------------

Popkultur

„Ich versuche, Hass nicht zu empfinden“: Mille Petrozza zum neuen Kreator-Album „Hate Über Alles“

Published on

Kreator
Foto: Christoph Voy

Hate Über Alles heißt das neue Studioalbum von Kreator, das am 10. Juni erscheint. Ein markanter Titel für ein Werk, das sich mit Themen wie der Verrohung des Diskurses, dem Vormarsch totalitärer Ideologien und der Kommunikation in den sozialen Medien auseinandersetzt. Ein Interview mit Frontmann, Sänger und Gitarrist Miland ‚Mille‘ Petrozza.

von Andrea Leim

Hier könnt ihr Hate Über Alles anhören:

Wann hast Du das letzte Mal Hass empfunden?

Ich versuche, Hass überhaupt nicht zu empfinden. Wenn ich zum Beispiel rassistische Äußerungen, Ungerechtigkeiten oder Dummheit höre, fühle ich zwar tiefe Abneigung, jedoch keinen Hass. Hass ist ein sehr intensives Gefühl, das viel Energie rauben kann. Es ist ein extrem starker Ausdruck, so wie Liebe auch. Beide Emotionen können Menschen dazu bringen, Dummheiten zu begehen und impulsiv zu handeln.

 Wie muss der Albumtitel „Hass Über Alles“ verstanden werden?

Es geht dabei um die Kommunikation im wahren Leben und in der digitalen Welt. Ich habe das Gefühl, dass es zwei verschiedene Realitäten gibt. Leute, die dir im Netz die Meinung mitteilen, würden sie dir vielleicht so nicht ins Gesicht sagen. Dadurch entsteht eine neue Art der Kommunikation, in der viele Dinge zu ernst genommen werden. Befasst man sich mit den sozialen Medien, kann man den Eindruck bekommen, dass die Welt völlig verloren ist. Das ist aber nicht so. Vielmehr nehmen diese impulsiven „Ich bin erstmal dagegen“-Kommentare Überhand. Die Leute schreien sich nur noch an und gehen sich direkt an die Gurgel, und selbst Politiker steigen darauf ein, wenn sie irgendwo eine Strömung vermuten. Dabei entstehen die oft nur durch besonders laute und nicht durch besonders viele Menschen. Die Lauten bilden also nicht zwangsläufig die Meinung der Meisten ab. Gäbe es das Internet nicht, würden die Lauten lediglich am Stammtisch in der Kneipe pöbeln.

Wäre die Welt also ohne soziale Medien besser?

Nein! Absolut nicht! Die Grundidee von Social Media ist schön. Ich kann jetzt, wenn ich will, sofort mit Leuten, die ich lange nicht gesehen habe, in Kontakt treten und an deren Leben teilhaben. Wir müssen nur einen Weg finden, die ganze geballte Intelligenz eigentlich des gesamten Internets in etwas Positives umzuwandeln. Das ist die Herausforderung der nächsten Jahre. Ich habe da keine Lösung und ich auch keinen Ansatz, das müssen Leute machen, die sich auskennen. Ich weiß aber, dass es nicht ignoriert werden darf.

Wie gehst du selbst damit um, wenn du doch mal große Wut oder Hass empfindest?

So starke Emotionen waren natürlich schon immer eine hervorragende Inspirationsquelle – insbesondere für die Musik, die ich mache. Bei Kreator hat das Wort Hass eine gewisse Tradition. Es fing schon mit Flag of Hate an: Das Lied habe ich geschrieben, als ich so 15 oder 16 Jahre alt war. Bis heute hat sich an meiner Intention nichts geändert: Ich versuche, jede negative Energie in etwas Positives umzuwandeln. 

Wie sieht das aus?

Wenn ich zum Beispiel gestresst bin, will ich mich bewegen und das beim Sport rauslassen. Wenn ich betrübt bin, versuche ich, das in Musik umzusetzen und ein kreatives Ventil zu finden. Das klappt nicht immer und klingt jetzt vielleicht auch so, als wäre ich völlig ausgeglichen. Stimmt natürlich nicht. Ich bin immer noch ruhelos, auf der Suche nach dem ultimativen Song, und so wird es auch immer bleiben. Hass ist dafür eine gute Inspirationsquelle. So wie Liebe. Zu 90 Prozent begeistere ich mich für das Leben. Aber diese 10 Prozent, die mich wütend machen und mich erschüttern, sind meistens der Motivator dafür, dass ich aktiv werde.

Du packst die Wut dann in deine Texte?

Ja. Eine Journalistin würde vielleicht eine Kolumne schreiben und so ihren Gedanken freien Lauf lassen, und ich mache das durch die Musik und insbesondere durch die Texte. Mir ist es ganz wichtig, dass die Texte zuerst stehen und einen sinnvollen Inhalt ergeben. Erst danach fange ich an, die Musik zu schreiben. Kaum ein Song macht für mich Sinn, wenn der Text nichts bedeutet. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich versuche, unsere Lieder aber immer ein bisschen mit Inhalt zu füllen und empfinde das auch als musikalischen Auftrag.

War der 19-jährige Mille auch schon so reflektiert?

Auf dem allerersten Album gibt es einen Song, der heißt Total Death, in dem ganz viel von der Achtziger-Jahre Atomkriegsangst drinsteckt. Theoretisch ist das Lied nichts anderes als ein Hippie-Song, wobei das Wort „Hippie“ immer so negativ behaftet ist. Aber ohne diese Kultur hätte es Metal gar nicht gegeben. Denn es ging ja um Protest, Umwälzung und dass man Sachen hinterfragt. In Wirklichkeit ist Metal nur die Fortführung dessen, aber das wollen viele Hardliner natürlich nicht hören.

Aber in den frühen Achtzigern haben Kreator das Thema „Hate“ ja auch schon behandelt. Damals haben die Fans das gegebenenfalls noch nicht als Aufforderung verstanden, netter zueinander zu sein. Hast du dich diesbezüglich also auch verändert und entwickelt?

Parallel zu meiner musikalischen und künstlerischen Entwicklung hat natürlich auch eine menschliche Entwicklung stattgefunden. Im besten Fall entwickelt man sich weiter, im schlechtesten Fall bleibt man stehen. Ich würde mal von mir behaupten, dass ich mich in bestimmten Dingen weiterentwickelt habe, in manchen Dingen bin ich auch ein bisschen stehengeblieben. Aber die Sturm- und Drang-Phase ist vorbei, keine Frage. Es wäre auch traurig, wenn das nicht so wäre.

Ist Metal eine gute Musikrichtung für eine solche Entwicklung?

Ja, weil es auch schon eine alte Musikrichtung ist, umfasst es das gesamte Spektrum des Lebens. Wenn man mal überlegt: Black Sabbath haben damals Dinge gesungen, die heute immer wieder relevant werden. Auch das waren Hippies. Die haben schon bei War Pigs darüber gesungen, dass man besser aufpassen sollte, dass die Welt nicht total in Kriegen untergeht. Ich glaube, das gesamte Spektrum an Emotionen wird im Metal beleuchtet. Ich kenne Leute, die hören echt nur Metal und das reicht denen auch, weil sie darin all ihre Emotionen wiederfinden. Kreator steht zum Beispiel für Aggressionen und intensive Emotionen.

Softere Musikrichtung eignen sich also weniger für Entwicklungen?

Ich bin nicht genug im Thema, um das beurteilen zu können. Aber ich habe den Eindruck, dass es zum Beispiel eine bestimmte Art von Mallorca-Stumpfheit gibt, die man im Metal nicht so oft findet.

Wird Metal oft missverstanden?

Klar. Aber das soll ja auch so sein. Kunst überspitzt immer ein bisschen. Ich mag es nicht, wenn irgendetwas zu eindeutig ist. Wenn man auf ein Bild schaut, das eine Kuh im Sonnenschein zeigt, steht fest, was damit ausgelöst werden soll: Der Betrachter soll sich gut fühlen. Das können alle. Kreator sind aber abstrakter. Wir wollen mehr zum Nachdenken anstoßen und die Menschen inspirieren. Damit vielleicht ein 17- oder 18-jähriger Typ selbst die Gitarre in die Hand nimmt und seine Kreativität zum Ausdruck bringt.

Gibt es Momente, in denen du mit dem Kopf schüttelst und denkst „Was für ein Glück wir doch hatten und haben“?

Definitiv! Und das sind gute Momente, weil man viel zu oft mit irgendwelchen anderen Dingen beschäftigt ist. Doch die Reflektion gehört dazu. Jedes Mal, wenn ich ein neues Album mache, stelle ich mir die Frage – und das soll jetzt keine Kokettiererei sein –, ob die Welt noch ein neues Kreator-Album braucht und ob ich überhaupt noch etwas zu sagen habe. Oder reicht es nicht vielleicht, wenn ich bis an mein Lebensende Pleasure To Kill und Extreme Aggressions auf irgendwelchen Festivals spiele? Denn wenn ich ein neues Album rausbringe, will ich auch, dass die Leute sagen: ‚Hey das ist cool!’

Ist es denn so, dass du noch ein neues Album brauchst?

Ja, ich brauche die. Ich mache ständig Musik und würde die Songs auch nur für mich aufnehmen. Aber die Möglichkeit zu haben, Lieder zu produzieren, ins Studio zu gehen und sie zu perfektionieren, den Grundgedanken so zu verstärken, dass die Leute fühlen können, was ich fühlte, als ich die Idee hatte, ist einfach super. Und diese Möglichkeit will ich auch nicht aufgeben.

Wenn der Mille aus der heutigen Zeit dem Mille aus der Vergangenheit etwas raten könnte, was wäre das?

Dass man lernen muss, auch mal „Nein“ zu sagen. Ich habe früher wahrscheinlich zu oft „Ja“ gesagt. Aber man muss lernen, sich abzugrenzen. Ich habe das erst in den letzten Jahren vernünftig gelernt und weiß heute, dass einem vieles erspart bleibt, wenn man zu bestimmten Leuten in bestimmten Situationen auch mal „Nein“ sagt.

Tourst Du nach all den Jahren noch immer gerne?

Auf jeden Fall, aber es ist anstrengender geworden. Darum haben wir 2019 entschieden, ein Jahr Pause zu machen. Ich war einfach ein bisschen durch und habe gesagt, dass wir pausieren sollten, um wieder mehr Spaß an der Sache zu bekommen. Hätte ich gewusst, dass die Pandemie kommt, hätte ich das nicht gemacht. So wurden aus geplant einem fast drei Jahre, in denen wir kaum gespielt haben.

Empfindest du jetzt also Vorfreude auf die Festivalsaison und eure Tour, die im November ansteht?

Ich habe voll Bock! Die Pandemie hat mir vor Augen geführt, wie fragil das Leben ist und wie dankbar man sein muss, dass machen zu können, was einem so viel bedeutet.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

„Total Thrash“: Alles zur Doku über die deutsche Thrash-Szene

Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

Published on

Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

Continue Reading

Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

Published on

Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

Published on

Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss