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Popkultur

Wie und woraus Brian May und sein Vater die Red Special bauten

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Mairo Cinquetti/NurPhoto via Getty Images

Ein hundert Jahre alter Kaminsims mit Holzwürmern, Federn eines Motorrads und ein ehrgeiziges Vater/Sohn-Gespann: Mit der Red Special schufen Brian May und sein Vater Harold aus Geldnot eine der legendärsten Gitarren der Rockgeschichte.

von Markus Brandstetter

Der spätere Queen-Gitarrist und sein Vater – ein Elektroingenieur – machten Anfang der 1960er-Jahre aus der Not eine Tugend. Eigentlich hätte Brian in seinen Teenagerjahren gerne eine der üblichen Verdächtigen gehabt: eine Fender Stratocaster oder eine Gibson Les Paul. Allerdings war dies im Haushaltsbudget der Familie einfach nicht drin – und so setzten sich Brian und Harold  eine ganz besondere Aufgabe in den Kopf: Sie wollten selbst eine E-Gitarre bauen. Und nicht nur irgendeine.

Ein alter Kaminsims als Hals

Die Arbeiten an dem Instrument begannen im August 1963. Weder Vater noch Sohn hatten jemals zuvor eine Gitarre gebaut. Diese Unerfahrenheit machten sie aber mit jeder Menge Ehrgeiz und Flexibilität in puncto Material wett. Sie nahmen, was eben herumlag – oder aufzutreiben war. Zum Beispiel einen damals um die hundert Jahre alten Kaminsims eines Bekannten der Familie, den dieser schon entsorgen wollte. Aus dem Holz des Kamins fertigten die beiden den (bemerkenswert dicken) Hals der Gitarre. Das brachte ihr den zweiten Spitznamen “Fireplace” ein (May nennt sie außerdem “Old Lady”). Das Problem: Das Holz hatte einige Wurmlöcher, die May laut eigenen Angaben mit Streichhölzern stopfte. Angemessene Werkzeuge hatten die beiden keine zur Hand – das hielt sie allerdings nicht ab.

Zwei Jahre arbeiteten die beiden an der Gitarre, besserten im Trial-and-Error-Verfahren immer nach. Für den Korpus nahmen die beiden Eichenholz sowie ein Mahagoni-Furnier, bauten Hohlräume ein. Die Federn für das Tremolo-System nahmen die beiden von einem alten Motorrad, der Kopf des Hebels besteht aus einer alten Stricknadel seiner Mutter.

Den ursprünglichen Gedanken, der Gitarre (wie bei Hollowbodys nicht unüblich) ein F-Loch zu verpassen, ließ May wieder fallen – dies hätte sich mit dem vorhandenen Material und Know-how als zu kompliziert gezeigt.

Die beiden hatten keine Scheu vor ungewöhnlichen Entscheidungen: die 24 Bünde waren damals ebenso ungewöhnlich wie die drei Tonabnehmer, die mit zahlreichen Schaltern in alle möglichen Kombinationen (sowohl in phase als auch out of phase) zusammengeschaltet werden können. Am besten nachzuhören ist dies auf der Studioaufnahme von Bohemian Rhapsody –  da machte sich May den Spaß und nutzte jede mögliche Pick-up-Kombination.

Achtzehn Monate später war die Red Special schließlich fertig. Seit diesem Zeitpunkt ist sie Mays Hauptinstrument – sowohl im Studio als auch live. Dass er im Studio mal eine andere Gitarre benutzte, ist eine historische Ausnahme – so geschehen bei den Aufnahmen zu Crazy Little Thing Called Love, wo er sich zu einer Telecaster überreden ließ. Rückblickend meinte er aber, seine Red Special hätte das genauso gut hinbekommen. Auch live kommt kommt sein Red Special auf Liveshows bis heute in 98 Prozent der Fälle zum Einsatz. Nur, wenn May zur Drop-D-Stimmung oder zu einer Akustikgitarre wechselt, nimmt er ein anderes Instrument zur Hand – oder dann, wenn ihm eine Saite reißt.

Zeitsprung: Am 22.3.1984 drehen Queen das Video zu „I Want To Break Free“.

Die Red Special als Serienmodell

Zweimal – einmal von 1983 bis 1985 und einmal von 1993 bis 1995 – brachte die Firma Guild eine Replika als Serienmodell auf den Markt. Anfang der 2000er-Jahre tat die Marke Burns dasselbe. Mittlerweile vertreibt May selbst (unter der Marke Brian May Guitars) einen Serien-Nachbau seines berühmten Instruments.

Auch wenn es Entwürfe gab: Eine zweite Gitarre zu bauen, interessierte May dann übrigens doch nicht. Die Red Special hat sich, mit der nötigen Pflege und regelmäßigen Services samt kleinen Reparaturarbeiten bemerkenswert gut gehalten, größere Reparaturen waren laut May nie notwendig. Sie ist ein Glücksgriff und eine Liebesarbeit – eine einzigartige Gitarre im wahrsten Sinne des Wortes, die May aller Voraussicht nach bis zum (hoffentlich noch fernen) Schluss begleiten wird.

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