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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.10.1967 feiert das Rock-Musical „Hair“ seine Weltpremiere.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.10.1967.

von Christof Leim und Tom Küppers

Das Jahr 1967 geht nicht zwingend als eines der glorreichsten in die amerikanischen Geschichtsbücher ein. Das alles überschattende Thema ist der Vietnam-Krieg: Die mutmaßlich übermächtigen US-Streitkräfte haben mittlerweile knapp eine halbe Million Soldaten in Fernost stationiert, beide Seiten beklagen unzählige Todesopfer. Währenddessen geht in Detroit die Polizei gemeinsam mit der Nationalgarde gegen die Bevölkerung vor, um mehrere Tage dauernde Auseinandersetzungen nach einer Bar-Razzia zu beenden. Boxer Muhammad Ali weigert sich wie viele andere junge Menschen, seiner Einberufung zum Militärdienst nachzukommen, was ihn den Weltmeistertitel kostet.


Die Originalversionen des Erfolgs-Musicals zum Reinhören:

Klickt auf „Listen“ für die ganze Playlist.

Auf der anderen Seite hören bei Massendemonstrationen Abertausende Bürgerrechtlern wie Martin Luther King zu, der sich klar gegen Krieg und Rassismus ausspricht. Längst hat sich eine friedliche Gegenkultur herausgebildet, in der vor allem die Hippies Liebe und Frieden propagieren, völlig unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe. Die zeitgenössische Kultur übernimmt indes die ihr zugedachte Rolle als gesellschaftlicher Spiegel. Der Protestsong hat sich dank Bob Dylan fest etabliert, die Rock- und Popmusik wird immer experimentierfreudiger. Beispielsweise veröffentlichen die Beatles ihr psychedelisches Meisterwerk Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band.

Eine Demonstrantin bietet während einer Anti-Vietnam-Demonstration der wachhabenden Militärpolizei eine Blume an. Credit: S. Sgt. Albert R. Simpson.

Die Kunstform Musical an sich ist seinerzeit eher der gutbürgerlichen Mittelschicht vorbehalten. Am legendären Broadway feiern Aufführungen wie Anatevka (das mit Wenn ich einmal reich wär) oder Hello, Dolly! in den Sechzigern Riesenerfolge. Den aktuellen Themen und Sorgen der jungen Generation allerdings wird kein Rampenlicht zugestanden. Die beiden Schauspieler und Autoren James Rado und Gerome Ragni wollen das ändern.

Kennengelernt haben sich die zwei am sogenannten Off-Broadway, den kleinen New Yorker Theatern, wo sich junge Künstler (oftmals erfolglos) ausprobieren dürfen. Für die gemeinsam erdachte Geschichte zu ihrem Musical Hair lassen sie sich von der Stimmung und den Charakteren inspirieren, denen sie auf den Straßen der Großstadt begegnen. „Wir kannten zum Beispiel diese Clique von Jugendlichen aus dem East Village, die nicht zur Armee wollten und sich allerlei Zeug rein pfiffen“, erinnert sich Rado 2001 in einem Artikel der L.A. Times. „Auch die Zeitungen waren voll mit Berichten über Leute, die wegen langer Haare aus der Schule geworfen wurden.“



Genau das, was draußen auf den Straßen des Landes passiert, wollen die beiden in ihrem Stück aufgreifen: Zeitgenössische Themen mit passender Musik, die sich klar und deutlich auf aktuelle Rock- und Popklänge bezieht. Drei Jahre arbeiten sie an ihrer Story, bis ihnen 1967 Galt MacGernolt über den Weg läuft. Der aus Kanada stammende, mit einem Grammy ausgezeichnete Komponist hat bis zu seinem Treffen mit Rado und Ragni noch nie von Hippies oder Gegenkultur gehört. Doch er ist sofort Feuer und Flamme für die Idee, ihre Geschichte musikalisch umzusetzen. Nach nur drei Wochen steht sein erster Entwurf, darunter bereits Titel wie Where Do I Go, das spätestens in der Kinoversion von 1979 zum Hit wird. Zu den anderen ikonischen Songs des Musicals gehören Let The Sunshine In und Aquarius.



Mit dem fertigen Musical in der Tasche zieht das Trio los, sammelt aber ausschließlich Absagen ein. Ausgerechnet Joe Papp, der Leiter des New Yorker Shakespeare Festivals, greift beherzt zu und möchte das Stück in seinem Public Theater im East Village aufführen lassen. Hair wird somit zu seiner ersten Produktion mit noch lebenden Autoren. Die Proben verlaufen unerwartet turbulent. Ihre Darsteller engagieren Ragni und Rado gerne direkt von der Straße oder aus ihrem Bekanntenkreis. Das bringt zwar Authentizität, doch das Theaterpersonal ist ein derartiges Arbeiten nicht gewöhnt. Schlimmer noch: Die Belegschaft kann mit dem Inhalt des Stücks rein gar nichts anfangen. Die New York Times berichtet in einer Rückschau anlässlich des 40. Jubiläums der Uraufführung davon, dass Regisseur Gerald Freedman kurz vor der ersten Aufführung die Brocken hinschmeißt und sich erst nach einer völlig verpatzten Generalprobe vom verzweifelt flehenden Papp zur Rückkehr bewegen lässt.  



Am 17. Oktober 1967 feiert Hair endlich seine Premiere. Sechs Wochen Laufzeit sind angesetzt, die Kritiker geben sich eher zurückhaltend – im Gegensatz zum Publikum, das sich sofort mit Geschichte und Musik identifiziert. Es dauert kein halbes Jahr bis Hair dann (in überarbeiteter Form) doch noch am Broadway landet, was einen Siegeszug um die ganze Welt einläutet und Hair zum erfolgreichsten Musical seiner Zeit macht. Die deutsche Version Haare beispielsweise reist ab dem Oktober 1968 fast zweieinhalb Jahre durch die Republik. 1979 erscheint zudem ein Kinofilm, der auf dem Musical basiert.

Hair in der Kieler Fußgängerzone am 15. Oktober 1969. Credit: Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte.


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