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Der sanfte Riese aus Liverpool: Das unglaubliche Leben des Beatles-Assistenten Mal Evans

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Mal Evans & die Beatles
Mal Evans chauffiert Patti Boyd, George Harrison, Neil Aspinall und Paul McCartney zu Brian Epsteins Trauerfeier. Foto: Clive Limpkin/Daily Express/Getty Images

Er war eine unverzichtbare Figur im innersten Beatles-Kreis: Vom Cavern Club in Liverpool bis zur Magical Mystery Tour weicht Mal Evans der Band nicht von der Seite. 1976 wird er in Los Angeles erschossen – unter äußerst dubiosen Umständen.

von Björn Springorum

Wer Anfang der Sechziger seine Mittagspausen oder Nächte gern im Cavern Club in Liverpool verbringt, um die jungen Beatles zu sehen, muss erst an ihm vorbei: Die Tür zu dem muffeligen Kellerloch, längst eine der berühmtesten Konzertlocations aller Zeiten, wird von einem Hünen mit Brille bewacht: Mal Evans, knapp zwei Meter hoch, ein Riese. Ein sanfter Riese zwar, aber dennoch einer, mit dem man sich nicht anlegt. Und einer, der bald schon berühmter ist als jeder andere Türsteher Liverpools oder aus dem Rest der Welt.

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Das Mysterium der Beatles ist ebenso unergründlich wie unerschöpflich. Es gibt keine andere Band, bei der selbst ein einfacher Assistent zum Stoff für Biografien, Romane und Theaterstücke taugt. Dann wiederum war Mal Evans nun wirklich alles andere als ein einfacher Assistent. Die Geschichte des sanften Riesen aus Liverpool, wie er genannt wird, ist eng mit der der Beatles verbunden. Enger sogar als die von Brian Epstein. Und weitaus weniger schwierig.


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 Der sprichwörtlich größte Elvis-Fan

Sie beginnt, wie jede Beatles-Geschichte, in Liverpool. Evans, geboren am 27. Mai 1935, führt ein einfaches und geordnetes Leben an der Seite seiner Frau Lily. Das Paar hat eine Tochter und lebt in der Hillside Road, Evans arbeitet als Telefontechniker bei der Post. Seine Mittagspause verbringt der riesige Elvis-Fan („mit 1,97 Metern bin ich wahrscheinlich wirklich einer seiner größten Fans“, wird er später sagen) wie viele andere junge Menschen auch mal im Cavern Club. Damals laufen dort auch schon zur Mittagszeit Rock’n’Roll-Shows einer jungen Liverpooler Band namens The Beatles.

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Evans ist sofort Feuer und Flamme. Er weiß es zwar noch nicht, doch seine erste Mittagspause dort wird sein Leben für immer verändern. Er kommt wieder und wieder, freundet sich mit George Harrison an. Der ist es auch, der dem Manager Ray McFall Evans’ Dienste als Türsteher empfiehlt. Schon damals manifestiert sich eine der wichtigsten Eigenschaften, die den Beatles später oft den Kopf retten wird: Knapp zwei Meter groß, lässt er sich durch nichts aus der Ruhe bringen und bleibt stets besonnen. Ohne es zu wissen, absolviert Mal Evans an der Tür des miefigen Cavern Club die Ausbildung für das, was wenige Jahre später auf ihn zurollen wird wie eine Lawine, die man nicht aufhalten kann.

Reif für den Zirkus

Als die Beatlemania auf der ganzen Welt ein Fieber ausbrechen lässt, ist Evans längst fest mit im Team. Als Assistent, als Bodyguard, als Roadie, als Riese für alles, sozusagen. Ringo Starr erinnert sich in Anthology entsprechend ehrfürchtig an diese kapitale Erscheinung: „Er war ziemlich stark. Er konnte den Bass-Verstärker ganz allein tragen, ein echtes Wunder. Er hätte in den Zirkus gehört!“ Ist er ja irgendwie auch: Der Wahnsinn rund um diese vier Kerle aus Liverpool ist schließlich eine ganz eigene Art von Zirkus.

Evans weicht den Beatles nicht von der Seite und liest ihnen jeden Wunsch von den Lippen ab. In einer speziell kuratierten Tasche trägt er alles mit sich herum, was die Launen der Beatles so verlangen. „Er hatte immer alles dabei“, würde später ein staunender George Harrison sagen. „Und wenn er mal etwas nicht hatte, besorgte er es sofort.“ Evans liebt es, für die Beatles zu arbeiten, ein Teil dieses einzigartigen Abenteuers zu sein. Dazu gehören auch praktische Lösungen: Als auf einer langen Autofahrt mal ein Steinschlag die Windschutzscheibe beschädigt, boxt Evans sie kurzerhand aus dem Rahmen und fährt 200 Meilen durch den frostigen Winter nach Liverpool, während seine Beatles hinten wie die Ölsardinen eng nebeneinander liegen, um sich keine Erkältung einzufangen.

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Warum das Vehikel seiner Wahl eine Austin-Princess-Limousine ist und nicht etwa ein Bentley, Rolls Royce oder Mercedes? Auch darauf hat Evans eine unschlagbar pragmatische Antwort parat: Es sei das einzige Auto mit Türen gewesen, die groß genug waren, damit die Beatles sprichwörtlich hineinhechten konnten, wenn sie mal wieder irgendwelchen wahnsinnigen Fans entkommen mussten.

USA, Indien und Cannabis

Man könnte es sich also auch einfach machen und sagen: Mal Evans ist immer für die Beatles da. Anders als Figuren wie Brian Epstein, die sich mit zunehmendem Erfolg seiner Zöglinge immer weiter entfremden, ist Evans der Fels in der Brandung. Er begleitet sie auf all ihren Tourneen durch die USA und den Rest der Welt, er ist dabei, als Bob Dylan den Beatles die ehernen Tore in die Welt des Cannabiskonsums öffnet. Unvergessen: Der Trip, in dem Paul McCartney Evans als Protokollanten für seine bekifften Weisheiten verpflichtet, es aber beiden in ihrem Zustand unmöglich erscheint, Papier und Stift aufzutreiben. Als sie es endlich schaffen und Macca am nächsten Tag bei klarem Verstand mal so schaut, welch unergründliche Erkenntnisse ihm in der vergangenen Nacht kamen, steht da nur: „Es gibt sieben Stufen.“

Evans fährt die Band, Evans baut die PA auf, Evans serviert den Beatles Drinks auf der Bühne, Evans hält Fans ab, Evans besorgt alles, was sie möchten. Er fliegt sogar mit Paul McCartney auf Safari nach Afrika, wo sie in demselben Hotel übernachten, in dem einige Jahre zuvor die junge Elizabeth erfuhr, dass sie Königin von England ist. Auf dem Rückweg kommt den beiden die Idee zu Sgt. Pepper. Mit John Lennon und Yoko Ono reist er in die USA, sogar im indischen Rishikesh weicht Mal Evans seinen geliebten Beatles nicht von der Seite. Im Gegensatz zu George Harrison genießt er sogar das Essen im Ashram des Maharishi: Harrison hatte unvergessen einen ganzen Koffer voller Dosenbohnen mit nach Indien gebracht.

Ringo Starr & Mal Evans

1971 kann man Mal Evans an der Seite von Ringo Starr im Italowestern “Blindman” sehen. Foto: Jack Kay/Daily Express/Getty Images

Selbst im Studio ist Mal Evans irgendwann Dauergast. Er spielt Instrumente, er ist für das Weckerklingeln in A Day In The Life zuständig, taucht in ihren Filmen auf, singt den Chorus von Yellow Submarine mit. Nach seinen Tagebucheinträgen ist er sogar an der Entstehung zahlreicher Songs beteiligt. Nur gelistet wird er dafür nie, bekommt also auch keine Tantiemen. Viel Kohle gibt es für den sanften Riesen auch nicht: Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms zahlen die Beatles ihm immer noch stoisch 75 Pfund die Woche. Das wären heute unter 1000 Euro.

Auf dem Dach von Apple

Ihm ist das egal. Er ist ein Fahrgast im größten Musikwanderzirkus aller Zeiten, ein Puzzleteil in diesem unglaublichen Mosaik. Durch seine Arbeit für die Beatles lernt er eines Tages sogar sein größtes Idol, Elvis Presley kennen. Presley will Gitarre spielen, fragt nach einem Plektrum. Evans, der sonst immer welche dabei hat, falls jemand eines brauchen sollte (selbst im Urlaub, wie alle Beatles glaubhaft versichern!), stellt betroffen fest, dass sein Hemd in der Reinigung war und die Taschen alle leer sind. „Ich habe ihm in der Küche aus Plastiklöffeln schnell ein paar provisorische gebastelt“, wird er sich später erinnern, „aber die Enttäuschung war riesengroß. Wenn ich eines gehabt hatte, hätte er es gespielt und mir dann zurückgegeben. Es würde heute eingerahmt an meiner Wand hängen.“

Das Ende der Beatles bedeutet in diesem Fall nicht mal das Ende von Mal Evans. Er ist den Fab Four so wichtig, dass sie ihn nach Allen Kleins drastischer Kündigungswelle bei Apple kurzerhand zurückholen, weil er ihnen fehlt. Beim allerletzten Beatles-Auftritt auf dem Dach von Apple ist er natürlich auch dabei, steht mit unergründlicher Miene hinter Ringo Starr. Der ewige Bodyguard. Das Auseinanderfallen der größten Band aller Zeiten kann auch Evans nicht verhindern. Doch wenn er es gekonnt hätte, hätte er alles dafür getan: Post-Beatles geht es mit seinem Leben alsbald bergab. Zunächst versucht er sich noch als Produzent, haut aber 1973 nach Los Angeles ab, wo er viel Zeit mit John Lennon während dessen Lost Weekend verbringt. Er ist an den Solowerken von George Harrison und Ringo Starr beteiligt und schreibt so oft es geht an seinen Memoiren. Die soll er am 12. Januar 1976 unter dem Titel Living The Beatles’ Legend bei seinem Verleger abgeben.

Sechs Schüsse werden abgefeuert

Dazu kommt es nie. Getrennt von seiner Frau, lebt Evans mittlerweile mit seiner neuen Freundin Fran Hughes in einem Motel in Los Angeles. Seine Frau will die Scheidung, er verfällt in Depressionen, schluckt eine Menge Valium. Als John Hoernie, sein Co-Autor, am 5. Januar 1976 besorgt bei ihm vorbeischaut, eskaliert es. Evans zückt eine Waffe, bis heute ist nicht klar, ob es eine echte ist oder nur ein Luftgewehr. Hoerie ruft die Polizei, die das Haus betritt und Evans auffordert, die Waffe runterzunehmen. Irgendwann eröffnet sie das Feuer. Sechs Schüsse werden abgegeben, vier treffen Evans. Besonders morbide: Seine Noch-Ehefrau wird später die Rechnung über die Teppichreinigung bekommen, auf dem ihr Ehemann gestorben ist.

Bei seiner Beerdigung am 7. Januar 1976 sind unter anderem George Martin und Neil Aspinall anwesend. Ein Beatle ist nicht dabei. Per Post soll Evans’ Asche zurück nach England geschickt werden. Ein grausamer Scherz des Schicksals: Ausgerechnet die sterblichen Überreste eines ehemaligen Postmitarbeiters gehen auf dem Weg verloren und erreichen ihren Bestimmungsort erst viel später. Zehn Jahre später wird im Keller eines New Yorker Verlags eine Kiste mit Tagebüchern, Lyric-Sheets und ähnlichem gefunden – Evans’ Nachlass. 2010 wird der handgeschriebene Text zu A Day In The Life für 1,2 Millionen US-Dollar an einen anonymen Bieter verkauft. Im Tode verhält es sich für Mal Evans also wie im Leben: Vom Reichtum der Beatles profitierte der sanfte Riese nie. Wohl aber von ihrer Freundschaft.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 4.12.1993 stirbt der einzigartige Frank Zappa.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.12.1993.

von Timon Menge und Christof Leim

Was Frank Zappa in den 52 Jahren seines zu kurzen Lebens auf die Beine gestellt hat, lässt sich kaum begreifen. Mehr als 60 Platten veröffentlicht das Musikgenie vor seinem Tod, über 40 weitere Alben erscheinen posthum. Heute blicken wir auf sein höchst kreatives Leben zurück.

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Hört hier in die besten Zappa-Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.


Am 21. Dezember 1940 kommt Zappa in Baltimore, Maryland zur Welt und wächst in einem multikulturellen Mehrgenerationenhaushalt auf. So stammen die Vorfahren seiner Mutter Rosemarie aus Italien und Frankreich, sein Vater Francis Vincent siedelt aus Italien in die USA über und bringt zudem griechische sowie arabische Wurzeln mit. Die italienische Sprache lernt Frank Zappa vor allem Dank seiner Großeltern, die mit der Familie zusammenleben; außerdem hat er drei jüngere Geschwister.

Sein Vater arbeitet in der Rüstungsindustrie, weshalb die Familie oft umziehen muss. Nach einigen Jahren in Florida heuert er in einer Firma für Chemiewaffen in der alten Heimat Baltimore an. Weil der Betrieb in der Nähe des Wohnhauses unter anderem Senfgas lagert, bunkern die Zappas sicherheitshalber Gasmasken — ein Umstand, der den zukünftigen Musiker Frank tief beeindruckt. Immer wieder nimmt er in seinen Songs Bezug auf Keime, biologische Kampfmittel und die Rüstungsindustrie im Allgemeinen.



Seine Begeisterung für Musik entdeckt Zappa schon während der High School. Zunächst faszinieren ihn moderne klassische Komponisten wie Edgard Varèse, Igor Stravinsky und Anton Webern. Zeitgleich findet er Gefallen an R&B- und Doo-Wop-Musik. In seiner Schulzeit komponiert er klassische Stücke und spielt in einer R&B-Band, zunächst als Schlagzeuger, dann als Gitarrist. Später erlernt er ein Instrument nach dem anderen und stellt jeden noch so ambitionierten Durchschnittsmusiker in den Schatten. So beherrscht Zappa auch Bass, Klavier und Percussion. Mit acht Armen hätte er also als ganze Band auftreten können.



1966 veröffentlichen Zappa und die Mothers Of Invention ihr Debüt Freak Out!. Das bahnbrechende Album setzt zwar auf klassische Rock’n’Roll-Songstrukturen, vermischt sie jedoch mit allerhand Verrücktheiten wie Improvisationen und Klangcollagen. Sogar Paul McCartney verrät in einem Interview, dass Freak Out! das legendäre Beatles-Opus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band durchaus beeinflusst habe.



Die Mothers (wie die Band meist verkürzt genannt wird) lösen sich 1969 vorübergehend auf, im gleichen Jahr erscheint das erste Soloalbum Hot Rats. Und damit geht es erst los: Wollten wir sämtliche Werk aufzählen und kommentieren, müssten wir uns alle den Nachmittag frei nehmen. Zappa komponiert anscheinend durchgehend und findet immer neue Ausdrucksformen im musikalischen Bermudadreieck aus Rock, Jazz, freier Improvisation, Klassik und allerlei experimentellen Stilen – Fusion im reinsten Sinne. Die bissigen Sozialkommentare und satirischen, fast komödiantischen Texte wirken mitunter wie ein Gegensatz zum unfassbar hohen musikalischen Anspruch seiner Kompositionen. Zappa hat sogar indirekt mit der Entstehung des ikonischsten Riffs im harten Rock zu tun: Als als bei einem Schweizer Konzert der Mothers Of Invention ein Feuer ausbricht und Rauch über den Genfer See zieht, inspiriert das Deep Purple zu Smoke On The Water. (Die ganze Geschichte steht hier.)


Zwei der über 100 Alben, die Frank Zappa zu Lebzeiten und posthum veröffentlicht hat


Mit Apostrophe schafft er es 1974 sogar in die US-Top Ten, auch Over-Nite Sensation (1973) und Zoot Allures (1976) gehören zu den Standardwerken. Seinen größten Hit landet Zappa 1979 vor allem in Europa mit Bobby Brown (Goes Down). Der Song erscheint auf seinem 26. Album Sheik Yerbouti und handelt von einem wohlhabenden, frauenfeindlichen Studenten namens Bobby Brown, dem „süßesten Jungen der Stadt“. Der Text beschreibt Bobby, den Archetypen des amerikanischen Traums, dessen Weltbild gehörig ins Wanken gerät, als er sich auf ein sexuelles Verhältnis mit der lesbischen Frau „Freddie“ einlässt. Er zweifelt daraufhin an seiner Heterosexualität und verwandelt sich in einen schwulen Mann, der sein Geld mit Radiowerbung verdient. Kein Wunder, dass die US-amerikanischen Radiosender den Song nicht spielen wollten. Lustigerweise läuft das Stück in Ländern, in denen Englisch nur als Fremdsprache gesprochen wird, viel öfter.



Während seiner Karriere fühlt sich Zappa weder im Untergrund noch im Mainstream wohl. Statt sich fremden Regeln zu unterwerfen, schreibt er lieber seine eigenen, ob musikalisch, persönlich, geschäftlich oder politisch. Nicht selten liegt er im Streit mit Labels und anderen Geschäftspartnern. Seine Werke zeichnen sich nicht nur durch Klangexperimente, Improvisation und hohen Anspruch aus, sondern auch durch satirische Darstellungen der US-amerikanischen Kultur. Das Online-Portal AllMusic verleiht ihm sogar den Titel „Vater des Comedy Rock“. Seine Arbeit polarisiert durchaus: Während die Einen ihn für seine umfangreichen Kompositionen bewundern, werfen die Anderen ihm vor, seine Musik besitze keinen emotionalen Tiefgang und zu klinisch klängen die durchkonstruierten Arrangements.



In die Verzweiflung treibt Zappa vor allem Musikjournalisten. So lassen sich seine Veröffentlichungen schwer einsortieren, denn sie unterscheiden sich nicht nur untereinander stark; selbst auf ein und derselben Platte verarbeitet der Meisterkomponist die unterschiedlichsten Einflüsse und Stile. Des Weiteren gilt der Musiker als schwieriger Interviewpartner, wie zum Beispiel hier  nachgelesen werden kann.



Eine ganz eigene Einstellung vertritt Zappa zum Thema Drogen. Während die meisten Musiker diesbezüglich nicht als Kostverächter in Erscheinung treten, lehnt er den Konsum ab. Marihuana probiert er aus, kann sich aber nicht mit der Wirkung anfreunden. Seine Musiker lässt er allerdings an der langen Leine. Zwar wünscht er, dass die Bühne drogenfrei bleibt, doch was danach passiert, gehe ihn nichts an. Trotz (oder gerade wegen) seiner Abneigung engagiert sich Zappa für die Legalisierung und die Kontrolle von Drogen. Völlig lasterfrei bleibt er allerdings nicht: Der Musiker raucht wie ein Schlot und trinkt vermutlich mehr Kaffee als Wasser. Statt Drogen wird Sex zum großen Thema auf den Touren während der Siebziger, was sich immer wieder in den Texten niederschlägt und für Ärger mit Moralwächtern wie dem berüchtigten PMRC sorgt.


In seinen späten Jahren wendet sich Frank Zappa verstärkt der modernen Klassik zu und arbeitet viel mit dem Synclavier, einem frühen elektronischen Synthesizer, der jedwede musikalische Figur atomuhrgenau spielen kann, selbst wenn des Meisters Hirn sich mal wieder die wirrsten Takte aus Primzahlen ausgedacht hat.

Leider wird 1990 Prostatakrebs festgestellt, an dem der Ausnahmemusiker am 4. Dezember 1993 im Beisein seiner Ehefrau Gail und der vier Kinder verstirbt. Er wurde 52 Jahre alt. Am folgenden Tag wird er in Los Angeles in einem anonymen Grab beigesetzt, am 6. Dezember verkündet seine Familie: „Komponist Frank Zappa ist zu seiner letzten Tour aufgebrochen.“

Bis heute nimmt der Musiker Einfluss auf die Rock- und Popmusik, auch wenn sich sein kommerzieller Erfolg weitestgehend auf Europa und Asien beschränkt. In Nordamerika bleibt der große Durchbruch bis zum Schluss aus. Erst 1995, also zwei Jahre nach seinem Tod, wird er in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen. 1997 bedenkt man ihn posthum mit dem „Grammy Lifetime Achievement Award“. Auch die Musikpresse überschlägt sich mit Lob: Im Rolling Stone belegt er etwa Platz 71 der „100 besten Musiker aller Zeiten“. Verdient. Gäbe es eine Rangliste der eigenwilligsten und eigenständigsten Künstler, stände er wohl ganz oben…


Zeitsprung: Am 14.3.1986 wird Frank Zappa zum Drogendealer – bei „Miami Vice“.

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Popkultur

55 Jahre „Buffalo Springfield“: Stephen Stills und Neil Young zaubern zum ersten Mal gemeinsam

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Buffalo Springfield
Foto: GAB Archive/Redferns/Getty Images

Stephen Stills scheint heute so ziemlich der einzige zu sein, der sich nicht völlig mit dem Grantler Neil Young überworfen hat. Vor 55 Jahren beschnuppern sich die beiden künftigen Ikonen erstmals musikalisch – und veröffentlichen mit dem ersten Album von Buffalo Springfield gleich einen zukünftigen Klassiker.

von Björn Springorum

Mitte der Sechziger sprießen überall in den Vereinigten Staaten vielversprechende neue Bands aus dem Boden. Aus traditionellen Folk/Country-Mechanismen und dem jüngst übers Land geschwappten Gospel der British Invasion entsteht das neue Genre Folk Rock, aus der Taufe gehoben von den großen Geburtshelfern der amerikanischen Rockgeschichte, den Byrds und Buffalo Springfield.

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Hier könnt ihr das Debüt von Buffalo Springfield hören:

Es beginnt in Kanada

Letztere sind die kurzlebige Band, die neben For What It’s Worth vor allem für das geschichtsträchtige erste Zusammentreffen von Stephen Stills und Neil Young bekannt ist. Die beiden lernen sich 1965 im kanadischen Thunder Bay kennen, wo sie in einem Schuppen namens Fourth Dimension auftreten. Young mit The Squires, Stills mit The Company. Beide verstehen sich, beide verlieren sich danach wieder aus den Augen und verfolgen wenig erfolgreich andere Pläne.

Im Leichenwagen nach LA

Irgendwann erinnert sich Young an seine Begegnung mit Stills, kauft sich gemeinsam mit dem kanadischen Musiker Bruce Palmer einen Leichenwagen und fährt damit kurzerhand nach Los Angeles, um ihn zu suchen. Das muss man sich mal vorstellen: Neil Young hat keine Ahnung, wo Stephen Stills genau lebt. Er fährt einfach in die Millionenstadt und sucht ihn in den Clubs und Cafés! Wenig überraschend bleibt diese wirre Suche ergebnislos, dürfte aber sicherlich einige gute Anekdoten produziert haben.

Doch jetzt kommt’s: Am 6. April 1966 beschließen die beiden hochgradig frustriert, die Stadt der Engel zu verlassen und Richtung Norden nach San Francisco zu fahren. Als sie auf dem Sunset Boulevard im Verkehr stecken, fährt auf der Gegenfahrbahn allen Ernstes Stephen Stills an ihnen vorbei, entdeckt sie, schafft es irgendwie zu wenden und ermöglicht ihr unfassbar unrealistisches Wiedersehen. Geschichten wie die schreiben nur die Sechziger.

Auf Tour mit den Byrds

Danach geht alles ganz schnell: Gerade mal fünf Tage nach ihrer zufälligen Reunion geben sie ihr Live-Debüt als Buffalo Springfield im Troubadour in West Hollywood – und ein paar Tage darauf gehen sie auch schon als Support für die Byrds auf Tour. Manche Dinge, so scheint es, müssen einfach geschehen. Und wenn auch nur, um die ehernen Götter des Rock’n’Roll nicht zu erzürnen.

Auch der Rest der kurzen, aber berauschenden Buffalo-Springfield-Geschichte liest sich wie eine Hippie-Fabel: Die Byrds besorgen der jungen Band eine Audition im Whisky a Go Go, kurz darauf sind Buffalo Springfield auch schon die Hausband des legendären Ladens. Die Labels reißen sich schon bald um die Band, Gelder werden locker gemacht und zwischen Juli und September 1966 in die Aufnahmen zum Debüt Buffalo Springfield in den Gold Star Studios gesteckt.

Unruhen auf dem Sunset Strip

So wirklich zünden will das Album zunächst nicht, als es am 5. Dezember 1966 erscheint. Das darf man nach all dem Buzz und den Vorschusslorbeeren der vergangenen Monate durchaus als Enttäuschung werten. Dann spielt Buffalo Springfield ein kulturelles Sperrfeuer in die Karten, das Los Angeles im November und Dezember 1966 in Brand setzt: Die sogenannten Sunset Strip Curfew Riots bringen junge Menschen der Gegenkultur auf die Straße, um gegen Sperrstunden, Aufenthaltsverbote und den drohenden Abriss des Clubs Pandora’s Box zu demonstrieren. Die Stimmung ist aufgeheizt, erstmals wird die Kluft zwischen der Gegenkultur und dem alten Amerika deutlich.

Stephen Stills nimmt die Unruhen als Inspiration für For What It’s Worth, den bekanntesten Buffalo-Springfield-Song. Die Band spielt ihn an Thanksgiving erstmals live im Whisky und nimmt ihn am Erscheinungstag ihres Debüts auf. Im März des Folgejahres war das Protestlied ein Top-Ten-Hit und wird als Opener auf eine Neuauflage von Buffalo Springfield gepackt. Die Nummer Baby Don’t Scold Me wird einfach runtergeschmissen. Auch irgendwie eine Schande, oder?

Danach geht alles mehr oder weniger schnell den Los Angeles River runter. Die Band verstrickt sich in Drogeneskapaden, wird mehrfach hochgenommen, Mitglieder werden festgenommen, Neil Young bleibt immer öfter von Auftritten oder Proben fern. Selbst als Buffalo Springfield 1967 beim Monterey Pop Festival auftreten, ist er nicht dabei. Seine Parts übernimmt ein gewisser David Crosby, was den Grundstein für die nächste legendäre Band legt, die bald nach dem unrühmlichen Ende von Buffalo Springfield im Sommer 1968 entsteht. Doch auch diese Geschichte ist eine, die vom Märchen allzu bald zum Albtraum wird…

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Zeitsprung: Am 26.10.1999 erscheint „Looking Forward” von Crosby, Stills, Nash & Young.

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Vor 50 Jahren sorgt ein Brand für die Mutter aller Hard-Rock-Riffs

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Deep Purple
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Am 4. Dezember 1971 steigt Rauch auf am Ostufer des Genfers Sees. Der Brand bei einem Frank-Zappa-Konzert inspiriert Deep Purple zum wichtigsten Riff der Hard-Rock-Geschichte.

von Björn Springorum

Es ist die Urmutter, die Ursuppe, der Urknall: Das Riff von Smoke On The Water ist der Nukleus, aus dem in der Folge alles Hard-Rock-Leben entspringt. Mit Deep Purple verlässt die harte Musikwelt das Wasser, um sich neue Lebensräume an Land und in der Luft zu erobern – prähistorisch gesprochen. Alles beginnt vor 50 Jahren, als sich Deep Purple für Albumaufnahmen ins mondäne Kurstädtchen Montreux direkt am Ufer des Genfer Sees zurückziehen.

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Unterwegs mit dem Studio der Stones

Erst Ende Oktober 1971 waren Deep Purple von der kräftezehrenden, exzessiven In Rock World Tour zurückgekehrt, die sie über 15 Monate und mit 157 Shows durch die USA, Europa und Australien geführt hatte. Zwischendrin hatten sie Fireball aufgenommen, ihre fünfte Platte, die im September 1971 erscheint. Um sich für den Nachfolger nicht direkt wieder wochenlang in ein Studio verkriechen zu müssen, klingelt die Band bei den Stones an, borgt sich deren in einem alten Truck untergebrachtes Mobile Studio und setzt nach Montreux am Ostufer des Genfer Sees über.

Dort, im 1881 eröffneten Montreux Casino, wollen sie ihr nächstes Album aufnehmen und gleichzeitig eine Menge Steuern sparen, weil sie im Ausland arbeiten. Sie kommen am 3. Dezember 1971 an, einen Tag vor dem letzten Konzert, bevor sich das Casino in den Winterschlaf begibt und Deep Purple in aller Ruhe die Amps auf 11 stellen können ohne die Jetons von einem der Blackjack-Tische zu fegen. Zum feierlichen Saisonfinale steht Frank Zappa mit seinen Mothers Of Invention auf dem Programm.

„Fire!“

Nach einer guten Stunde spielen die Mothers Of Invention gerade King Kong, als irgendein Vollidiot mit einer Signalpistole gegen die Rattandecke schießt. Zunächst passiert gar nichts, doch irgendwann bricht Feuer aus, Frank Zappa ruft „Fire!“, der Saal wird evakuiert. Dass damals keine Massenpanik ausbricht, ist aus heutiger Sicht ein Wunder. Augenzeugen berichten, dass das Feuer anfangs keineswegs bedrohlich aussah und das Publikum das Casino ohne Hast verlassen kann. Erst wenig später, als der Brand auf weitere Gebäudeteile übergreift und alles wie ein Feuerwerk in die Luft geht, wird die Tragweite des Unglücks deutlich.

Wie durch ein Wunder wird kaum jemand ernstlich verletzt. Dafür brennt das Casino bis auf die Grundmauern ab, verschluckt Zappas gesamtes Equipment und setzt fast noch das rollende Studio der Stones in Brand, das neben dem Casino parkt und auf seinen ersten Einsatz am darauffolgenden Tag wartet.

Pläne gehen in Rauch auf

All das sehen Deep Purple von der Bar ihres Hotels aus. Und sind Augenzeugen, wie ihre geplanten Aufnahmen in Rauch aufgehen. Gleich am nächsten Tag macht sich die Band auf die Suche nach einer neuen Location, wo sie mit ihrem mobilen Studio in aller Ruhe lärmen können. Eine erste Interimswahl, ein Theater namens The Pavillon, wird kurzzeitig ihr neues Zuhause, doch als sich mehr und mehr Nachbarn über den Lärm beschweren und sich die Polizei gewaltsam Zutritt zum Theater verschafft, müssen sie die Zelte auch schon wieder abbrechen. Bezeichnenderweise entsteht hier genau ein Song, der es später auch auf Machine Head schafft: die Urversion von Smoke On The Water.

Mit der Hilfe von Claude Nobs, dem Leiter des Montreux Jazz Festival, findet die Band Zuflucht im Hôtel des Alpes-Grand Hôtel, das bereits die Schotten für den Winter dicht gemacht hat. Dort, in den leeren Fluren und Bankettsälen, finden Deep Purple ein Szenario vor, das sich Stephen King einige Jahre später für The Shining ausdenken wird: Ein riesiges und leeres Hotel, geschlossen für den Winter. Zwei Unterschiede zu Kings Meisterwerk gibt es dann aber doch: Hier entsteht ein Hard-Rock-Klasiker und kein psychotischer Roman. Und die Band verliert während ihres Aufenthalts nicht den Verstand.

The Shining lässt grüßen

Obwohl: Leicht sind die Aufnahmen in dem riesigen Hotel am Rande von Montreux nicht. Um nach einem Take das mobile Studio der Stones zu erreichen, das eingeschneit vor dem Eingang parkt, müssen sie durch diverse Zimmer und über Balkone klettern, weil der Korridor zum Ausgang mit Equipment und klangabschirmenden Matrazen vollgestopft ist. „Sobald wir uns einmal dorthin durchgekämpft und uns den Take angehört hatten, nickten wir es ab, selbst wenn wir wussten, dass es kein perfekter Take war. Niemand von uns wollte sich das alles noch mal antun“, so beschreibt Ritchie Blackmore später die Aufnahmen.

Das führt zu einem rohen, unpolierten Sound, der eher an ihre Live-Shows erinnert als an die Aufnahmen zu In Rock oder Fireball. Ironischerweise bekommt die Band also genau das Resultat, das sie sich von den Aufnahmen im Casino erhofft hat. Aus dem namenlosen Stück, das noch im Theater geschrieben wurde, wird im Hotel nach und nach Smoke On The Water, benannt nach einem Traum von Bassist Roger Glover und daraufhin von Sänger Ian Gillan in eine historische Bestandsaufnahme der Ereignisse des 4. Dezember 1971 verwandelt.

Geklaut bei Beethoven

Das wirklich geniale an dem Song ist aber natürlich die glorreiche Simplizität des Riffs. Wie Ritchie Blackmore unumwunden zugibt, ist es ein Rip-Off von Beethovens Fünfter: „Ich schulde ihm eine Menge Geld“, bemerkte er mal trocken dazu. Eben weil der Song so einfach gestrickt ist (und im erweiterten Freundeskreis der Band nicht mal besonders gut ankam), gesteht ihm die Band keine sonderlich großen kommerziellen Aussichten zu. Erst als dritte Single von Machine Head wird er im Mai 1973 veröffentlicht – über ein Jahr nach dem Album. Und entwickelt sich im Sommer plötzlich zum Übersong, zum Radiohit, zur Hymne, die man ab sofort ganz automatisch mit dieser Band in Verbindung bringt.

Wie so oft bei den ganz großen Erfolgen einer Band gilt auch hier: Smoke On The Water ist nicht der beste Song der Band. Er ist aber wie eine Zeitkapsel, ein historisches Dokument. Und genau deswegen von unschätzbarem Wert.

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10 Rocksongs aus den Siebzigern, die man nach den ersten Tönen erkennt

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