist seine Lebensprämisse und nicht nur ein Image. Ein Image hätte er wohl kaum über ein halbes Jahrhundert künstlich aufrecht erhalten können. Udo ist Udo selber – es gibt keine Kunstfigur, die das Privatleben des Musikers abschirmt, nein, bei ihm sind Mensch und Kunst zu einem Kosmos verschmolzen in dem er sich inszeniert und trotzdem immer ganz persönlich bleibt. Sein Leben als Bühne. Darüber berührt er viele, egal ob sie in seiner Generation aufgewachsen sind oder erst lange nach seinen ersten Durchbrüchen das Licht der Welt erblickten. Er spricht zu den ganz normalen Menschen, nicht nur durch seine emotionale Tiefe und Offenheit, sondern weil er sich in ihrem Umfeld bewegt. Die Straße ist sein Ort der Inspiration, die Imbissbuden-Besitzer im Hamburger Hauptbahnhof seine Grand Cuisiniers und die Reeperbahn seit jeher seine Flanier-Meile.


Udo-Lindenberg (5)


Vor wenigen Tagen erst kam die Meldung, Udos neues Album „Stärker als die Zeit“ habe innerhalb von 100 Stunden mit 200.000 verkauften Exemplaren Platin-Status in Deutschland erreicht. Also bitte – der einzige, der Udo etwas vormachen kann, ist wahrscheinlich Udo selbst. Happy Birthday zum Siebzigsten! Darauf ein Eierlikörchen – oder zwei!

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

Published on

Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Der Tod des Hippie-Traums: Die letzten Tage von Jimi Hendrix

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

Published on

Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss