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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.5.1994 legen sich Pearl Jam mit Ticketmaster an.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.5.1994.

von Christof Leim und Timon Menge

Nicht immer finden Musiker alles toll, was sich hinter den Kulissen des Geschäfts abspielt. Am 6. Mai 1994 reichen Pearl Jam wegen zu hoher Gebühren Klage gegen Ticketmaster und ihr Konzertkartenmonopol ein. Die Band sagt sogar eine Tour ab. So richtig gut geht der Kampf der Giganten nicht aus…


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Im Frühjahr befinden sich Pearl Jam auf den Zenit ihrer beachtlichen Karriere. Mit Ten (1991) und Vs. (1993) hat die Band bereits zwei Alben für die Ewigkeit veröffentlicht, mit Vitalogy (1994) steht ein weiterer großer Wurf bevor. Trotz allen Erfolges bleiben die Musiker auf dem Boden und möchten ihre Konzertkarten für unter 20 Dollar anbieten. Kurz vor ihrer Sommertour 1994 sehen sie diesen Plan bedroht: durch die US-amerikanische Vertriebsgesellschaft Ticketmaster.



Ticketmaster führt den Markt zu jener Zeit mit großem Abstand an, Pearl Jam sprechen sogar von einem Monopol. Tatsächlich hatte das Unternehmen erst 1991 den Konkurrenten Ticketron geschluckt und sich auf diese Weise einiges an Macht verschafft. Als Eddie Vedder und Co. 1994 ihre große Sommertour planen, beschließen die Musiker, dass die Tickets nur 18,50 Dollar kosten und die Gebühren 1,80 Dollar nicht übersteigen sollen. Ticketmaster geht in die Offensive und stellt klar, dass mindestens 2 Dollar pro Ticket nötig seien, um die Kosten zu decken.

Pearl Jam fackeln nicht lange. Am 6. Mai 1994 konsultiert die Grunge-Band die Anwaltskanzlei Sullivan And Cromwell aus Manhattan, noch am selben Tag wird eine Klageschrift aufgesetzt. Der damalige Ticketmaster-Chef Fred Rosen schießt postwendend zurück: „Wenn Pearl Jam umsonst spielen möchten, werden wir die Tickets gerne kostenlos verteilen.“ Der Konflikt artet aus, vor allem medial. Das Time Magazine spricht sogar vom „Heiligen Krieg des Rock’n’Roll“, wie Ultimate Classic Rock berichtet.

Gehen gegen 1994 Ticketmaster vor: Jeff Ament, Eddie Vedder und Pearl Jam

Den bevorstehenden Konzertsommer sagen Pearl Jam aus Protest ab. Zieht man in Betracht, dass sich die Gruppe damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befindet, dürfte der finanzielle Schaden erheblich gewesen sein. Am 30. Juni 1994 sprechen Gitarrist Stone Gossard und Bassist Jeff Ament sogar vor dem US-Kongress: „Wir haben uns bewusst dazu entschieden, all unseren Fans zu ermöglichen, zu unseren Konzerten zu kommen. Außerdem möchten wir nicht dafür verantwortlich sein, dass sich Teenager möglicherweise aus Gruppenzwang dazu genötigt fühlen, mehr Geld für ein Pearl-Jam-Ticket auszugeben, als sie sich leisten können. Alle Mitglieder der Band erinnern sich daran, wie es ist, wenig Geld zu haben.“



Die Klage verläuft allerdings erfolglos, Ticketmaster gewinnt. Bei ihrer nächsten Tour zu Vitalogy Anfang 1995 setzen Pearl Jam alles daran, den Giganten zu boykottieren. Doch die US-Shows ganz ohne Ticketmaster abzuwickeln, erweist sich als schwierig. Weil die Firma Exklusivverträge mit den meisten Hallen und Stadien hält (was manche Juristen für unverhältnismäßig erachten), sieht sich die Band sogar gezwungen, Spielstätten quasi zu improvisieren oder auf abgelegene, nur mäßig geeignete Hallen auszuweichen. Auf Dauer funktioniert das nicht, was auch die No Code-Tour (1996) schwierig werden lässt. Erst bei den Konzerten zu Yield (1998) spielt das Quintett wieder im großen Stil für die Fans in den USA – auch in Hallen von und mit Eintrittskarten über Ticketmaster. Damit hat der Monopolist gewonnen. Und nicht nur das: 2010 fusioniert der Vertriebsservice mit dem internationalen Veranstaltungskonzern Live Nation und verschafft sich noch mehr Marktmacht.



Ein Jahr nach der Auseinandersetzung unterläuft dem Partyplaner der Rock And Roll Hall Of Fame 1995 ein Fauxpas. So soll Eddie Vedder in jenem Jahr die Folklegende Neil Young in der Riege der größten Musiker aller Zeiten willkommen heißen. Zwar lädt der Veranstalter alle Pearl-Jam-Musiker ein, doch an den Tisch nebenan setzt er… richtig geraten: die Mitarbeiter von Ticketmaster. Vedder nimmt die Situation mit Humor: „Ich erwarte gegen Ende des Abends eine Essensschlacht. Ich empfehle, dass das gehobene Publikum entweder abhaut oder mit einsteigt! Vielleicht sollten wir alle mitmachen, solange sie hier sitzen.“


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