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Popkultur

Wipers-Debüt „Is This Real?“: Wie der Seattle-Sound vor 40 Jahren in Portland entstand

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Wipers
Foto: Frans Schellekens/Redferns/Getty Images

Vor 40 Jahren, irgendwann zwischen Ende 1979 und Januar 1980, erschien ein Album, über das immer wieder geredet wird und das doch viel zu wenige kennen. In all den Listen mit den besten Punk-Alben aller Zeiten taucht Is This Real? von den Wipers so gut wie nie auf, obwohl ihm dort ein Spitzenplatz zustehen sollte. Hier wurde unüberhörbar das Fundament von Grunge gelegt.

 von Michael Döringer

Andererseits wollte diese Band von Anfang an nichts mit dieser Bewegung zu tun haben. Deshalb scheint das Album seinen Status als bewusst übersehene Platte ganz zurecht zu haben, nicht mal Edelfan Kurt Cobain konnte daran etwas ändern. Die gute Nachricht in dieser verzwickten Situation: Die Musik ist so gut und singulär, dass sie einen noch heute immer wieder völlig unvermittelt umhaut.

Hört hier das komplette Wipers-Debüt Is This Real?:

Gegründet wurden die Wipers im Jahr 1977 in Portland, Oregon. Der Ort liegt direkt an der Grenze zum Bundesstaat Washington, nicht unweit von Seattle und noch näher an dem Städtchen Aberdeen, in dem Kurt Cobain aufwuchs. Das ist nicht unwichtig, denn die Wipers galten von Beginn an als lokales Phänomen und die Punk-Szene in Portland zog nicht viel landesweite Aufmerksamkeit auf sich.

Mysteriöses Ein-Mann-Projekt

Die Wipers wurden von Sänger, Gitarrist und Studio-Mastermind Greg Sage eher als „Aufnahmeprojekt“ erdacht statt als klassische Band. Sage hatte keinen Bock auf den üblichen Zirkus – Konzerten, Tourneen, Promo- und Presse-Aktionen wollte er keine Zeit und Energie opfern. Es ging ihm damit sicher auch darum, ein kleines Mysterium um ihn herum zu erzeugen, aber auch darum, die Leute anders an die Musik heranzuführen: Sie sollten genauer hinhören, tiefer eindringen und ihre Vorstellungskraft wirken lassen. Das Line-Up der Wipers sollte sich immer wieder ändern, nur eine Personalie blieb konstant. Es ist ein bisschen so wie bei den britischen Post-Punk-Legenden The Fall und Mark E. Smith. Der sagte: „Und wenn es nur ich und deine Oma an den Bongos sind, ist es immer noch The Fall.“

Greg Sage wollte alles anders machen, aber als es um Veröffentlichtung des ersten Albums ging, musste er seine Ideale schon zurückfahren und Kompromisse eingehen. Eigentlich wollte man Is This Real? in Eigenregie veröffentlichen, nahm dann aber doch die Hilfe eines Labels in Anspruch. Park Avenue Records verlangte, das mit einem Vierspurgerät aufgenommene Album nochmal in einem professionellen Studio neu einzuspielen. Bessere Sound-Qualität hätte schließlich für mehr Radio-Airplay sorgen können. Von einem daraus resultierenden überpolierten Sound kann man thank god nicht sprechen: Eine Rest-Roheit und Unmittelbarkeit durchzieht das Album, die man sich nicht besser hätte ausdenken können.

Aus der Distanz

Das Label erfüllte seinen Teil der Abmachung allerdings nicht und betrieb kaum Promotion für Is This Real?, das im Januar 1980 erschien und nur eine kleine lokale Fangemeinde erreichte. Weil man sich von Punk distanzierte, konnte man die internationale Welle auch nicht mitnehmen. Man schien Galaxien entfernt von Zentren wie London, New York oder Los Angeles. „Es war reiner Zufall, dass Punk mit meinen eigenen musikalischen Ambitionen zusammenfiel“,  sagte Sage anno 2000 in einem Interview mit dem deutschen Punk-Fanzine Ox. Der Ruf dieses Albums sollte sich also erst über Jahre und Jahrzehnte entwickeln. Man erspielte sich eine Fangemeinde. Auch wenn Greg Sage angeblich keinen Wert darauf legte, auf der Bühne zu stehen, sondern nur Platten machen wollte, waren die Wipers live eine Naturgewalt.

Man behauptet immer gern, ein Album sei seiner Zeit voraus gewesen. Das kann man beim Debüt der Wipers kaum verstehen, denn aus heutiger Sicht passt es perfekt in diese frühe Post-Punk-Zeit. Hüsker Dü machten ein paar Jahre später eigentlich nicht viel anders, gingen aber in der Chance der Popularität auf. Die Wipers hatten Pech, konnten sich auf keine Szene oder Industrie verlassen, wählten die Isolation allerdings auch selbst. Greg Sage war in jeder Zelle seines Daseins anti-alles. Später sagte er dazu:

„Wir waren keine wirkliche Punk-Band. Wir waren noch weiter draußen, noch extremer als die Punk-Bewegung, weil wir uns gar nicht klassifizieren lassen wollten. Wir wollten in neues Gebiet vorstoßen. Als wir ‘Is This Real?’ veröffentlichten, passte es definitiv nirgends dazu, so wie jede unserer folgenden Platten. Und dann zehn Jahre später begannen die Leute plötzlich zu sagen: ‚Oh ja, das ist ein Punk-Klassiker der 80er!‘“

Zu gut für Punk

Textlich streifte Sage ebenfalls Punk-Territorium, aber vielleicht war er eine Spur zu düster und ernst. Auch auf den nächsten beiden klassischen Alben Youth Of America (1981) und Over The Edge (1983) geht es um Einsamkeit, Paranoia, Schicksal und Verdammung, Identität und Außenseitertum. Die große Frage ist: Wenn die Wipers so viele Bands beeinflussten, darunter so berühmte wie Nirvana, wie können sie dann nur als vergessen oder übersehen gelten?

Ein Grund ist, dass die Wipers nicht in die stromlinienförmige, lineare Erzählung der Musikgeschichte passen: Erstens waren sie im Jahr 1980 schon viel weiter als andere Punk-Bands, die das mit den zwei Akkorden und der Talentfreiheit immer noch viel zu wörtlich nahmen. Die Wipers waren zu gut, um der Amateur-Ästhetik von Punk zu entsprechen. Zweitens: Während Bands wie Minor Threat, die Bad Brains oder Black Flag – die ihre Debütalben übrigens alle deutlich nach den Wipers veröffentlichten – allesamt im Sinn hatten, Punk immer schneller und schroffer zu machen, drängte es Sage in andere Ecken: Er entwickelte ausufernde Gitarren-Epen mit deutlichen Einflüssen aus Blues-, Psych- und Krautrock und einem technisch meisterhaft verzerrten Sound, der den Songs der Wipers ihren unverwechselbaren Charakter verlieh.

Die Songs auf dem Wipers-Debüt sind vielleicht recht simpel mit ihren Power Chords und den vielen Melodien. Aber es ist ihre klangliche Qualität, die das meiste transportiert: die Gefühle, ein Verhältnis zur Welt. Ist das nicht schon die klarste Verbindung zu Nirvana? Zwei Songs von Is This Real? gibt es in Versionen von Nirvana:

Ohne die Wipers würde es Grunge nicht geben – so schrieb es Kurt Cobain auf Seite 217 in sein Tagebuch: „Wenn es so etwas wie einen ‘Seattle-Sound’ gibt, dann stammt er aus dem Portland, Oregon der frühen 80er von einem Trio namens Wipers.“

Berühmte Fans, aber kein Geld

Auf den selben Seiten notierte Kurt Cobain auch eine Liste seiner 50 Lieblingsalben. Raw Power von den Stooges auf Platz eins, danach kommen Surfer Rosa von den Pixies und Pod von The Breeders. Es folgen diverse Bands und Epochen – Black Flag, R.E.M., The Slits, Public Enemy. Doch von Platz 46 bis 48 folgt sie, die Trilogie der ersten drei Wipers-Alben, angeführt von Is This Real? (1980). Damit stehen die Wipers zwar relativ weit unten in den Top 50, sind aber die einzige Band mit drei Alben in dieser Liste. Auch der legendäre BBC-Radiomoderator John Peele zählte Is This Real? wiederholt zu seinen Lieblingsalben.

Mudhoney, Pearl Jam, Nirvana – viele Protagonisten von damals und heute sehen diesen Bezug als völlig offensichtlich an. 1993 veranlasste Sub Pop eine Wiederveröffentlichung von Is This Real?. Eine glasklare Verneigung vor der Leistung dieser Band und dem Impact dieser Platte. Greg Sage war nicht involviert. Er sagte immer, man hätte ihm die Platte gestohlen, immer wieder gab es neue Lizenzverträge, bei denen die eigentlichen Urheber außen vor blieben. Frustriert sagte Sage einst: „Verdammt, diese Platte ist nun seit 20 Jahren fast ständig verfügbar und wir haben noch nie einen Cent dafür gesehen.“

Wahrscheinlich ist es dabei geblieben. Zumindest hätte Greg Sage es verdient, in der ersten Reihe der Gitarristen des Independent Rock der 80er und 90er zu stehen, aber letztlich hat er das stets selbst verhindert. Nirvana luden die Wipers immer wieder als Support zu großen Tourneen ein, Sage lehnte immer dankend ab. Er wollte entweder nie opportunistisch wirken und behauptete, das Timing sei gerade schlecht. Aber vielleicht war ihm das auch alles eine Nummer zu groß. Vielleicht spielte Angst dabei eine große Rolle. Wie in so vielen seiner Texte. Andere singen immer vom Glück, er von Angst, Angst, Angst.

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Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Popkultur

Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Der kürzeste Song, die längste Tour: Diese 7 Bands haben Weltrekorde aufgestellt

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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