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Popkultur

Die musikalische DNA von Fleetwood Mac

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„Fleetwood Mac‘s Rumours: Why the under-30s still love it“, titelte im Jahr 2013 der britische Telegraph. Wer sich ein bisschen auskennt, kannte die Antwort auf diese Frage allerdings schon: Weil auch Menschen unter dreißig Jahren in der Regel zwei Ohren und Herz haben, ihr Klappspaten! Fleetwood Macs Rumours gehört nach wie vor in jede noch so schlecht sortierte Plattensammlung – es ist vielleicht das essentielle Rock-Album des 20. Jahrhunderts. Aber wer waren eigentlich Fleetwood Mac? Eine Antwort auf diese Frage können nur wenige liefern. Einerseits weil es viele es schlicht nicht wissen und nicht wenige Fleetwood Mac für eine einzige Person halten. Andererseits, weil es eben auch nicht sehr einfach ist, diese Frage zu beantworten, ohne gleich die gesamte und sehr verworrene Bandgeschichte wieder zu kauen.


Hört hier in die musikalische DNA von Fleetwood Mac rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Stevie Nicks, Lindsey Buckingham, Mick Fleetwood, John und Christine McVie – lautet so das echte und einzige Line-Up? Oder fehlen da nicht Peter Green, Jeremy Spencer und Danny Kirwan sowie noch ganz andere? Zu allem Überfluss existierten 1974 für eine Weile ganze zwei Bands unter demselben Namen! Dazu kommt, dass die Songwriter-Credits in der Zeit nach Green zunehmend unter allen Beteiligten aufgeteilt wurden. Nicht zuletzt werden die Erinnerungen an insbesondere die Riesenerfolge der mittleren und späten siebziger Jahre für einige der Mitglieder eher schwammig sein. Diverse Beruhigungs- und Aufputschmittel und literweise harter Alkohol taten eben ihr Übrigens…

Sich der musikalischen DNA von Fleetwood Mac zu nähern heißt deshalb auch, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Oder zumindest genau das zu versuchen. Welche Musik hat die Band in ihren jeweiligen Schaffensphasen inspiriert, welche Songs und Bands waren wichtig für ihre Stilwechsel oder einzelne Songs? Welche Mitglieder ließen hier und dort ihr Genie aufblitzen? Das nämlich sind doch die eigentlich wichtigen Fragen.


1. The Yardbirds – For Your Love

Am Anfang war der Blues. Ohne Blues kein Rock‘n’Roll, ohne Blues keine Pop-Musik. Nach wie vor gehört es zu einem der kuriosesten Phänomene der Musikgeschichte, dass Blues im transatlantischen Austausch zwischen der Pop-Wiege USA und Großbritannien auf dem Inselstaat auf fruchtbaren Boden fiel. In den sechziger Jahren entwickelte sich eine einzigartige und erfolgreiche Blues Rock-Szene in England, deren Dreh- und Angelpunkt die Yardbirds waren und die mit Cream einen Welterfolg in die USA exportieren konnten.

Fleetwood Mac nahmen genau dort ihren Anfang. Peter Green verließ John Mayall & the Bluesbreakers, wo er Eric Clapton ersetzt hatte und Mick Fleetwood als Schlagzeuger einschmuggeln konnte, mit dem er schon gemeinsam bei anderen Bands gespielt hatte. Mit an Bord war auch John McVie. Gemeinsam nahm das Trio erste eigene Stücke auf und formierte sich bald unter dem Namen der Rhythmussektion als Fleetwood Mac neu. McVie wollte zuerst bei Mayall bleiben, ließ sich aber nach einer Weile breitschlagen, während Green und Fleetwood zuerst mit Bob Brunning am Bass einen ersten Gig spielten. Ihren Wurzeln in der Blues Rock-Szene zollten sie später mit Cover-Versionen von unter anderem For Your Love von den Yardbirds Tribut.


2. Robert Johnson – Hellhound on My Trail

Schon auf ihrer ersten LP, auf der auch der Gitarrist Jeremy Spencer zu hören war, der sich 1970 aus dem Staub machte und einer Sekte beitrat, verneigte sich die frisch geborene Band vor den Wurzeln des Blues-Sounds. Mit Hellhound on My Trail ist auch eine Komposition des enigmatischen König des Delta Blues enthalten, Robert Johnson. Dessen Werk wurde 1961 neu entdeckt, als eine Compilation-LP sein Schaffen wieder zugänglich machte. Die verknisterten Aufnahmen des vagabundierenden Songwriters haben heute noch eine gespenstische Aura inne.

Die Faszination für die Figur Johnson, der angeblich seine Seele dem Teufel verkaufte, ließ vor allem Peter Green nicht los. 1968 fand er sich für eine Session bei der BBC-Radiosendung Top Gear ein und spielte gleich zwei Johnson-Kompositionen neu ein: den Kind Hearted Woman Blues ebenso wie den Dead Shrimp Blues, dem er ein völlig neues Gewand verpasste. Noch 1998 veröffentlichte er mit der Peter Green Splinter Group das Album The Robert Johnson Songbook mit 16 Stücken des Blues-Pioniers. Nur 29 Stücke (manche von ihnen in unterschiedlichen Versionen) von Johnson sind überhaupt bekannt, für Green lieferten sie offenkundig Stoff für ein ganzes Leben.


3. Elmore James – Madison Blues

Nachdem Danny Kirwan allerdings zur Gruppe gestoßen war und sich als perfekte Ergänzung zu Greens Songwriting-Können erwies, schien das Klangspektrum nun breiter und die Möglichkeiten endlos. Warum dann beim schlichten Blues bleiben? Das dritte Album Then Play On bewies, dass diese Band noch viel mehr konnte – wenn sie denn wollte. Zuvor aber standen sie noch mit einigen der Größten der Szene überhaupt für eine legendäre Jam Session im Studio, und zwar direkt im Herzen des Blues-Heimatlandes, der USA.

Im Januar 1969 siedelten Fleetwood Mac für Aufnahmen im Chess Records-Studio nach Chicago über. Dort spielten sie mit einigen Blues-Meistern zusammen, darunter Willie Dixon, Buddy Guy und Otis Spann. Auf dem Programm standen einige wenige eigene Kompositionen und viel klassische Blues-Stücke, vor allem von Elmore James. Der „König der Slide-Gitarre“ gilt als der vielleicht prägendste Einfluss der frühen Fleetwood Mac und fast wirkt die unter dem Namen Fleetwood Mac in Chicago dokumentierte Werkschau wie ein lauter, elektrifizierender Abschlussgruß an den Mentoren.


4. The Everly Brothers – All I Have to Do Is Dream

Ja, in den frühen Tagen von Fleetwood Mac schien es mit dieser Band ein einziges Kommen und Gehen zu sein! Besonders schön war es aber, wenn andere dazu stießen. Christine Perfect stand erstmals im Mai 1969 mit der Truppe auf der Bühne, nachdem sie ihr Handwerk von klein auf gelernt hatte. Als Teenager kam sie erst mit der Musik von Fats Domino in Kontakt und entdeckte dann die Everly Brothers – ein Wasserscheidenmoment für Perfect, die zuvor vor allem klassische Musik interpretiert hatte.

1969 spielte sie als Pianistin bei der Band Chicken Shack und konnte gemeinsam mit Andy Silvester und Stan Webb auch einen Hit landen, I’d Rather Go Blind, bei dem sie den Gesang übernahm. Doch nach der Hochzeit mit John McVie verließ sie die Band und wechselte zu Fleetwood Mac über, wo sie mit ihren Tastenkünsten und ihrem Verständnis für großartiges Pop-Songwriting schnell ein essentielles Bandmitglied wurde. Die Everly Brothers hatten ihr gezeigt, wie‘s geht!


5. The Rolling Stones – Street Fighting Man

Keine Frage: 1969 war ein wichtiges Jahr für Fleetwood Mac, auch wenn der Band die größten Erfolge noch bevor standen. Für Peter Green ging es tatsächlich aber rapide abwärts. Bei einem Besuch in München entdeckte er LSD für sich, was manche mit seiner Schizophrenie in Verbindung bringen. Rainer Langhans und Uschi Obermaier nahmen ihn dort unter ihre Fittiche, allerdings aus niederen Motiven: Sie erhofften sich so, an die Rolling Stones, genauer gesagt Mick Taylor heranzukommen, die sie für ein Festival in Bayern anheuern wollten. Daraus wurde nichts und 1970 legte Green mit The Green Manalishi seinen letzten Hit für Fleetwood Mac vor.

Dass die Rolling Stones für Fleetwood Mac allerdings noch in anderer – und, wie wir meinen, erfreulicherer – Hinsicht wichtig waren, zeigte sich mit der Veröffentlichung von Rumours. Der synkopierte Drum-Beat von Charlie Watts auf Street Fighting Man wurde zur Vorlage zu einem der ikonischsten Fleetwood Mac-Momente überhaupt: dem Beat von Go Your Own Way. Eben genau weil Mick Fleetwood es partout nicht hinbekam, Watts‘ losen Groove eins zu eins zu übernehmen. „Ich habe nie genau verstanden, was [Lindsey Buckingham] von mir wollte, das Endresultat war meine mutierte Interpretation“, erinnerte er sich selbstkritisch. Nicht die schlechteste, würden wir behaupten!


6. John Lennon – Imagine

Buckingham und Stevie Nicks stießen erst Mitte der siebziger Jahre zur Band, sollten sie aber nach Jahren der Unsicherheit endlich wieder auf den rechten Weg bringen. Fleetwoods Tontechniker Keith Olsen spielte ihm den Track Frozen Love vom Album Buckingham Nicks vor und der Schlagzeuger war auf Anhieb Feuer und Flamme. Sofort fragte er Buckingham an, seiner Band beizutreten. Der allerdings bestand darauf, dass Nicks ihn dabei begleitete. Ganz oder gar nicht!

Der Rest ist Geschichte. Mit Buckingham und Nicks schrieben Fleetwood Mac ihre größten Hits, erlebten aber auch ihre dunkelsten Stunden. Mit Rhiannon vom selbstbetitelten Album aus dem Jahr 1975 bewies Nicks, dass die Entscheidung eine richtige gewesen war. Die Songwriterin brachte Pop-Appeal mit tiefschürfenden Lyrics zusammen, ganz wie eines ihrer Vorbilder – John Lennon. Ihr Solo-Stück Edge of Seventeen entstand kurz nach dessen Tod. „Wir alle hatten panische Angst“, rekapitulierte sie damalige Stimmung. Ihr guter Freund Jimmy Iovine schließlich, selbst Produzent und Labelgründer, war damals mit dem Ex-Beatle eng befreundet.


7. Sex Pistols – Anarchy in the UK

Gemeinsam mit Buckingham und Nicks feierten Fleetwood Mac ihre größten Erfolge, durchlebten aber auch ihre größten Krisen. Wie beim Ehepaar McVie bröckelte die idyllische Fassade, dahinter gab es viel Ärger und nicht wenige aus der Band waren zahlreichen legalen wie illegalen Substanzen zugetan… Immerhin: Die Musik stimmte. Meistens zumindest. Als der Rumours-Nachfolger Tusk erschien, spaltete das sowohl die Fanbase wie auch die Presse. Über eine Million Dollar hatte die Band für die Produktion der Doppel-LP hingeblättert – und dann spielte Mick Fleetwood einige seiner Parts doch auf einer Kleenex-Box ein, während Buckingham seinen Gesang in der Dusche aufnahm!

Der Songwriter setzte alles daran, kein zweites Rumours zu schreiben, wie es das Label gerne gehabt hätte. Zu dieser Zeit interessierte er sich viel eher für die virulente Punk-Szene oder Post-Punk-Bands wie die Talking Heads und deren unkonventionelle Herangehensweise an Musik. Was The Clash und die Sex Pistols in Großbritannien losgetreten hatten, als seine Band mit Rumours die Welt eroberte, hatte ihn nachhaltig beeindruckt. Tusk war also so etwas wie Fleetwood Macs Never Mind the Bollocks – sehr zum Leidwesen ihrer damaligen Plattenfirma…


8. Tom Petty and the Heartbreakers – American Girl

Ja, Buckingham machte es seiner Gruppe nicht immer einfach. 2018 trennten sich ihre Wege nach viel Hin und Her, weil er sich den Tourplänen der anderen Mitglieder querstellte. Ersatz war schnell in Mike Campbell gefunden, der zuvor bei Tom Petty and the Heartbreakers aktiv war. Zwischen dem 2017 verstorbenen Heartland-Rocker Petty und Fleetwood Mac beziehungsweise genauer Nicks gab es schließlich schon immer eine starke Bindung: Die Sängerin galt schon lange als „Ehren-Heartbreaker“!

Kurz nach seinem Tod erinnerte sie sich an den Erstkontakt mit Pettys – und damit auch Campbells – Musik. „Ich war seit etwa einem Jahr bei Fleetwood Mac, als ich 1976 sein Debütalbum hörte“, schrieb sie im Rolling Stone. „Ich liebte es, wie Toms knödelige Südstaatenstimme mit Mike Campbells Gitarre und Benmont Tenchs Keyboards verschmolz. Tom hatte die gleichen Einflüsse wie wir – die Byrds, Neil Young, Crosby, Stills & Nash –, aber er grub zusätzlich noch viel von dem ganz alten Blues aus. Er ist ein großartiger Sänger und ein charismatischer Performer. Ich war auf der Stelle ein Fan.“ Ein echtes American Girl eben, das sich in seinem Sound perfekt wiederfand und eine Freundin auf Lebenszeiten wurde.


9. Sheryl Crow – If It Makes You Happy

Buckingham war nicht der einzige, der sich innerhalb des Bandgefüges nicht immer zurecht fand. Christine McVie stieg je nach Interpretationsweise gleich zwei Mal aus, zumindest zog sie 1998 die Reißleine. Nicht aber endgültig, wie sich viel später herausstellen sollte: 2013 stand sie das erste Mal seit Langem wieder mit Mick Fleetwood und dessen Band auf der Bühne, performte später im selben Jahr mit der vollen Band und konnte im Januar 2014 der Welt verkünden, dass sie wieder an Bord sei. Ein Segen für viele Fans, denen ihr Einsatz bei Fleetwood Mac gefehlt hatte und die keine Hoffnung auf Wiederkehr sahen.

Im Jahr 2008 waren sogar Gerüchte aufgekommen, dass Sheryl Crow die langjährige Band-Keyboarderin ersetzen würde. Oder zumindest sagte Crow dies selbst, denn ihr zufolge hätte ihre Mentorin Nicks sie für die Band engagiert. Die Gruppe aber reagierte verblüfft. „Das hat uns alle etwas überrascht“, sagte Buckingham zögerlich. „Wir haben über die Möglichkeit diskutiert, eine andere Frau auf die Bühne zu holen und Crows Name wurde dabei auch genannt. Wir werden sehen.“ Und wir sahen… Nichts! Noch im selben Jahr dementierte Nicks, dass Crow die Band ergänzen würde. Wie Fleetwood Mac wohl mit ihr geklungen hätten…?


10. Florence + The Machine – Hunger

Die Anekdote von Crows Beinahemitgliedschaft beweist wohl am deutlichsten, wie beliebt Fleetwood Mac nicht nur bei Fans, sondern auch Kolleg*innen waren und immer noch sind. Tatsächlich ist ihr Einfluss auf die heutige Rock- und Pop-Landschaft noch immer nur schwer zu bemessen. Das (zweite) selbstbetitelte Album oder Rumours, ja selbst die späteren Alben – bis heute drücken Fleetwood Mac, egal in welcher Besetzung, der Musikwelt ihren Stempel auf. Von Hole bis Hot Chip und Best Coast, Tame Impala oder Tori Amos, Mumford & Sons und den Fleet Foxes – das Fleetwood Mac-Cover gehört fest ins Repertoire jeder vertrauenswürdigen Indie-Band!

Als Florence Welch im Juli 2018 mit ihrer Band in den SiriusXM Studios vorbeischaute, um ihr neues Album High As Hope mit Songs wie Hunger zu promoten, ließ auch sie sich ein Fleetwood Mac-Cover nicht nehmen: Silver Springs, eine ursprünglich von Nicks zu Rumours-Zeiten geschriebene Komposition, die als B-Seite zu Go Your Own Way veröffentlicht wurde und 1997 als Live-Version vom Album The Dance bekannt wurde. „Ich bin ziemlich in Stevie Nicks vernarrt, von ihrem Stil hin zu ihrer Stimme“, hatte Welch schon Jahre vorher zugegeben. „Ich schaue mir gerne auf YouTube ihre alten Auftritte an, wie sie sich bewegt und alles.“


Header-Bild-Credit: Warner Bros. Records (Billboard, page 86, 25 Jun 1977) [Public domain], via Wikimedia Commons

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Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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