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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.3.1996 klagen Tommy Lee & Pamela Anderson wegen eines Sexvideos.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.3.1996.

von Christof Leim

Die Geschichte des gestohlenen Videos von Tommy Lee und Pamela Anderson liest sich wie ein Krimi über Sex, Waffen, die Mafia und Unmengen von Dollars. Das erste „Celebrity Sex Tape“ machte vor über zwanzig Jahren aus dem damaligen Ehepaar die unfreiwilligen Stars eines wackligen Amateurpornos. Am 29. März 1996 versuchen die beiden, die Verbreitung und massive Verletzung ihrer Privatsphäre durch eine Millionenklage einzudämmen – vergeblich.

Hört hier die besten Mötley-Crüe-Songs:

><noscript><img loading=Wann genau das Video gestohlen wurde, weiß man nicht so genau. Doch Ende 1995 machen Aufnahmen die Runde, die Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee und Topmodel Pamela Anderson im Urlaub zeigen: ein frisch verheiratetes Paar, das seine Liebe gut gelaunt und freizügig auslebt. Mit anderen Worten: Man sieht wackelige Szenen von zwei sehr berühmten, sehr attraktiven Menschen, und bei ein paar Sequenzen haben sie Sex. Eigentlich hatten die beiden die Hi8-Kassette schon lange in ihrem Safe weggeschlossen. Dessen Diebstahl bemerken sie erst im Januar 1996. Am 29. März 1996 reichen Anderson und Lee schließlich eine Zehn-Millionen-Dollar-Zivilklage gegen alles und jeden ein, die eine Kopie des Videos besitzen. Doch die Verbreitung können sie nicht mehr stoppen. Die ganze  Geschichte, wie sie der Rolling Stone in einem großartigen Stück von 2014 nachzeichnet, klingt wie aus einem Krimi und nimmt ein paar überraschende Wendungen. Vor allem für den Dieb geht die Sache anders aus, als er erwartet hätte.

Ärger mit dem Handwerker

Blicken wir zurück ins Jahr 1995: Damals lassen Anderson und Lee ihre Villa in Malibu aufwändig umbauen und renovieren. Daran beteiligt ist auch der Elektriker und Pornodarsteller Rand Gauthier. Im Frühling des Jahres wird er jedoch abrupt gefeuert. Angeblich schulden die Hausbesitzer im da noch 20.000 Dollar. Als er zurückkehrt, um sein Werkzeug einzusammeln, soll Tommy Lee ihn mit einer Pistole in der Hand aufgefordert haben, das Gelände zu verlassen. „Noch nie hatte jemand eine Waffe auf mich gerichtet“, sagt Gauthier später. „Das hat mich ziemlich durcheinander gebracht.“

Werden Opfer einen Diebstahls und unfreiwillige Stars eines Sexvideos: Tommy Lee und Pamela Anderson.
Foto von Joel Telling (http://www.joeltelling.com/) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons, und von Darren Stone (Pamela Anderson) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons.

Gauthier weiß von einem riesigen Safe in Tommys Aufnahmestudio. Mehrere Male während des Sommers fährt nachts zur Villa, um sie auszuspionieren. Er besorgt sich sogar ein weißes Fell, um für die Kameras wie der Hund des Paares auszusehen. Im Oktober irgendwann bricht er ein, vermutlich mit einem Komplizen, und entfernt den Safe. Laut Rolling Stone wird das Studioequipment wieder so platziert, dass der Diebstahl nicht auffällt. In einem Wald bricht Gauthier den Stahlkasten auf, findet Schmuck, teure Uhren – und eine Hi8-Camcorder-Kassette. Dessen Inhalt sollte zum berühmtesten „Celebrity Sextape“ der Welt werden. Darüber wundert sich Tommy Lee ein paar Jahre später allerdings: „Ich weiß nicht, was so interessant daran sein soll, einem verheirateten Paar beim Vögeln zuzugucken. Ich bin nicht der Präsident. Wir waren im Urlaub und haben das getan, was der Rest der Welt auch tut. Wir haben uns beim Rumblödeln gefilmt und uns nackig gemacht. Keine große Sache.“ Zumal von den 54 Minuten gerade mal acht Sex zeigen. Gauthier hingegen sieht schon die Millionen anrollen, weiß aber auch: „Wegen sowas werden Leute umgebracht.“

Viel  Geld, aber nicht für den Dieb

Ein paar Jahre später hat das Tape tatsächlich einen Riesenhaufen Geld eingespielt, manche Quellen sprechen von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Das Filmchen geht im Netz viral, als sowas noch ganz neu war. Da befindet sich Rand Gauthier schon auf der Flucht, und zwar ohne viel Geld in der Tasche. Die Originalkassette gibt es auch nicht mehr. Natürlich geistert das Video weiter durch das Netz, einen harmlosen Ausschnitt seht ihr hier:

Wie das kommt, schlüsselt der Artikel im Rolling Stone im Detail auf: Gauthier tut sich anfangs mit einem ehemaligen Pornostar und Studiobesitzer namens Milton „Uncle Miltie“ Ingley zusammen, um einen Vertrieb für das Video zu finden. Das erweist sich als schwierig, Unterstützung kommt schließlich  von einem Herrn namens Louis “Butchie” Peraino, Nachkomme der Colombo-Familie, einem Verbrecherclan, der bereits den legendären frühpornografischen Streifen Deep Throat finanziert hatte. (Das heißt: Die Geschichte ist von Rock’n’Roll über Diebstahl und Schwarzmarkt jetzt bei der Mafia angelangt.)

Ein unverfrorener Plan

Gauthier und Ingley verkaufen Kopien des Filmchen über diverse Websites und tarnen den Geldfluss über ein Konto in den Niederlanden. Gauthier fährt sogar mit einem Van voller VHS-Kassetten durch die Gegend. Sein Kompagnon hingegen macht sich irgendwann vom Acker. Dummerweise zieht sich noch ein Mitarbeiter von Ingley seine eigene Kopie und startet ebenfalls einen kleinen Handel mit dem Video. Derweil setzen Anderson/Lee einen Privatdetektiv – und womöglich auch ein paar ihrer angsteinflößenderen Freunde – auf die Quelle der Verbreitung ihres Urlaubsvideos an. Gauthier muss untertauchen, Ingley flieht nach Europa. Beide gehören zu den Beschuldigten in der Zehn-Millionen-Dollar-Klage des Ehepaars. Und leider gibt es da noch ein paar Schulden bei Peraino, dem Mafia-Nachfahren… Wir haben ja gesagt: Wie in einem Krimi.

Aber es wird noch besser: Die Klage wird abgewiesen. Dass die Verbreitung der Aufnahmen die Privatsphäre des Ehepaares verletzt, sollte außer Frage stehen. Juristisch sieht das jedoch anders aus, auch, weil es sich um „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ handelt. Immerhin bringt eine gerichtliche Verfügung Ingleys Handel aus Übersee zum Erliegen. Und Gauthier, der eigentliche Dieb, hat schließlich überhaupt nichts mehr von seiner grandiosen Idee, weil der Internet-Entrepreneur Seth Warshavsky einen ziemlich unverfrorenen Plan durchzieht: Am 7. November 1996 sendet er das Video über eine Website namens Club Love für fünf Stunden am Stück. Erstens kann ihn Gauthier dafür offensichtlich nicht belangen, zweitens sind Anderson/Lee damit endgültig mit allen Bemühungen gescheitert, das Material unter Verschluss zu halten.

Flucht nach vorne

Um zu retten, was noch zu retten ist, übertragen Pamela Anderson und Tommy Lee schließlich die Rechte an Warshavsky, der sie zusammen mit dem Erotikimperium Vivid Entertainment nach allen Regeln der Kunst vermarktet, etwa unter dem Titel Pam & Tommy Lee: Hardcore & Uncensored. Angeblich haben die beiden Stars nie finanziell davon profitiert, aber natürlich vermutet so mancher, dass es „hintenrum“ einen Deal gegeben haben muss. Es folgt aber noch mindestens ein Verfahren, bei dem Anderson/Lee ein hoher Schadenersatz (1,5 Millionen) von Warshavskys Firma IEG zugesprochen wird.

Cover der DVD-Box von Pam & Tommy Lee: Hardcore & Uncensored

Und was machen die, die ursprünglich das dicke Geld einstreichen wollten? Ingley kehrt erst in die USA zurück, als Mafiamann Peraino an Krebs erkrankt, und verstirbt selbst wenig später völlig mittellos. Am allerwenigsten hat Rand Gauthier von dem Sexfilmchen. Er arbeitet heute wieder als Elektriker. Angesichts der offensichtlichen Liebe und Zuneigung des frisch verheirateten Pärchens in dem Video sagte er später: „Das war süß. Sie lieben sich, sie haben Spaß miteinander, und das ist großartig. Mich macht das neidisch. Ich wünschte, ich hätte so etwas auch.“ Ein Happy End sieht anders aus.

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Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Popkultur

Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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