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Popkultur

Surf Rock: Der Mythos Kalifornien und die Trittbrettfahrer namens Beach Boys

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Beach Boys
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

In den frühen Sechzigern erobert ein nasser, schwüler, roher und vor allem instrumentaler Rock-Sound die Welt: Surf Music soll so klingen wie das Rauschen der Wellen Kaliforniens, der Inbegriff unbeschwerter Tage am Strand, weit weg von den Schatten des Krieges. Dann kommen die Beach Boys. Doch die haben doch mit Surfen eigentlich so gar nichts am Hut.

von Björn Springorum

Der Mythos Kalifornien wird mit dem Goldrausch geboren. Das weite, sonnengetränkte Land im äußersten Westen der Vereinigten Staaten ist schon im 19. Jahrhundert Sehnsuchtsort der Glücksritter, Abenteurer und Goldgräber. Ein Jahrhundert später hat sich daran nichts geändert: Der endlose Pazifik im irisierenden Licht der kalifornischen Sonne, die Palmen, die Weite, die Freiheit: Der Golden State, wie Kalifornien wegen der reichen Edelmetallvorkommen genannt wird, zieht die Menschen an wie das Licht die Motten.

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Die kurze, aber heftige Phase des Surf Rocks

Fehlt nur die passende Musik, um diesen flirrenden Mythos einzufangen. Das übernimmt der Surf Rock in seiner kurzen, aber umso heftigeren Existenz. Geboren an den endlosen Stränden Südkaliforniens rund um Orange County irgendwann in den späten Fünfzigern und unter die Erde gebracht vom Fegefeuer der British Invasion ab 1964, wird das Genre vor allem durch die schillernde Figur des Dick Dale geprägt. Der heißt eigentlich Richard Anthony Monsour und hat mit Anfang 20 eins vor: Die Rockmusik revolutionieren. Sein Markenzeichen: Instrumentale, schroffe, kurze Songs, bewusst roh belassen, vorgetragen von regelrecht narrativen, verzerrten Gitarren, Holterdipolter-Tempo und, in seinem Fall, mexikanischen oder orientalischen Einflüssen. Letztere verdankt er seinem libanesischen Vater. Die Geburtsstunde der Surf Music ist sein Stück namens Let‘s Go Trippin‘:

Orange County als Epizentrum der Bewegung

Das ist sie nun also endlich, die repräsentative Musik Kaliforniens, die Musik der unzähligen Surfer, die unbeschwerte Tage am Strand und in den Wellen verbringen. Von Dick Dale entwickelte, neuartige Fender-Amps verzerren die Gitarren, geben ihnen einen „nassen“ Sound, der an das Rauschen der Wellen erinnern soll. „Wenn ich surfe, fühle ich diese unglaubliche Kraft“, sagt er damals dazu. „Diese Kraft überträgt sich einfach auf meine Gitarre.“ Unter seiner Herrschaft wird der Rendezvous Ballroom in Orange County im Sommer 1961 zur Geburtsstätte der Surf Music, zum Epizentrum der gewaltigen Stomps, die bis zu 3.000 Leute dort zelebrieren – ohne Alkohol, wohlgemerkt. Und Dick Dale selbst, der wird zum King Of The Surf Guitar, wie er dann auch ganz einfach sein zweites Album nennt. Seine Auftritte beginnt er mit einigen Western-Standards, spielt danach zahmen Rockabilly. Eingeweihte kennen das Prozedere natürlich, wissen, was danach kommt: Die aufgedrehten Verstärker, der wilde, laute, schnelle Irrsinn, sein entfesseltes Spiel, flankiert von seinen getreuen Del-Tones.

Er ist natürlich nicht der einzige, der den Sound der Wellen einfängt. Binnen kürzester Zeit wimmeln die Strände Kaliforniens vor weiteren Instrumental-Bands wie The Bel-Airs, The Challengers oder The Surfaris. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Rockmusik, dass ein Lifestyle, ein Sport, zum Synonym für eine Musik wird. 30 Jahre später wird Skate Punk, wieder ausgehend von Kalifornien, auf ganz ähnliche Weise die Welt ordentlich umkrempeln. Immer entsteht diese Musik auch im Schatten eines Krieges. Damals Vietnam, in den frühen Neunzigern Irak. Musik als Fluchtpunkt, als Eskapismus, da taugt die Mär vom magischen Kalifornien natürlich besonders gut.

Fünf prägende Jahre

Fast fünf Jahre lang hält die Surf Music Kalifornien in Atem, prägt den Rock‘n‘Roll auf der ganzen Welt. König Dick Dale, der als Country-Interpret beginnt, bekommt es aber bald mit waschechter Konkurrenz zu tun. Mit Konkurrenz, du liebes bisschen, die Surf Music spielt und dazu singt! Für Puristen eigentlich ein Ausschlusskriterium. Surf Music, sagen sie, muss instrumental sein. Die Ankunft der Beach Boys ist Ende 1961 dennoch nicht zu überhören und nicht zu übersehen, ihre Agenda klar: Sie borgen sich die beliebte Surf Music für ihre ganz eigene Weltsicht aus. Und weil die Wilsons eben auch singen, können sie im Gegensatz zu Dick Dale und Co. gleich ein Lebensgefühl mit verkaufen, den sogenannten California Sound. Sommer, Sonne, Sonnenschein, das unschuldige, unbeschwerte Leben unter Palmen, Surfen, Autos, Milchshakes. Da kommt ihnen natürlich sehr gelegen, dass auch die nicht weit entfernte Traumfabrik den Trendsport Surfen längst für sich entdeckt und instrumentalisiert hat. Trashige Bikini-Filmchen, eher Ballermann im Baywatch-Style denn eigentliche Würdigung eines Sports, fluten das Land und heizen den Surf-Craze immer weiter an, während sich die USA tiefer und tiefer in den Vietnamkrieg verbeißen.

Das Problem: Die Beach Boys müssen es gleich wieder übertreiben. Für sie ist Surf Music weniger Lebenseinstellung und mehr eine Cash Cow, die es zu melken gilt. Streng genommen sind das hier keine Surfer, die die passende Musik zu ihrem Lebensstil spielen, sondern Trittbrettfahrer, die (mit Ausnahme von Dennis Wilson vielleicht) rein gar nichts mit der Surfer-Kultur zu tun haben. Mehr noch: Brian Wilson geht nicht mal schwimmen und soll früher panische Angst vor Wasser gehabt haben. Auch ihr ikonisches Surf-Outfit der frühen Tage – weiße Levis, gestreifte Shirts, Sneaker, wird nur auf der Bühne getragen.

Kommerzielle Ausnutzung des Lifestyles?

Ihr erster Charthit hieß wenig originell Surfin‘. Doch jetzt kommt‘s: Danach folgen Surfin‘ U.S.A. und Surfer Girl als weitere Singles, dann das Album Surfin‘ Safari und die Single Surf City. Wow. Als man das Surfen ausgeweidet hat, wendet man sich einfach Songs über Autos zu, bedient sich ähnlich freimütig beim Surf-verwandten Genre Hot Rod Rock. Brian Wilson gibt damals sogar zu, dass die Beach Boys Ideen wie diese rigoros ausgemolken haben: „Wir hatten aus jedem möglichen Winkel über das Surfen gesungen und uns danach die Autos vorgenommen. Irgendwann mussten wir einfach aus künstlerischer Sicht wachsen.“ Man kann es ihnen aus heutiger Sicht verzeihen: Es ist der Moment, in dem aus den unschuldigen, austauschbaren Beach Boys die einzige US-Band wird, die es mit der Klasse der Beatles aufnehmen kann. Für dieses kalifornische Lebensgefühl, den California Sound, stehen die Beach Boys neben Acts wie Jan & Dean dennoch emblematisch bis heute.

Auch Dick Dale überlebt die British Invasion zunächst nicht. Surf Music ist nicht länger gefragt, fristet allerhöchstens als Titelmusik für die James Bond-Filme eine Schattenexistenz. An seine Stelle treten neben den Engländern alsbald die Ikonen der Gegenkultur, die Stimmung in Kalifornien wandelt sich ab Mitte der Sechziger mit Ankunft der Drogen und Hippies. Das ist wieder so eine Community, die dem Lockruf Kaliforniens erliegt, dann aber eher gegen den Krieg und für die Ideale der Spätsechziger singt. Und dann taucht sehr bald auch schon Charles Manson auf, der nicht nur die Beach Boys das Fürchten lehrt und den amerikanischen Traum in einer schicksalhaften Nacht zum Albtraum macht.

Endet die Geschichte von Surf Music hier? Nein. Zu verdanken ist das Filmemacher Quentin Tarantino, der für Pulp Ficition (1994) Dick Dale und manch anderes Surf-Relikt aus der Versenkung holt und dem Genre im Alleingang eine zweiten Frühling beschert. Die Unschuld Kaliforniens ist da längst Geschichte. An der schwülen Magie und der berauschenden Wirkung dieser Musik gewordenen Attitüde ändert das nichts. Und am Wachtraum dieses mythisch-perfekten Kaliforniens auch nicht.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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Popkultur

„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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Zeitsprung: Am 15.1.1969 kehrt George Harrison zu den Beatles zurück.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.1.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Getrennte Wege gehen die Beatles erst zu Beginn der Siebziger, doch dicke Luft herrscht schon vorher. Die Musiker fühlen sich ausgelaugt, gemeinsamer Tatendrang bleibt die Ausnahme. Am 10. Januar 1969 verlässt George Harrison sogar die Band. Fünf Tage später kehrt er zurück — allerdings mit Forderungen…

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Im Januar 1969 befinden sich die Beatles im Twickenham Studio in London und arbeiten an ihrer Platte Let It Be. Das White Album (1968) hallt noch nach, das Erscheinen von Yellow Submarine (1969) steht kurz bevor. Als die Band am Morgen des 10. Januar mit wenig Erfolg an den Songs Get Back und Two Of Us arbeitet, hat George Harrison die Nase voll. Er verlässt das Studio und lässt die anderen drei Musiker im Regen stehen. Nachdem sich McCartney, Lennon und Starr die erste Wut von der Seele gespielt haben, sagt Lennon trocken: “Ist er am Dienstag nicht zurück, holen wir Clapton.” Am 12. Januar treffen sich die Beatles bei Harrison zuhause, doch die Zusammenkunft verläuft alles andere als gut und endet von Harrisons Seite mit einem: “Man sieht sich.”

Einer der Gründe für Harrisons Abgang: Immer wieder geraten er und Paul McCartney aneinander. Harrison emanzipiert sich zu jener Zeit als Songschreiber und empfindet McCartney als zu dominant. In einem Interview mit dem Rolling Stone erzählt er: „Es ist mir immer sehr schwergefallen, beim Songwriting mitzumischen, weil Paul diesbezüglich sehr aufdringlich war. Wenn er meine Songs gespielt hat, lief das immer gut. Ich musste allerdings 59 seiner Ideen ausprobieren, bevor er sich meine überhaupt anhören wollte.“



Auch John Lennon und Harrison sind sich zu jener Zeit nicht grün. So stellt der britische Musikjournalist David Stubbs in einem Artikel für das Magazin Uncut die These auf, Harrison sei sogar noch genervter von Lennon als von McCartney, weil Lennon Probleme mit Harrisons wachsendem Einfluss auf das Songwriting gehabt habe. Nicht nur das: Lennons Beziehung zu Yoko Ono treibt einen Keil zwischen die beiden Beatles, die sich gerade erst richtig angefreundet hatten — vermutlich auch über ihre gemeinsame Vorliebe für LSD.

Außerdem stört Harrison sich daran, dass im Studio ein Film gedreht werden soll, obwohl die Beatles nur streiten. „Es kam vor der Kamera nie zum Eklat“, räumt er später ein. „Aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das eigentlich soll.“ Er beschließt, die Band zu verlassen — ein Prozess, den auch Schlagzeuger Ringo Starr durchläuft, und zwar nur wenige Monate zuvor während der Sessions zum White Album.



Einige Tage nach Harrisons Abgang merken McCartney, Lennon und Starr endgültig, dass die Band nicht ohne den Gitarristen funktioniert. Die Musiker setzen ein Treffen für den 15. Januar an, und der verlorene Sohn taucht wieder auf — allerdings mit Forderungen. Harrison möchte im Gegensatz zu McCartney nach unfassbar vielen Konzerten nicht mehr live auftreten. Außerdem bittet er darum, das Studio zu wechseln. Die übrigen Bandmitglieder schlagen ein, die Beatles ziehen in die Apple Studios um und setzen den Aufnahmeprozess fort.


Die Symptome lassen sich durch die Veränderungen kurzzeitig bekämpfen, doch die Ursachen liegen tiefer. Trotz vorübergehender Wiedervereinigung kommt es langfristig zur Auflösung der Band. Vorher schließen die Briten die Aufnahmen des Albums Abbey Road ab, das durch diverse Umstände sogar noch vor Let It Be erscheint. Zur endgültigen Trennung kommt es im Frühjahr 1970, etwa einen Monat vor der Veröffentlichung der letzten Platte.

Zeitsprung: Am 21.1.1966 heiratet George Harrison. Eric Clapton grätscht rein.

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