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Popkultur

Der sanfte Riese aus Liverpool: Das unglaubliche Leben des Beatles-Assistenten Mal Evans

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Mal Evans & die Beatles
Mal Evans chauffiert Patti Boyd, George Harrison, Neil Aspinall und Paul McCartney zu Brian Epsteins Trauerfeier. Foto: Clive Limpkin/Daily Express/Getty Images

Er war eine unverzichtbare Figur im innersten Beatles-Kreis: Vom Cavern Club in Liverpool bis zur Magical Mystery Tour weicht Mal Evans der Band nicht von der Seite. 1976 wird er in Los Angeles erschossen – unter äußerst dubiosen Umständen.

von Björn Springorum

Wer Anfang der Sechziger seine Mittagspausen oder Nächte gern im Cavern Club in Liverpool verbringt, um die jungen Beatles zu sehen, muss erst an ihm vorbei: Die Tür zu dem muffeligen Kellerloch, längst eine der berühmtesten Konzertlocations aller Zeiten, wird von einem Hünen mit Brille bewacht: Mal Evans, knapp zwei Meter hoch, ein Riese. Ein sanfter Riese zwar, aber dennoch einer, mit dem man sich nicht anlegt. Und einer, der bald schon berühmter ist als jeder andere Türsteher Liverpools oder aus dem Rest der Welt.

Das Mysterium der Beatles ist ebenso unergründlich wie unerschöpflich. Es gibt keine andere Band, bei der selbst ein einfacher Assistent zum Stoff für Biografien, Romane und Theaterstücke taugt. Dann wiederum war Mal Evans nun wirklich alles andere als ein einfacher Assistent. Die Geschichte des sanften Riesen aus Liverpool, wie er genannt wird, ist eng mit der der Beatles verbunden. Enger sogar als die von Brian Epstein. Und weitaus weniger schwierig.


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 Der sprichwörtlich größte Elvis-Fan

Sie beginnt, wie jede Beatles-Geschichte, in Liverpool. Evans, geboren am 27. Mai 1935, führt ein einfaches und geordnetes Leben an der Seite seiner Frau Lily. Das Paar hat eine Tochter und lebt in der Hillside Road, Evans arbeitet als Telefontechniker bei der Post. Seine Mittagspause verbringt der riesige Elvis-Fan („mit 1,97 Metern bin ich wahrscheinlich wirklich einer seiner größten Fans“, wird er später sagen) wie viele andere junge Menschen auch mal im Cavern Club. Damals laufen dort auch schon zur Mittagszeit Rock’n’Roll-Shows einer jungen Liverpooler Band namens The Beatles.

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Evans ist sofort Feuer und Flamme. Er weiß es zwar noch nicht, doch seine erste Mittagspause dort wird sein Leben für immer verändern. Er kommt wieder und wieder, freundet sich mit George Harrison an. Der ist es auch, der dem Manager Ray McFall Evans’ Dienste als Türsteher empfiehlt. Schon damals manifestiert sich eine der wichtigsten Eigenschaften, die den Beatles später oft den Kopf retten wird: Knapp zwei Meter groß, lässt er sich durch nichts aus der Ruhe bringen und bleibt stets besonnen. Ohne es zu wissen, absolviert Mal Evans an der Tür des miefigen Cavern Club die Ausbildung für das, was wenige Jahre später auf ihn zurollen wird wie eine Lawine, die man nicht aufhalten kann.

Reif für den Zirkus

Als die Beatlemania auf der ganzen Welt ein Fieber ausbrechen lässt, ist Evans längst fest mit im Team. Als Assistent, als Bodyguard, als Roadie, als Riese für alles, sozusagen. Ringo Starr erinnert sich in Anthology entsprechend ehrfürchtig an diese kapitale Erscheinung: „Er war ziemlich stark. Er konnte den Bass-Verstärker ganz allein tragen, ein echtes Wunder. Er hätte in den Zirkus gehört!“ Ist er ja irgendwie auch: Der Wahnsinn rund um diese vier Kerle aus Liverpool ist schließlich eine ganz eigene Art von Zirkus.

Evans weicht den Beatles nicht von der Seite und liest ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab. In einer speziell kuratierten Tasche trägt er alles mit sich herum, was die Launen der Beatles so verlangen. „Er hatte immer alles dabei“, würde später ein staunender George Harrison sagen. „Und wenn er mal etwas nicht hatte, besorgte er es sofort.“ Evans liebt es, für die Beatles zu arbeiten, ein Teil dieses einzigartigen Abenteuers zu sein. Dazu gehören auch praktische Lösungen: Als auf einer langen Autofahrt mal ein Steinschlag die Windschutzscheibe beschädigt, boxt Evans sie kurzerhand aus dem Rahmen und fährt 200 Meilen durch den frostigen Winter nach Liverpool, während seine Beatles hinten wie die Ölsardinen eng nebeneinander liegen, um sich keine Erkältung einzufangen.

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Warum das Vehikel seiner Wahl eine Austin-Princess-Limousine ist und nicht etwa ein Bentley, Rolls Royce oder Mercedes? Auch darauf hat Evans eine unschlagbar pragmatische Antwort parat: Es sei das einzige Auto mit Türen gewesen, die groß genug waren, damit die Beatles sprichwörtlich hineinhechten konnten, wenn sie mal wieder irgendwelchen wahnsinnigen Fans entkommen mussten.

USA, Indien und Cannabis

Man könnte es sich also auch einfach machen und sagen: Mal Evans ist immer für die Beatles da. Anders als Figuren wie Brian Epstein, die sich mit zunehmendem Erfolg seiner Zöglinge immer weiter entfremden, ist Evans der Fels in der Brandung. Er begleitet sie auf all ihren Tourneen durch die USA und den Rest der Welt, er ist dabei, als Bob Dylan den Beatles die ehernen Tore in die Welt des Cannabiskonsums öffnet. Unvergessen: Der Trip, in dem Paul McCartney Evans als Protokollanten für seine bekifften Weisheiten verpflichtet, es aber beiden in ihrem Zustand unmöglich erscheint, Papier und Stift aufzutreiben. Als sie es endlich schaffen und Macca am nächsten Tag bei klarem Verstand mal so schaut, welch unergründliche Erkenntnisse ihm in der vergangenen Nacht kamen, steht da nur: „Es gibt sieben Stufen.“

Evans fährt die Band, Evans baut die PA auf, Evans serviert den Beatles Drinks auf der Bühne, Evans hält Fans ab, Evans besorgt alles, was sie möchten. Er fliegt sogar mit Paul McCartney auf Safari nach Afrika, wo sie in demselben Hotel übernachten, in dem einige Jahre zuvor die junge Elizabeth erfuhr, dass sie Königin von England ist. Auf dem Rückweg kommt den beiden die Idee zu Sgt. Pepper. Mit John Lennon und Yoko Ono reist er in die USA, sogar im indischen Rishikesh weicht Mal Evans seinen geliebten Beatles nicht von der Seite. Im Gegensatz zu George Harrison genießt er sogar das Essen im Ashram des Maharishi: Harrison hatte unvergessen einen ganzen Koffer voller Dosenbohnen mit nach Indien gebracht.

Ringo Starr & Mal Evans

1971 kann man Mal Evans an der Seite von Ringo Starr im Italowestern “Blindman” sehen. Foto: Jack Kay/Daily Express/Getty Images

Selbst im Studio ist Mal Evans irgendwann Dauergast. Er spielt Instrumente, er ist für das Weckerklingeln in A Day In The Life zuständig, taucht in ihren Filmen auf, singt den Chorus von Yellow Submarine mit. Nach seinen Tagebucheinträgen ist er sogar an der Entstehung zahlreicher Songs beteiligt. Nur gelistet wird er dafür nie, bekommt also auch keine Tantiemen. Viel Kohle gibt es für den sanften Riesen auch nicht: Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms zahlen die Beatles ihm immer noch stoisch 75 Pfund die Woche. Das wären heute unter 1000 Euro.

Auf dem Dach von Apple

Ihm ist das egal. Er ist ein Fahrgast im größten Musikwanderzirkus aller Zeiten, ein Puzzleteil in diesem unglaublichen Mosaik. Durch seine Arbeit für die Beatles lernt er eines Tages sogar sein größtes Idol, Elvis Presley kennen. Presley will Gitarre spielen, fragt nach einem Plektrum. Evans, der sonst immer welche dabei hat, falls jemand eines brauchen sollte (selbst im Urlaub, wie alle Beatles glaubhaft versichern!), stellt betroffen fest, dass sein Hemd in der Reinigung war und die Taschen alle leer sind. „Ich habe ihm in der Küche aus Plastiklöffeln schnell ein paar provisorische gebastelt“, wird er sich später erinnern, „aber die Enttäuschung war riesengroß. Wenn ich eines gehabt hatte, hätte er es gespielt und mir dann zurückgegeben. Es würde heute eingerahmt an meiner Wand hängen.“

Das Ende der Beatles bedeutet in diesem Fall nicht mal das Ende von Mal Evans. Er ist den Fab Four so wichtig, dass sie ihn nach Allen Kleins drastischer Kündigungswelle bei Apple kurzerhand zurückholen, weil er ihnen fehlt. Beim allerletzten Beatles-Auftritt auf dem Dach von Apple ist er natürlich auch dabei, steht mit unergründlicher Miene hinter Ringo Starr. Der ewige Bodyguard. Das Auseinanderfallen der größten Band aller Zeiten kann auch Evans nicht verhindern. Doch wenn er es gekonnt hätte, hätte er alles dafür getan: Post-Beatles geht es mit seinem Leben alsbald bergab. Zunächst versucht er sich noch als Produzent, haut aber 1973 nach Los Angeles ab, wo er viel Zeit mit John Lennon während dessen Lost Weekend verbringt. Er ist an den Solowerken von George Harrison und Ringo Starr beteiligt und schreibt so oft es geht an seinen Memoiren. Die soll er am 12. Januar 1976 unter dem Titel Living The Beatles’ Legend bei seinem Verleger abgeben.

Sechs Schüsse werden abgefeuert

Dazu kommt es nie. Getrennt von seiner Frau, lebt Evans mittlerweile mit seiner neuen Freundin Fran Hughes in einem Motel in Los Angeles. Seine Frau will die Scheidung, er verfällt in Depressionen, schluckt eine Menge Valium. Als John Hoernie, sein Co-Autor, am 5. Januar 1976 besorgt bei ihm vorbeischaut, eskaliert es. Evans zückt eine Waffe, bis heute ist nicht klar, ob es eine echte ist oder nur ein Luftgewehr. Hoerie ruft die Polizei, die das Haus betritt und Evans auffordert, die Waffe runterzunehmen. Irgendwann eröffnet sie das Feuer. Sechs Schüsse werden abgegeben, vier treffen Evans. Besonders morbide: Seine Noch-Ehefrau wird später die Rechnung über die Teppichreinigung bekommen, auf dem ihr Ehemann gestorben ist.

Bei seiner Beerdigung am 7. Januar 1976 sind unter anderem George Martin und Neil Aspinall anwesend. Ein Beatle ist nicht dabei. Per Post soll Evans’ Asche zurück nach England geschickt werden. Ein grausamer Scherz des Schicksals: Ausgerechnet die sterblichen Überreste eines ehemaligen Postmitarbeiters gehen auf dem Weg verloren und erreichen ihren Bestimmungsort erst viel später. Zehn Jahre später wird im Keller eines New Yorker Verlags eine Kiste mit Tagebüchern, Lyric-Sheets und ähnlichem gefunden – Evans’ Nachlass. 2010 wird der handgeschriebene Text zu A Day In The Life für 1,2 Millionen US-Dollar an einen anonymen Bieter verkauft. Im Tode verhält es sich für Mal Evans also wie im Leben: Vom Reichtum der Beatles profitierte der sanfte Riese nie. Wohl aber von ihrer Freundschaft.

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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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