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Popkultur

Die musikalische DNA von Gregory Porter

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Es hätte alles anders laufen können und dann wäre Gregory Porter vielleicht nicht für seinen samtigen Jazz-Bariton bekannt geworden, sondern vor allem Sport-Fans ein Begriff. Die Football-Karriere aber erledigte sich nach einer Verletzung, lediglich das College-Stipendium blieb – und damit genug Zeit für den jungen Studenten, die eigene Stimme zu entdecken und weiterzuentwickeln. Nachdem sich der charismatische Sänger mit Musicals einen Namen machte, veröffentlichte er eine Reihe von Alben, die Jazz- und Soul-Fans gleichermaßen zum Schwärmen brachten. »Im Jazz habe ich mich selbst gehört«, sagt er zwar. Doch ist seine Musik angereichert mit Gospel- oder eben Soul-Elementen und der politisch engagierte Sänger hat auch ein Ohr für frische Hip Hop-Sounds. Dementsprechend breit strecken sich die Stränge seiner musikalischen DNA aus. Wie divers Porters musikalische Einflüsse sind, zeigt sich allein daran, wo seine Musik ihre Wirkung hinterlässt – und sei’s auf dem House-Dancefloor!


Höre dir hier Gregory Porters musikalische DNA in einer Playlist an und lies weiter:

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01. Nat King Cole – A Portrait Of Jenny

Gregory Porter war 21, als er den größten Schicksalsschlag seines Lebens einstecken musste. Seine Mutter Ruth, welcher er mit seinem Mother’s Song vom Album Be Good einen einfühlsamen Tribut zollte, starb an den Folgen einer Krankheit. »Ich habe so viel über meine Mutter gesprochen, dass meine Band genau weiß, wie sie tickt«, sagte er einmal in einem Interview. Der christliche Background der Mutter überlebt in den dezenten Gospel-Einflüssen von Porters Musik, und nicht zuletzt hätte ohne sie seine Karriere wohl ganz anders ausgesehen. Als er mit fünf Jahren (!) seinen ersten Song schrieb, ermutigte sie ihn zu mehr und selbst auf dem Sterbebett hatte sie klare Worte für den Sohn parat: »Sing, baby, sing!« Anders sein Vater Rufus, den der junge Gregory kaum kennenlernte. Stattdessen fand er einen Ersatzvater in Nat King Cole. »Wenn ich als Junge gesungen habe, sagte sie [seine Mutter] stets: ‘Du klingst wie Nat King Cole.’ Deshalb begann ich irgendwann, mich durch ihre Nat King Cole-Platten zu hören«, erinnert sich Porter. »Dabei malte ich mir aus, er wäre mein Dad.« Diese Wahlverwandtschaft verarbeitete er sogar im Musical Nat King Cole and Me. Die Songs des legendären Jazz-Musikers begleiteten ihn sein gesamtes Leben lang. Stücke wie A Portrait Of Jenny, erzählte Porter einst, habe er selbst beim Football-Spielen durch den Mundschutz gesummt!


02. Ella Fitzgerald & Louis Armstrong – Summertime

Nat King Cole ist nicht das einzige Multitalent, das für Porter Vorbildfunktion hatte. Ein anderes war ein Reibeisen, das viel heiße Luft in noch heißere Sounds verwandeln konnte. »Für mich als Sänger, musst du denke ich mit der Stimme beginnen«, erklärte Porter einmal. »Mit Louis Armstrong und Billie Holiday in den Dreißigern (obwohl Armstrong zuvor für Jahrzehnte die Trompete gespielt hatte). Um dich durch ein Gespräch über den frühen Jazz zu mogeln, kannst du immer darüber schwadronieren, wie eindrucksvoll Armstrongs Sprechstimme schon klingt. Er hatte eine irre Sprechstimme, eine irre Singstimme und eine irre Spielstimme!« Ein heißer Tipp von einem, der’s wissen muss – und übrigens noch die regelmäßige Armstrong-Duettistin Ella Fitzgerald als eine der »zentralen Stimmen des Jazz« bezeichnete. Gemeinsame Kollaborationen der beiden wie etwa ihr Evergreen Summertime lassen keine Fragen auf, wieso Porter die beiden so sehr für ihr Ausdrucksvermögen und Können schätzt.


03. John Coltrane – Blue Train

Nachdem Porter zwei Alben über Motéma veröffentlicht hatte, konnte er sich am 17. Mai 2013 einen Traum erfüllen und bei Blue Note unterschreiben. Jazz wäre ohne das 1939 in New York gegründete Label in seiner Form nicht denkbar gewesen. Fast alle großen Heldinnen und Helden haben hier veröffentlicht und damit Geschichte geschrieben. So auch John Coltrane, der ein ausnehmend produktives Jahr 1957 mit seinem ersten Blue Note-Release krönen durfte, Blue Train. Noch 60 Jahre später klingt ‘Tranes Saxofon-Spiel mit seinen eleganten Phrasierungen und subtilen Ausbrüchen absolut einzigartig. Obwohl der zehn Jahre nach Release des bahnbrechenden Albums verstorbene Musiker eher selten hinter dem Mikro zu finden war, zählt ihn der posthume Labelmate Porter zu seinen Einflüssen und konnte ihm im Rahmen des 6. Coltrane Jazz Festivals im Jahr 2016 Tribut zollen. »Was Jazz von allem anderen unterscheidet, ist, dass du den Jazz nicht voraussagen kannst«, sagte Porter einmal. »Es geht um Freiheit. Sobald du denkst, dass du weißt, was du gleich hören wirst, kommt schon die nächste Abzweigung.« Eben das machte doch Coltranes Spiel aus.


04. Miles Davis – So What

Zwei Jahre nach Blue Train sollte ein anderes Jazz-Album das Genre auf immer verändern. Miles Davis’ Kind Of Blue markierte seinen Wechsel zu einer modaleren Spielart und war doch in seiner atmosphärischen Dichte radikal. Nachdem Porter in seiner Jugend von Nat King Cole vorgeprägt wurde, begann erst am College seine Jazz-Leidenschaft aufzublühen. Einer seiner Mentoren zu dieser Zeit wurde Kamau Kenyatta, der Porters Karriere noch lange begleiten sollten. Er traf ihn über den Posaunisten George Lewis, der ihn bei einer Jam-Session seiner Studenten beim Skat-Singen zuhörte. Lewis lud ihn sofort zu einem seiner Uni-Kurse ein, obwohl der junge Porter eigentlich Stadtplanung studierte. Als er allerdings den Kurs das erste Mal besuchte, war von Lewis keine Spur – stattdessen leitete Kenyatta eine Interpretation von Miles Davis’ So What, über der Porter als einziger Sänger sein Bestes gab. Mehr als genug für Kenyatta, der ihn nach Ende der Sitzung sofort beiseite zog. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden, in deren Verlauf beide Grammys für sich einheimsen konnten. Wie sagte doch schon Porter selbst in Hinsicht auf Jazz: »Du musst mit Miles Davis anfangen!« Diese (Erfolgs-)Geschichte tat es.


05. Robert Johnson – Crossroad Blues

Bevor die Beiden allerdings ihren gemeinsamen internationalen Siegeszug beginnen konnten, fing Porter klein an. Kenyatta stellte den jungen Sänger Hubert Laws vor, der Porters Leidenschaft für Nat King Cole teilte. Während gemeinsamer Sessions, in welcher Porter die Vocals für den Klassiker Smile (bekannt vor allem durch die Charlie Chaplin-Interpretation) übernahm, lernte er die beiden Laws-Schwestern Debra und Eloise kennen. Sie erkannten sofort das Ausnahmetalent des Sängers, dessen Bühnenerfahrung noch recht bescheiden ausfiel, und drängten ihn dazu, beim Casting für das Musical It Ain’t Nothin’ But the Blues vorstellig zu werden. Fast wäre das Vorsingen ein Desaster geworden: Weder wusste Porter, wo genau er eigentlich hin musste, noch hatte er eine Ahnung, welchen Song er performen sollte. Er entschied sich für eine bluesige Improvisation über eines der vielen Sprüchlein, das ihm seine geliebte Mutter auf den Weg gegeben hatte und stand schon bald zusammen mit den Laws-Schwestern auf einer Broadway-Bühne, wo er – vermutlich bestens vorbereitet – Klassiker wie den Crossroad Blues im Stile eines Robert Johnson vortrug. Eine Kette von glücklichen Zufällen brachte ihn dorthin, behaupten aber konnte er sich allein mit seinem außergewöhnlichen Talent.


06. Marvin Gaye – What’s Going On

Nicht allein Jazz und Blues fließt durch die Adern Porters, ähnlich wichtig für ihn war immer schon der Soul. Als Teenager gehörte die legendäre Sendung Soul Train selbstverständlich zum Bildungsprogramm im Hause Porter. Dort gaben sich Größen wie die Chi-Lites, James Brown oder natürlich Marvin Gaye die Ehre. Ähnlich wie Gaye vereint Porter einnehmende Sensibilität mit politischen Ansprüchen: So wie Gaye mit What’s Going On das politische Bewusstsein einer gesamten Nation in Hinsicht auf Vietnamkrieg, Drogenprobleme und Armut in den Innenstädten wachrüttelte, so ist der erlebte Rassismus ein ständiges Thema Porters. Der Song 1960 What? von seinem Debütalbum Water bezieht sich einerseits auf den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King (»There was a man, voice of the people / Standing on the balcony of the Lorraine Motel / Shots rang out, yes, it was a gun / He was the only one to fall down, y’all / That ain’t right«) und verarbeitet andererseits die Geschichte von Porters Bruder, der ebenfalls angeschossen wurde (»Young man, coming out of a liquor store / With three pieces of black liquorice, in his hand, ya’ll / Mister policeman thought it was a gun, thought he was the one / Shot him down, ya’ll, that ain’t right«). »Weil er als Schwarzer in einer weißen Gegend herumlief!«, empört sich Porter heute noch über den Vorfall von 1980. »Als sie mit Urin gefüllte Bierflaschen in unsere Fenster schmissen, als sie ein Kreuz in unserem Vorgarten verbrannt haben!« Eine Verbitterung, die auch im Song On My Way To Harlem mitschwingt, in welchem Porter die sozialpolitische Entwicklung des New Yorker Viertels mit schwarzer Musikgeschichte und seiner eigenen Karriere zusammenbringt: »Marvin Gaye used to play What’s Going On right over there«.


07. Nina Simone – Sinnerman

Nina Simone war nah dran, als ihr Freund Martin Luther King an der Speerspitze der Bürgerrechtsbewegung fundamentale Rechte für die schwarze Bevölkerung der USA einforderte. Auch in ihrer Musik war Politik eine Konstante, vor allem aber war ihr einzigartiger Sound ein Sammelbecken von Stilen, welche afro-amerikanische Traditionen einem Mainstream-Publikum nahe brachten. Wie Porter war der Gospel eine ihrer großen Leidenschaften, wie bei ihm wurde sie vor allem als einzigartige Jazz-Sängerin bekannt, die ebenso versiert den Blues performen konnte. Kein Wunder, dass sich Porter auch an ihren Interpretationen tradierter Spirituals wie etwa dem fiebrigen Sinnerman versuchte, welches er im Jahr 2015 coverte. Auf der Compilation Nina Revisited: A Tribute To Nina Simone fand er sich zwischen Ms. Lauryn Hill, User und nicht zuletzt Lisa Simone in bester Gesellschaft wieder, die kampfeslustige Atmosphäre von Simones Interpretation aber bleibt ohne Frage unerreicht. Keine Schande allerdings, denn selbst ein Martin Luther King musste sich von der temperamentvollen Musikerin mit der tragischen Lebensgeschichte einiges anhören!


08. Kendrick Lamar – For Free?

»Vieles im HipHop ist Jazz«, betonte Porter mal in einem Interview. »Ich glaube, dass es Künstler gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was guter HipHop ist. Selbstreflexion und Selbstkritik waren immer ein wichtiger Bestandteil von Rap, Protest ebenso. Dasselbe finden sie im Jazz. Protest gehört zu den Grundlagen des Jazz, der aus dem Blues entstanden ist. Da lässt sich eine direkte Verbindungslinie zum HipHop ziehen.« Kaum einer hat das in den letzten Jahren so gut verstanden wie Kendrick Lamar, auf dessen Werk Porter im selben Gespräch prompt verweist. Lamars Album To Pimp A Butterfly war eine Kampfansage an die gescheiterte Idee eines post-racial Amerikas, das noch ein Martin Luther King herbeigeträumt hatte und zugleich eine harsche (Selbst-)Kritik an der schwarzen Community. Zugleich war das Album eine musikalische Wundertüte, das ungemein wissend schwarze Musiktraditionen von Funk über Soul bis natürlich Jazz in sich aufgesogen hatte. Am deutlichsten wird das bereits am Anfang im Interlude For Free?, einer harschen Abrechnung mit der Musikindustrie, die auf rumpeligen Bebop-Grooves delivert wird. Das weckt fast den Wunsch nach einer Kollaboration zwischen Lamar und Porter, oder?


09. Max Roach & Abbey Lincoln – Lonesome Lover

»Das, worüber ich am leidenschaftlichsten singe, sind meine persönliche Erfahrungen und andere Menschen«, erklärte Porter über seine einfühlsamen Lyrics. Von seiner Mutter ausgehend über Ella Fitzgerald hin zu Nina Simone und anderen Sängerinnen wie Carole King oder Amy Winehouse, denen er ebenfalls Tribut zollte, waren es auch innerhalb der Männerdomäne Jazz oftmals Frauen, die ihren Einfluss auf ihn ausübten. Wie Simone coverte Porter eine, die ihn ganz besonders prägt: Abbey Lincoln. Das 1962 auf Max Roachs Album It’s Time veröffentlichte Stück Lonesome Lover interpretierte er auf Liquid Spirit neu. »Sie war so persönlich in ihrem Stil und ihren musikalischen Gaben«, schwärmte er und gab auch zu, dass so eine Coverversion kein leichtes Unterfangen ist: »Es ist fast unmöglich, sich vorzustellen, dass jemand anderes ihre Songs singt! Sie schreckte nicht davor zurück, ihre politische Haltung in in Musik zu übertragen. Das Leben als Politik – sie hat daraus Musik gemacht und das hat mich und mein eigenes Verhältnis zu Musik sehr geprägt.« Seine Version von Lonesome Lover strotzt dementsprechend nur so vor Leidenschaft.


 10. Disclosure – Holding On

Ob auf dem Broadway oder auf Jazz-Festivals, Gregory Porters Zuhause ist die Bühne. Trotzdem ist seine charismatische Stimme ebenso im Club zu hören. Insbesondere ein Track schien sich – seiner treibenden Rhythmen sei Dank – für den Dancefloor zu eignen: Der Stockholmer DJ und Produzent Peter “Opolopo” Major fertigte einen Edit des Stücks 1960 What? an, um das politisch aufgeladene Stück in seinen eigenen Sets zu spielen. »Jedes Mal, wenn ich es spielte, dachte ich daran, wie es in einem Clubkontext funktionieren könnte, wenn es nur einen Beat hätte«, gab Major zu Protokoll. »Es ist ein sehr eingängiger Song, obwohl es sich um ernsthaften Jazz mit ausdrucksstarken Lyrics handelt.« Der Erfolg des “Kick & Bass Rerubs” von Major hat vielleicht auch das britische Brüderpaar Disclosure auf den Plan gerufen, die Porter für ihr zweites Album Caracal rekrutierten. Die Mischung aus Charts-orientiertem UK House und Porters Vocals klang zuerst befremdlich, er selbst betonte ausdrücklich: »Ich bleibe immer ein Jazzsänger!« Wohin es ihn nämlich verschlägt, Porter wird seine Wurzeln wohl immer ehren.


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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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