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Popkultur

Die musikalische DNA von Iggy Pop

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»Musik ist Leben und das Leben ist kein Business!«, schmetterte James Newell Osterberg Jr., besser bekannt als Iggy Pop, dem versammelten Publikum entgegen, als er 2010 für seine Band The Stooges die Auszeichnung für eine Aufnahme in die Rock’n’Roll Hallf Of Fame annahm. Viel Geschäftssinn hat Pop Zeit seiner Jahrzehnte in der Musikindustrie nie an den Tag gelegt, dafür aber fehlendes Kalkül mit hitziger, menschlicher Leidenschaft wettgemacht. Gegen Oberbekleidung ist er immer noch allergisch und auch die Schwerkraft kann ihm wenig ausmachen, wenn er erstmal auf der Bühne steht. Doch nicht nur wirtschaftlich, sondern auch musikalisch war Iggy Pops Karriere eine Achterbahnfahrt. Beständig aber blieb Pop in seinem Erneuerungswillen, der sich auch in der breiten Palette von Einflüssen zeigt, die mit Blick auf seine musikalische DNA zu sehen sind!


Höre dir hier die musikalische DNA von Iggy Pop in einer Playlist an und lies weiter:


1. Bo Diddley – Mona

Der Weg ins Rampenlicht ist lang und aller Anfang klein. Für James Osterberg begann alles in High School-Bands und das etwa nicht hinter dem Mikrofon am Bühnenrand, sondern hinter der Schießbude. Als Drummer spielte er etwa bei den Iguanas, deren Karriere als Band sich recht bescheiden gestaltete. Osterberg hatte die Gruppe im Jahr 1963 mit seinem Kumpel Jim McLaughlin in seiner Heimat, Ann Arbor in Michigan, gegründet und schon bald konnten sie in der regionalen Szene einige Erfolge erzielen. Sogar eine Handvoll Songs nahm die Band auf, unter ihnen mit Again & Again die erste bekannte Eigenkomposition des Mannes, der später als Iggy Pop Geschichte schreiben sollte. Ein rumpeliger Song mit gebrüllten Versen – eine Blaupause für den explosiven Sound der Stooges! Ihren eigenen Vorbildern zollte die Band allerdings ebenso Tribut: Unter den wenigen Veröffentlichungen war auch eine Coverversion des Bo Diddley-Klassikers »Mona«. Und nicht nur seine ersten Erfolge, sondern auch einen neuen Namen nahm der junge Osterberg mit: Aus dem Iguanas-Mitglied wurde Iggy!


2. Johnny & The Hurricanes – Red River Rock

Vom Rock’n’Roll sollte sich der junge Jim aber noch früher anstecken lassen. 1960 zog der damals 13jährige mit dem Kapital von einem US-Dollar zur nächsten Mall und kaufte sich das Album Red River Rock von Johnny & The Hurricanes. Darauf gebracht hatte ihn sein Kumpel McLaughlin, Fortbildung erhielt der junge Rock-Fan durch das örtliche Radio, wo er mit neuer Musik versorgt wurde. »Du konntest die Beatles, die Stones, die Ronnettes, die Wailers, Booker T, frühen Motown, Jackie Wilson, die Kinks und anderen guten Kram auf dem Detroiter Sender CKLW hören«, erinnerte er sich einmal. »Aber du musstest echt geduldig sein und viel Scheiß über dich ergehen lassen, wie etwa Peter and Gordon, Freddie and the Dreamers, Leslie Gore, Frankie Avalon. Erst dann konntest du hören, was du wirklich mochtest.« Immerhin: Abneigungen zu haben, schärft den eigenen Geschmack! Und Pops wurde nicht allein dann Johnny & The Hurricanes sogar messerscharf.


3. Them – Gloria

Eine Offenbarung bedeuteten für den jungen Teenager die Band Them. Im Jahr 1963 als Trio gegründet, wurde aus Them ein Jahr später ein Quartett, als ein ganz besonderer Musiker hinzustieß: Der junge Van Morrison wagte mit der Band seine ersten Schritte und verfeinerte mit seinem charakteristischen Gesang den Sound der Band, die auf der anderen Seite des Ozeans auch von Osterberg entdeckt wurde. »Ich schätze mal, dass ich von Them zuerst ‘Gloria’ gehört habe«, erinnerte er sich. »Als ich das Album kaufte, war es die amerikanische Version und zwar dasselbe Album, dafür aber mit einem hässlichen orangenen Cover, auf dem nicht mehr als Them stand. Jetzt habe ich eine Kopie des Originals auf Vinyl. Es haut mich immer noch um. Ich habe wieder und wieder und wieder und wieder Mystic Eyes und One Two Brown Eyes gehört. Die zwei Stücke haben meine Idee davon, wie The Stooges sein könnten, total beeinflusst.«


4. The Doors  – Light My Fire

Der Sound war da, es fehlte zur Pop-Revolution also nur noch die aufregende Stage-Persona! Inspiration für sein rabiates Bühnenverhalten fand Iggy Pop nicht bei Van Morrison, obwohl ihn auch der bei einem Konzert um das Jahr 1970 herum schwer beeindruckte. »Er wirkte sehr streng und seine Bandmitglieder standen kränklich im Hintergrund. Er war echt cool! Das Beste, was er machte: Er hob einen Stuhl mit einer Hand hoch und ließ ihn über seinem Kopf rotieren während er schrie!« Gut drei Jahre vorher aber sah Iggy an der Universität von Michigan einen anderen Morrison, Jim mit Vornamen, der ihn als Frontmann von The Doors in seinen Bann zog. »Sie hatten gerade Light My Fire veröffentlicht und das Album ging gut ab«, erzählte Pop. »Und da ist dieser Typ auf Acid, ganz in Leder gekleidet und mit gelocktem, geöltem Haar. Die Bühne war winzig und ziemlich niedrig, es wurde sehr schnell konfrontativ. Das war echt interessant.« Vor allem aber bleibt ein Gedanke zurück: »Das war so ein ‘Hey, ich kann das auch!’-Ding«. Es wurde ein ‘Hey, er kann’s noch wilder!’-Ding. Das Feuer war entfacht.


5. David Bowie – Station To Station

Kein Wunder also, dass zwischen all der Wildheit die Zeiten auch mal nicht so gut für Pop standen und er sich hin und wieder verbrannte. Immer aber an seiner Seite: David Bowie, der den Musiker nicht nur von Anfang an förderte und mit seinem Arbeitsethos beeindruckte, sondern der auch später Pops Mitbewohner werden sollte. »Er hat mich wiedererweckt«, gab ein sichtlich mitgenommener Pop zu Protokoll, als ihn im Januar 2016 die Nachricht von Bowies Tod ereilte. »Er hat keine Mühen gescheut, mir ein bisschen gutes Karma zukommen zu lassen.« Viele hätten sich Anfang der siebziger Jahre für Pop interessiert, erinnerte sich Pop weiter, nur einer aber sei ihm selbst ähnlich genug gewesen: Bowie. Für das Magazin Stereogum listete er im August 2016 seine Lieblingssongs des verstorbenen Freundes auf. Nicht die großen Hits, sondern seine ganz persönlichen Favoriten. Sound And Vision etwa wurde auf Low veröffentlicht, das zeitgleich mit Pops legendärer LP The Idiot erschien, an der die  beiden zusammen gearbeitet hatten. Kein Wunder also, dass Pop das Stück von einem von Bowies radikalsten Alben in guter Erinnerung behielt.


6. Ryuichi Sakamoto – Merry Christmas Mr. Lawrence

Nicht allein mit The Idiot – zum Teil von Fjodor Dostojewskijs gleichnamigem Roman beeinflusst – suchte Pop seine Inspiration außerhalb der Musik. Als er 1987 mit dem japanischen Pianisten Ryuichi Sakamoto für das Stück Risky kollaborierte, hätte die Liste der Referenzen vermutlich in ein ganzes Buch gepasst. Das Video zur Single orientierte sich an den transhumanistischen Theorien von FM-2030 (was der Name eines Menschen und nicht etwa eines Roboters ist) und verzichtete darauf, Iggy Pop zu zeigen (der ein Mensch ist, aber von einem Roboter ersetzt wurde). Entlang FM-2030s Gedanken von einer »Nostalgie für die Zukunft« vermählte der Clip einen Roboter mit einem Modell des surrealistischen Künstlers Man Ray und zog des Weiteren Schriften des französischen Medientheoretikers Jean Baudrillard, ein Gemälde von Edvard Munch und Roland Barthes’ bahnbrechenden Aufsatz Der Tod Des Autors hinzu. Die Lyrics’ von Pop sind dabei nicht minder rätselhaft. Immerhin jedoch gehen die beschwingten, mit funkigen Untertönen ausstaffierten Beats ohne Umwege durchs Denkstübchen sofort ins Ohr. Obwohl Sakamoto mit seiner Band Yellow Magic Orchestra wie auch mit seinen Solo-Alben noch viel mehr futuristische Themen erforschte, wurde er vor allem mit sanften Klaviertönen bekannt. Merry Christmas Mr. Lawrence etwa ist sein bekanntestes Stück. Eine gewisse, mit Pop verwandte Wildheit lässt sich daraus allerdings schon ablesen.


7. Edit Piaf – Les Feuilles Mortes

Bei Anspielungen auf Dostojewskij sollte es in Pops Karriere nicht bleiben. Wusstet ihr, dass die Lyrics von Lust For Life etwa vom Schriftsteller William S. Burroughs – seinerseits ein Vorbild für Generationen von Musikern wie etwa auch Kurt Cobain – beeinflusst waren? Oder dass er 2016 noch mit der deutschen Post-Rock-Band Tarwater und dem Produzenten Alva Noto (der wiederum oft mit Ryuichi Sakamoto zusammengearbeitet hat) Texte des Dichters Walt Whitman vertonte? Die Liste ließe sich ewig fortführen, einen aber haben wir noch: Das 2009 veröffentlichte Album Préliminaires wurde von Michael Houellebecqs Roman Die Möglichkeit einer Insel inspiriert. Auch musikalisch unterschied es sich vom Gros seiner Diskografie, indem es Pops Jazz-Vorliebe in den Vordergrund rückte. Fantastisch vor allem seine stilgerecht auf Französisch abgelieferte Interpretation des Standards Les Feuilles Mortes, das vor allem durch die große Edith Piaf bekannt wurde. Der chaotische Iggy Pop hat eben nicht nur ein Faible für die schöngeistigen Künste, sondern unter der steinharten Schale einen weichen Kern.


8. Peaches – Fuck The Pain Away

Musikalische Wahlverwandtschaften gab es in Pops Karriere einige, bisweilen animierten ihn sogar diejenigen, denen er selbst ein Vorbild war. Die US-Amerikanerin Peaches zog es wie Pop nach Berlin, wo sie bis heute geblieben ist. Dort auch feierte sie Anfang des Jahrtausends ihre ersten Erfolge mit dem Album The Teaches Of Peaches, das unter anderem die recht explizite Single Fuck The Pain Away enthielt. Damit stieß sie den Electroclash der mittleren Nullerjahre an und überzeugte auch Pop von ihren Qualitäten, die ihn vielleicht an seine wildesten Phasen erinnerten. Aus der gegenseitigen Wertschätzung wurden gleich zwei Kollaborationen geboren: 2003 erschien Peaches neben anderem – vergleichsweise – jungen Gemüse wie Green Day, Sum 41 und The Trolls auf Pops Album Skull Ring. Er wiederum revanchierte sich im Folgejahr mit einem Auftritt auf der Single »Kick It« von Peaches’ Album Fatherfucker. Da hatten sich ganz offensichtlich zwei gefunden, und das nicht allein in ihrer Vorliebe für enge Lederklamotten!


9. Madonna – Ray Of Light

Etwas überschwänglicher noch gestaltete sich Pops Verhältnis zu Madonna. Ebenfalls im Jahr 2004 spielte er als Support-Act auf ihrer großer Reinvention-Tour und trat – inklusive der Stooges! – vier Jahre später sogar bei der Zeremonie anlässlich ihrer Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall Of Fame auf. Nachdem die Band in typischer Manier unter dem begeisterten Lachen der Sängerin die Songs Burning Up und Ray Of Light gecovert hatten, hauchte Pop ihr die Worte »You make me feel shiny and new, like a virgin, touched for the very first time« zu – ein Zitat aus ihrer Hit-Single Like A Virgin. Der Respekt Pops vor Madonna mag oberflächlich betrachtet überraschen, wurde aber uneingeschränkt erwidert: Stooges-Gitarrist Ron Asheton berichtete nachher, dass Madonna sie um einen Auftritt an ihrer Stelle gebeten hätte, weil die Stooges trotz mehrmaliger Nominierungen nicht in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen worden sein. Ein Fehler, der erst 2010 behoben wurde.


10. Underworld – Born Slippy (Nuxx)

»I FUCKING HATE THAT FUCKING TECHNO SHIT!«, schrie ein aufgebrachter Iggy Pop nach einem Festivalauftritt in eine Fernsehkamera. »It’s fake! Fake! FAKE!« Dabei verbindet selbst ihn als Freund von Gitarrenmusik einiges mit wummernder Dance Music, allem voran der Film Trainspotting. Der verhalf 1996 nicht allein Lust For Life zu einer zweiten Renaissance, sondern versammelte auf seinem Soundtrack auch einige Techno-Hits. Underworlds Born Slippy fasste auf hart hämmernden Beats die Lebensphilosophie einer versoffenen Nacht zusammen und war damit vielleicht gar nicht mal so weit von dem entfernt, was Pop selbst verkörperte: harten, schnellen Exzess ohne Kompromisse. Was Pop vielleicht gefreut haben wird: Auf ihrem Anfang 2016 erschienenen Comeback-Album Barbara Barbara, We Face A Shining Future zeigten sie sich wesentlich song- und gitarrenorientierter als noch auf ihrem Megahit zwei Jahrzehnte vorher. Gemeint hat er wohl sowieso eher den aufgeplusterten EDM-Sound von David Guetta und Konsorten, an dem Underworld allerhöchstens ein bisschen Mitschuld tragen.


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