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Popkultur

Zeitsprung: Am 4.12.1993 stirbt der einzigartige Frank Zappa.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.12.1993.

von Timon Menge und Christof Leim

Was Frank Zappa in den 52 Jahren seines zu kurzen Lebens auf die Beine gestellt hat, lässt sich kaum begreifen. Mehr als 60 Platten veröffentlicht das Musikgenie vor seinem Tod, über 40 weitere Alben erscheinen posthum. Heute blicken wir auf sein höchst kreatives Leben zurück.


Hört hier in die besten Zappa-Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.


Am 21. Dezember 1940 kommt Zappa in Baltimore, Maryland zur Welt und wächst in einem multikulturellen Mehrgenerationenhaushalt auf. So stammen die Vorfahren seiner Mutter Rosemarie aus Italien und Frankreich, sein Vater Francis Vincent siedelt aus Italien in die USA über und bringt zudem griechische sowie arabische Wurzeln mit. Die italienische Sprache lernt Frank Zappa vor allem Dank seiner Großeltern, die mit der Familie zusammenleben; außerdem hat er drei jüngere Geschwister.

Sein Vater arbeitet in der Rüstungsindustrie, weshalb die Familie oft umziehen muss. Nach einigen Jahren in Florida heuert er in einer Firma für Chemiewaffen in der alten Heimat Baltimore an. Weil der Betrieb in der Nähe des Wohnhauses unter anderem Senfgas lagert, bunkern die Zappas sicherheitshalber Gasmasken — ein Umstand, der den zukünftigen Musiker Frank tief beeindruckt. Immer wieder nimmt er in seinen Songs Bezug auf Keime, biologische Kampfmittel und die Rüstungsindustrie im Allgemeinen.



Seine Begeisterung für Musik entdeckt Zappa schon während der High School. Zunächst faszinieren ihn moderne klassische Komponisten wie Edgard Varèse, Igor Stravinsky und Anton Webern. Zeitgleich findet er Gefallen an R&B- und Doo-Wop-Musik. In seiner Schulzeit komponiert er klassische Stücke und spielt in einer R&B-Band, zunächst als Schlagzeuger, dann als Gitarrist. Später erlernt er ein Instrument nach dem anderen und stellt jeden noch so ambitionierten Durchschnittsmusiker in den Schatten. So beherrscht Zappa auch Bass, Klavier und Percussion. Mit acht Armen hätte er also als ganze Band auftreten können.



1966 veröffentlichen Zappa und die Mothers Of Invention ihr Debüt Freak Out!. Das bahnbrechende Album setzt zwar auf klassische Rock’n’Roll-Songstrukturen, vermischt sie jedoch mit allerhand Verrücktheiten wie Improvisationen und Klangcollagen. Sogar Paul McCartney verrät in einem Interview, dass Freak Out! das legendäre Beatles-Opus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band durchaus beeinflusst habe.



Die Mothers (wie die Band meist verkürzt genannt wird) lösen sich 1969 vorübergehend auf, im gleichen Jahr erscheint das erste Soloalbum Hot Rats. Und damit geht es erst los: Wollten wir sämtliche Werk aufzählen und kommentieren, müssten wir uns alle den Nachmittag frei nehmen. Zappa komponiert anscheinend durchgehend und findet immer neue Ausdrucksformen im musikalischen Bermudadreieck aus Rock, Jazz, freier Improvisation, Klassik und allerlei experimentellen Stilen – Fusion im reinsten Sinne. Die bissigen Sozialkommentare und satirischen, fast komödiantischen Texte wirken mitunter wie ein Gegensatz zum unfassbar hohen musikalischen Anspruch seiner Kompositionen. Zappa hat sogar indirekt mit der Entstehung des ikonischsten Riffs im harten Rock zu tun: Als als bei einem Schweizer Konzert der Mothers Of Invention ein Feuer ausbricht und Rauch über den Genfer See zieht, inspiriert das Deep Purple zu Smoke On The Water. (Die ganze Geschichte steht hier.)


Zwei der über 100 Alben, die Frank Zappa zu Lebzeiten und posthum veröffentlicht hat


Mit Apostrophe schafft er es 1974 sogar in die US-Top Ten, auch Over-Nite Sensation (1973) und Zoot Allures (1976) gehören zu den Standardwerken. Seinen größten Hit landet Zappa 1979 vor allem in Europa mit Bobby Brown (Goes Down). Der Song erscheint auf seinem 26. Album Sheik Yerbouti und handelt von einem wohlhabenden, frauenfeindlichen Studenten namens Bobby Brown, dem „süßesten Jungen der Stadt“. Der Text beschreibt Bobby, den Archetypen des amerikanischen Traums, dessen Weltbild gehörig ins Wanken gerät, als er sich auf ein sexuelles Verhältnis mit der lesbischen Frau „Freddie“ einlässt. Er zweifelt daraufhin an seiner Heterosexualität und verwandelt sich in einen schwulen Mann, der sein Geld mit Radiowerbung verdient. Kein Wunder, dass die US-amerikanischen Radiosender den Song nicht spielen wollten. Lustigerweise läuft das Stück in Ländern, in denen Englisch nur als Fremdsprache gesprochen wird, viel öfter.



Während seiner Karriere fühlt sich Zappa weder im Untergrund noch im Mainstream wohl. Statt sich fremden Regeln zu unterwerfen, schreibt er lieber seine eigenen, ob musikalisch, persönlich, geschäftlich oder politisch. Nicht selten liegt er im Streit mit Labels und anderen Geschäftspartnern. Seine Werke zeichnen sich nicht nur durch Klangexperimente, Improvisation und hohen Anspruch aus, sondern auch durch satirische Darstellungen der US-amerikanischen Kultur. Das Online-Portal AllMusic verleiht ihm sogar den Titel „Vater des Comedy Rock“. Seine Arbeit polarisiert durchaus: Während die Einen ihn für seine umfangreichen Kompositionen bewundern, werfen die Anderen ihm vor, seine Musik besitze keinen emotionalen Tiefgang und zu klinisch klängen die durchkonstruierten Arrangements.



In die Verzweiflung treibt Zappa vor allem Musikjournalisten. So lassen sich seine Veröffentlichungen schwer einsortieren, denn sie unterscheiden sich nicht nur untereinander stark; selbst auf ein und derselben Platte verarbeitet der Meisterkomponist die unterschiedlichsten Einflüsse und Stile. Des Weiteren gilt der Musiker als schwieriger Interviewpartner, wie zum Beispiel hier  nachgelesen werden kann.



Eine ganz eigene Einstellung vertritt Zappa zum Thema Drogen. Während die meisten Musiker diesbezüglich nicht als Kostverächter in Erscheinung treten, lehnt er den Konsum ab. Marihuana probiert er aus, kann sich aber nicht mit der Wirkung anfreunden. Seine Musiker lässt er allerdings an der langen Leine. Zwar wünscht er, dass die Bühne drogenfrei bleibt, doch was danach passiert, gehe ihn nichts an. Trotz (oder gerade wegen) seiner Abneigung engagiert sich Zappa für die Legalisierung und die Kontrolle von Drogen. Völlig lasterfrei bleibt er allerdings nicht: Der Musiker raucht wie ein Schlot und trinkt vermutlich mehr Kaffee als Wasser. Statt Drogen wird Sex zum großen Thema auf den Touren während der Siebziger, was sich immer wieder in den Texten niederschlägt und für Ärger mit Moralwächtern wie dem berüchtigten PMRC sorgt.


In seinen späten Jahren wendet sich Frank Zappa verstärkt der modernen Klassik zu und arbeitet viel mit dem Synclavier, einem frühen elektronischen Synthesizer, der jedwede musikalische Figur atomuhrgenau spielen kann, selbst wenn des Meisters Hirn sich mal wieder die wirrsten Takte aus Primzahlen ausgedacht hat.

Leider wird 1990 Prostatakrebs festgestellt, an dem der Ausnahmemusiker am 4. Dezember 1993 im Beisein seiner Ehefrau Gail und der vier Kinder verstirbt. Er wurde 52 Jahre alt. Am folgenden Tag wird er in Los Angeles in einem anonymen Grab beigesetzt, am 6. Dezember verkündet seine Familie: „Komponist Frank Zappa ist zu seiner letzten Tour aufgebrochen.“

Bis heute nimmt der Musiker Einfluss auf die Rock- und Popmusik, auch wenn sich sein kommerzieller Erfolg weitestgehend auf Europa und Asien beschränkt. In Nordamerika bleibt der große Durchbruch bis zum Schluss aus. Erst 1995, also zwei Jahre nach seinem Tod, wird er in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen. 1997 bedenkt man ihn posthum mit dem „Grammy Lifetime Achievement Award“. Auch die Musikpresse überschlägt sich mit Lob: Im Rolling Stone belegt er etwa Platz 71 der „100 besten Musiker aller Zeiten“. Verdient. Gäbe es eine Rangliste der eigenwilligsten und eigenständigsten Künstler, stände er wohl ganz oben…


Zeitsprung: Am 14.3.1986 wird Frank Zappa zum Drogendealer – bei „Miami Vice“.

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„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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