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Popkultur

Udo Lindenberg: Nie zu spät, um noch mal durchzustarten!

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Für das, worüber er Geschichten erzählen kann, bräuchten andere mehr als nur ein Leben. Aber er ist ja auch nicht wie die anderen. Und dabei braucht man auch gar nicht viele Stichwörter fallen zu lassen und jeder weiß, um wen es geht: Hut, Sonnenbrille, die stets zum nuschelig-lässigen Spruch leicht hochgezogene Oberlippe und ein Gang, als würde er auf Schienen reiten. Der Vollständigkeit halber vielleicht noch das obligatorische Gläschen Eierlikör. Richtig. Hier bahnt sich etwas über Udo Lindenberg an. Befreier der deutschsprachigen Musik, Dauerbewohner des Hotel Atlantic, Stern im Reeperbahn Walk of Fame, ein ewig rastloser Macher, Geburtshelfer der Tatort-Titelmelodie und ehemaliger Mitbewohner von Otto Waalkes und Marius Müller Westernhagen. Jetzt wird die Rock-Legende stolze 70 Jahre alt – dennoch hat man tief drin das Gefühl, er sei kein Stück gealtert. Jedenfalls hat er in den letzten Jahren eher an Relevanz gewonnen als verloren. Wir wagen es trotzdem mal, sein Leben in einen Text zu fassen. Oder zumindest zu skizzieren. Oh Gott, wo soll man da nur anfangen?


 

Vielleicht starten wir ganz pragmatisch, nämlich am Anfang. Udos Anfänge – und damit seinen nicht nur die musikalischen gemeint – sind im Rückspiegel seines stets vorwärts rauschenden Lebens nämlich gar nicht mal so unbedeutend. Ausgerechnet im verschwiegenen und unkultiviert-provinziellen Gronau im Nachkriegs-Deutschland, nahe der holländischen Grenze, wird der Startschuss für das Abenteuer des Udo Lindenberg gegeben. Oder sollte man statt „ausgerechnet“ lieber „grade dort“ sagen? Vielleicht, denn die Beengtheit der Kleinstadt treibt ihn an, auszubrechen, um jeden Preis fortzugehen und immer wieder neue Ufer zu entdecken. Bereits mit zarten 15 Jahren trampt er los, hält den Daumen in den Wind und ist entschlossen, die Grenzen seiner trauten Heimat hinter sich zu lassen. Und wo geht das am besten? Gute Frage, zunächst einmal wird er jedenfalls in Düsseldorf angespült. Dort nimmt Udo – der als mittleres Kind schon immer das Trommeln (nicht zwingend auf einem Schlagzeug) als erstklassige Methode entdeckt hat, auf sich aufmerksam zu machen – seine ersten richtigen Schlagzeug-Stunden, besucht Jazzclubs, bestaunt die Stücke von John Coltrane und Miles Davies und fasst den damals noch mehr als heute wagemutigen Entschluss, Musiker zu werden. Sein Lebensprinzip wird ihn von da an in jeder Minute und im Grunde in seinem kompletten Schaffen begleiten: Ausbrechen, weitermachen, unterwegs sein!


Udo-Lindenberg (2)


Heute, mehr als 50 Jahre und unglaubliche 700 Songs später, hat er nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil, reißt man bei einen seiner atemberaubenden Stadion-Konzerte mal den Blick von der Bühne und betrachtet seine dicht-gedrängt um einen herumstehenden Mitstreiter im hellauf begeisterten Publikum, entdeckt man Menschen jedes Alters und jeder Couleur. Gar nicht mal so unbeeindruckend… schauen wir mal, wie er zu dem wurde, der er ist. Seine nächste Station ist eine nicht ganz freiwillige, denn auch der Wehrdienst macht vor Udo Lindenberg nicht halt. So landet er mit 17 in Tripolis, Libyen, das seiner Zeit noch von König Idris regiert wurde. Seine 12 Monate in Nordafrika verbringt der junge Udo damit, fleißig in den Clubs der Amerikaner aufzutreten und seine ersten amerikanischen Dollar zu verdienen – die waren damals noch richtig was wert! Aber dieser Auslandseinsatz bedeutet für ihn auch ein Leben in einer harschen Männerdomäne, zu viel billiger Whisky und zu lange Zigarren. Mit dem Ergebnis, dass er – wieder zurück in der immer noch nicht wirklich aufgewachten westfälischen Heimat – erstmal mit einer Vitamin B Kur aufgepäppelt werden musste. Gut so, sonst hätte er wahrscheinlich niemals Steffi Stephan kennengelernt. Der brauchte nämlich einen talentierten Trommler für seine Beat-Band „Die Mustangs“. Und Lindenberg fand in ihm – ohne es damals so recht zu wissen – das erste Mitglied seines Panikorchesters.


Udo-Lindenberg (1)


Das Talent des jungen Schlagzeugers spricht sich rum, sogar bis nach München. Aus den bayrischen Tiefen ereilt Udo schließlich ein Anruf, dessen Ergebnis einer Vielzahl der Deutschen noch heute regelmäßig jeden Sonntag Abend um 20:15 Uhr auf der Mattscheibe begegnet. Am anderen Ende der Telefonstrippe fragt ein gewisser Klaus Doldinger, ob Udo nicht nach München kommen möchte, er bräuchte einen Schlagzeuger für sein Bläser-Quartett. Klar möchte er das, schließlich feiert Udo die Trompeter und Saxophonisten aus seinen geliebten Jazz-Clubs schon lange als Helden und das Quartett von Doldinger war seiner Zeit eine echt renommierte Truppe. Die beiden trafen sich für einige Stunden, doch kaum einer sagte ein Wort. Sie spielten, ließen sich durch Schlagzeug und Saxophon treiben und lernten sich so kennen und schätzen. Lindenberg hatte den Job. Und – richtig geraten – mit Klaus Doldinger nahm Udo dann nicht nur eine Maxi-Tüte Studio-Erfahrung mit, sondern nahm auch die erste Version der Tatort Titelmelodie auf. Chapeau!


Udo-Lindenberg


Also, wo stehen wir? Udo beginnt, sich in der Musikwelt zu etablieren, bringt frischen Wind in jede Band, bei der er hinter den Trommeln sitzt und wird eine überregionale Szenebekanntheit. Aber das ist nicht genug, noch lange nicht! In jüngeren Jahren machte er eine Lehre als Kellner in einem Luxus-Hotel und lernte dabei die Taktung der Zweiklassen-Gesellschaft kennen. Und obwohl Udos Herz schon immer für die arbeitende Bevölkerung, den kleinen Mann schlug, wird ihm klar, dass er nicht auf ewig das Tablett halten will. Oder in anderen Worten: Der Platz am hinteren Rand der Bühne ist nicht für Udo bestimmt. Udo Lindenberg ist ein Mann der ersten Reihe, im übertragenen sowie im wörtlichen Sinne. Im Übrigen ist er auch ein Mann der ersten Stunde, denn Rockmusik, wie sie in den 70ern nur von Amerikanern und Engländern (sprich: mit englischen Texten) bekannt war, mit deutschen Texten zu versehen, war in der Schlager-durchtränkten deutschen Musikwelt allenfalls aberwitzig. Kein Wunder also, dass sich nie ein Sänger für Lindenbergs Bands finden wollte. Sei‘s drum, dann muss der Schlagzeuger eben selbst ans Mikro. Auch ohne Gesangsausbildung und vorerst sehr gemischten Gefühlen. Es dauerte vier Alben, ein paar wilde Abenteuer in den Zeiten freier Liebe, einige Whisky pur um die Stimme auf Vordermann zu bringen und dann war alles klar auf der Andrea Doria. Und Udo Lindenberg wurde in den Pop-Himmel katapultiert.



Nicht nur das. Mit seinem Mut, Rockmusik einfach auf Deutsch zu machen, durchbrach er eine Mauer und ebnete einen Weg den viele nach ihm und mit ihm gehen sollen: Marius Müller Westernhagen, Jan Delay, Clueso und, und, und… Alle, die heute deutschen Rock und Pop machen, haben von Udo gelernt. Hätte es ihn nicht gegeben, sähe die Welt vielleicht ganz anders aus. Denn, wie es sein Schützling Benjamin von Stuckrad-Barre getreu seines literarischen Talents so schön formulierte: Man könnte ein ganzes Wörterbuch mit Udo-Neologismen füllen. Wohl war, und diese nette Metapher zeigt nicht nur, dass Lindenberg mit einer nuschelnden Wortgewandtheit mal eben die deutsche Sprache von ihren biederen Fesseln befreite, er schaffte sich auch seine eigene Welt, mit sich selbst als Regisseur und gleichzeitig schillernder Hauptfigur im Mittelpunkt. Ein unverwechselbarer Charakter, um den sich eine enge und vertraute Gruppe aus Musikern und Kreativen – seine Panik-Familie – gebildet hat. Eine „Armee von Sonderlingen“ (wieder ein Stuckrad-Barre Zitat), die ihm auch in dunklen Zeiten nicht von der Seite rückt. Und die gab es – auch im Leben des Udo Lindenberg.


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Es waren die 90er, eine Zeit, in der man meinen könnte, hier gibt‘s jetzt nur noch den Echo für‘s Lebenswerk und dann ciao, auf nimmer Wiedersehen. Auch der Alkohol, man könnte beinahe sagen sein damals bester Freund, ließ ihn Stufe um Stufe in einen dunklen Abgrund schreiten. Fast unaufhaltsam. Aber eben nur fast. Der plötzliche Tod seines älteren Bruders rüttelt ihn wach, seine Panik-Familie stützt ihn beim Aufstehen. Es geht weiter – wie sollte es auch anders sein? Bei Udo geht es immer weiter, das in Bewegung sein ist seine Lebensprämisse und nicht nur ein Image. Ein Image hätte er wohl kaum über ein halbes Jahrhundert künstlich aufrecht erhalten können. Udo ist Udo selber – es gibt keine Kunstfigur, die das Privatleben des Musikers abschirmt, nein, bei ihm sind Mensch und Kunst zu einem Kosmos verschmolzen in dem er sich inszeniert und trotzdem immer ganz persönlich bleibt. Sein Leben als Bühne. Darüber berührt er viele, egal ob sie in seiner Generation aufgewachsen sind oder erst lange nach seinen ersten Durchbrüchen das Licht der Welt erblickten. Er spricht zu den ganz normalen Menschen, nicht nur durch seine emotionale Tiefe und Offenheit, sondern weil er sich in ihrem Umfeld bewegt. Die Straße ist sein Ort der Inspiration, die Imbissbuden-Besitzer im Hamburger Hauptbahnhof seine Grand Cuisiniers und die Reeperbahn seit jeher seine Flanier-Meile.


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Vor wenigen Tagen erst kam die Meldung, Udos neues Album „Stärker als die Zeit“ habe innerhalb von 100 Stunden mit 200.000 verkauften Exemplaren Platin-Status in Deutschland erreicht. Also bitte – der einzige, der Udo etwas vormachen kann, ist wahrscheinlich Udo selbst. Happy Birthday zum Siebzigsten! Darauf ein Eierlikörchen – oder zwei!

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Die besten letzten Platten aller Zeiten

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35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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