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Popkultur

Die musikalische DNA von Cat Stevens

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Es gab eine Zeit, da war Steven Demetre Georgiou einer der größten Stars der britischen Folk-Szene und dennoch hätte niemand etwas mit diesem Namen anfangen können. Cat Stevens klingt schließlich viel griffiger! Es sollte jedoch nicht der erste Namenswechsel in der Karriere des Sohns eines griechisch-zypriotischen Vaters und einer schwedischen Mutter bleiben. 1977 konvertierte er zum Islam und nahm im Folgejahr den Namen Yusuf Islam an, bevor er sein Pseudonym 2006 schlicht auf Yusuf verkürzte.

Allein schon an den vielen Namenswechseln lässt sich ablesen, dass der Sänger dieser ruhigen, sanften Songs eine turbulente Karriere hinter sich hat. Sie begann mit Problemen an der Schule, führte ihn als Künstler zuerst durch die Pub-Szene Londons und schließlich auf die großen Bühnen dieser Welt. Mit seiner Annäherung an die Religion des Islams jedoch folgte ein Knick in seinem Werk und das nicht nur dank des neuen Namens – weltliche Pop-Musik und Religion, wie ging das zusammen? Gar nicht, so schien es. Zwischen 1978 und 2006 klafft ein großes Loch in seiner Diskografie als Solo-Künstler.


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Dass Yusuf sich damals von der Pop-Welt abwandte, hatte auch, aber nicht ausschließlich mit seinem Glauben zu tun, wie er beteuerte. Er war desillusioniert von der Musikindustrie, fühlte sich ausgebrannt und uninspiriert. Erst in den neunziger Jahren fing er langsam, wieder von sich als Musiker Hören zu machen und konzentrierte sich dabei auf religiös inspirierte Musik. Sein Glauben bedeutete für ihn ab Ende der siebziger Jahre die vielleicht größte Triebfeder in seinem Schaffen als Künstler. Doch welche Musik hat ihn eigentlich inspiriert? Das erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA von Steven Demetre Georgiou alias Cat Stevens alias Yusuf Islam alias Yusuf.

1. The Beatles – Please Please me

Am 21. Juli 1948 wurde Steven Demetre Georgiou in Marylebone, London geboren. Obwohl sein Vater griechisch-orthodoxen Glaubens und seine Mutter eine Baptistin war, ging es für den jungen Knirps bald auf eine römisch-katholische Schule. Hat er eigentlich irgendeine Religion nicht durchgespielt? Wie dem auch sei: Schon bald fing der Junge an, sich für Musik zu interessieren und klimperte stundenlang auf dem Klavier herum. Einen Lehrer konnte er partout nicht auftreiben, weshalb er sich die ersten musikalischen Schritte selbst beibrachte.

Als 1963 die Beatles mit der Single Please Please Me und dem gleichnamigen Album ihren Durchbruch feierten, ging das nicht spurlos am damals 15-jährigen vorüber. Statt den Familienflügel zu beackern, wollte er nunmehr Gitarre lernen und konnte seinen Vater dazu überreden, ihm für £8 – fast 150€ nach heutiger Rechnung – eine Gitarre zu kaufen. Ein großer Schritt vorwärts für ihn als Musiker, einer zurück für ihn als soziales Wesen. Aus Steven wurde ein Eigenbrötler und Träumer, der lieber nachmittags nach der Schule an eigenen Songs feilte und nachts vom Dach aus in den Sternenhimmel starrte, statt sich mit seinen Altersgenoss*innen rumzutreiben.

2. Little Richard – Baby Face

„Natürlich waren die Beatles der größte Einfluss zu dieser Zeit“, erinnerte sich Yusuf 2017 in einem seiner seltenen Fernseh-Interviews. „Doch vor den Beatles gab es Little Richard. Das war meine erste Single – Baby Face! Merkwürdiger Kram, aber auf der anderen Seite fand sich Tutti Frutti, was schon eher nach Little Richard klingt.“ Besonders gefallen hat ihm, was der exzentrische Rock-Singer in seiner Musik mit seiner Stimme anstellte. Es kratzte, kreischte, jubilierte aus der Musikbox!

Neben der musikalischen Inspiration, die Richard Wayne Penniman dem jungen Steven lieferte, gibt es da noch eine interessante biografische Parallele: Auch Little Richard hing 1957 – sein Fan war gerade einmal neun Jahre alt – die Musik an den Nagel, um sich seinem Glauben zu widmen. Wie Yusuf jedoch kehrte er nach einigen religiös inspirierten Gospel-Aufnahmen bald wieder zur säkularen Musik, dem Rock’n’Roll, zurück.

3. Lead Belly – Kansas City Papa

Little Richard gilt heute als Pionier des Rock’n‘Roll. Doch in der segregierten Gesellschaft der USA wurde damals noch nach Hautfarbe unterschieden – und das auch im Radio. Als Rhythm’n‘Blues wurde der Rock-Sound der schwarzen Musiker dieser Ära bezeichnet, Rock’n‘Roll war für weiße Stars wie Elvis Presley reserviert. Dabei geht diese wie jene Musik doch eindeutig auf den Blues zurück, eine Erfindung schwarzer Musiker*innen! Auch Steven ging auf seiner Suche nach Musik, die seine Seele ansprach, an die Wurzeln des Rock-Sounds.

Er fand unter anderem die Musik von Lead Belly, der in seiner Musik traditionellen Folk und den Blues-Sound von Louisiana kombinierte. Besonders zeichnete er sich durch seine zwölfsaitige Gitarre aus, die seiner reduzierten Musik ein volles Klangbild verlieh. „Es klang wie ein Orchester“, schwärmte Yusuf. „Meine zweite Gitarre war deshalb eine zwölfsaitige Hagstrom, das habe ich Huddy Leadbetter zu verdanken.“ Lead Belly war aber nicht der einzige Blues-Musiker, zu dem er damals aufschaute. Auch spätere Pioniere des Rhythm’n‘Blues wie Muddy Waters gehörten zu seinen Idolen.

4. Bob Dylan – The Times They Are A-Changin‘

Wie sich die Segregation der US-amerikanischen Gesellschaft auf die Musikwelt auswirkte, beweist wieder einmal, dass Musik und Politik nicht getrennt voneinander existieren. Ein Musiker, der Anfang der sechziger Jahre seine Karriere begann, verstand das besser als die meisten anderen seiner Generation. „The times they are a-changin‘“, sang er selbst und richtete sich explizit an andere Künstler*innen mit dem Aufruf, sich der Revolution anzuschließen: „Come writers and critics / Who prophesize with your pen / And keep your eyes wide / The chance won‘t come again.“

Nur logisch, dass sich der rebellische Teenager Steven dem nicht entziehen konnte. „Ich mochte den Blues, aber was Dylan uns gab war eine deutliche Haltung zum Protest und darüber hinaus eine Idee davon, wie wir anders über diese Welt nachdenken konnten als zuvor.“ Die Macht der Worte! „Die Veränderungen, die wir sehen wollten – es lag an uns, sie durchzusetzen! Ich bin nur darüber traurig, dass Dylan nicht Präsident geworden ist“, lachte Yusuf 2017 in einem Interview. Immerhin zum Literaturnobelpreis hat es für den US-Amerikaner gereicht!

5. West Side Story: Akt 1: Jet Song

Dylans Texte wurden nicht allein wegen ihrer Inhalte von der Schwedischen Akademie ausgezeichnet, sondern auch wegen seiner textlichen Kniffe. Es kommt eben nicht nur darauf an, was erzählt wird, sondern auch wie! Das verstand auch Steven früh und ließ sich deswegen nicht nur aus der Pop-Musik inspirieren, sondern öffnete seine Ohren sperrangelweit in alle Richtungen. Wortwörtlich gesprochen natürlich, denn in seinen Nächten auf den Dächern Londons lauschte er den Klängen, die von der Denmark Street herüber schallten, damals das Zentrum der britischen Musikindustrie. Vor allem Musicals standen dort auf dem Programm.

Dass West Side Story zu seinen absoluten Lieblingsstücken überhaupt gehört, verwundert da schon nicht mehr ganz so sehr. Noch 2016 war bei Live-Auftritten Yusufs ein Poster des ikonischen Musicals zu sehen. Abgesehen vom Wie interessierte ihn allerdings auch das Was: „Mich faszinierte der Lifestyle, denn es war das archetypische Leben auf der Straße, in dem eine Gang die andere zu dominieren versucht“, erklärte er. „Ich verbrachte den Großteil meiner Zeit auf der Straße, deswegen wohl sprach mich das an.“ Ob er jedoch eher ein Jet oder ein Shark ist? Das wissen wir nicht, sicher aber so viel: Neben King Kong und Porgy and Bess gehört West Side Story noch immer zu einem der Parameter, die ihn als Musiker ausmachen.

6. Nina Simone – Don’t Let Me Be Misunderstood

Wie vielseitig die Bandbreite seines Musikgeschmacks eigentlich ist, das lässt sich eigentlich in nur zwei Namen zum Ausdruck bringen: Dolly Parton und Nina Simone. Die gewitzte Country-Sängerin und die rebellische Jazz-Pianistin, sie haben auf den ersten Blick herzlich wenig miteinander gemein. Außer natürlich mindestens einem glühenden Fan: Yusuf. Seine Freundschaft mit Parton ist bestens dokumentiert und tatsächlich standen die beiden schon oft genug im Studio oder auf der Bühne nebeneinander.

Der junge Steven lernte Simone nur durchs Radio kennen und lernte so sicher auch ihre berühmte Interpretation von I Loves You Porgy aus Porgy and Bess kennen. Interessanter Weise aber hielt er die große Blues- und Jazz-Legende ihrer tiefen Stimme wegen zuerst für einen Mann! Als er 2006 unter dem Namen Yusuf Islam zur Pop-Welt zurück kehrte, war auf der LP An Other Cup auch seine Version von Don’t Let Me Be Misunderstood zu hören. Ein Stück, das vor allem durch seine Interpretation durch Simone bekannt wurde. „Lass mich nicht missverstanden werden“, dieser flehentliche Ruf hatte auf dem Comeback-Album Islams natürlich eine ganz besondere Bedeutung…

7. Tito Rinesi – Adhān

Nach seinem Übertritt zum Islam und seinem Rückzug aus dem Musikgeschäft fiel der Brite nämlich nicht nur positiv wie etwa durch sein karitatives Engagement auf. Nachdem der Schriftsteller Salman Rushdie 1988 in Großbritannien seinen kontroversen Roman Die satanischen Verse veröffentlichte, verfasste der iranische Ayatollah Khomeini eine Todes-Fatwa gegen den Autoren: Er rief die islamische Welt zu seinem Mord auf. In diversen Interviews aus dem Folgejahr sagte Yusuf Islam einige Dinge, die als Unterstützung dieses Urteils verstanden wurden, obwohl er sich danach vehement davon distanzierte.

Seitdem muss sich Yusuf immer wieder Fragen und Kritik stellen. Stimmt es, dass er nicht mit unverschleierten Frauen spräche? War es gerechtfertigt, dass ihm die Einreise in die USA lange Zeit verweigert wurde? Der Glaube des Briten polarisiert. Weit mehr noch als der von Stars, die sich öffentlich zu ihrem christlichen Glauben bekennen. Ist das nicht doppelmoralisch? Oder nur gerechtfertigte Argwohn nach seinen Aussagen über Rushdie? So oder so: Sein Glaube fand ihn zuerst über die Musik, genauer über den Adhān, den Aufruf zum Gebet. „Ich dachte: ‚Musik für Gott?‘“, erinnerte sich Stevens an seine erste Berührung mit islamischem Gesang in Marrakesch. „Das hatte ich noch nie gehört!“ Es sollte ihn nachhaltig prägen. Was er wohl von zeitgenössischen World-Music-Interpretationen des Gebetsaufrufs wie von Tito Rinesi hält?

8. Ludwig van Beethoven – Ode an die Freude (9. Sinfonie)

Noch so eine Frage! Sicher ist zumindest, dass sich Yusuf Islam selbst zunehmend mit der Verschränkung klassischer Pop- und Folk-Musik mit islamischen Musikstilen auseinandersetzte. Doch seine Liebe zur westlichen Musik verließ ihn darüber hinaus keineswegs. Im Gegenteil. 2017 schwärmte er munter von Ludwig van Beethovens weltbekannter neunter Sinfonie mit der legendären Ode an die Freude nach einem Text von Friedrich Schiller. „Ach, die Musik, die in diesen Zeiten gemacht wurde, schmachtete Yusuf, dem besonders das große Finale von Beethovens Neunter gefällt. „Es ist das ultimative Lied! Unglaublich! Und die Bedeutung der Wörter… Wow!“

Auf seinem Album The Laughing Apple allerdings ließ er sich von einem anderen Beethoven-Stück inspirieren: Pathetique ist deutlich aus dem Track Don’t Blame Them herauszuhören. „Ja ich habe aus Beethovens Klaviersonate geklaut“, gab Yusuf selbstbewusst zu. „Das ist eins meiner Lieblingsstücke. Und irgendwie ist es mir gelungen, den Song um diese Melodie herum zu schreiben. Und es bringt mich sehr nah an meine Liebe zur Melodie, meine Vorliebe für die Klassiker, und es vereint all meine Fertigkeiten als Songschreiber.“ Na dann!

9. Wendy Carlos – The Shining Main Title Theme (Dies Irae)

Zu diesen Fertigkeiten gehörte eben auch immer schon, „outside the box“ zu denken, wie es im Englisch heißt. Und das wiederum bedeutete, dass kleine Boxen zum Ende der Karriere von Cat Stevens (zumindest unter diesem Namen) immer wichtiger wurden. Sein Album Izitso aus dem Jahr 1977 überraschte mit viel Synthesizer- und Drummachine-Experimenten. Mit Was A Dog A Doughnut konnte die LP sogar einen Klassiker des Electro-Genres vorweisen, bevor es dieses Genre überhaupt erst gab! Neben Ringo Starr und vielen anderen lud sich Stevens einen imposanten Gerätepark ins Studio. Synthies von Yamaha, Moog und vielen weiteren sind auf Izitso zu hören.

Die plinkernde Sequenz, das druckvolle und doch simple Drumming – ganz klar, da mussten doch Kraftwerk Pate gestanden haben. Oder? Nein! Laut Stevens selbst hatte er von der Band aus Düsseldorf keinen Ton gehört, als er sich an die Produktion des Albums machte. Mehr Inspiration wird er etwa von Walter Carlos’ Switched-On Bach bezogen haben, einer legendären Platte mit Interpretationen von Bach-Stücken am Synthesizer durch die Transfrau hinter den Soundtracks vieler Kubrick-Filme, wie beispielsweise Clockwork Orange oder The Shining. Sie erst machte die Moog-Synthesizer Ende der sechziger Jahre salonfähig und veränderte damit die Musikwelt für alle Zeiten.

10. Sheryl Crow – The First Cut Is the Deepest

Zweifellos bewies Stevens mit Izitso, dass er ein vorausschauender Künstler war, der die Zukunft mit offenen Armen empfing. Das hatte schließlich schon einer seiner ersten Songs bewiesen, der den hellsichtigen Titel The First Cut Is the Deepest trug. Als „Cut“ wurden nämlich lange Zeit auch Aufnahmen von Songs bezeichnet, die in den Schellack beziehungsweise ins Vinyl geschnitten wurden. Tatsächlich wurde dieser von Stevens‘ frühen Cuts ein Riesenerfolg – nur eben für überwiegend andere! Für lausige £30 verkaufte er das Stück im Jahr 1967 an P.P. Arnold (genau: wer?), der damit einen moderaten Charts-Treffer landen konnte.

Es ging weiter: 1973 mit Keith Hampshie, 1997 mit Rod Stewart, 1995 mit Papa Dee und zuletzt 2003 mit Sheryl Crow, die mit ihrer Version von The First Cut Is The Deepest einen der größten Hits ihrer Karriere überhaupt ablieferte! Ihre Country-Rock-Version des Stücks, das Stevens 1965 geschrieben hatte, war es wohl auch, die ihm viel zu spät die längst überfälligen Lorbeeren einfuhr. In den Jahre 2005 und 2006 gewann er in gleich zwei aufeinander folgenden Jahren zweimal den ASCAP-Award als „Songwriter of the Year“. Für ein Stück, das er vier Jahrzehnte zuvor geschrieben hatte! So tief war dieser Cut also…

Zeitsprung: Am 21.7.1948 wird Cat Stevens geboren

 

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Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

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Protected: „White Christmas“, „All I Want For Christmas Is You“ und mehr: Verrückte Fakten zu den größten Weihnachtssongs

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Mariah Carey
Foto: Gilbert Carrasquillo /Getty Images

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