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„Ich versuche, Hass nicht zu empfinden“: Mille Petrozza zum neuen Kreator-Album „Hate Über Alles“

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Kreator
Foto: Christoph Voy

Hate Über Alles heißt das neue Studioalbum von Kreator, das am 10. Juni erscheint. Ein markanter Titel für ein Werk, das sich mit Themen wie der Verrohung des Diskurses, dem Vormarsch totalitärer Ideologien und der Kommunikation in den sozialen Medien auseinandersetzt. Ein Interview mit Frontmann, Sänger und Gitarrist Miland ‚Mille‘ Petrozza.

von Andrea Leim

Hier könnt ihr Hate Über Alles anhören:

Wann hast Du das letzte Mal Hass empfunden?

Ich versuche, Hass überhaupt nicht zu empfinden. Wenn ich zum Beispiel rassistische Äußerungen, Ungerechtigkeiten oder Dummheit höre, fühle ich zwar tiefe Abneigung, jedoch keinen Hass. Hass ist ein sehr intensives Gefühl, das viel Energie rauben kann. Es ist ein extrem starker Ausdruck, so wie Liebe auch. Beide Emotionen können Menschen dazu bringen, Dummheiten zu begehen und impulsiv zu handeln.

 Wie muss der Albumtitel „Hass Über Alles“ verstanden werden?

Es geht dabei um die Kommunikation im wahren Leben und in der digitalen Welt. Ich habe das Gefühl, dass es zwei verschiedene Realitäten gibt. Leute, die dir im Netz die Meinung mitteilen, würden sie dir vielleicht so nicht ins Gesicht sagen. Dadurch entsteht eine neue Art der Kommunikation, in der viele Dinge zu ernst genommen werden. Befasst man sich mit den sozialen Medien, kann man den Eindruck bekommen, dass die Welt völlig verloren ist. Das ist aber nicht so. Vielmehr nehmen diese impulsiven „Ich bin erstmal dagegen“-Kommentare Überhand. Die Leute schreien sich nur noch an und gehen sich direkt an die Gurgel, und selbst Politiker steigen darauf ein, wenn sie irgendwo eine Strömung vermuten. Dabei entstehen die oft nur durch besonders laute und nicht durch besonders viele Menschen. Die Lauten bilden also nicht zwangsläufig die Meinung der Meisten ab. Gäbe es das Internet nicht, würden die Lauten lediglich am Stammtisch in der Kneipe pöbeln.

Wäre die Welt also ohne soziale Medien besser?

Nein! Absolut nicht! Die Grundidee von Social Media ist schön. Ich kann jetzt, wenn ich will, sofort mit Leuten, die ich lange nicht gesehen habe, in Kontakt treten und an deren Leben teilhaben. Wir müssen nur einen Weg finden, die ganze geballte Intelligenz eigentlich des gesamten Internets in etwas Positives umzuwandeln. Das ist die Herausforderung der nächsten Jahre. Ich habe da keine Lösung und ich auch keinen Ansatz, das müssen Leute machen, die sich auskennen. Ich weiß aber, dass es nicht ignoriert werden darf.

Wie gehst du selbst damit um, wenn du doch mal große Wut oder Hass empfindest?

So starke Emotionen waren natürlich schon immer eine hervorragende Inspirationsquelle – insbesondere für die Musik, die ich mache. Bei Kreator hat das Wort Hass eine gewisse Tradition. Es fing schon mit Flag of Hate an: Das Lied habe ich geschrieben, als ich so 15 oder 16 Jahre alt war. Bis heute hat sich an meiner Intention nichts geändert: Ich versuche, jede negative Energie in etwas Positives umzuwandeln. 

Wie sieht das aus?

Wenn ich zum Beispiel gestresst bin, will ich mich bewegen und das beim Sport rauslassen. Wenn ich betrübt bin, versuche ich, das in Musik umzusetzen und ein kreatives Ventil zu finden. Das klappt nicht immer und klingt jetzt vielleicht auch so, als wäre ich völlig ausgeglichen. Stimmt natürlich nicht. Ich bin immer noch ruhelos, auf der Suche nach dem ultimativen Song, und so wird es auch immer bleiben. Hass ist dafür eine gute Inspirationsquelle. So wie Liebe. Zu 90 Prozent begeistere ich mich für das Leben. Aber diese 10 Prozent, die mich wütend machen und mich erschüttern, sind meistens der Motivator dafür, dass ich aktiv werde.

Du packst die Wut dann in deine Texte?

Ja. Eine Journalistin würde vielleicht eine Kolumne schreiben und so ihren Gedanken freien Lauf lassen, und ich mache das durch die Musik und insbesondere durch die Texte. Mir ist es ganz wichtig, dass die Texte zuerst stehen und einen sinnvollen Inhalt ergeben. Erst danach fange ich an, die Musik zu schreiben. Kaum ein Song macht für mich Sinn, wenn der Text nichts bedeutet. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich versuche, unsere Lieder aber immer ein bisschen mit Inhalt zu füllen und empfinde das auch als musikalischen Auftrag.

War der 19-jährige Mille auch schon so reflektiert?

Auf dem allerersten Album gibt es einen Song, der heißt Total Death, in dem ganz viel von der Achtziger-Jahre Atomkriegsangst drinsteckt. Theoretisch ist das Lied nichts anderes als ein Hippie-Song, wobei das Wort „Hippie“ immer so negativ behaftet ist. Aber ohne diese Kultur hätte es Metal gar nicht gegeben. Denn es ging ja um Protest, Umwälzung und dass man Sachen hinterfragt. In Wirklichkeit ist Metal nur die Fortführung dessen, aber das wollen viele Hardliner natürlich nicht hören.

Aber in den frühen Achtzigern haben Kreator das Thema „Hate“ ja auch schon behandelt. Damals haben die Fans das gegebenenfalls noch nicht als Aufforderung verstanden, netter zueinander zu sein. Hast du dich diesbezüglich also auch verändert und entwickelt?

Parallel zu meiner musikalischen und künstlerischen Entwicklung hat natürlich auch eine menschliche Entwicklung stattgefunden. Im besten Fall entwickelt man sich weiter, im schlechtesten Fall bleibt man stehen. Ich würde mal von mir behaupten, dass ich mich in bestimmten Dingen weiterentwickelt habe, in manchen Dingen bin ich auch ein bisschen stehengeblieben. Aber die Sturm- und Drang-Phase ist vorbei, keine Frage. Es wäre auch traurig, wenn das nicht so wäre.

Ist Metal eine gute Musikrichtung für eine solche Entwicklung?

Ja, weil es auch schon eine alte Musikrichtung ist, umfasst es das gesamte Spektrum des Lebens. Wenn man mal überlegt: Black Sabbath haben damals Dinge gesungen, die heute immer wieder relevant werden. Auch das waren Hippies. Die haben schon bei War Pigs darüber gesungen, dass man besser aufpassen sollte, dass die Welt nicht total in Kriegen untergeht. Ich glaube, das gesamte Spektrum an Emotionen wird im Metal beleuchtet. Ich kenne Leute, die hören echt nur Metal und das reicht denen auch, weil sie darin all ihre Emotionen wiederfinden. Kreator steht zum Beispiel für Aggressionen und intensive Emotionen.

Softere Musikrichtung eignen sich also weniger für Entwicklungen?

Ich bin nicht genug im Thema, um das beurteilen zu können. Aber ich habe den Eindruck, dass es zum Beispiel eine bestimmte Art von Mallorca-Stumpfheit gibt, die man im Metal nicht so oft findet.

Wird Metal oft missverstanden?

Klar. Aber das soll ja auch so sein. Kunst überspitzt immer ein bisschen. Ich mag es nicht, wenn irgendetwas zu eindeutig ist. Wenn man auf ein Bild schaut, das eine Kuh im Sonnenschein zeigt, steht fest, was damit ausgelöst werden soll: Der Betrachter soll sich gut fühlen. Das können alle. Kreator sind aber abstrakter. Wir wollen mehr zum Nachdenken anstoßen und die Menschen inspirieren. Damit vielleicht ein 17- oder 18-jähriger Typ selbst die Gitarre in die Hand nimmt und seine Kreativität zum Ausdruck bringt.

Gibt es Momente, in denen du mit dem Kopf schüttelst und denkst „Was für ein Glück wir doch hatten und haben“?

Definitiv! Und das sind gute Momente, weil man viel zu oft mit irgendwelchen anderen Dingen beschäftigt ist. Doch die Reflektion gehört dazu. Jedes Mal, wenn ich ein neues Album mache, stelle ich mir die Frage – und das soll jetzt keine Kokettiererei sein –, ob die Welt noch ein neues Kreator-Album braucht und ob ich überhaupt noch etwas zu sagen habe. Oder reicht es nicht vielleicht, wenn ich bis an mein Lebensende Pleasure To Kill und Extreme Aggressions auf irgendwelchen Festivals spiele? Denn wenn ich ein neues Album rausbringe, will ich auch, dass die Leute sagen: ‚Hey das ist cool!’

Ist es denn so, dass du noch ein neues Album brauchst?

Ja, ich brauche die. Ich mache ständig Musik und würde die Songs auch nur für mich aufnehmen. Aber die Möglichkeit zu haben, Lieder zu produzieren, ins Studio zu gehen und sie zu perfektionieren, den Grundgedanken so zu verstärken, dass die Leute fühlen können, was ich fühlte, als ich die Idee hatte, ist einfach super. Und diese Möglichkeit will ich auch nicht aufgeben.

Wenn der Mille aus der heutigen Zeit dem Mille aus der Vergangenheit etwas raten könnte, was wäre das?

Dass man lernen muss, auch mal „Nein“ zu sagen. Ich habe früher wahrscheinlich zu oft „Ja“ gesagt. Aber man muss lernen, sich abzugrenzen. Ich habe das erst in den letzten Jahren vernünftig gelernt und weiß heute, dass einem vieles erspart bleibt, wenn man zu bestimmten Leuten in bestimmten Situationen auch mal „Nein“ sagt.

Tourst Du nach all den Jahren noch immer gerne?

Auf jeden Fall, aber es ist anstrengender geworden. Darum haben wir 2019 entschieden, ein Jahr Pause zu machen. Ich war einfach ein bisschen durch und habe gesagt, dass wir pausieren sollten, um wieder mehr Spaß an der Sache zu bekommen. Hätte ich gewusst, dass die Pandemie kommt, hätte ich das nicht gemacht. So wurden aus geplant einem fast drei Jahre, in denen wir kaum gespielt haben.

Empfindest du jetzt also Vorfreude auf die Festivalsaison und eure Tour, die im November ansteht?

Ich habe voll Bock! Die Pandemie hat mir vor Augen geführt, wie fragil das Leben ist und wie dankbar man sein muss, dass machen zu können, was einem so viel bedeutet.

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Popkultur

PJ Harveys Debüt „Dry“ wird 30: Die Wiedergeburt der Patti Smith

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PJ Harvey
Foto: Getty Images

Berstend intensiv, körperlich, kompromisslos: Vor 30 Jahren peitscht uns eine junge, unverfrorene PJ Harvey ihr wegweisendes Debüt Dry um die Ohren. Mitten im Grunge-Bohei wird die Welt Zeuge einer englischen Kulturrevolution.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Dry von PJ Harvey anhören:

Musik und Bildende Kunst gingen für Polly Jean Harvey schon immer Hand in Hand. Die 1969 in Bridport an der südenglischen Küste geborene Sängerin, Künstlerin und Multiinstrumentalistin lernt früh Gitarre und Saxofon, kultiviert aber auch ein ausgewachsenes Interesse an visueller Kunst. Dennoch gibt sie in den Achtzigern erst mal der Musik den Vorzug: Sie spielt in einer Instrumental-Combo und in einer Folk-Band, ehe sie 1988 bei Automatic Dlamini einsteigt und dort unwissentlich die Weichen für ihre Zukunft stellt.

Sonic Youth drängen sich ins Bild

Mit John Parish und Rob Ellis lernt sie in dieser Band zwei wichtige Figuren kennen, die sie auf ihrem Weg in ihre ruhmreiche Solokarriere begleiten werden. Zunächst versucht es Harvey aber mal als Band: 1991 ist für sie Schluss bei Automatic Dlamini, mit den beiden Mitglieder Rob Ellis and Ian Oliver (später ersetzt von Steve Vaughan) gründet sie das Trio PJ Harvey. Zur selben Zeit kommt es zu einer Kräfteverschiebung in ihrem musikalischen Spektrum: Sonic Youth drängen Folk und Blues ein wenig an den Rand, ihre Lust an verzerrter, roher, pulsierender Gitarrenagonie erwacht.

Sie ziehen nach London, wo Harvey ein Studium der Bildhauerei in Betracht zieht. Die Sache mit der Musik, sie traut ihr irgendwie noch nicht so ganz. Selbst als ihrer ersten Single Dress viel Aufmerksamkeit zuteil wird und sie im Zuge dessen sogar von Radiogott John Peel protegiert wird, ist sich die damals 22-Jährige nicht sicher, ob eine musikalische Karriere eine Zukunft hat. Deswegen klinge ihr Debüt Dry auch so wie es klingt, sagte sie 2004: „Dry war meine allererste Chance, ein Album zu machen, und ich dachte damals, es wäre meine letzte. Also steckte ich alles in diese Songs, was ich hatte.“

Reinkarnation der Punk-Urmutter

Dry ist ein bemerkenswert extremes Album. Metallischer Bass, versengender Gitarrensound, dumpfe Percussions, dazu Cello, Kontrabass und diese Stimme. Das hier war nicht eine weitere Alternative-Rock-Band mit einer Frau am Mikrofon. Das war eine Wachablösung, eine Kampfansage an das Patriarchat des Rock’n’Roll. Mehr als jeder andere Vergleich zieht deswegen der mit Patti Smith: PJ Harvey als Reinkarnation der Punk-Urmutter, feministisch, intellektuell, weiblich, einschüchternd talentiert. Dry als das Horses der Neunziger – ein furioses, feminines, poetisches Aufbäumen voller schwerer Gitarren und versengender Lyrik.

Und nicht nur das: Dry ist zudem voller grandioser Songs. Dress als erste Single wirkt schon wie ein krachiges Leuchtfeuer, getoppt von Sheela-Na-Gig, einem dieser Stücke, die heute ebenso emblematisch für die Neunziger stehen könnten wie, sagen wir, Smells Like Teen Spirit. Das abschließende Water hingegen zeigt früh in ihrer Karriere ihre Rolle als Rockmusikerin und Poetin in Personalunion – der Wesenszug also, der auf künftigen Werken sehr viel stärker zum Vorschein kommt.

Schroffer Vorstoß

PJ Harvey ist näher an der feministisch-existentialistischen Poesie von Silvia Plath oder Virginia Woolfe als am Klischee dauerbesoffener Kunstschaffender, ist Lichtjahre entfernt von sinnentleerten Rock-Bands in knappen Höschen. Diese Erniedrigung überlässt sie gern anderen. Sie ist eine hochgebildete Denkerin, eine Intellektuelle in der politische Zeitgeschehen und Mythos kollidieren. Ihre Waffe sind gleichermaßen ihr Stift, ihre Stimme und ihre Gitarre, ihr Debüt ein schroffer Vorstoß in eine Welt, die bislang eher eine andere Art von Frontfrau gewöhnt war. Sie war Engländern, vielleicht liegt es ja auch ein bisschen daran. Doch wo Courtney Love am einen Ende des Spektrums thront, nimmt Harvey liebend gern das andere Ende ein.

Nicht, dass sich PJ Harvey mit ihren Reizen zurückhält, nicht, dass sie nicht sexy, lasziv kann. Ihre Persona und ihre Musik – allen voran ihre allererste jemals veröffentlichte Single Dress – machen aber vom Fleck weg eines klar: Wenn du dich so kleiden willst, dann tu es für dich. Und nicht, um jemand anderem zu gefallen. Nur weil sie eine Frau mit einer Gitarre ist, wollte PJ Harvey nie gefeiert werden, wollte sie nie auf dem Cover eines Magazins landen. Wenn schon, dann bitteschön wegen ihrer Musik. Mission erfolgreich, kann man 30 Jahre später sagen.

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10 Songs von PJ Harvey, die man kennen sollte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.6.1975 treten Cher und Gregg Allman vor den Traualtar.

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Foto: Frank Edwards/Fotos International/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.6.1975.

von Sina Buchwitz und Christof Leim

Vom Traualtar zum Scheidungsanwalt und zurück: Am 30. Juni 1975 heiratet Cherilyn „Cher“ Sarkisian ihren zweiten Ehemann Gregory LeNoir Allman, vier Tage nach Chers offizieller Scheidung von Sonny Bono. Für Gregg ist es bereits die dritte Vermählung. Doch das junge Glück währt nur kurz; neun Tage später will Cher die Ehe auflösen lassen. Letztlich gehen aus der turbulenten Verbindung doch noch ein Kind und ein Album hervor, bevor sie 1979 tatsächlich endet. 

Hört hier das gemeinsame Album Two The Hard Way: 

Als Cher und Gregg Allman im Januar 1975 zum ersten Mal aufeinandertreffen, stehen die Sterne eigentlich schon schlecht für die beiden: Cher befindet sich mitten in der Scheidungsschlacht mit ihrem ersten Ehemann Sonny Bono und kämpft im Zuge dessen auch um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Chastity. In Greggs Leben läuft es derweil nicht weniger chaotisch. Sein Alkohol- und Drogenkonsum nimmt Ausmaße an, der nicht nur die Allman Brothers Band zu zerreißen droht, sondern auch für Ermittlungen der Drogenvollzugsbehörde sorgt. 

Blitzbegegnung

Dennoch schlägt die Begegnung zwischen den beiden ein wie ein Blitz: „Sie roch so, wie ich mir den Geruch einer Meerjungfrau vorstelle“, erinnert sich Allman an das erste Treffen bei einem seiner Konzerte. Dass seine Auserwählte zu dem Zeitpunkt eigentlich ein Date mit Musikmagnat David Geffen verbringt, beeindruckt ihn wenig: „Ich war so unhöflich, ich sagte David nicht einmal ‚Hallo‘, weil ich so geblendet von ihr war.“ Cher gibt Gregg ihre Telefonnummer. Bis zum ersten Anruf vergehen keine 24 Stunden.

Bereits die erste Verabredung endet dank Allman im Desaster: Als Abschluss des Abends liegt er, berauscht vom Heroin, bewusstlos in der Ecke. Cher ignoriert die Warnzeichen jedoch und lässt sich auf eine zweite Verabredung ein. Dieses Mal läuft es besser. In einer Disco trinkt Gregg sich genug Mut an, um mit seiner Angebeteten zu tanzen. Im Anschluss geht es zu Cher nach Hause, wo die beiden sich im Rosengarten näherkommen. 

Eine Ehe wie eine Achterbahn

Ab da passiert alles im Eiltempo. Rund sechs Monate nach dem ersten Treffen, am 30. Juni 1975, heiraten die beiden in Las Vegas. Fans und Presse sind außer sich: Zum einen, weil die Tinte auf Chers und Sonnys Scheidungspapieren noch nicht trocken ist, zum anderen, weil die Popsängerin und der Southern-Rock-Pionier ein derart ungleiches Paar abgeben. Das scheint auch ihr bald zu dämmern – nur neun Tage nach der Eheschließung ruft sie ihren Gatten an, um ihm zu sagen, dass es vorbei ist. Doch der? Ist „so high, dass er mich noch nicht mal versteht“, erinnert sich die Pop-Diva. 

Innerhalb eines Monats gelingt es Allman, seine Frau zurückzugewinnen. Doch die Achterbahnfahrt der Gefühle geht weiter, als im Jahr darauf die Sonny And Cher Show, die erste TV-Sendung mit einem geschiedenen Ehepaar, wieder über die Bildschirme flimmert. Dieses Mal ist es Gregg, der die Scheidung einreicht und sie wieder zurückzieht, als er herausfindet, dass seine Frau schwanger ist. 

Noch eine Chance

Der gemeinsame Sohn Elijah Blue wird am 10. Juli 1976 geboren und scheint das Paar miteinander zu versöhnen. Dem Magazin People gegenüber verrät Cher: „Gregory hat aufgehört zu trinken und Drogen zu nehmen. Ich habe ihn schon immer geliebt, aber bisher dachte ich, es würde nicht halten. Zum ersten Mal fühlen wir uns wirklich wie verheiratete Leute.“ 

Allmans Solokarriere nimmt derweil wieder Fahrt auf. Das gemeinsame Album Two The Hard Way, welches im November 1977 erscheint, soll ihre Liebe unterstreichen. Bei Fans und Kritikern wird die Platte jedoch eher belächelt; zu unterschiedlich scheinen die beiden Musiker zu sein. 

Es hilft nichts

Nur zwei Monate nach der Veröffentlichung lassen sich Cher und Gregg zum letzten Mal scheiden. Und dieses Mal zählt’s. Während die dunkelhaarige Schöne sich unter anderem mit Kiss-Gründer Gene Simmons tröstet, zieht es Allman noch im selben Jahr wieder vor den Traualtar. 1979 veröffentlicht Cher mit My Song (Too Far Gone) einen Titel für ihren Verflossenen: 

Now he’s too far gone to hold me, 

Too far gone, he doesn’t wanna know me

Too far gone, and he doesn’t really know 

No, he’ll never get to know his son

Trotzdem spricht sie auch sehr positiv von der gemeinsamen Zeit: „Niemand hat mich jemals so glücklich gemacht wie Gregory“, sagt Cher in einem Interview. Als Gregg Allman 2017 stirbt, zollt die Sängerin ihrem Exmann Tribut. 

Zeitsprung: Am 1.5.1967 heiraten Elvis Presley und Priscilla Ann Beaulieu.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.6.1980 singt Brian Johnson seine erste Show mit AC/DC.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.6.1980."

von Christof Leim

Kein einfacher Job: Nur vier Monate nach dem Tod von Bon Scott steht Brian Johnson am 29. Juni 1980 im belgischen Namur zum ersten Mal mit AC/DC auf der Bühne, im Gepäck das noch unveröffentlichte Back In Black. Doch die Tickets gehen weg wie nix Gutes. Und unser Mann ist so nervös, dass er zu zwei Songs den gleichen Text singt…

Hier gibt es das unerreichte Back In Black zu hören:

Wie schnell das bei AC/DC geht damals. Statt zu trauern, muss der Rock weiter rollen: Am 19. Februar 1980 stirbt ihr unvergleichlicher Sänger Bon Scott (alles dazu hier), am 1. April 1980 stellen sie bereits Brian Johnson als den neuen Mann am Mikro vor. Kurz danach nimmt die Band bereits auf den Bahamas Back In Black auf, Ende Mai ist das Ding im Kasten (und wird im Laufe der Jahre völlig zu Recht zum je nach Zählung zweiterfolgreichsten Album aller Zeiten).

Es zählt auf dem Platz

Doch Rock’n’Roll-Geschichte wird vor allem auf der Bühne geschrieben. Deshalb buchen AC/DC vier Wochen vor Veröffentlichung der Platte ein halbes Dutzend kleine Shows in Benelux zum Aufwärmen. Das Line-up: Brian Johnson (Gesang), Angus Young (Gitarre), Malcolm Young (Gitarre), Cliff Williams (Bass), Phil Rudd (Schlagzeug). Der Start wird für den 29. Juni 1980 in der belgischen Kleinstadt Namur geplant. Eine riesige Sache soll das nicht werden, heißt es (wie mit Sabbath mit Dio in Ostfriesland), doch die Tickets für diesen Sonntagabend gehen weg wie nichts Gutes, weswegen die Show in größere Hallen verlegt wird und im großen Palais Des Expositions landet. Um 20 Uhr soll es losgehen, doch die Verantwortlichen bitten mehrmals um Aufschub, weil sie die Räumlichkeiten noch erweitern wollen, denn es seien mehr Leute gekommen als erwartet.

Vollgas: AC/DC unterwegs in Europa 1980 mit ihrem neuen Sänger – Foto: Michael Putland/Getty Images

Und Brian Johnson ist nervös. Das kann man ihm nicht verdenken, schließlich arbeitete der 32-Jährige vier Monate vorher noch in einer Autowerkstatt in Newcastle und hatte mit seiner Musikkarriere (als Sänger von Geordie) bereits abgeschlossen. „Überall hielten die Leute Banner hoch, auf denen stand: ‚Rest in peace, Bon‘!“, erinnert er sich in einem Interview. „Ich habe mich echt gefragt, worauf ich mich da eingelassen hatte. Das konnte doch nicht gut gehen! Aber in der Mitte war ein riesiges Plakat zu sehen mit ‚Alles Gute, Brian!‘ Und mehr brauchte ich nicht – Abfahrt!“

Die Nerven

Trotzdem ist Brian so angespannt, dass er sogar den gleichen Text für zwei Songs singt, also (mindestens) einmal falsch. Im gleichen Interview erinnert er sich an Bad Boy Boogie: „Ich konnte gar nichts hören. Das Publikum hat bestimmt gedacht, ich sei sehr ‚Avantgarde’. Malcolm hat mich nur angesehen und gefragt: ‚Was zum Teufel war das?‘“

 

Auf dem Plan stehen gleich sieben Stücke von Back In Black, mehr als von jedem anderen AC/DC-Album bis dato. Diese Show markiert laut setlist.fm den Konzerteinstand von Hells Bells (als Opener), Back In Black, What Do You Do For Money Honey, Rock And Roll Ain’t Noise Pollution, und Shoot To Thrill. Sogar das selten gespielte Given The Dog A Bone steht auf dem Plan und Shake A Leg als erste Zugabe (laut mancher Quellen zum ersten und einzigen Mal auf einer AC/DC-Setlist). Das immergrüne You Shook Me All Night Long fehlt hingegen noch für ein paar Wochen, wie auch die sehr detaillierte Seite highwaytoacdc.com aufführt. (In besagtem Interview erwähnt Brian die Nummer zwar beiläufig, aber das verbuchen wir nach Tausenden von Einsätzen des Stücks mal als Verwechslung.)

Magische Musikgeschichte

Das Problem mit den neuen Liedern: Die Leute kennen sie noch nicht – und reagieren verhaltener. „Oh Scheiße!“, denkt sich der Sänger, „Sie mögen das Zeug ja gar nicht. Der Abend war schon traumatisch“. Aber doch irgendwie geil: Jahre später nennt Brian die Show gegenüber Ultimate Classic Rock „magisch“. Das glauben wir gerne. Wir wären am liebsten dabei gewesen. Und der Rest ist Geschichte…

Nachtrag: Der Song Bedlam In Belgium von Flick Of The Switch (1983) handelt übrigens nicht von diesem 29. Juni 1980, sondern von einer früheren Show der Band, bei der sie die Bühne pünktlich verlassen sollte, aber nicht wollte – was die Polizei auf den Plan rief.

Zeitsprung: Am 19.2.1980 stirbt der große Bon Scott von AC/DC.

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