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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.10.1978 müssen sich die Rolling Stones für „Some Girls“ rechtfertigen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.10.1978.

von Christof Leim und Tom Küppers

Wer keinen Spaß versteht, ist eben selber schuld. So antworten die Rolling Stones auf Kritik an ihrem Song Some Girls. Doch als sich ihr Plattenfirmen-Boss am 6. Oktober 1978 vor Bürgerrechtlern rechtfertigen muss, droht die Stimmung kurz zu kippen…


Hier könnt ihr in den Skandalsong Some Girls, Miss You und weitere Hits reinhören. Die Stones in Bestform.

Klickt auf „Listen“ für das komplette Some Girls-Album.

Eine kleine Vorgeschichte: Mitte der Siebziger waren die Rolling Stones deutlich gesagt ziemlich am Arsch. Mit den fantastischen Alben Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972) beginnt das Jahrzehnt zwar vielversprechend, doch auf ihren nachfolgenden Werken können die Burschen dieses Niveau nicht so recht halten. Allerdings sind die Hauptsongschreiber Keith Richards und Mick Jagger selbst in dieser kreativen Dürreperiode immer noch für Hitsingles vom Kaliber Angie und It’s Only Rock’n’Roll gut.

Für Black And Blue (1976) ersetzt Faces-Klampfer Ron Wood den abtrünnigen Mick Taylor und formiert fortan gemeinsam mit Richards als formidables Gitarrenduo. Die Anhänger strömen zwar weiterhin zu Tausenden in die Arenen, doch Kritiker und Fans zweifeln kurz vor Losbrechen der Punkwelle immer vehementer an der Relevanz vermeintlicher Rockdinos wie Led Zeppelin, The Who oder eben den Rolling Stones. Letztere haben zu diesem Zeitpunkt allerdings ganz andere Probleme.



Gitarrist Keith Richards wird 1977 in Kanada mit 22 Gramm Heroin festgenommen und sieht sich mit der Aussicht auf einen mehrjährigen Aufenthalt hinter Gittern konfrontiert (die ganze Geschichte dazu findet ihr hier). Nach fast einem Jahr kommt er mit einer Bewährungsstrafe sowie der Auflage, zwei Benefizkonzerte zu spielen, relativ glimpflich davon. Mick Jagger hingegen muss sich mit der Scheidung von seiner Gattin Bianca herumschlagen und stürzt sich in die New Yorker Discoszene. Keine guten Voraussetzungen also für ein neues Album. Oder doch?



Doch. Mit Some Girls gelingt den Stones am 9. Oktober 1978 ein gewaltiges Comeback. Angeführt vom Megahit Miss You, einem direkten Resultat aus Jaggers durchtanzten Nächten im Studio 54, zeigt sich speziell Richards auf Rockern wie Shattered und Respectable wieder in alter Stärke.



Der Titelsong sorgt hingegen für einen handfesten Skandal. Auf Some Girls referiert Jagger über seine Erfahrungen mit den Damen dieser Welt. So singt er:

French girls they want Cartier, Italian girls want cars
American girls want everything in the world you can possibly imagine
English girls they’re so prissy, I can’t stand them on the telephone
Sometimes I take the receiver off the hook, I don’t want them to ever call at all
White girls they’re pretty funny, sometimes they drive me mad
Black girls just wanna get fucked all night, I just don’t have that much jam

Insbesondere diese letzte Zeile kommt mancherorts überhaupt nicht gut an: Bereits seit mehreren Jahren führt eine Gruppe namens PUSH („People United To Save Humanity“) unter der Leitung des Baptistenpredigers, Bürgerrechtlers und späteren US-Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson eine Kampagne gegen sogenannte „Sex Rock“-Texte. Some Girls ist da ein gefundenes Fressen.

Bekommt Ärger wegen eines Songtextes: Mick Jagger. Credit: Bert Verhoeff (ANEFO)

Jackson und seine Unterstützer besitzen inzwischen so viel Einfluss, dass sie sogar den Vorsitzenden von Atlantic Records am 6. Oktober 1978 zu einem Treffen nach Chicago zitieren können. Und das will etwas heißen, denn der legendäre Plattenfirmenmogul Ahmet Ertegun gilt als eine der wichtigsten und mächtigsten Figuren im Musikgeschäft. Der Mann hat unter anderem die Weitsicht besessen, Led Zeppelin nach den ersten Demos schleunigst unter Vertrag zu nehmen.

Jimmy Page signs Led Zeppelin’s first record contract in 1968. Their Manager Peter Grant and Atlantic Records CEO Ahmed Ertegun. Big smiles. pic.twitter.com/0N23Cx53Pq

Meldet Kritik am Text von „Some Girls“ an: Bürgerrechtler Jesse Jackson. Credit: Warren K. Leffler

Ertegun gibt sich zunächst betont defensiv: Der Stones-Frontmann höchstpersönlich habe ihm längst versichert, dass der Text nur eine parodistische Abhandlung über Vorurteile darstelle. Außerdem wisse Jagger sehr wohl, dass er seine gesamte Karriere afroamerikanischen Künstlern verdanke. Doch das reicht seinem Gegenüber nicht. Nach einer Stunde Austausch verharrt Jackson auf seiner Position, für ihn bleibt Some Girls eine „rassistische Beleidigung“, die „Schwarze und Frauen degradiere“. Deshalb denkt man bei PUSH über weitere Protestaktionen bis hin zum Boykott nach.

Mick selbst erklärt im Rolling Stone: „Ich habe schon immer gesagt: Wenn du keinen Spaß verstehst, ist das dein verdammtes Problem!“ Doch kurz darauf veröffentlicht die Band ein versöhnlicheres Statement: „Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass man nach dem Hören des kompletten Liedes unsere Parodie bestimmter stereotypischer Verhaltensweisen ernst nehmen würde. Wir wollten niemanden beleidigen, und falls das doch passiert ist, möchten wir uns aufrichtig entschuldigen.“



Wie ernst den Stones die Sache ist, zeigt ihre Entscheidung, den Text bei zukünftigen Liveaufführungen abzuändern oder diese Zeile wie etwa im Konzertfilm Shine A Light komplett wegzulassen. Andere nehmen die Sache etwas leichter: Der Schauspieler Garrett Morris (bekannt als Earl aus der Serie 2 Broke Girls) spielt in der TV-Sendung Saturday Night Live im Stile eines Nachrichtenkommentators auf besagte Passage an und wendet sich dann direkt in die Kamera: „Und eins möchte ich ihnen noch sagen, Herr Jagger. Wo zum Geier sind denn nun alle diese Frauen?“


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