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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.7.2015 erscheint eine Studie über Persönlichkeit & Musikgeschmack.

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Foto: Foto: Mohammad Metri on Unsplash

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.7.2015.

von Christian Böhm und Christof Leim

Was sagt unser Musikgeschmack über uns aus? Wie entscheiden wir, mit welchen Songs wir unsere Playlists füllen?Am 22. Juli 2015 erscheint eine psychologische Studie, die sich mit den Denkweisen auseinandersetzt, die unsere Musikauswahl bestimmen. Der Leiter der Studie David Greenberg ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Saxofonist.

Slayer oder Billie Holiday?

Ein Sprichwort sagt „Du bist, was du isst.“ Und gegessen wird immer. Aber: Bist du auch, was du hörst? Viele Menschen konsumieren täglich Musik, die einen mehr, die anderen weniger. Manchmal geht es gar nicht anders, etwa wenn wir im Supermarkt beschallt werden, doch oft wählen wir bewusst aus. Wer präferiert welche Musik und warum? Gibt es Denkweisen, die unsere Musikauswahl bestimmen? Was sagt es über eine Person aus, dass sie Slayer lieber mag als Billie Holiday? Und was, wenn ihr beides gefällt? 

Forschende aus der Fakultät für Psychologie an der Cambridge University sind diesen Fragen nachgegangen. In ihrer Studie konfrontierten sie 4000 Personen mit grundverschiedener Musik und fanden durch Befragung heraus, welche Arten oder Stile ihnen am besten gefielen. Anhand der Einordnung der Testpersonen in verschiedene Denktypen sollte rausgefunden werden, ob eine bestimmte Denkweise den Musikgeschmack bestimmt.

„Systematisierer“ & „Empathiker“

Am 22. Juli 2015 veröffentlichen David Greenberg und sein Team die Studie mit dem Titel „Musical Preferences are linked to cognitive styles“. Darin unterscheiden sie zunächst zwei typische Denktypen: „Systematisierer“ und „Empathiker“. Systematisierende Menschen sind eher an Regeln oder Systemen interessiert, suchen nach Strukturen in den Dingen. Musik zerlegen sie in ihre Einzelteile, ordnen Details dem Ganzen zu und versuchen, eine Regelhaftigkeit zu finden. Empathische Menschen legen den Fokus eher auf die Gefühle, die sie beim Hören von Musik empfinden. Damit ein Song den Weg auf ihre Playlist findet, muss er sie emotional berühren.

Natürlich sind wir alle weder nur das eine noch nur das andere: Menschen besitzen die Fähigkeit sowohl zu Systematik als auch zu Empathie. Bei manchen kommen die Merkmale in ausgeglichenen Anteilen vor, doch meist überwiegt eines der beiden Muster. Welchem Typus David Greenberg zuzuordnen ist, wissen wir nicht. Sein an der Studie beteiligter Kollege Simon Baron-Cohen meint allerdings, dass die Fragestellungen von einem Nichtmusiker gar nicht hätten aufkommen können – gut, dass Greenberg nicht nur Wissenschaft betreibt, sondern auch Saxofon spielt.

Verschiedene Intensitäten

Greenbergs Untersuchung besteht aus mehreren Teilen: Erst testet er die Probanden und Probandinnen auf ihren Musikgeschmack. 26 verschiedene Stile müssen sie nach ihrem persönlichen Geschmack bewerten. Zuerst kreuzen sie präferierte Genres an, dann hören sie Sequenzen einiger Musikstile und geben an, welche ihnen gefallen. Von R&B, Soul Country, Folk über Elektro, Softrock und Pop bis Heavy Metal und Punk sind viele Intensitäten vertreten. 

Neben dem detaillierten, kleinmaschigen Part steht der allgemeinere Teil, in dem die Präferenz von zwei weit gefassten Musikgenres abgeklopft wird: Rock und Jazz. Dann folgt die Einordnung: Welche Stile wurden von Systematisierern, welche eher von Empathikern gewählt? 

Wer mag was?

Tatsächlich bevorzugt die „Empathiker“-Fraktion meist weniger Intensives: Sanfte, warme, sinnliche Musik oder traurige Songs. Poetische oder entspannte, nachdenkliche Klänge sind ihnen lieber als aufregende, starke und komplexe Musik, die vornehmlich den „Systematisierern“ gefällt. Diese mögen eine hohe Intensität.

„Empathikern“ sind Country und Singer/Songwriter sowie Pop-Jazz und ähnliche Stile lieber als Metal und Punk, die von „Systematisierern“ gemocht werden. Letztere geben ebenso lauten, perkussiven Klängen, schnellen Songs und verzerrten E-Gitarren den Vorzug, während Streichinstrumente eher empathischen Menschen gefallen.

Eine Playlist

Die Studienbeschreibung auf der Homepage der University of Cambridge enthält ein paar musikalische Tipps für die richtige Playlists für die jeweiligen Denktypen.

Für empathische Musikfans eignen sich etwa:

Hallelujah (Jeff Buckley)

Come Away With Me (Norah Jones)

All Of Me (Billie Holliday)

Crazy Little Thing Called Love (Queen)

Systematisierende Menschen legen diese Werke auf:

Concerto in C (Antonio Vivaldi)

Etude Opus 65 No 3 (Alexander Scriabin)

God Save The Queen (Sex Pistols)

Enter Sandman (Metallica)

Was die Großmutter sagt

Insgesamt zeigt sich, dass die Persönlichkeit unseren Musikgeschmack formt. Und das wusste schon die Großmutter des Autors, obwohl sie natürlich einen anderen Ansatz verfolgt als David Greenberg und sein Team. Dass am Rand ihrer Urlaubspostkarte ihres Enkels in spitzen Lettern „Mörder“ stand, gefiel ihr gar nicht. Nun, sie kannte Slayer nicht, und ihr Enkel war noch jung. 

Zu Hause untermauerte sie die Besorgnis um ihr Enkelkind, indem sie das mühsam gemalte Cover der selbst aufgenommenen Kassette einer kalifornischen Thrash-Metal-Kapelle mit den Worten „Du brauchst noch kein Testament!“ zerriss und in den Mülleimer warf. Für sie gehörte dieser Musikgeschmack zu einer verkorksten Persönlichkeit. Wissenschaftlich war das nicht, aber Teil der Pubertät eines Metalfans, die so schön nur das Leben schreibt. Dass der Junge inzwischen neben Thrash Metal auch Singer/Songwriter, Jazz und manchmal sogar Klassik mag, würde die Oma sicherlich beruhigen.

Apropos: Andere Studien besagen, dass Fans von Klassik und Heavy Metal sich sehr ähnlich und insgesamt eher friedvoll sind. Beide Musiken gleichen sich auch strukturell mehr als es zuerst scheint und können gar positive Auswirkungen auf den Blutdruck haben. Hätte Großmutter das gewusst, das selbstgemalte Cover hätte vielleicht gerettet werden können.

„Jetzt“-Autorin erklärt: Metalheads sind die besseren Menschen!

 

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