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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.6.1944 kommt Edgar Froese von Tangerine Dream zur Welt.

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David Wolff - Patrick/Redferns via Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.6.1944.

von Timon Menge und Christof Leim

Er gilt als Pionier der elektronischen Musik. Gemeinsam mit seiner Gruppe Tangerine Dream und wechselnden Weggefährten hat er die Grenzen des Machbaren in Frage gestellt — und überschritten. Am 6. Juni hätte Edgar Froese seinen Geburtstag gefeiert. Werfen wir einen Blick auf die Geschichte des künstlerischen Tausendsassas.

„Es gibt keinen Tod, nur einen Wechsel unserer kosmischen Adresse“, hat Edgar Willmar Froese einmal gesagt. Seine erste kosmische Adresse befindet sich auf der Erde und lautet Tilsit (Ostpreußen), er bezieht sie am 6. Juni 1944 — als der Zweite Weltkrieg noch wütet. Sein Vater und einige Verwandte wurden zu diesem Zeitpunkt bereits von den Nationalsozialisten getötet, seine Mutter und die verbleibenden Angehörigen flüchten nach Berlin. Wie so viele Familien haben auch die Froeses durch den Krieg jeglichen Besitz verloren, schon mit 15 muss Edgar arbeiten. Mit der Volljährigkeit erhält er ein Stipendium für Hochbegabte und studiert in Berlin Malerei, Skulptur und Grafik. Währenddessen nimmt er Gelegenheitsjobs an, ob als Werbetexter, Zeichner, Redenschreiber oder Radiosprecher.

Im Alter von 20 bis 23 gründet Froese diverse Jazzgruppen sowie einige Rockbands, die er jedes Mal schnell wieder verlässt. Die Begründung: zu langweilig. 1967 ruft er die Band ins Leben, die ihn sein Leben lang begleiten soll, wenn auch in höchst unterschiedlichen Besetzungen: Tangerine Dream. Zunächst beginnen die Musiker mit einer vergleichsweise klassischen Instrumentierung: Gitarre, Geige, Bass und Schlagzeug. Weniger klassisch kommt der Rahmen der anfänglichen Auftritte daher. Die Untergrundbewegung befindet sich in vollem Gange, Tangerine Dream spielen für den Aktionskünstler Joseph Beuys und den spanischen Surrealisten Salvador Dalí. Zu jener Zeit verwandelt die Truppe White Christmas von Bing Crosby in lautstarke Gitarrenrückkopplungen oder lässt 20 Minuten lang den gleichen Basston erklingen. Wenig später unterschreiben Tangerine Dream ihren ersten Plattenvertrag.



1970 veröffentlicht die Gruppe ihr erstes Album Electronic Meditation, das mit Meditation im herkömmlichen Sinne nichts zu tun hat. Stattdessen handelt es sich bei der Veröffentlichung um eine gut halbstündige Klangcollage mit Rockmusikelementen, die der Hörerschaft jedes bisschen Aufmerksamkeit abverlangt. Als das Album erfolglos bleibt, verlassen Froeses Mitstreiter Klaus Schulze und Conrad Schnitzler die Band. Der Kapitän bleibt an Bord und veröffentlicht noch drei weitere Platten, bis er ein Angebot einer großen britischen Plattenfirma auf den Tisch bekommt. Der Deal ist schnell besiegelt, 1974 erscheint Phaedra — und revolutioniert die Musik. Mehr als ein halbes Jahr bevor Kraftwerk Autobahn auf den Markt bringen, öffnen Tangerine Dream die Tür in die geheimnisvolle Welt der elektronischen Musik und sorgen weltweit (vor allem in Großbritannien) für offene Münder.

Tangerine Dream in ihrer wohl bekanntesten Besetzung: Edgar Froese, Peter Baumann und Christopher Franke – Pic: Michael Putland/Getty Images

Die Begeisterung soll auch in den Jahren danach nicht abreißen. Alben wie Rubycon (1975) oder Ricochet (1975) erreichen mühelos die britischen Charts, 1976 kommen Tangerine Dream mit Stratosfear auch in den USA an. Im Lauf der Karriere folgen weit über 100 Veröffentlichungen. Genau hier mag sich ein Problem der Gruppe verbergen, das sie bis heute im Schatten von Kraftwerk stehen lässt: Wer Alben im dreistelligen Bereich veröffentlicht, kann nicht immer höchste Qualität abliefern. Ein weiterer Unterschied: Wo Kraftwerk durchaus auf tradierte Songstrukturen setzen und Hits wie Das Modell oder Die Roboter schreiben, gehen Froese und Tangerine Dream völlig eigene Wege und brechen immer wieder auf, was bis zu jenem Zeitpunkt zuverlässig funktioniert hat. Der Fluch des Pioniers, quasi.



Während seiner Tätigkeit mit Tangerine Dream veröffentlicht Froese immer wieder auch Solowerke, angefangen mit Aqua (1974). Aktiv bleibt er bis weit in die 2010er und setzt ein Projekt nach dem anderen um, unter anderem einen Teil des Soundtracks für die fünfte Ausgabe der legendären Videospielreihe Grand Theft Auto. Auch sonst macht die Popkultur gerne Gebrauch von seiner Kunst, wie zum Beispiel die Macher des Netflix-Erfolgs Stranger Things, die für die Begleitmusik der Serie tief in die Tangerine-Dream-Kiste greifen.



Am 20. Januar 2015 erliegt Froese im Alter von 70 Jahren einer Lungenembolie. Sein Baby Tangerine Dream lebt trotzdem weiter. Noch vor seinem Tod übergibt er das Zepter offiziell an Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss. 2017 veröffentlicht das Trio mit Quantum Gate das erste Post-Froese-Album mit den letzten Anweisungen des Großmeisters. Weitergehen soll es auch in Zukunft, wie Froeses Witwe im Interview mit dem Spiegel zu Protokoll gibt: „Die aktuellen Musiker sind bewusst von Edgar ausgewählt worden, es ist keine neu zusammengewürfelte Band.“ Weiter: „Es ist eine große Freude, seine Musik weiterhin lebendig zu halten, sie in Konzerten hören zu dürfen und diese sogar weiterzuentwickeln.“ Das sähe Edgar sicher genauso. Und wer weiß: Vielleicht bekommt er an seiner neuen kosmischen Adresse sogar noch etwas davon mit.

Tangerine Dream bei der Quantum Of Electronic Evolution Tour in der Elbphilharmonie Hamburg 2018 — zwar ohne Froese, dafür mit seinem Segen — Pic: Frank Schwichtenberg/Wiki Commons


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