Join us

Popkultur

Die musikalische DNA von Gregory Porter

Published on

Es hätte alles anders laufen können und dann wäre Gregory Porter vielleicht nicht für seinen samtigen Jazz-Bariton bekannt geworden, sondern vor allem Sport-Fans ein Begriff. Die Football-Karriere aber erledigte sich nach einer Verletzung, lediglich das College-Stipendium blieb – und damit genug Zeit für den jungen Studenten, die eigene Stimme zu entdecken und weiterzuentwickeln. Nachdem sich der charismatische Sänger mit Musicals einen Namen machte, veröffentlichte er eine Reihe von Alben, die Jazz- und Soul-Fans gleichermaßen zum Schwärmen brachten. »Im Jazz habe ich mich selbst gehört«, sagt er zwar. Doch ist seine Musik angereichert mit Gospel- oder eben Soul-Elementen und der politisch engagierte Sänger hat auch ein Ohr für frische Hip Hop-Sounds. Dementsprechend breit strecken sich die Stränge seiner musikalischen DNA aus. Wie divers Porters musikalische Einflüsse sind, zeigt sich allein daran, wo seine Musik ihre Wirkung hinterlässt – und sei’s auf dem House-Dancefloor!


Höre dir hier Gregory Porters musikalische DNA in einer Playlist an und lies weiter:

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

01. Nat King Cole – A Portrait Of Jenny

Gregory Porter war 21, als er den größten Schicksalsschlag seines Lebens einstecken musste. Seine Mutter Ruth, welcher er mit seinem Mother’s Song vom Album Be Good einen einfühlsamen Tribut zollte, starb an den Folgen einer Krankheit. »Ich habe so viel über meine Mutter gesprochen, dass meine Band genau weiß, wie sie tickt«, sagte er einmal in einem Interview. Der christliche Background der Mutter überlebt in den dezenten Gospel-Einflüssen von Porters Musik, und nicht zuletzt hätte ohne sie seine Karriere wohl ganz anders ausgesehen. Als er mit fünf Jahren (!) seinen ersten Song schrieb, ermutigte sie ihn zu mehr und selbst auf dem Sterbebett hatte sie klare Worte für den Sohn parat: »Sing, baby, sing!« Anders sein Vater Rufus, den der junge Gregory kaum kennenlernte. Stattdessen fand er einen Ersatzvater in Nat King Cole. »Wenn ich als Junge gesungen habe, sagte sie [seine Mutter] stets: ‘Du klingst wie Nat King Cole.’ Deshalb begann ich irgendwann, mich durch ihre Nat King Cole-Platten zu hören«, erinnert sich Porter. »Dabei malte ich mir aus, er wäre mein Dad.« Diese Wahlverwandtschaft verarbeitete er sogar im Musical Nat King Cole and Me. Die Songs des legendären Jazz-Musikers begleiteten ihn sein gesamtes Leben lang. Stücke wie A Portrait Of Jenny, erzählte Porter einst, habe er selbst beim Football-Spielen durch den Mundschutz gesummt!


02. Ella Fitzgerald & Louis Armstrong – Summertime

Nat King Cole ist nicht das einzige Multitalent, das für Porter Vorbildfunktion hatte. Ein anderes war ein Reibeisen, das viel heiße Luft in noch heißere Sounds verwandeln konnte. »Für mich als Sänger, musst du denke ich mit der Stimme beginnen«, erklärte Porter einmal. »Mit Louis Armstrong und Billie Holiday in den Dreißigern (obwohl Armstrong zuvor für Jahrzehnte die Trompete gespielt hatte). Um dich durch ein Gespräch über den frühen Jazz zu mogeln, kannst du immer darüber schwadronieren, wie eindrucksvoll Armstrongs Sprechstimme schon klingt. Er hatte eine irre Sprechstimme, eine irre Singstimme und eine irre Spielstimme!« Ein heißer Tipp von einem, der’s wissen muss – und übrigens noch die regelmäßige Armstrong-Duettistin Ella Fitzgerald als eine der »zentralen Stimmen des Jazz« bezeichnete. Gemeinsame Kollaborationen der beiden wie etwa ihr Evergreen Summertime lassen keine Fragen auf, wieso Porter die beiden so sehr für ihr Ausdrucksvermögen und Können schätzt.


03. John Coltrane – Blue Train

Nachdem Porter zwei Alben über Motéma veröffentlicht hatte, konnte er sich am 17. Mai 2013 einen Traum erfüllen und bei Blue Note unterschreiben. Jazz wäre ohne das 1939 in New York gegründete Label in seiner Form nicht denkbar gewesen. Fast alle großen Heldinnen und Helden haben hier veröffentlicht und damit Geschichte geschrieben. So auch John Coltrane, der ein ausnehmend produktives Jahr 1957 mit seinem ersten Blue Note-Release krönen durfte, Blue Train. Noch 60 Jahre später klingt ‘Tranes Saxofon-Spiel mit seinen eleganten Phrasierungen und subtilen Ausbrüchen absolut einzigartig. Obwohl der zehn Jahre nach Release des bahnbrechenden Albums verstorbene Musiker eher selten hinter dem Mikro zu finden war, zählt ihn der posthume Labelmate Porter zu seinen Einflüssen und konnte ihm im Rahmen des 6. Coltrane Jazz Festivals im Jahr 2016 Tribut zollen. »Was Jazz von allem anderen unterscheidet, ist, dass du den Jazz nicht voraussagen kannst«, sagte Porter einmal. »Es geht um Freiheit. Sobald du denkst, dass du weißt, was du gleich hören wirst, kommt schon die nächste Abzweigung.« Eben das machte doch Coltranes Spiel aus.


04. Miles Davis – So What

Zwei Jahre nach Blue Train sollte ein anderes Jazz-Album das Genre auf immer verändern. Miles Davis’ Kind Of Blue markierte seinen Wechsel zu einer modaleren Spielart und war doch in seiner atmosphärischen Dichte radikal. Nachdem Porter in seiner Jugend von Nat King Cole vorgeprägt wurde, begann erst am College seine Jazz-Leidenschaft aufzublühen. Einer seiner Mentoren zu dieser Zeit wurde Kamau Kenyatta, der Porters Karriere noch lange begleiten sollten. Er traf ihn über den Posaunisten George Lewis, der ihn bei einer Jam-Session seiner Studenten beim Skat-Singen zuhörte. Lewis lud ihn sofort zu einem seiner Uni-Kurse ein, obwohl der junge Porter eigentlich Stadtplanung studierte. Als er allerdings den Kurs das erste Mal besuchte, war von Lewis keine Spur – stattdessen leitete Kenyatta eine Interpretation von Miles Davis’ So What, über der Porter als einziger Sänger sein Bestes gab. Mehr als genug für Kenyatta, der ihn nach Ende der Sitzung sofort beiseite zog. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden, in deren Verlauf beide Grammys für sich einheimsen konnten. Wie sagte doch schon Porter selbst in Hinsicht auf Jazz: »Du musst mit Miles Davis anfangen!« Diese (Erfolgs-)Geschichte tat es.


05. Robert Johnson – Crossroad Blues

Bevor die Beiden allerdings ihren gemeinsamen internationalen Siegeszug beginnen konnten, fing Porter klein an. Kenyatta stellte den jungen Sänger Hubert Laws vor, der Porters Leidenschaft für Nat King Cole teilte. Während gemeinsamer Sessions, in welcher Porter die Vocals für den Klassiker Smile (bekannt vor allem durch die Charlie Chaplin-Interpretation) übernahm, lernte er die beiden Laws-Schwestern Debra und Eloise kennen. Sie erkannten sofort das Ausnahmetalent des Sängers, dessen Bühnenerfahrung noch recht bescheiden ausfiel, und drängten ihn dazu, beim Casting für das Musical It Ain’t Nothin’ But the Blues vorstellig zu werden. Fast wäre das Vorsingen ein Desaster geworden: Weder wusste Porter, wo genau er eigentlich hin musste, noch hatte er eine Ahnung, welchen Song er performen sollte. Er entschied sich für eine bluesige Improvisation über eines der vielen Sprüchlein, das ihm seine geliebte Mutter auf den Weg gegeben hatte und stand schon bald zusammen mit den Laws-Schwestern auf einer Broadway-Bühne, wo er – vermutlich bestens vorbereitet – Klassiker wie den Crossroad Blues im Stile eines Robert Johnson vortrug. Eine Kette von glücklichen Zufällen brachte ihn dorthin, behaupten aber konnte er sich allein mit seinem außergewöhnlichen Talent.


06. Marvin Gaye – What’s Going On

Nicht allein Jazz und Blues fließt durch die Adern Porters, ähnlich wichtig für ihn war immer schon der Soul. Als Teenager gehörte die legendäre Sendung Soul Train selbstverständlich zum Bildungsprogramm im Hause Porter. Dort gaben sich Größen wie die Chi-Lites, James Brown oder natürlich Marvin Gaye die Ehre. Ähnlich wie Gaye vereint Porter einnehmende Sensibilität mit politischen Ansprüchen: So wie Gaye mit What’s Going On das politische Bewusstsein einer gesamten Nation in Hinsicht auf Vietnamkrieg, Drogenprobleme und Armut in den Innenstädten wachrüttelte, so ist der erlebte Rassismus ein ständiges Thema Porters. Der Song 1960 What? von seinem Debütalbum Water bezieht sich einerseits auf den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King (»There was a man, voice of the people / Standing on the balcony of the Lorraine Motel / Shots rang out, yes, it was a gun / He was the only one to fall down, y’all / That ain’t right«) und verarbeitet andererseits die Geschichte von Porters Bruder, der ebenfalls angeschossen wurde (»Young man, coming out of a liquor store / With three pieces of black liquorice, in his hand, ya’ll / Mister policeman thought it was a gun, thought he was the one / Shot him down, ya’ll, that ain’t right«). »Weil er als Schwarzer in einer weißen Gegend herumlief!«, empört sich Porter heute noch über den Vorfall von 1980. »Als sie mit Urin gefüllte Bierflaschen in unsere Fenster schmissen, als sie ein Kreuz in unserem Vorgarten verbrannt haben!« Eine Verbitterung, die auch im Song On My Way To Harlem mitschwingt, in welchem Porter die sozialpolitische Entwicklung des New Yorker Viertels mit schwarzer Musikgeschichte und seiner eigenen Karriere zusammenbringt: »Marvin Gaye used to play What’s Going On right over there«.


07. Nina Simone – Sinnerman

Nina Simone war nah dran, als ihr Freund Martin Luther King an der Speerspitze der Bürgerrechtsbewegung fundamentale Rechte für die schwarze Bevölkerung der USA einforderte. Auch in ihrer Musik war Politik eine Konstante, vor allem aber war ihr einzigartiger Sound ein Sammelbecken von Stilen, welche afro-amerikanische Traditionen einem Mainstream-Publikum nahe brachten. Wie Porter war der Gospel eine ihrer großen Leidenschaften, wie bei ihm wurde sie vor allem als einzigartige Jazz-Sängerin bekannt, die ebenso versiert den Blues performen konnte. Kein Wunder, dass sich Porter auch an ihren Interpretationen tradierter Spirituals wie etwa dem fiebrigen Sinnerman versuchte, welches er im Jahr 2015 coverte. Auf der Compilation Nina Revisited: A Tribute To Nina Simone fand er sich zwischen Ms. Lauryn Hill, User und nicht zuletzt Lisa Simone in bester Gesellschaft wieder, die kampfeslustige Atmosphäre von Simones Interpretation aber bleibt ohne Frage unerreicht. Keine Schande allerdings, denn selbst ein Martin Luther King musste sich von der temperamentvollen Musikerin mit der tragischen Lebensgeschichte einiges anhören!


08. Kendrick Lamar – For Free?

»Vieles im HipHop ist Jazz«, betonte Porter mal in einem Interview. »Ich glaube, dass es Künstler gibt, die sich den Kopf darüber zerbrechen, was guter HipHop ist. Selbstreflexion und Selbstkritik waren immer ein wichtiger Bestandteil von Rap, Protest ebenso. Dasselbe finden sie im Jazz. Protest gehört zu den Grundlagen des Jazz, der aus dem Blues entstanden ist. Da lässt sich eine direkte Verbindungslinie zum HipHop ziehen.« Kaum einer hat das in den letzten Jahren so gut verstanden wie Kendrick Lamar, auf dessen Werk Porter im selben Gespräch prompt verweist. Lamars Album To Pimp A Butterfly war eine Kampfansage an die gescheiterte Idee eines post-racial Amerikas, das noch ein Martin Luther King herbeigeträumt hatte und zugleich eine harsche (Selbst-)Kritik an der schwarzen Community. Zugleich war das Album eine musikalische Wundertüte, das ungemein wissend schwarze Musiktraditionen von Funk über Soul bis natürlich Jazz in sich aufgesogen hatte. Am deutlichsten wird das bereits am Anfang im Interlude For Free?, einer harschen Abrechnung mit der Musikindustrie, die auf rumpeligen Bebop-Grooves delivert wird. Das weckt fast den Wunsch nach einer Kollaboration zwischen Lamar und Porter, oder?


09. Max Roach & Abbey Lincoln – Lonesome Lover

»Das, worüber ich am leidenschaftlichsten singe, sind meine persönliche Erfahrungen und andere Menschen«, erklärte Porter über seine einfühlsamen Lyrics. Von seiner Mutter ausgehend über Ella Fitzgerald hin zu Nina Simone und anderen Sängerinnen wie Carole King oder Amy Winehouse, denen er ebenfalls Tribut zollte, waren es auch innerhalb der Männerdomäne Jazz oftmals Frauen, die ihren Einfluss auf ihn ausübten. Wie Simone coverte Porter eine, die ihn ganz besonders prägt: Abbey Lincoln. Das 1962 auf Max Roachs Album It’s Time veröffentlichte Stück Lonesome Lover interpretierte er auf Liquid Spirit neu. »Sie war so persönlich in ihrem Stil und ihren musikalischen Gaben«, schwärmte er und gab auch zu, dass so eine Coverversion kein leichtes Unterfangen ist: »Es ist fast unmöglich, sich vorzustellen, dass jemand anderes ihre Songs singt! Sie schreckte nicht davor zurück, ihre politische Haltung in in Musik zu übertragen. Das Leben als Politik – sie hat daraus Musik gemacht und das hat mich und mein eigenes Verhältnis zu Musik sehr geprägt.« Seine Version von Lonesome Lover strotzt dementsprechend nur so vor Leidenschaft.


 10. Disclosure – Holding On

Ob auf dem Broadway oder auf Jazz-Festivals, Gregory Porters Zuhause ist die Bühne. Trotzdem ist seine charismatische Stimme ebenso im Club zu hören. Insbesondere ein Track schien sich – seiner treibenden Rhythmen sei Dank – für den Dancefloor zu eignen: Der Stockholmer DJ und Produzent Peter “Opolopo” Major fertigte einen Edit des Stücks 1960 What? an, um das politisch aufgeladene Stück in seinen eigenen Sets zu spielen. »Jedes Mal, wenn ich es spielte, dachte ich daran, wie es in einem Clubkontext funktionieren könnte, wenn es nur einen Beat hätte«, gab Major zu Protokoll. »Es ist ein sehr eingängiger Song, obwohl es sich um ernsthaften Jazz mit ausdrucksstarken Lyrics handelt.« Der Erfolg des “Kick & Bass Rerubs” von Major hat vielleicht auch das britische Brüderpaar Disclosure auf den Plan gerufen, die Porter für ihr zweites Album Caracal rekrutierten. Die Mischung aus Charts-orientiertem UK House und Porters Vocals klang zuerst befremdlich, er selbst betonte ausdrücklich: »Ich bleibe immer ein Jazzsänger!« Wohin es ihn nämlich verschlägt, Porter wird seine Wurzeln wohl immer ehren.


Das könnte dir auch gefallen:

Frank Sinatra – 100 Jahre, 100 Fakten, 100 Songs

Miles Davis Tribute Album

Nat King Cole zum Todestag – Die Autobiografie zum Nachhören

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Popkultur

Zeitsprung: Am 4.12.1993 stirbt der einzigartige Frank Zappa.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.12.1993.

von Timon Menge und Christof Leim

Was Frank Zappa in den 52 Jahren seines zu kurzen Lebens auf die Beine gestellt hat, lässt sich kaum begreifen. Mehr als 60 Platten veröffentlicht das Musikgenie vor seinem Tod, über 40 weitere Alben erscheinen posthum. Heute blicken wir auf sein höchst kreatives Leben zurück.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hört hier in die besten Zappa-Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.


Am 21. Dezember 1940 kommt Zappa in Baltimore, Maryland zur Welt und wächst in einem multikulturellen Mehrgenerationenhaushalt auf. So stammen die Vorfahren seiner Mutter Rosemarie aus Italien und Frankreich, sein Vater Francis Vincent siedelt aus Italien in die USA über und bringt zudem griechische sowie arabische Wurzeln mit. Die italienische Sprache lernt Frank Zappa vor allem Dank seiner Großeltern, die mit der Familie zusammenleben; außerdem hat er drei jüngere Geschwister.

Sein Vater arbeitet in der Rüstungsindustrie, weshalb die Familie oft umziehen muss. Nach einigen Jahren in Florida heuert er in einer Firma für Chemiewaffen in der alten Heimat Baltimore an. Weil der Betrieb in der Nähe des Wohnhauses unter anderem Senfgas lagert, bunkern die Zappas sicherheitshalber Gasmasken — ein Umstand, der den zukünftigen Musiker Frank tief beeindruckt. Immer wieder nimmt er in seinen Songs Bezug auf Keime, biologische Kampfmittel und die Rüstungsindustrie im Allgemeinen.



Seine Begeisterung für Musik entdeckt Zappa schon während der High School. Zunächst faszinieren ihn moderne klassische Komponisten wie Edgard Varèse, Igor Stravinsky und Anton Webern. Zeitgleich findet er Gefallen an R&B- und Doo-Wop-Musik. In seiner Schulzeit komponiert er klassische Stücke und spielt in einer R&B-Band, zunächst als Schlagzeuger, dann als Gitarrist. Später erlernt er ein Instrument nach dem anderen und stellt jeden noch so ambitionierten Durchschnittsmusiker in den Schatten. So beherrscht Zappa auch Bass, Klavier und Percussion. Mit acht Armen hätte er also als ganze Band auftreten können.



1966 veröffentlichen Zappa und die Mothers Of Invention ihr Debüt Freak Out!. Das bahnbrechende Album setzt zwar auf klassische Rock’n’Roll-Songstrukturen, vermischt sie jedoch mit allerhand Verrücktheiten wie Improvisationen und Klangcollagen. Sogar Paul McCartney verrät in einem Interview, dass Freak Out! das legendäre Beatles-Opus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band durchaus beeinflusst habe.



Die Mothers (wie die Band meist verkürzt genannt wird) lösen sich 1969 vorübergehend auf, im gleichen Jahr erscheint das erste Soloalbum Hot Rats. Und damit geht es erst los: Wollten wir sämtliche Werk aufzählen und kommentieren, müssten wir uns alle den Nachmittag frei nehmen. Zappa komponiert anscheinend durchgehend und findet immer neue Ausdrucksformen im musikalischen Bermudadreieck aus Rock, Jazz, freier Improvisation, Klassik und allerlei experimentellen Stilen – Fusion im reinsten Sinne. Die bissigen Sozialkommentare und satirischen, fast komödiantischen Texte wirken mitunter wie ein Gegensatz zum unfassbar hohen musikalischen Anspruch seiner Kompositionen. Zappa hat sogar indirekt mit der Entstehung des ikonischsten Riffs im harten Rock zu tun: Als als bei einem Schweizer Konzert der Mothers Of Invention ein Feuer ausbricht und Rauch über den Genfer See zieht, inspiriert das Deep Purple zu Smoke On The Water. (Die ganze Geschichte steht hier.)


Zwei der über 100 Alben, die Frank Zappa zu Lebzeiten und posthum veröffentlicht hat


Mit Apostrophe schafft er es 1974 sogar in die US-Top Ten, auch Over-Nite Sensation (1973) und Zoot Allures (1976) gehören zu den Standardwerken. Seinen größten Hit landet Zappa 1979 vor allem in Europa mit Bobby Brown (Goes Down). Der Song erscheint auf seinem 26. Album Sheik Yerbouti und handelt von einem wohlhabenden, frauenfeindlichen Studenten namens Bobby Brown, dem „süßesten Jungen der Stadt“. Der Text beschreibt Bobby, den Archetypen des amerikanischen Traums, dessen Weltbild gehörig ins Wanken gerät, als er sich auf ein sexuelles Verhältnis mit der lesbischen Frau „Freddie“ einlässt. Er zweifelt daraufhin an seiner Heterosexualität und verwandelt sich in einen schwulen Mann, der sein Geld mit Radiowerbung verdient. Kein Wunder, dass die US-amerikanischen Radiosender den Song nicht spielen wollten. Lustigerweise läuft das Stück in Ländern, in denen Englisch nur als Fremdsprache gesprochen wird, viel öfter.



Während seiner Karriere fühlt sich Zappa weder im Untergrund noch im Mainstream wohl. Statt sich fremden Regeln zu unterwerfen, schreibt er lieber seine eigenen, ob musikalisch, persönlich, geschäftlich oder politisch. Nicht selten liegt er im Streit mit Labels und anderen Geschäftspartnern. Seine Werke zeichnen sich nicht nur durch Klangexperimente, Improvisation und hohen Anspruch aus, sondern auch durch satirische Darstellungen der US-amerikanischen Kultur. Das Online-Portal AllMusic verleiht ihm sogar den Titel „Vater des Comedy Rock“. Seine Arbeit polarisiert durchaus: Während die Einen ihn für seine umfangreichen Kompositionen bewundern, werfen die Anderen ihm vor, seine Musik besitze keinen emotionalen Tiefgang und zu klinisch klängen die durchkonstruierten Arrangements.



In die Verzweiflung treibt Zappa vor allem Musikjournalisten. So lassen sich seine Veröffentlichungen schwer einsortieren, denn sie unterscheiden sich nicht nur untereinander stark; selbst auf ein und derselben Platte verarbeitet der Meisterkomponist die unterschiedlichsten Einflüsse und Stile. Des Weiteren gilt der Musiker als schwieriger Interviewpartner, wie zum Beispiel hier  nachgelesen werden kann.



Eine ganz eigene Einstellung vertritt Zappa zum Thema Drogen. Während die meisten Musiker diesbezüglich nicht als Kostverächter in Erscheinung treten, lehnt er den Konsum ab. Marihuana probiert er aus, kann sich aber nicht mit der Wirkung anfreunden. Seine Musiker lässt er allerdings an der langen Leine. Zwar wünscht er, dass die Bühne drogenfrei bleibt, doch was danach passiert, gehe ihn nichts an. Trotz (oder gerade wegen) seiner Abneigung engagiert sich Zappa für die Legalisierung und die Kontrolle von Drogen. Völlig lasterfrei bleibt er allerdings nicht: Der Musiker raucht wie ein Schlot und trinkt vermutlich mehr Kaffee als Wasser. Statt Drogen wird Sex zum großen Thema auf den Touren während der Siebziger, was sich immer wieder in den Texten niederschlägt und für Ärger mit Moralwächtern wie dem berüchtigten PMRC sorgt.


In seinen späten Jahren wendet sich Frank Zappa verstärkt der modernen Klassik zu und arbeitet viel mit dem Synclavier, einem frühen elektronischen Synthesizer, der jedwede musikalische Figur atomuhrgenau spielen kann, selbst wenn des Meisters Hirn sich mal wieder die wirrsten Takte aus Primzahlen ausgedacht hat.

Leider wird 1990 Prostatakrebs festgestellt, an dem der Ausnahmemusiker am 4. Dezember 1993 im Beisein seiner Ehefrau Gail und der vier Kinder verstirbt. Er wurde 52 Jahre alt. Am folgenden Tag wird er in Los Angeles in einem anonymen Grab beigesetzt, am 6. Dezember verkündet seine Familie: „Komponist Frank Zappa ist zu seiner letzten Tour aufgebrochen.“

Bis heute nimmt der Musiker Einfluss auf die Rock- und Popmusik, auch wenn sich sein kommerzieller Erfolg weitestgehend auf Europa und Asien beschränkt. In Nordamerika bleibt der große Durchbruch bis zum Schluss aus. Erst 1995, also zwei Jahre nach seinem Tod, wird er in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen. 1997 bedenkt man ihn posthum mit dem „Grammy Lifetime Achievement Award“. Auch die Musikpresse überschlägt sich mit Lob: Im Rolling Stone belegt er etwa Platz 71 der „100 besten Musiker aller Zeiten“. Verdient. Gäbe es eine Rangliste der eigenwilligsten und eigenständigsten Künstler, stände er wohl ganz oben…


Zeitsprung: Am 14.3.1986 wird Frank Zappa zum Drogendealer – bei „Miami Vice“.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

55 Jahre „Buffalo Springfield“: Stephen Stills und Neil Young zaubern zum ersten Mal gemeinsam

Published on

Buffalo Springfield
Foto: GAB Archive/Redferns/Getty Images

Stephen Stills scheint heute so ziemlich der einzige zu sein, der sich nicht völlig mit dem Grantler Neil Young überworfen hat. Vor 55 Jahren beschnuppern sich die beiden künftigen Ikonen erstmals musikalisch – und veröffentlichen mit dem ersten Album von Buffalo Springfield gleich einen zukünftigen Klassiker.

von Björn Springorum

Mitte der Sechziger sprießen überall in den Vereinigten Staaten vielversprechende neue Bands aus dem Boden. Aus traditionellen Folk/Country-Mechanismen und dem jüngst übers Land geschwappten Gospel der British Invasion entsteht das neue Genre Folk Rock, aus der Taufe gehoben von den großen Geburtshelfern der amerikanischen Rockgeschichte, den Byrds und Buffalo Springfield.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hier könnt ihr das Debüt von Buffalo Springfield hören:

Es beginnt in Kanada

Letztere sind die kurzlebige Band, die neben For What It’s Worth vor allem für das geschichtsträchtige erste Zusammentreffen von Stephen Stills und Neil Young bekannt ist. Die beiden lernen sich 1965 im kanadischen Thunder Bay kennen, wo sie in einem Schuppen namens Fourth Dimension auftreten. Young mit The Squires, Stills mit The Company. Beide verstehen sich, beide verlieren sich danach wieder aus den Augen und verfolgen wenig erfolgreich andere Pläne.

Im Leichenwagen nach LA

Irgendwann erinnert sich Young an seine Begegnung mit Stills, kauft sich gemeinsam mit dem kanadischen Musiker Bruce Palmer einen Leichenwagen und fährt damit kurzerhand nach Los Angeles, um ihn zu suchen. Das muss man sich mal vorstellen: Neil Young hat keine Ahnung, wo Stephen Stills genau lebt. Er fährt einfach in die Millionenstadt und sucht ihn in den Clubs und Cafés! Wenig überraschend bleibt diese wirre Suche ergebnislos, dürfte aber sicherlich einige gute Anekdoten produziert haben.

Doch jetzt kommt’s: Am 6. April 1966 beschließen die beiden hochgradig frustriert, die Stadt der Engel zu verlassen und Richtung Norden nach San Francisco zu fahren. Als sie auf dem Sunset Boulevard im Verkehr stecken, fährt auf der Gegenfahrbahn allen Ernstes Stephen Stills an ihnen vorbei, entdeckt sie, schafft es irgendwie zu wenden und ermöglicht ihr unfassbar unrealistisches Wiedersehen. Geschichten wie die schreiben nur die Sechziger.

Auf Tour mit den Byrds

Danach geht alles ganz schnell: Gerade mal fünf Tage nach ihrer zufälligen Reunion geben sie ihr Live-Debüt als Buffalo Springfield im Troubadour in West Hollywood – und ein paar Tage darauf gehen sie auch schon als Support für die Byrds auf Tour. Manche Dinge, so scheint es, müssen einfach geschehen. Und wenn auch nur, um die ehernen Götter des Rock’n’Roll nicht zu erzürnen.

Auch der Rest der kurzen, aber berauschenden Buffalo-Springfield-Geschichte liest sich wie eine Hippie-Fabel: Die Byrds besorgen der jungen Band eine Audition im Whisky a Go Go, kurz darauf sind Buffalo Springfield auch schon die Hausband des legendären Ladens. Die Labels reißen sich schon bald um die Band, Gelder werden locker gemacht und zwischen Juli und September 1966 in die Aufnahmen zum Debüt Buffalo Springfield in den Gold Star Studios gesteckt.

Unruhen auf dem Sunset Strip

So wirklich zünden will das Album zunächst nicht, als es am 5. Dezember 1966 erscheint. Das darf man nach all dem Buzz und den Vorschusslorbeeren der vergangenen Monate durchaus als Enttäuschung werten. Dann spielt Buffalo Springfield ein kulturelles Sperrfeuer in die Karten, das Los Angeles im November und Dezember 1966 in Brand setzt: Die sogenannten Sunset Strip Curfew Riots bringen junge Menschen der Gegenkultur auf die Straße, um gegen Sperrstunden, Aufenthaltsverbote und den drohenden Abriss des Clubs Pandora’s Box zu demonstrieren. Die Stimmung ist aufgeheizt, erstmals wird die Kluft zwischen der Gegenkultur und dem alten Amerika deutlich.

Stephen Stills nimmt die Unruhen als Inspiration für For What It’s Worth, den bekanntesten Buffalo-Springfield-Song. Die Band spielt ihn an Thanksgiving erstmals live im Whisky und nimmt ihn am Erscheinungstag ihres Debüts auf. Im März des Folgejahres war das Protestlied ein Top-Ten-Hit und wird als Opener auf eine Neuauflage von Buffalo Springfield gepackt. Die Nummer Baby Don’t Scold Me wird einfach runtergeschmissen. Auch irgendwie eine Schande, oder?

Danach geht alles mehr oder weniger schnell den Los Angeles River runter. Die Band verstrickt sich in Drogeneskapaden, wird mehrfach hochgenommen, Mitglieder werden festgenommen, Neil Young bleibt immer öfter von Auftritten oder Proben fern. Selbst als Buffalo Springfield 1967 beim Monterey Pop Festival auftreten, ist er nicht dabei. Seine Parts übernimmt ein gewisser David Crosby, was den Grundstein für die nächste legendäre Band legt, die bald nach dem unrühmlichen Ende von Buffalo Springfield im Sommer 1968 entsteht. Doch auch diese Geschichte ist eine, die vom Märchen allzu bald zum Albtraum wird…

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 26.10.1999 erscheint „Looking Forward” von Crosby, Stills, Nash & Young.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Vor 50 Jahren sorgt ein Brand für die Mutter aller Hard-Rock-Riffs

Published on

Deep Purple
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Am 4. Dezember 1971 steigt Rauch auf am Ostufer des Genfers Sees. Der Brand bei einem Frank-Zappa-Konzert inspiriert Deep Purple zum wichtigsten Riff der Hard-Rock-Geschichte.

von Björn Springorum

Es ist die Urmutter, die Ursuppe, der Urknall: Das Riff von Smoke On The Water ist der Nukleus, aus dem in der Folge alles Hard-Rock-Leben entspringt. Mit Deep Purple verlässt die harte Musikwelt das Wasser, um sich neue Lebensräume an Land und in der Luft zu erobern – prähistorisch gesprochen. Alles beginnt vor 50 Jahren, als sich Deep Purple für Albumaufnahmen ins mondäne Kurstädtchen Montreux direkt am Ufer des Genfer Sees zurückziehen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Unterwegs mit dem Studio der Stones

Erst Ende Oktober 1971 waren Deep Purple von der kräftezehrenden, exzessiven In Rock World Tour zurückgekehrt, die sie über 15 Monate und mit 157 Shows durch die USA, Europa und Australien geführt hatte. Zwischendrin hatten sie Fireball aufgenommen, ihre fünfte Platte, die im September 1971 erscheint. Um sich für den Nachfolger nicht direkt wieder wochenlang in ein Studio verkriechen zu müssen, klingelt die Band bei den Stones an, borgt sich deren in einem alten Truck untergebrachtes Mobile Studio und setzt nach Montreux am Ostufer des Genfer Sees über.

Dort, im 1881 eröffneten Montreux Casino, wollen sie ihr nächstes Album aufnehmen und gleichzeitig eine Menge Steuern sparen, weil sie im Ausland arbeiten. Sie kommen am 3. Dezember 1971 an, einen Tag vor dem letzten Konzert, bevor sich das Casino in den Winterschlaf begibt und Deep Purple in aller Ruhe die Amps auf 11 stellen können ohne die Jetons von einem der Blackjack-Tische zu fegen. Zum feierlichen Saisonfinale steht Frank Zappa mit seinen Mothers Of Invention auf dem Programm.

„Fire!“

Nach einer guten Stunde spielen die Mothers Of Invention gerade King Kong, als irgendein Vollidiot mit einer Signalpistole gegen die Rattandecke schießt. Zunächst passiert gar nichts, doch irgendwann bricht Feuer aus, Frank Zappa ruft „Fire!“, der Saal wird evakuiert. Dass damals keine Massenpanik ausbricht, ist aus heutiger Sicht ein Wunder. Augenzeugen berichten, dass das Feuer anfangs keineswegs bedrohlich aussah und das Publikum das Casino ohne Hast verlassen kann. Erst wenig später, als der Brand auf weitere Gebäudeteile übergreift und alles wie ein Feuerwerk in die Luft geht, wird die Tragweite des Unglücks deutlich.

Wie durch ein Wunder wird kaum jemand ernstlich verletzt. Dafür brennt das Casino bis auf die Grundmauern ab, verschluckt Zappas gesamtes Equipment und setzt fast noch das rollende Studio der Stones in Brand, das neben dem Casino parkt und auf seinen ersten Einsatz am darauffolgenden Tag wartet.

Pläne gehen in Rauch auf

All das sehen Deep Purple von der Bar ihres Hotels aus. Und sind Augenzeugen, wie ihre geplanten Aufnahmen in Rauch aufgehen. Gleich am nächsten Tag macht sich die Band auf die Suche nach einer neuen Location, wo sie mit ihrem mobilen Studio in aller Ruhe lärmen können. Eine erste Interimswahl, ein Theater namens The Pavillon, wird kurzzeitig ihr neues Zuhause, doch als sich mehr und mehr Nachbarn über den Lärm beschweren und sich die Polizei gewaltsam Zutritt zum Theater verschafft, müssen sie die Zelte auch schon wieder abbrechen. Bezeichnenderweise entsteht hier genau ein Song, der es später auch auf Machine Head schafft: die Urversion von Smoke On The Water.

Mit der Hilfe von Claude Nobs, dem Leiter des Montreux Jazz Festival, findet die Band Zuflucht im Hôtel des Alpes-Grand Hôtel, das bereits die Schotten für den Winter dicht gemacht hat. Dort, in den leeren Fluren und Bankettsälen, finden Deep Purple ein Szenario vor, das sich Stephen King einige Jahre später für The Shining ausdenken wird: Ein riesiges und leeres Hotel, geschlossen für den Winter. Zwei Unterschiede zu Kings Meisterwerk gibt es dann aber doch: Hier entsteht ein Hard-Rock-Klasiker und kein psychotischer Roman. Und die Band verliert während ihres Aufenthalts nicht den Verstand.

The Shining lässt grüßen

Obwohl: Leicht sind die Aufnahmen in dem riesigen Hotel am Rande von Montreux nicht. Um nach einem Take das mobile Studio der Stones zu erreichen, das eingeschneit vor dem Eingang parkt, müssen sie durch diverse Zimmer und über Balkone klettern, weil der Korridor zum Ausgang mit Equipment und klangabschirmenden Matrazen vollgestopft ist. „Sobald wir uns einmal dorthin durchgekämpft und uns den Take angehört hatten, nickten wir es ab, selbst wenn wir wussten, dass es kein perfekter Take war. Niemand von uns wollte sich das alles noch mal antun“, so beschreibt Ritchie Blackmore später die Aufnahmen.

Das führt zu einem rohen, unpolierten Sound, der eher an ihre Live-Shows erinnert als an die Aufnahmen zu In Rock oder Fireball. Ironischerweise bekommt die Band also genau das Resultat, das sie sich von den Aufnahmen im Casino erhofft hat. Aus dem namenlosen Stück, das noch im Theater geschrieben wurde, wird im Hotel nach und nach Smoke On The Water, benannt nach einem Traum von Bassist Roger Glover und daraufhin von Sänger Ian Gillan in eine historische Bestandsaufnahme der Ereignisse des 4. Dezember 1971 verwandelt.

Geklaut bei Beethoven

Das wirklich geniale an dem Song ist aber natürlich die glorreiche Simplizität des Riffs. Wie Ritchie Blackmore unumwunden zugibt, ist es ein Rip-Off von Beethovens Fünfter: „Ich schulde ihm eine Menge Geld“, bemerkte er mal trocken dazu. Eben weil der Song so einfach gestrickt ist (und im erweiterten Freundeskreis der Band nicht mal besonders gut ankam), gesteht ihm die Band keine sonderlich großen kommerziellen Aussichten zu. Erst als dritte Single von Machine Head wird er im Mai 1973 veröffentlicht – über ein Jahr nach dem Album. Und entwickelt sich im Sommer plötzlich zum Übersong, zum Radiohit, zur Hymne, die man ab sofort ganz automatisch mit dieser Band in Verbindung bringt.

Wie so oft bei den ganz großen Erfolgen einer Band gilt auch hier: Smoke On The Water ist nicht der beste Song der Band. Er ist aber wie eine Zeitkapsel, ein historisches Dokument. Und genau deswegen von unschätzbarem Wert.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Rocksongs aus den Siebzigern, die man nach den ersten Tönen erkennt

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss