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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.2.1964 kommt Duff McKagan von Guns N’ Roses zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.2.1964.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit Guns N’ Roses räumt er alles ab, was es im Rock’n’Roll zu holen gibt. Als die Gruppe nach ihrem Höhepunkt in sich zusammenfällt, geht Duff McKagan neue Wege, gründet neue Bands, studiert, wird Kampfsportler und startet mit Velvet Revolver nochmal durch. Heutzutage steht er mit Guns N’ Roses wieder auf den größten Bühnen der Welt. Am 5. Februar feiert der Multiinstrumentalist seinen Geburtstag. Werfen wir einen Blick auf sein vielseitiges Leben.


Hört hier in die größten Hits von Guns N’ Roses rein:

Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.

Der wilde Ritt beginnt in einem Arbeiterstadtteil von Seattle, wo Duff am 5. Februar 1964 unter seinem bürgerlichen Namen Michael Andrew McKagan zur Welt kommt. Als jüngstes von acht Kindern lernt er schnell, sich durchzusetzen. Von seinem Bruder Bruce lernt er das Bassspiel. McKagan fühlt sich vor allem in der DIY-Szene des Punk zu Hause, seine erste Band The Vains gründet er 1979 mit 15. Und es wird nicht lange gefackelt: Ein Jahr später erscheint schon die Single School Jerks. Beteiligungen in Gruppen wie The Living (als Gitarrist), The Fastbacks (als Schlagzeuger), The Fartz (als Schlagzeuger) und später 10 Minute Warning (als Gitarrist) folgen.

Duff McKagans erste Veröffentlichung

Weil der Drogenkonsum in Seattle überhand nimmt, zieht der junge Musiker 1983 nach Los Angeles, wo er zunächst als Kellner in einem Steakhaus arbeitet. In einer Lokalzeitung entdeckt er die Annonce zweier Musiker, die gerade nach einem Bassisten suchen. Ihre Namen: Slash und Steven Adler. McKagan ruft die beiden an, das Trio gründet die Gruppe Road Crew, findet aber keinen Sänger. Schließlich steigt Slash frustriert aus.



Zwei Jahre später steigt McKagan bei einer jungen Gruppe namens Guns N’ Roses ein, deren Line-Up zu jener Zeit aus Sänger Axl Rose, Rhythmusgitarrist Izzy Stradlin, Leadgitarrist Tracii Guns und Schlagzeuger Rob Gardner besteht. McKagan selbst schnallt sich den Bass um. Als Guns und Gardner die Band verlassen, steigen McKagans alte Kollegen Slash und Steven Adler ein.

Guns N’ Roses und ein Bierfass in angemessener Größe

Schon nach wenigen Proben spielen die Musiker am 6. Juni 1985 ihren ersten gemeinsamen Gig im Troubadour in L.A. Von da an geht es Schlag auf Schlag, die Band mausert sich zum heißesten Rock’n’Roll-Phänomen, das der Sunset Strip zu bieten hat. Die fünf Straßenköter teilen eine Vorliebe für lauten, ungestümen Rock, bringen dabei aber unterschiedliche Schwerpunkte zusammen: Izzy liebt grundlegenden Stoff wie die Rolling Stones, Slash hat den klassischen Hard Rock mit all seinen Gitarrenhelden verinnerlicht, Steven war schon immer ein fanatischer Kiss-Fan, und Axl steht auf großes Songwriting von Queen oder Elton John. Und Duff McKagan? Der ist der Punk. Geradlinig, dreckig, authentisch.



Die Mischung funktioniert: Schon nach zwei Jahren erscheint Appetite For Destruction: Das furiose Debüt der jungen Band verkauft sich bis heute mehr als 30 Millionen Mal und genießt Diamant- sowie 18-fachen Platinstatus. Mit Use Your Illusion I und II veröffentlichen Guns N’ Roses 1991 gleich zwei starke Platten auf einmal, belegen zur selben Zeit Platz eins und zwei der US-Charts und touren im Anschluss 30 Monate lang um die Welt, unter anderem mit Metallica. Guns N’Roses um die Kernmitglieder Axl, Slash und Duff sind eine der größten Bands der Welt.

Bis heute der Megaseller von Guns N’ Roses: das Debüt Appetite For Destruction

1993 legt die Truppe einen kleinen stilistischen Schlenker ein mit The Spaghetti Incident?, das vor allem aus gecoverten Punksongs besteht. Kein Wunder, dass McKagan gleich vier der Stücke einsingt.  Noch im selben Jahr veröffentlicht er sein erstes Soloalbum Believe In Me, eine stilistisch bunte, etwas ungehobelte, aber charmante Angelegenheit. Hierfür versammelt er seine Bandkollegen Slash, Matt Sorum, Dizzy Reed und Gilby Clarke um sich, aber auch Leute von Skid Row, Lenny Kravitz und sogar Jeff Beck.



In all dieser Zeit lebt McKagan das Leben eines Rockstars, nämlich immer am Anschlag. Die heilige Dreifaltigkeit aus Sex, Drogen und Krachmusik. Mittlerweile müssen die Musiker zwar nicht mehr in verranzten Bruchbuden leben, doch Duff sieht immer noch ein bisschen so aus, als hätte er in einer Hecke geschlafen. Seine erste Ehe Ende der Achtziger geht nach zwei Jahren in die Brüche. Aufgrund seiner Vorliebe für hopfenhaltige Kaltgetränke bekommt McKagan den Spitznamen „The King Of Beers“ verpasst. In seiner Autobiografie behauptet er sogar, dass das Bier aus der Fernsehserie The Simpsons nach ihm benannt sei, was deren Macher Matt Groening als absurd bezeichnet. Als Reaktion wundert sich Duff darüber, dass seine Behauptung überhaupt in Frage gestellt wird, was er wiederum scherzhaft als absurd bezeichnet.

Am 10. Mai 1994 zahlt er jedoch den Preis für seinen übermäßigen Alkoholkonsum. Man liefert ihn ins Northwest Hospital And Medical Center in Seattle ein, weil seine Bauchspeicheldrüse die Größe eines Fußballs angenommen hat. Die Ärzte warnen ihn eindringlich, dass er keinen Monat mehr leben wird, wenn er nicht aufhört zu trinken. Der Schuss vor den Bug trägt Früchte: McKagan entsagt dem Alkohol und widmet sich stattdessen mit Nachdruck seinem Mountain Bike und der asiatischen Kampfkunst. Schmerzen spüren für die Genesung.



Um Guns N’ Roses wird es in dieser Zeit still. Die Rockwelt hat sich geändert, Nirvana hatten einen kurzen Höhenflug, doch einen würdigen Nachfolger für die Use Your Illusions zu schaffen, erweist sich weiterhin als monumentale Aufgabe. Von internen Streitigkeiten geplagt, kommt die Band dabei kaum einen Schritt vorwärts. Auch eine zweite Ehe zerbricht. Zum Ausgleich stellt McKagan die Supergroup Neurotic Outsiders zusammen, für die er Steve Jones von den Sex Pistols, John Taylor von Duran Duran und Matt Sorum rekrutiert. Die Gruppe veröffentlicht ein gleichnamiges Album, spielt eine Tour, löst sich allerdings 1997 wieder auf. Im gleichen Jahr werden McKagan und seine Herzdame (und heutige Ehefrau), das Model Susan Holmes, Eltern einer Tochter. Im August steigt er schließlich bei Guns N’ Roses aus. Wie es zu dieser Entscheidung kam, erklärt er in seiner Autobiografie: „Wir haben damals drei Jahre lang Miete für ein Studio gezahlt, ohne einen einzigen Song aufzunehmen. Guns N’ Roses konnten mir zu jener Zeit augenscheinlich nicht die Stabilität geben, die ich mir als junger Vater erhofft habe.“

Nach seinem Austritt zieht McKagan zurück nach Seattle, wo er seine alte Band 10 Minute Warning wiederbelebt. Mit Beautiful Disease soll 1999 außerdem sein zweites Soloalbum erscheinen, doch als die Plattenfirmen Geffen Records und Interscope Records fusionieren, gehen die Aufnahmen unter. Im Anschluss an den Rückschlag widmet sich McKagan seiner neuen Band Loaded, in der er unter anderem mit Dez Cadena von Black Flag und Taz Bentley von The Reverend Horton Heat spielt. 2002 steigt auch Dave Kushner von Electric Love Hogs ein, mit dem McKagan wenig später Velvet Revolver gründet. Slash, Matt Sorum und der inzwischen verstorbene Stone Temple Pilots-Frontmann Scott Weiland komplettieren das Line-Up der neuen Supergroup.



Bereits das Debüt von Velvet Revolver, Contraband, steigt 2004 auf Platz eins der US-Charts ein und verkauft sich bis heute mehr als zwei Millionen Mal. 2005 folgen drei Grammy-Nominierungen; die Single Slither wird für die „Best Hard Rock Performance“ ausgezeichnet. 2007 veröffentlicht die Band mit Libertad noch ein Album, das aber (zu Recht) nicht an den Erfolg seines Vorgängers anknüpfen kann. Wenig später gibt es auch noch Stunk mit Weiland, und die anderen Musiker setzen ihn vor die Tür.

McKagans zweiter großer Wurf: Velvet Revolver

Immer wieder beteiligt sich Duff McKagan an unterschiedlichen Projekten. So spielt er 2006 ein bisschen bei den Grunge-Legenden Alice In Chains mit, kurze Zeit später reanimiert er Loaded. 2010 heuert er bei Jane’s Addiction an, eine große Sache. Das findet auch McKagan: „Die Chance, Songs mit einer Gruppe wie Jane’s Addiction zu schreiben, sie aufzunehmen und vielleicht sogar live zu spielen, bekommt man nicht alle Tage. Ich respektiere die Band und die Musiker sehr.“ Nur wenige Monate nach McKagans Beitritt löst sich die Band allerdings auf.



Am 14. Oktober 2010 tritt Duff McKagan als Gast mit Guns N’ Roses auf, die zu jener Zeit im Wesentlichen aus Axl Rose bestehen. Anschließend nimmt er das dritte Album mit Loaded auf. Ab 2014 rücken McKagan und Rose wieder enger zusammen. Auch Slash ist wieder mit von der Partie, was schließlich zur großen Reunion und zur Not In This Lifetime-Tour führt.

Axl Rose und Duff McKagan während der Not In This Lifetime-Tour – Pic: Raph-PH/Wiki Commons

McKagan gehört zu den Menschen, denen niemals langweilig wird. Ob Musik oder Schriftstellerei: Der inzwischen cleane und topfitte Tausendsassa weiß sich zu beschäftigen. Wenn gerade einmal eine Lücke im Terminkalender klafft, berät der inzwischen studierte High School-Abbrecher reiche Musiker, was ihr Vermögen betrifft. Auch mit Worten weiß er umzugehen. Seit 2008 schreibt er eine wöchentliche Kolumne für SeattleWeekly.com, 2009 erscheint seine Arbeit im Playboy. Seit Anfang 2011 veröffentlicht er eine regelmäßige Kolumne auf ESPN.com, einer der größten Sport-Websites der USA. Mit It’s So Easy (And Other Lies) (2011) und How To Be A Man (And Other Illusions) (2015) schreibt er außerdem zwei Bücher.



Mit seiner Frau Susan Holmes hat Duff zwei Töchter: Grace Elizabeth (1997) und Mae Marie McKagan (2000). Die Familie wohnt in McKagans Heimatstadt Seattle. Inzwischen ist er clean, und sein Körper hat sich von den Strapazen des Rockstardaseins erholt. Mit Guns N’ Roses und anderen Bands steht er regelmäßig auf der Bühne und veröffentlicht fleißig Musik. Seit über 30 Jahren spielt er Gitarre, Schlagzeug und sein Hauptinstrument, den Bass. Hoffen wir, dass es noch lange so bleibt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!


Titelfoto: Antje Naumann (AllSystemsRed) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

Zeitsprung: Am 27.8.1989 pinkelt Izzy Stradlin von Guns N’ Roses ins Flugzeug.

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„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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