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Popkultur

Wie der „Trainspotting“-Soundtrack die Popkultur nachhaltig veränderte

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Britpop gibt es auf dem Soundtrack zu Danny Boyles Heroin-Mär Trainspotting natürlich jede Menge. Dennoch: Es ist insbesondere ein ganz bestimmter hämmernder Electro-Beat, der die Popkultur nachhaltig verändern sollte.

von Björn Springorum

Im Februar 1996 war Großbritannien hoffnungslos gefangen im eisenharten Griff des Britpop. Es war die Zeit von Tony Blairs Aufstieg, von „Cool Britannia“, von einem neuen Selbstbewusstsein nach den echt schwierigen Achtzigern. Erst im Jahr zuvor fochten Oasis und Blur, bekanntlich dreckige Arbeiterklasse gegen gehobenen Mittelstand mit gebügelten Hemden, den Kampf um den Titel „Kings of Britpop“ aus. Teaser: Blur konnten ihn für sich entscheiden. Bei den BRIT Awards am 19. Februar 1996 erreichte die Rivalität ihren Höhepunkt: Oasis nahmen den Preis als Band des Jahres mit nach Hause, sangen bei der Übergabe besoffen eine obszöne Verballhornung des Blur-Hits Parklife.

Amüsant. Doch all das sollte wenige Tage später schon vergessen sein: Am 23. Februar 1996 landet mit Trainspotting ein Film in den britischen Kinos, der das Gerede um Oasis und Blur im Nu vom Tisch fegte. Danny Boyles erschütternde und dennoch unangemessen lustige Adaption des Irvine-Welsh-Bestsellers gilt als Schisma im britischen Kino, als Jahrhundertwerk. In drastischen, dreckigen und tristen Bildern zeichnet Boyle das Bild einiger abgewrackter Heroin-Junkies in einer miesen Gegend von Edinburgh nach – und machte so ganz nebenbei einen verwaschenen Schnappschuss der schottischen Gesellschaftsränder.

Revival für Lou Reed und Iggy Pop

Im Film lässt Boyle seine Protagonist*innen von Rausch zu Entzug zu Drama zu miesen Trips zu Galgenhumor taumeln, befeuert von einem Soundtrack, der das Lebensgefühl, die Attitüde und das Aroma des Jahres 1996 wie in einer Zeitkapsel konservierte. Klar, da gab es den einen oder anderen Britpop-Song. Blur, Pulp, Primal Scream, all das kannte man in Großbritannien. Es sind eher die anderen Stücke, die den Trainspotting-Soundtrack so außergewöhnlich machen.

Iggy Pops Lust For Life beispielsweise, oder Lou Reeds Perfect Day. Beides zu diesem Zeitpunkt alte Schinken betagter Künstler, von denen die Jugend Mitte der Neunziger gewiss schon mal gehört hatte, die aber keine große Rolle in ihrem Leben spielten. Bis zu diesem Film. Urplötzlich hörten Jugendliche Lou Reed und Velvet Underground, über Nacht wurde Iggy Pop vom aus der Ferne respektierten „Godfather of Punk“ zu einem echten Idol. Soundtracks können das. Wenn sie so gut sind wie der zu Trainspotting.

Vom Underground in den Mainstream

Und noch etwas zeichnet diese Mutter aller Indie-Soundtracks aus: Sie katapultierte den Electro aus den düsteren Clubs direkt in den Mainstream. Klar, Electro gab es 1996 schon ewig, die Rave-Szene war schon wieder am Kollabieren, Detroit Techno ein alter Hut. Dennoch gelang Prodigy erst wenige Wochen nach dem britischen Kinostart des Films mit Firestarter ihr erster massiver Mega-Hit. Und das ist insbesondere einem einzigen Song des Soundtracks zu verdanken:

Born Slippy (.NUXX) fuhr den Zuschauern mit monotonem Stoizismus durch Mark und Bein. Ursprünglich als B-Seite der Born Slippy-Single eher wenig beachtet, setzten der verträumte Anfang und der irgendwann einsetzende, gnadenlos hämmernde 4/4-Beat in Verbindung mit Boyles grobkörniger Bildsprache das Feuer in Gang, das im weltweiten Techno-Underground längst schwelte: den Aufstieg elektronischer Musik zum Massenphänomen. Underworld, The Prodigy, The Chemical Brothers… In jenem Frühling 1996 wurden sie zu Pop-Phänomenen mit Headliner-Status und ausverkauften Arenen.

Mal ganz zu schweigen vom Genre des Soundtracks selbst. Ab 1996 wollte jede*r einen so coolen, so prägenden, so kulturell relevanten Sound in seinen Filmen haben. Der Soundtrack wurde vom nötigen Übel zu einem eigenen Genre, zur Kunstform, der man in der Folge deutlich mehr Bedeutung und kulturelle Relevanz beimaß. Kleine Randbemerkung zum Schluss: Noel Gallagher hielt Oasis vom Trainspotting-Soundtrack fern, weil er dachte, es gehe tatsächlich um ein paar Typen, die Züge beobachten.

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