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Popkultur

Die musikalische DNA von Cat Stevens

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Es gab eine Zeit, da war Steven Demetre Georgiou einer der größten Stars der britischen Folk-Szene und dennoch hätte niemand etwas mit diesem Namen anfangen können. Cat Stevens klingt schließlich viel griffiger! Es sollte jedoch nicht der erste Namenswechsel in der Karriere des Sohns eines griechisch-zypriotischen Vaters und einer schwedischen Mutter bleiben. 1977 konvertierte er zum Islam und nahm im Folgejahr den Namen Yusuf Islam an, bevor er sein Pseudonym 2006 schlicht auf Yusuf verkürzte.

Allein schon an den vielen Namenswechseln lässt sich ablesen, dass der Sänger dieser ruhigen, sanften Songs eine turbulente Karriere hinter sich hat. Sie begann mit Problemen an der Schule, führte ihn als Künstler zuerst durch die Pub-Szene Londons und schließlich auf die großen Bühnen dieser Welt. Mit seiner Annäherung an die Religion des Islams jedoch folgte ein Knick in seinem Werk und das nicht nur dank des neuen Namens – weltliche Pop-Musik und Religion, wie ging das zusammen? Gar nicht, so schien es. Zwischen 1978 und 2006 klafft ein großes Loch in seiner Diskografie als Solo-Künstler.


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Dass Yusuf sich damals von der Pop-Welt abwandte, hatte auch, aber nicht ausschließlich mit seinem Glauben zu tun, wie er beteuerte. Er war desillusioniert von der Musikindustrie, fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Erst in den neunziger Jahren fing er langsam, wieder von sich als Musiker Hören zu machen und konzentrierte sich dabei auf religiös inspirierte Musik. Sein Glauben bedeutete für ihn ab Ende der siebziger Jahre die vielleicht größte Triebfeder in seinem Schaffen als Künstler. Doch welche Musik hat ihn eigentlich inspiriert? Das erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA von Steven Demetre Georgiou alias Cat Stevens alias Yusuf Islam alias Yusuf.

1. The Beatles – Please Please me

Am 21. Juli 1948 wurde Steven Demetre Georgiou in Marylebone, London geboren. Obwohl sein Vater griechisch-orthodoxen Glaubens und seine Mutter eine Baptistin war, ging es für den jungen Knirps bald auf eine römisch-katholische Schule. Hat er eigentlich irgendeine Religion nicht durchgespielt? Wie dem auch sei: Schon bald fing der Junge an, sich für Musik zu interessieren und klimperte stundenlang auf dem Klavier herum. Einen Lehrer konnte er partout nicht auftreiben, weshalb er sich die ersten musikalischen Schritte selbst beibrachte.

Als 1963 die Beatles mit der Single Please Please Me und dem gleichnamigen Album ihren Durchbruch feierten, ging das nicht spurlos am damals 15-jährigen vorüber. Statt den Familienflügel zu beackern, wollte er nunmehr Gitarre lernen und konnte seinen Vater dazu überreden, ihm für £8 – fast 150€ nach heutiger Rechnung – eine Gitarre zu kaufen. Ein großer Schritt vorwärts für ihn als Musiker, einer zurück für ihn als soziales Wesen. Aus Steven wurde ein Eigenbrötler und Träumer, der lieber nachmittags nach der Schule an eigenen Songs feilte und nachts vom Dach aus in den Sternenhimmel starrte, statt sich mit seinen Altersgenoss*innen rumzutreiben.

2. Little Richard – Baby Face

„Natürlich waren die Beatles der größte Einfluss zu dieser Zeit“, erinnerte sich Yusuf 2017 in einem seiner seltenen Fernseh-Interviews. „Doch vor den Beatles gab es Little Richard. Das war meine erste Single – Baby Face! Merkwürdiger Kram, aber auf der anderen Seite fand sich Tutti Frutti, was schon eher nach Little Richard klingt.“ Besonders gefallen hat ihm, was der exzentrische Rock-Singer in seiner Musik mit seiner Stimme anstellte. Es kratzte, kreischte, jubilierte aus der Musikbox!

Neben der musikalischen Inspiration, die Richard Wayne Penniman dem jungen Steven lieferte, gibt es da noch eine interessante biografische Parallele: Auch Little Richard hing 1957 – sein Fan war gerade einmal neun Jahre alt – die Musik an den Nagel, um sich seinem Glauben zu widmen. Wie Yusuf jedoch kehrte er nach einigen religiös inspirierten Gospel-Aufnahmen bald wieder zur säkularen Musik, dem Rock’n’Roll, zurück.

3. Lead Belly – Kansas City Papa

Little Richard gilt heute als Pionier des Rock’n‘Roll. Doch in der segregierten Gesellschaft der USA wurde damals noch nach Hautfarbe unterschieden – und das auch im Radio. Als Rhythm’n‘Blues wurde der Rock-Sound der schwarzen Musiker dieser Ära bezeichnet, Rock’n‘Roll war für weiße Stars wie Elvis Presley reserviert. Dabei geht diese wie jene Musik doch eindeutig auf den Blues zurück, eine Erfindung schwarzer Musiker*innen! Auch Steven ging auf seiner Suche nach Musik, die seine Seele ansprach, an die Wurzeln des Rock-Sounds.

Er fand unter anderem die Musik von Lead Belly, der in seiner Musik traditionellen Folk und den Blues-Sound von Louisiana kombinierte. Besonders zeichnete er sich durch seine zwölfsaitige Gitarre aus, die seiner reduzierten Musik ein volles Klangbild verlieh. „Es klang wie ein Orchester“, schwärmte Yusuf. „Meine zweite Gitarre war deshalb eine zwölfsaitige Hagstrom, das habe ich Huddy Leadbetter zu verdanken.“ Lead Belly war aber nicht der einzige Blues-Musiker, zu dem er damals aufschaute. Auch spätere Pioniere des Rhythm’n‘Blues wie Muddy Waters gehörten zu seinen Idolen.

4. Bob Dylan – The Times They Are A-Changin‘

Wie sich die Segregation der US-amerikanischen Gesellschaft auf die Musikwelt auswirkte, beweist wieder einmal, dass Musik und Politik nicht getrennt voneinander existieren. Ein Musiker, der Anfang der sechziger Jahre seine Karriere begann, verstand das besser als die meisten anderen seiner Generation. „The times they are a-changin‘“, sang er selbst und richtete sich explizit an andere Künstler*innen mit dem Aufruf, sich der Revolution anzuschließen: „Come writers and critics / Who prophesize with your pen / And keep your eyes wide / The chance won‘t come again.“

Nur logisch, dass sich der rebellische Teenager Steven dem nicht entziehen konnte. „Ich mochte den Blues, aber was Dylan uns gab war eine deutliche Haltung zum Protest und darüber hinaus eine Idee davon, wie wir anders über diese Welt nachdenken konnten als zuvor.“ Die Macht der Worte! „Die Veränderungen, die wir sehen wollten – es lag an uns, sie durchzusetzen! Ich bin nur darüber traurig, dass Dylan nicht Präsident geworden ist“, lachte Yusuf 2017 in einem Interview. Immerhin zum Literaturnobelpreis hat es für den US-Amerikaner gereicht!

5. West Side Story: Akt 1: Jet Song

Dylans Texte wurden nicht allein wegen ihrer Inhalte von der Schwedischen Akademie ausgezeichnet, sondern auch wegen seiner textlichen Kniffe. Es kommt eben nicht nur darauf an, was erzählt wird, sondern auch wie! Das verstand auch Steven früh und ließ sich deswegen nicht nur aus der Pop-Musik inspirieren, sondern öffnete seine Ohren sperrangelweit in alle Richtungen. Wortwörtlich gesprochen natürlich, denn in seinen Nächten auf den Dächern Londons lauschte er den Klängen, die von der Denmark Street herüber schallten, damals das Zentrum der britischen Musikindustrie. Vor allem Musicals standen dort auf dem Programm.

Dass West Side Story zu seinen absoluten Lieblingsstücken überhaupt gehört, verwundert da schon nicht mehr ganz so sehr. Noch 2016 war bei Live-Auftritten Yusufs ein Poster des ikonischen Musicals zu sehen. Abgesehen vom Wie interessierte ihn allerdings auch das Was: „Mich faszinierte der Lifestyle, denn es war das archetypische Leben auf der Straße, in dem eine Gang die andere zu dominieren versucht“, erklärte er. „Ich verbrachte den Großteil meiner Zeit auf der Straße, deswegen wohl sprach mich das an.“ Ob er jedoch eher ein Jet oder ein Shark ist? Das wissen wir nicht, sicher aber so viel: Neben King Kong und Porgy and Bess gehört West Side Story noch immer zu einem der Parameter, die ihn als Musiker ausmachen.

6. Nina Simone – Don’t Let Me Be Misunderstood

Wie vielseitig die Bandbreite seines Musikgeschmacks eigentlich ist, das lässt sich eigentlich in nur zwei Namen zum Ausdruck bringen: Dolly Parton und Nina Simone. Die gewitzte Country-Sängerin und die rebellische Jazz-Pianistin, sie haben auf den ersten Blick herzlich wenig miteinander gemein. Außer natürlich mindestens einem glühenden Fan: Yusuf. Seine Freundschaft mit Parton ist bestens dokumentiert und tatsächlich standen die beiden schon oft genug im Studio oder auf der Bühne nebeneinander.

Der junge Steven lernte Simone nur durchs Radio kennen und lernte so sicher auch ihre berühmte Interpretation von I Loves You Porgy aus Porgy and Bess kennen. Interessanter Weise aber hielt er die große Blues- und Jazz-Legende ihrer tiefen Stimme wegen zuerst für einen Mann! Als er 2006 unter dem Namen Yusuf Islam zur Pop-Welt zurück kehrte, war auf der LP An Other Cup auch seine Version von Don’t Let Me Be Misunderstood zu hören. Ein Stück, das vor allem durch seine Interpretation durch Simone bekannt wurde. „Lass mich nicht missverstanden werden“, dieser flehentliche Ruf hatte auf dem Comeback-Album Islams natürlich eine ganz besondere Bedeutung…

7. Tito Rinesi – Adhān

Nach seinem Übertritt zum Islam und seinem Rückzug aus dem Musikgeschäft fiel der Brite nämlich nicht nur positiv wie etwa durch sein karitatives Engagement auf. Nachdem der Schriftsteller Salman Rushdie 1988 in Großbritannien seinen kontroversen Roman Die satanischen Verse veröffentlichte, verfasste der iranische Ayatollah Khomeini eine Todes-Fatwa gegen den Autoren: Er rief die islamische Welt zu seinem Mord auf. In diversen Interviews aus dem Folgejahr sagte Yusuf Islam einige Dinge, die als Unterstützung dieses Urteils verstanden wurden, obwohl er sich danach vehement davon distanzierte.

Seitdem muss sich Yusuf immer wieder Fragen und Kritik stellen. Stimmt es, dass er nicht mit unverschleierten Frauen spräche? War es gerechtfertigt, dass ihm die Einreise in die USA lange Zeit verweigert wurde? Der Glaube des Briten polarisiert. Weit mehr noch als der von Stars, die sich öffentlich zu ihrem christlichen Glauben bekennen. Ist das nicht doppelmoralisch? Oder nur gerechtfertigte Argwohn nach seinen Aussagen über Rushdie? So oder so: Sein Glaube fand ihn zuerst über die Musik, genauer über den Adhān, den Aufruf zum Gebet. „Ich dachte: ‚Musik für Gott?‘“, erinnerte sich Stevens an seine erste Berührung mit islamischem Gesang in Marrakesch. „Das hatte ich noch nie gehört!“ Es sollte ihn nachhaltig prägen. Was er wohl von zeitgenössischen World-Music-Interpretationen des Gebetsaufrufs wie von Tito Rinesi hält?

8. Ludwig van Beethoven – Ode an die Freude (9. Sinfonie)

Noch so eine Frage! Sicher ist zumindest, dass sich Yusuf Islam selbst zunehmend mit der Verschränkung klassischer Pop- und Folk-Musik mit islamischen Musikstilen auseinandersetzte. Doch seine Liebe zur westlichen Musik verließ ihn darüber hinaus keineswegs. Im Gegenteil. 2017 schwärmte er munter von Ludwig van Beethovens weltbekannter neunter Sinfonie mit der legendären Ode an die Freude nach einem Text von Friedrich Schiller. „Ach, die Musik, die in diesen Zeiten gemacht wurde, schmachtete Yusuf, dem besonders das große Finale von Beethovens Neunter gefällt. „Es ist das ultimative Lied! Unglaublich! Und die Bedeutung der Wörter… Wow!“

Auf seinem Album The Laughing Apple allerdings ließ er sich von einem anderen Beethoven-Stück inspirieren: Pathetique ist deutlich aus dem Track Don’t Blame Them herauszuhören. „Ja ich habe aus Beethovens Klaviersonate geklaut“, gab Yusuf selbstbewusst zu. „Das ist eins meiner Lieblingsstücke. Und irgendwie ist es mir gelungen, den Song um diese Melodie herum zu schreiben. Und es bringt mich sehr nah an meine Liebe zur Melodie, meine Vorliebe für die Klassiker, und es vereint all meine Fertigkeiten als Songschreiber.“ Na dann!

9. Wendy Carlos – The Shining Main Title Theme (Dies Irae)

Zu diesen Fertigkeiten gehörte eben auch immer schon, „outside the box“ zu denken, wie es im Englisch heißt. Und das wiederum bedeutete, dass kleine Boxen zum Ende der Karriere von Cat Stevens (zumindest unter diesem Namen) immer wichtiger wurden. Sein Album Izitso aus dem Jahr 1977 überraschte mit viel Synthesizer- und Drummachine-Experimenten. Mit Was A Dog A Doughnut konnte die LP sogar einen Klassiker des Electro-Genres vorweisen, bevor es dieses Genre überhaupt erst gab! Neben Ringo Starr und vielen anderen lud sich Stevens einen imposanten Gerätepark ins Studio. Synthies von Yamaha, Moog und vielen weiteren sind auf Izitso zu hören.

Die plinkernde Sequenz, das druckvolle und doch simple Drumming – ganz klar, da mussten doch Kraftwerk Pate gestanden haben. Oder? Nein! Laut Stevens selbst hatte er von der Band aus Düsseldorf keinen Ton gehört, als er sich an die Produktion des Albums machte. Mehr Inspiration wird er etwa von Walter Carlos’ Switched-On Bach bezogen haben, einer legendären Platte mit Interpretationen von Bach-Stücken am Synthesizer durch die Transfrau hinter den Soundtracks vieler Kubrick-Filme, wie beispielsweise Clockwork Orange oder The Shining. Sie erst machte die Moog-Synthesizer Ende der sechziger Jahre salonfähig und veränderte damit die Musikwelt für alle Zeiten.

10. Sheryl Crow – The First Cut Is the Deepest

Zweifellos bewies Stevens mit Izitso, dass er ein vorausschauender Künstler war, der die Zukunft mit offenen Armen empfing. Das hatte schließlich schon einer seiner ersten Songs bewiesen, der den hellsichtigen Titel The First Cut Is the Deepest trug. Als „Cut“ wurden nämlich lange Zeit auch Aufnahmen von Songs bezeichnet, die in den Schellack beziehungsweise ins Vinyl geschnitten wurden. Tatsächlich wurde dieser von Stevens‘ frühen Cuts ein Riesenerfolg – nur eben für überwiegend andere! Für lausige £30 verkaufte er das Stück im Jahr 1967 an P.P. Arnold (genau: wer?), der damit einen moderaten Charts-Treffer landen konnte.

Es ging weiter: 1973 mit Keith Hampshie, 1997 mit Rod Stewart, 1995 mit Papa Dee und zuletzt 2003 mit Sheryl Crow, die mit ihrer Version von The First Cut Is The Deepest einen der größten Hits ihrer Karriere überhaupt ablieferte! Ihre Country-Rock-Version des Stücks, das Stevens 1965 geschrieben hatte, war es wohl auch, die ihm viel zu spät die längst überfälligen Lorbeeren einfuhr. In den Jahre 2005 und 2006 gewann er in gleich zwei aufeinander folgenden Jahren zweimal den ASCAP-Award als „Songwriter of the Year“. Für ein Stück, das er vier Jahrzehnte zuvor geschrieben hatte! So tief war dieser Cut also…

Zeitsprung: Am 21.7.1948 wird Cat Stevens geboren

 

Popkultur

Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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