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Popkultur

Die musikalische DNA von Supertramp

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Supertramp? So leicht deren Songs auch immer klangen, so schwierig verlief der Werdegang der Band. Die zuerst 1969 unter dem Namen Daddy gegründete Band um Rick Davies und Roger Hodgson folgte zuerst dem damaligen Progressive Rock-Hype und wandte sich nach der Umbenennung in Supertramp Album für Album dem Pop-Business zu. Das brachte großen finanziellen Erfolg mit sich, forderte aber viel Geduld und harte Arbeit von der Band ab. 1979 aber landeten sie mit ihrer LP Breakfast In America einen Riesencoup: Plötzlich hörte alle Welt dieser Band zu! Nur vier Jahre später allerdings verließ Hodgson die Band und schon wieder verschoben sich die musikalischen Parameter.


Hört hier in die musikalische DNA von Supertramp rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Das Verhältnis zwischen Hodgson und Davies war nicht immer ein leichtes, wie er rückblickend eingestand. „Es gibt eine tiefe Verbindung zwischen uns, nur eben ausschließlich auf musikalischer Ebene“, resümierte er. „Wenn nur wir zwei miteinander spielen, gibt es da eine starke Empathie. Sein bodenständiger Ansatz ist sehr Rock’n‘Roll und gleicht meinen leichten, melodischen Stil perfekt aus.“ Kein Wunder: Davies war ein Kind der Arbeiterklasse, der aus der Blues- und Jazz-Musik kam, Hodgson allerdings kam aus wohlhabender Familie und liebäugelte mit Pop. Eine ungleiche Mischung, die für viele Reibereien sorgte.

Doch wo Reibung ist, da wird auch die Energie erzeugt, mit der Hits geschmiedet werden. Welche Musik die beiden Supertramp-Masterminds und ihre zahlreichen Wegbegleiter über die Jahre hinweg beeinflusst hat, erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA der Band.


1. Gene Krupa – Drummin’ Man

Rock’n’Roll löste auch deshalb eine Revolution aus, weil es die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft erreichte und zu ihnen sprach. Richard „Rick“ Davies ist als Kind der britischen Arbeiterklasse und damit in mehr als einfachen Verhältnissen geboren. Seine Jugend war von Schicksalsschlägen begleitet – mit 19 Jahren musste er seinen Vater zu Grabe tragen. Die Musik wurde früh zu einer Zuflucht, als er mit acht Jahren eine gebrauchte Musiktruhe geschenkt bekam.

Zwischen den Platten des Vorbesitzers der Truhe entdeckte der kleine Rick Drummin‘ Man von Gene Krupa, dem wohl einflussreichsten Schlagzeuger der Big Band-Ära. „Es hat mich getroffen wie ein Donnerschlag“, erinnerte sich Davies. „Ich muss diese Platte rund 2 000 mal gespielt haben.“ Der US-Amerikaner Krupa, der eine ganze Generation von Rock-Drummern prägte, stellte sein Kit in den Mittelpunkt und war mit seinem druckvollen, unnachgiebigen Stil der personifizierte Rock’n‘Roll – schon lange, bevor es Rock’n’Roll in dieser Form überhaupt gab!


2. Claude Débussy – Claire de Lune

Wie anders gestaltete sich doch das Leben am anderen Ende des sozialen Spektrums! Roger Hodgson wuchs in Oxford auf und vielleicht sagt das schon alles. Nicht allerdings, dass die Kindheit und Jugend des Songwriters rosig gewesen wäre! Seine erste Gitarre bekam er mit zwölf Jahren geschenkt, sie war das Abschiedsgeschenk seines Vaters bei der Trennung seiner Eltern. Seine ersten Songs darauf schrieb Roger im Internat, wo er bald Anschluss fand und erste Banderfahrungen sammelte.

Seine bürgerliche Herkunft wirkte sich dennoch auf den Musikgeschmack des Knaben aus. Als eine Hauptinspiration nennt er heute noch den impressionistischen Komponisten Claude Débussy. „Seine Musik berührte mich tief, weil sie sich so deutlich von anderer klassischer Musik unterschied“, schwärmte er. „Freier, bunter und der Klang war so viel schöner!“ Stücke wie Claire de Lune, verriet er, hätten ihn damals zu Tränen gerührt. Nicht aber, dass Rock-Musik darüber an ihm vorbeigezogen wäre – Hodgson fuhr immer schon gern mehrgleisig.


3. The Beatles – A Day In The Life

„Die erste Band, die mich richtig packte, waren die Shadows“, erinnerte er sich in einem Interview über die Backing-Band von Cliff Richards. „Als aber die Beatles ein paar Jahre später die Bühne betraten, hat das mein Leben verändert.“ Der 1950 geborene Hodgson konnte die Karriere der Fab Four durch seine gesamte Pubertät über verfolgen. Vielleicht ein glücklicher biografischer Zufall – so wie er heranwuchs, so taten es auch John, Paul, Ringo und George. Vorbilder sollten sie allerdings immer bleiben.

„Natürlich habe ich mitbekommen, wie sie unsere ganze Kultur verändert haben und ganz bestimmt die Musikwelt gleich mit“, erklärte Hodgson. „Als Rick und ich Supertramp gründeten, wollte ich herausfinden, ob uns dasselbe möglich wäre.“ Nun ja… So ganz hat das nicht geklappt, würden wir einräumen. Dennoch: Als Songwriter-Duo hatten Davies und sein Kollege immer eine recht ähnliche Magie zwischen einander. Auch wenn Hodgson heute noch gerne erklärt, dass er der eigentliche Mastermind hinter Supertramp gewesen sei…


4. Jimi Hendrix – All Along The Watchtower

Ja, das Verhältnis zwischen Davies und Hodgson ist gelinde gesagt ein spezielles. Dabei hatte doch alles so gut angefangen! Trotz ihrer recht unterschiedlichen Hintergründe musikalischer und sozialer Art verstanden sich die beiden prächtig, als sie sich über eine von Davies geschaltete Anzeige im Musikmagazin Melody Maker kennen lernten und gemeinsam mit Richard Palmer und dem späteren Uriah Heep-Drummer Keith Baker das erste Mal im Proberaum standen. Ihr Heil suchten sie zuerst im Progressive Rock, als Namen wählten sie sich Daddy.

Ausgerechnet im beschaulichen München sollte das Quartett – Baker war zu diesem Zeitpunkt schon von Robert Millar ersetzt worden – einige ihrer ersten Gigs spielen. Viel aber stand damals nicht auf dem Programm, von den vier Stücken in ihrem Set sollen zwei Cover-Versionen anderer Stücke gewesen sein! Bei der Trackauswahl allerdings gaben sie sich Mühe, wie der Film Supertramp Portrait 1970 beweist. Die Aufnahmen aus dem PN-Club in Minga zeigen unter anderem die 10-minütige Interpretation von Bob Dylans All Along the Watchtower, das im Herbst 1968 durch die Version Jimi Hendrix‘ für immer in die Rockgeschichte eingegangen war.


5. Cressida – To Play Your Little Game

Nach einiger Findungszeit aber konnte die Band schon bald mit neuem Namen der Welt vorgestellt werden. Ihr Debütalbum Supertramp, manchmal auch bekannt unter dem Namen Now and Then, erschien am 14. Juli 1970. Während sich Davies und Hodgson bereits als Songwriter eingespielt hatten, musste Palmer die Lyrics übernehmen – und zwar alle. „Es war ein bisschen so, wie Hausaufgaben zu machen“, erinnerte er sich. Auweia.

Was die Band während einiger „magischer“ nächtlicher Sessions zusammen zimmerte, wurde von der Rock-Presse damals gut aufgenommen. Gelobt wurde vor allem das Pop-Verständnis der Gruppe, ein kleines Alleinstellungsmerkmal der LP, deren Songs mit wenigen Ausnahmen später ganz schnell aus dem Repertoire von Supertramp verschwanden. Ob es ihnen vielleicht unangenehm war, dass viele Kritiken die offensichtlichen Parallelen zur kurzlebigen britischen Prog-Rock-Band Cressida erwähnten? Die waren schließlich im Direktvergleich zwischen Songs wie It’s A Long Road von Supertramp und To Play Your Little Game kaum zu überhören.


6. Pink Floyd – Comfortably Numb

Anfang und Mitte der siebziger Jahre kam Bewegung in die Prog Rock-Szene Großbritanniens und nicht immer wurde das von Fans gutgeheißen. Genesis beispielsweise gingen ab 1975 getrennte Wege von Peter Gabriel und schlugen mehr und mehr einen poppigeren Weg ein, bis Phil Collins endgültig das Heft in die Hand nahm. Auch die großen Pink Floyd hatten schon zuvor nach dem Weggang von Syd Barrett eine Kurskorrektur vorgenommen: Die Bühnen wurden größer, die Psychedelik schwand aus ihren Alben.

Die Ambitionen aber blieben vergleichbar. Mit Alben wie The Wall – ein in Floyd-Fankreisen umstrittenes Werk – bewiesen Roger Waters und seine Kollegen, dass sie immer noch größer dachten als die meisten anderen Bands ihrer Zeit. Supertramp gingen einen ähnlichen Weg, der sich immer wieder mit dem von Pink Floyd kreuzte. Auf dem 16 ½-minütigen (!) Titeltrack ihres Album Brother Where You Bound von 1985, zwei Jahre nach dem Weggang von Hogdson, enthält ein Gitarrensolo, dessen Stil einzigartig ist. Ganz klar: Hier ist David Gilmour mit von der Partie! Die genüsslich lang gezogenen Töne kennen wir alle aus Stücken wie Comfortably Numb.


7. King Crimson – Easy Money (Live)

Es ist nicht der einzige Querverweis zwischen Supertramp und der Crème de la Crème der Prog Rock-Schule. Gründungsmitglied Richard Palmer verließ die Band zwar, als sich nach Veröffentlichung des Debütalbums Supertramp kein nennenswerter Erfolg einstellen wollte, machte aber dennoch Karriere – und wie! Bereits 1972 heuerte er bei einer Band an, die wie keine zweite das Genre geprägt hatte: King Crimson. Doch nicht etwa als Bassist, sondern als Texter! Richtig: Palmer musste wieder die Hausaufgaben erledigen…

Er tat es aber wohl gerne und der Erfolg wird ihm Recht geben: Noch heute gehören Stücke wie Easy Money vom Album Larks’ Tongues in Aspic fest zum Repertoire der wiedervereinigten Band, wie das beeindruckende Doppelalbum Live In Vienna (1 December 2016) bewies. Nicht der einzige Job als Texter, den Palmer annahm: Auch für das Italo Disco-Duo La Bionda schrieb er die Lyrics! Ein merkwürdiger Werdegang… Wie dem aber auch sei: Sein Wechsel von einer Gruppe zur anderen beweist umso mehr, wie nahe sich Supertramp und King Crimson einst standen – ganz oben auf dem Prog Rock-Olymp. Wenngleich nur für kurze Zeit.


8. Beach Boys – Good Vibrations

Denn wie bereits angedeutet wechselte die Band um Davies und Hodgson Mitte und Ende der siebziger Jahre die Richtung. Das Songwriting wurde kompakter, die Stimmung freundlicher. Pop hatte endgültig seinen Einzug gehalten! Das 1979 veröffentlichte Überalbum Breakfast In America mit Hits wie dem Titelsong oder The Logical Song bezog sich zwar noch deutlich aus der Prog Rock-Vergangenheit der Band, gab sich aber eingängiger und bescherte der Band ihren endgültigen internationalen Durchbruch.

Vor allem die Falsett-Gesänge auf Stücken wie Goodbye Stranger ließen vermuten, woher einer der Haupteinflüsse Supertramps zu dieser kamen: Natürlich aus dem Sunshine State Kalifornien! Genauer gesagt von den Beach Boys. Von Goodbye Stranger zu Good Vibrations ist es schließlich nicht weit. Tatsächlich war die Band nach den ersten Erfolgen mit Alben wie Crime of the Century, Crisis? What Crisis? und Even in the Quietest Moments… in die Heimat der Beach Boys gezogen, bis Hodgson mit seiner Familie immer mehr zurückzog und sich seinem Solo-Schaffen widmete.


9. Keith Jarrett, Gary Peacock & Jack DeJohnette – God Bless the Child

Seitdem wurden Supertramp von Davies angeführt und manchmal ging es auf und ab. Hier wurden Gerüchte einer Wiedervereinigung laut, dort gab es öffentliche Zankereien und klare Ansagen in Interviews. Hodgson spielt immer noch das Material der Band, vor allem vom Album Breakfast In America, und auch Davies führt mit langjährigen Mitgliedern wie Drummer Bob Siebenberg und dem Multiinstrumentalisten John Helliwell Stücke aus dem Katalog der Band auf, wenn es seine angeschlagene Gesundheit zulässt.

Das Tourleben gefällt ihnen anscheinend aber mehr als die Arbeit im Studio, wie ein Blick auf die Diskografie der Band nach den achtziger Jahren beweist. Das Zusammenspiel der begeisterten Jazz-Fans Davies und Halliwell entfaltet sich eben auf der Bühne am ehesten. Gelernt hat Halliwell bei den Größten: Miles Davis, Charlie Haden oder Cannonball Adderley nennt er als Einflüsse. Wenn er aber wählen müsste, würde er sich aber für das Keith Jarrett Standards Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette entscheiden.


10. Tame Impala – Apocalypse Dream

Was wir bisher gesehen und gehört haben, waren die vielfältigen Einflüsse, aus denen sich die musikalische DNA von Supertramp und vor allem ihren Masterminds Davies und Hodgson herschreibt. Doch wie schreibt sich das Supertramp-Erbe weiter? Es mag kaum überraschen, dass die Band an vielen, zum Teil weit voneinander entfernten Enden der Musikgeschichte wieder auftauchte. So breit nämlich waren ihre eigenen Vorbilder aufgestellt, so abwechslungsreich die Musik, die sie darauf basierend schrieben. Im März 2005 verblüfften die Gym Class Heroes zum Beispiel gemeinsam mit Fall Out Boy-Sänger Patrick Stump mit Cupid’s Chokehold, einem Stück, das seinen Chorus von Breakfast In America lieh. Ein Rap-Track, dessen Supertramp-Refrain von einem Pop-Punker eingesungen wurde? Irre.

Da schien es schon eher stimmig, als Tame Impala zur Veröffentlichung ihres Albums Lonerism zugaben, sich Inspiration von Supertramp geliehen zu haben. Was der psychedelische Indie Rock der Band mit der Musik von Supertramp zu tun hatte, erklärte Mastermind Kevin Parker. Oder zumindest versuchte er es. „Das Gefühl von Einsamkeit, auf das ich abziele – die Musik von Supertramp ist die einzige, die diesen introspektiven Touch hat. Ihre Musik gibt mir viel. Sie ist so explosiv, hat so einen großen Sound und doch sehr inwendige Lyrics… Ich kann’s schwer beschreiben.“ Dabei spricht doch ein Song Apocalypse Dream Bände. Dort wird das Erbe von Supertramp am deutlichsten.


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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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Zeitsprung: Am 30.1.2007 singt Jim Morrison posthum gegen die Erderwärmung

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.1.2007.

von Timon Menge und Christof Leim

Unter dem Motto „Save The Planet“ finden am 30. Januar 2007 zwei Pressekonferenzen in Los Angeles und London statt. Dort stellen Perry Farrell von Jane’s Addiction, Doors-Schlagzeuger John Densmore und Schauspieler Josh Hartnett die Kampagne Global Cool vor, ein Projekt gegen die Erderwärmung — und verwenden dafür unveröffentlichte Gesangsspuren von Jim Morrison.

Hier könnt ihr euch Woman In The Window anhören:

Die globale Erwärmung schreitet voran, zahlreiche Kunstschaffende aller Couleur und weltweit engagieren sich dagegen. Als Sprachrohre der britischen Kampagne Global Cool möchten Farrell, Densmore und Hartnett es „uncool machen, nicht grün zu sein“.

Kleine Schritte, große Wirkung

Dafür erhalten die drei eine Menge prominenter Unterstützung, zum Beispiel von Kasabian, The Killers, KT Tunstall und den Scissor Sisters. Auch Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und Dave Grohl helfen mit. Die Mission der Kampagne: Menschen sollen dazu motiviert werden, ihre CO²-Emissionen über einen Zeitraum von zehn Jahren um zehn Milliarden Tonnen zu reduzieren.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen zum Beispiel das Abschalten des Lichts, das Ausstecken von Smartphone-Netzteilen, das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf Urlaubsflüge und das Herunterschalten der Heizung um eine Stufe. „Wenn viele Menschen kleine Dinge in die Tat umsetzen, wird daraus am Ende eine verdammt große Sache“, stellt Global-Cool-CEO Julian Knight fest. Alles gute Vorschläge. Für Musikfreaks wird die Aktion zusätzlich interessant.

Jim Morrison hilft auch. Quasi.

Um dem Projekt zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, greift Doors-Drummer Densmore in die Trickkiste und stellt eine bis dato unveröffentlichte Gesangsspur von Jim Morrison zur Verfügung. Der Titel der Nummer: Woman In The Window. Das Stück basiert auf einem Gedicht von Morrison, das der kurz vor seinem Tod vertont hat. Die Jahrzehnte später eingespielte Musik stammt von Farrells Band Satellite Party.

Densmore und Farrell bei der Pressekonferenz in Los Angeles – Pic: Hector Mata/AFP via Getty Images

Sein Debüt feiert der Song bei den Pressekonferenzen am 30. Januar 2007. „Wir freuen uns darüber, dass Woman In The Window die Titelmelodie eines so tollen Projektes wird“, erklärt Farrell im Interview mit dem NME. „Jim hat all das Übel in der Welt gesehen, wusste aber auch, dass wir für unser Schicksal verantwortlich sind. Und genau das tun wir. Niemand wird uns davon abhalten können, Energie und Geld zu sparen und dabei den Planeten zu retten.“ Das klang schon 2007 vernünftig.

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