------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Gregory Porter

Published on

Es hätte alles anders laufen können und dann wäre Gregory Porter vielleicht nicht für seinen samtigen Jazz-Bariton bekannt geworden, sondern vor allem Sport-Fans ein Begriff. Die Football-Karriere aber erledigte sich nach einer Verletzung, lediglich das College-Stipendium blieb – und damit genug Zeit für den jungen Studenten, die eigene Stimme zu entdecken und weiterzuentwickeln. Nachdem sich der charismatische Sänger mit Musicals einen Namen machte, veröffentlichte er eine Reihe von Alben, die Jazz- und Soul-Fans gleichermaßen zum Schwärmen brachten. »Im Jazz habe ich mich selbst gehört«, sagt er zwar. Doch ist seine Musik angereichert mit Gospel- oder eben Soul-Elementen und der politisch engagierte Sänger hat auch ein Ohr für frische Hip Hop-Sounds. Dementsprechend breit strecken sich die Stränge seiner musikalischen DNA aus. Wie divers Porters musikalische Einflüsse sind, zeigt sich allein daran, wo seine Musik ihre Wirkung hinterlässt – und sei’s auf dem House-Dancefloor!


Höre dir hier Gregory Porters musikalische DNA in einer Playlist an und lies weiter:


01. Nat King Cole – A Portrait Of Jenny

Gregory Porter war 21, als er den größten Schicksalsschlag seines Lebens einstecken musste. Seine Mutter Ruth, welcher er mit seinem Mother’s Song vom Album Be Good einen einfühlsamen Tribut zollte, starb an den Folgen einer Krankheit. »Ich habe so viel über meine Mutter gesprochen, dass meine Band genau weiß, wie sie tickt«, sagte er einmal in einem Interview. Der christliche Background der Mutter überlebt in den dezenten Gospel-Einflüssen von Porters Musik, und nicht zuletzt hätte ohne sie seine Karriere wohl ganz anders ausgesehen. Als er mit fünf Jahren (!) seinen ersten Song schrieb, ermutigte sie ihn zu mehr und selbst auf dem Sterbebett hatte sie klare Worte für den Sohn parat: »Sing, baby, sing!« Anders sein Vater Rufus, den der junge Gregory kaum kennenlernte. Stattdessen fand er einen Ersatzvater in Nat King Cole. »Wenn ich als Junge gesungen habe, sagte sie [seine Mutter] stets: ‘Du klingst wie Nat King Cole.’ Deshalb begann ich irgendwann, mich durch ihre Nat King Cole-Platten zu hören«, erinnert sich Porter. »Dabei malte ich mir aus, er wäre mein Dad.« Diese Wahlverwandtschaft verarbeitete er sogar im Musical Nat King Cole and Me. Die Songs des legendären Jazz-Musikers begleiteten ihn sein gesamtes Leben lang. Stücke wie A Portrait Of Jenny, erzählte Porter einst, habe er selbst beim Football-Spielen durch den Mundschutz gesummt!


02. Ella Fitzgerald & Louis Armstrong – Summertime

Nat King Cole ist nicht das einzige Multitalent, das für Porter Vorbildfunktion hatte. Ein anderes war ein Reibeisen, das viel heiße Luft in noch heißere Sounds verwandeln konnte. »Für mich als Sänger, musst du denke ich mit der Stimme beginnen«, erklärte Porter einmal. »Mit Louis Armstrong und Billie Holiday in den Dreißigern (obwohl Armstrong zuvor für Jahrzehnte die Trompete gespielt hatte). Um dich durch ein Gespräch über den frühen Jazz zu mogeln, kannst du immer darüber schwadronieren, wie eindrucksvoll Armstrongs Sprechstimme schon klingt. Er hatte eine irre Sprechstimme, eine irre Singstimme und eine irre Spielstimme!« Ein heißer Tipp von einem, der’s wissen muss – und übrigens noch die regelmäßige Armstrong-Duettistin Ella Fitzgerald als eine der »zentralen Stimmen des Jazz« bezeichnete. Gemeinsame Kollaborationen der beiden wie etwa ihr Evergreen Summertime lassen keine Fragen auf, wieso Porter die beiden so sehr für ihr Ausdrucksvermögen und Können schätzt.


03. John Coltrane – Blue Train

Nachdem Porter zwei Alben über Motéma veröffentlicht hatte, konnte er sich am 17. Mai 2013 einen Traum erfüllen und bei Blue Note unterschreiben. Jazz wäre ohne das 1939 in New York gegründete Label in seiner Form nicht denkbar gewesen. Fast alle großen Heldinnen und Helden haben hier veröffentlicht und damit Geschichte geschrieben. So auch John Coltrane, der ein ausnehmend produktives Jahr 1957 mit seinem ersten Blue Note-Release krönen durfte, Blue Train. Noch 60 Jahre später klingt ‘Tranes Saxofon-Spiel mit seinen eleganten Phrasierungen und subtilen Ausbrüchen absolut einzigartig. Obwohl der zehn Jahre nach Release des bahnbrechenden Albums verstorbene Musiker eher selten hinter dem Mikro zu finden war, zählt ihn der posthume Labelmate Porter zu seinen Einflüssen und konnte ihm im Rahmen des 6. Coltrane Jazz Festivals im Jahr 2016 Tribut zollen. »Was Jazz von allem anderen unterscheidet, ist, dass du den Jazz nicht voraussagen kannst«, sagte Porter einmal. »Es geht um Freiheit. Sobald du denkst, dass du weißt, was du gleich hören wirst, kommt schon die nächste Abzweigung.« Eben das machte doch Coltranes Spiel aus.


04. Miles Davis – So What

Zwei Jahre nach Blue Train sollte ein anderes Jazz-Album das Genre auf immer verändern. Miles Davis’ Kind Of Blue markierte seinen Wechsel zu einer modaleren Spielart und war doch in seiner atmosphärischen Dichte radikal. Nachdem Porter in seiner Jugend von Nat King Cole vorgeprägt wurde, begann erst am College seine Jazz-Leidenschaft aufzublühen. Einer seiner Mentoren zu dieser Zeit wurde Kamau Kenyatta, der Porters Karriere noch lange begleiten sollten. Er traf ihn über den Posaunisten George Lewis, der ihn bei einer Jam-Session seiner Studenten beim Skat-Singen zuhörte. Lewis lud ihn sofort zu einem seiner Uni-Kurse ein, obwohl der junge Porter eigentlich Stadtplanung studierte. Als er allerdings den Kurs das erste Mal besuchte, war von Lewis keine Spur – stattdessen leitete Kenyatta eine Interpretation von Miles Davis’ So What, über der Porter als einziger Sänger sein Bestes gab. Mehr als genug für Kenyatta, der ihn nach Ende der Sitzung sofort beiseite zog. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden, in deren Verlauf beide Grammys für sich einheimsen konnten. Wie sagte doch schon Porter selbst in Hinsicht auf Jazz: »Du musst mit Miles Davis anfangen!« Diese (Erfolgs-)Geschichte tat es.


05. Robert Johnson – Crossroad Blues

Bevor die Beiden allerdings ihren gemeinsamen internationalen Siegeszug beginnen konnten, fing Porter klein an. Kenyatta stellte den jungen Sänger Hubert Laws vor, der Porters Leidenschaft für Nat King Cole teilte. Während gemeinsamer Sessions, in welcher Porter die Vocals für den Klassiker Smile (bekannt vor allem durch die Charlie Chaplin-Interpretation) übernahm, lernte er die beiden Laws-Schwestern Debra und Eloise kennen. Sie erkannten sofort das Ausnahmetalent des Sängers, dessen Bühnenerfahrung noch recht bescheiden ausfiel, und drängten ihn dazu, beim Casting für das Musical It Ain’t Nothin’ But the Blues vorstellig zu werden. Fast wäre das Vorsingen ein Desaster geworden: Weder wusste Porter, wo genau er eigentlich hin musste, noch hatte er eine Ahnung, welchen Song er performen sollte. Er entschied sich für eine bluesige Improvisation über eines der vielen Sprüchlein, das ihm seine geliebte Mutter auf den Weg gegeben hatte und stand schon bald zusammen mit den Laws-Schwestern auf einer Broadway-Bühne, wo er – vermutlich bestens vorbereitet – Klassiker wie den Crossroad Blues im Stile eines Robert Johnson vortrug. Eine Kette von glücklichen Zufällen brachte ihn dorthin, behaupten aber konnte er sich allein mit seinem außergewöhnlichen Talent.


06. Marvin Gaye – What’s Going On

Nicht allein Jazz und Blues fließt durch die Adern Porters, ähnlich wichtig für ihn war immer schon der Soul. Als Teenager gehörte die legendäre Sendung Soul Train selbstverständlich zum Bildungsprogramm im Hause Porter. Dort gaben sich Größen wie die Chi-Lites, James Brown oder natürlich Marvin Gaye die Ehre. Ähnlich wie Gaye vereint Porter einnehmende Sensibilität mit politischen Ansprüchen: So wie Gaye mit What’s Going On das politische Bewusstsein einer gesamten Nation in Hinsicht auf Vietnamkrieg, Drogenprobleme und Armut in den Innenstädten wachrüttelte, so ist der erlebte Rassismus ein ständiges Thema Porters. Der Song 1960 What? von seinem Debütalbum Water bezieht sich einerseits auf den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King (»There was a man, voice of the people / Standing on the balcony of the Lorraine Motel / Shots rang out, yes, it was a gun / He was the only one to fall down, y’all / That ain’t right«) und verarbeitet andererseits die Geschichte von Porters Bruder, der ebenfalls angeschossen wurde (»Young man, coming out of a liquor store / With three pieces of black liquorice, in his hand, ya’ll / Mister policeman thought it was a gun, thought he was the one / Shot him down, ya’ll, that ain’t right«). »Weil er als Schwarzer in einer weißen Gegend herumlief!«, empört sich Porter heute noch über den Vorfall von 1980. »Als sie mit Urin gefüllte Bierflaschen in unsere Fenster schmissen, als sie ein Kreuz in unserem Vorgarten verbrannt haben!« Eine Verbitterung, die auch im Song On My Way To Harlem mitschwingt, in welchem Porter die sozialpolitische Entwicklung des New Yorker Viertels mit schwarzer Musikgeschichte und seiner eigenen Karriere zusammenbringt: »Marvin Gaye used to play What’s Going On right over there«.


07. Nina Simone – Sinnerman

Nina Simone war nah dran, als ihr Freund Martin Luther King an der Speerspitze der Bürgerrechtsbewegung fundamentale Rechte für die schwarze Bevölkerung der USA einforderte. Auch in ihrer Musik war Politik eine Konstante, vor allem aber war ihr einzigartiger Sound ein Sammelbecken von Stilen, welche afro-amerikanische Traditionen einem Mainstream-Publikum nahe brachten. Wie Porter war der Gospel eine ihrer großen Leidenschaften, wie bei ihm wurde sie vor allem als einzigartige Jazz-Sängerin bekannt, die ebenso versiert den Blues performen konnte. Kein Wunder, dass sich Porter auch an ihren Interpretationen tradierter Spirituals wie etwa dem fiebrigen Sinnerman versuchte, welches er im Jahr 2015 coverte. Auf der Compilation Nina Revisited: A Tribute To Nina Simone fand er sich zwischen Ms. Lauryn Hill, User und nicht zuletzt Lisa Simone in bester Gesellschaft wieder, die kampfeslustige Atmosphäre von Simones Interpretation aber bleibt ohne Frage unerreicht. Keine Schande allerdings, denn selbst ein Martin Luther King musste sich von der temperamentvollen Musikerin mit der tragischen Lebensgeschichte einiges anhören!


08. Kendrick Lamar – For Free?

»Vieles im HipHop ist Jazz«, betonte Porter mal in einem Interview. »Ich glaube, dass es Künstler gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was guter HipHop ist. Selbstreflexion und Selbstkritik waren immer ein wichtiger Bestandteil von Rap, Protest ebenso. Dasselbe finden sie im Jazz. Protest gehört zu den Grundlagen des Jazz, der aus dem Blues entstanden ist. Da lässt sich eine direkte Verbindungslinie zum HipHop ziehen.« Kaum einer hat das in den letzten Jahren so gut verstanden wie Kendrick Lamar, auf dessen Werk Porter im selben Gespräch prompt verweist. Lamars Album To Pimp A Butterfly war eine Kampfansage an die gescheiterte Idee eines post-racial Amerikas, das noch ein Martin Luther King herbeigeträumt hatte und zugleich eine harsche (Selbst-)Kritik an der schwarzen Community. Zugleich war das Album eine musikalische Wundertüte, das ungemein wissend schwarze Musiktraditionen von Funk über Soul bis natürlich Jazz in sich aufgesogen hatte. Am deutlichsten wird das bereits am Anfang im Interlude For Free?, einer harschen Abrechnung mit der Musikindustrie, die auf rumpeligen Bebop-Grooves delivert wird. Das weckt fast den Wunsch nach einer Kollaboration zwischen Lamar und Porter, oder?


09. Max Roach & Abbey Lincoln – Lonesome Lover

»Das, worüber ich am leidenschaftlichsten singe, sind meine persönliche Erfahrungen und andere Menschen«, erklärte Porter über seine einfühlsamen Lyrics. Von seiner Mutter ausgehend über Ella Fitzgerald hin zu Nina Simone und anderen Sängerinnen wie Carole King oder Amy Winehouse, denen er ebenfalls Tribut zollte, waren es auch innerhalb der Männerdomäne Jazz oftmals Frauen, die ihren Einfluss auf ihn ausübten. Wie Simone coverte Porter eine, die ihn ganz besonders prägt: Abbey Lincoln. Das 1962 auf Max Roachs Album It’s Time veröffentlichte Stück Lonesome Lover interpretierte er auf Liquid Spirit neu. »Sie war so persönlich in ihrem Stil und ihren musikalischen Gaben«, schwärmte er und gab auch zu, dass so eine Coverversion kein leichtes Unterfangen ist: »Es ist fast unmöglich, sich vorzustellen, dass jemand anderes ihre Songs singt! Sie schreckte nicht davor zurück, ihre politische Haltung in in Musik zu übertragen. Das Leben als Politik – sie hat daraus Musik gemacht und das hat mich und mein eigenes Verhältnis zu Musik sehr geprägt.« Seine Version von Lonesome Lover strotzt dementsprechend nur so vor Leidenschaft.


 10. Disclosure – Holding On

Ob auf dem Broadway oder auf Jazz-Festivals, Gregory Porters Zuhause ist die Bühne. Trotzdem ist seine charismatische Stimme ebenso im Club zu hören. Insbesondere ein Track schien sich – seiner treibenden Rhythmen sei Dank – für den Dancefloor zu eignen: Der Stockholmer DJ und Produzent Peter “Opolopo” Major fertigte einen Edit des Stücks 1960 What? an, um das politisch aufgeladene Stück in seinen eigenen Sets zu spielen. »Jedes Mal, wenn ich es spielte, dachte ich daran, wie es in einem Clubkontext funktionieren könnte, wenn es nur einen Beat hätte«, gab Major zu Protokoll. »Es ist ein sehr eingängiger Song, obwohl es sich um ernsthaften Jazz mit ausdrucksstarken Lyrics handelt.« Der Erfolg des “Kick & Bass Rerubs” von Major hat vielleicht auch das britische Brüderpaar Disclosure auf den Plan gerufen, die Porter für ihr zweites Album Caracal rekrutierten. Die Mischung aus Charts-orientiertem UK House und Porters Vocals klang zuerst befremdlich, er selbst betonte ausdrücklich: »Ich bleibe immer ein Jazzsänger!« Wohin es ihn nämlich verschlägt, Porter wird seine Wurzeln wohl immer ehren.


Das könnte dir auch gefallen:

Frank Sinatra – 100 Jahre, 100 Fakten, 100 Songs

Miles Davis Tribute Album

Nat King Cole zum Todestag – Die Autobiografie zum Nachhören

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

Published on

The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Die besten letzten Platten aller Zeiten

Continue Reading

Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

Published on

Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

Continue Reading

Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

Published on

Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]