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Popkultur

Die musikalische DNA von James Blake

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Auf einem kleinen Underground-Label anfangen und im Studio von Beyoncé enden, das scheint eigentlich undenkbar. Es beschreibt aber ziemlich genau den Verlauf von James Blakes Karriere. Obwohl, so fair müssen wir natürlich sein: Blake hat natürlich viel mehr zu bieten als eine verblüffende Erfolgsgeschichte. In einer Zeit, als die Charts von unmotivierten EDM-Acts und inhaltsleerem Hochglanz-Pop dominiert wurden, stand er neben Bands wie The XX oder Animal Collective an der Speerspitze von einem neuen Sound, der die Grenzen der Pop-Musik auslotete.


Hier bekommst du einen Vorgeschmack von James Blakes musikalischer DNA, folge dem Listen-Button für die ganze Playlist:


Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher schrieb vor einigen Jahren über Blake, dass seine Musik einem Gespenst gleiche, das im Verlaufe seiner Platten immer mehr Form annähme. Das ist eine schöne und sicher auch passende Metapher für das, was zwischen Blakes ersten EPs für Dance-Labels wie Hemlock, Hessle Audio und R&S hin zu seinen großen Charterfolgen passiert ist. Allerdings heißt das nicht, dass sich Blake in irgendeiner Weise verbogen hätte, im Gegenteil. Er erst hat es möglich gemacht, sphärische Klaviermusik mit fetten Bässen zu kombinieren und auf Mainstream-Releases mit Gesang auf eine Weise zu experimentieren, wie sie zuvor höchstens in der Avantgarde üblich war.

James Blake hat die Pop-Welt verändert und tut das es weiterhin. Doch es gab einige, die ihm dabei geholfen haben. Seine zahlreichen Kollaborationen allein beweisen, dass er sich anderswo inspirieren lässt. Was und wer ihn genau beeinflusst hat, das erfahren wir mit Blick auf seine musikalische DNA.


1. Art Tatum – Blue Skies

Klavierwerke lautet der Titel einer von Blakes frühen EPs, die seinen Ruf als innovativen Songwriter in der Bass-Szene zementierten. Tatsächlich scheint es auf den ersten Blick so, als sei Blake die Musik bereits in die Wiege gelegt worden: Als Kind erhielt er Pianounterricht, bald darauf ging es an die renommierte Goldsmiths Universität in London und schnell machte er mit seinen ersten Releases die Indie-Presse verrückt. Das Klavier stand definitiv am Anfang seiner Karriere und begleitet ihn bis heute.

Doch sein Verhältnis zu dem Instrument ist ein schwieriges. „Von früh auf wusste ich, dass die klassische Musik nichts für mich ist“, erzählte er in einem Interview. „Ich habe höchstens von der Harmoniklehre profitiert. Art Tatum hat eine Menge klassisches Klavier gespielt, aber jemand wie Vladimir Horovitz – einer der besten Pianisten der Welt – sah seine Konzerte und hatte Angst vor dem Können Tatums. Als ich das las, wusste ich, dass klassische Musik nicht mein Endziel sein konnte.“ Blake wollte weiter gehen und schrieb sich mit Tatums beeindruckender Fähigkeit im Hinterkopf, musikalische Welten aufeinander prallen zu lassen, am Goldsmiths ein.


2. Digital Mystikz – Give Jah Glory

Dort erlebte er allerdings eine grobe Enttäuschung. „Ich fühlte mich wie im falschen Boot“, gab er resigniert zu Protokoll. Zu steif und zu konventionell fand er den Unterricht, den er dort erhielt. Viel aufregender war es, als er 2007 erstmals auf einer Party mit dem neuen Sound des britischen Dance-Undergrounds in Berührung kam: Dubstep. Auf einer Party in Brixton legte ein DJ Stücke von den Digital Mystikz und anderen Pionieren des trockenen Bass-Sounds auf. Er spielte damit zwar den Dancefloor leer, zumindest ein Gast aber blieb mit offenem Mund dort stehen. Blake war fasziniert von dem, was er da hörte.

Später in seiner Karriere sollte er den Digital Mystikz mit einem Cover von ihrem Anti-War Dub Tribut zollen. Zuerst aber begann er in seiner Unizeit die Partyreihe Bass Society zu organisieren, in deren Rahmen er dem sich gleichermaßen aus wolkigem Dub und harter Tanzmusik speisendem Genre ein Zuhause gab. DJs wie Skream oder Benga gaben sich dort die Klinke in die Hand und Blake begann den Sound in seine eigene Musik einzuarbeiten. Die klang aber bei weitem nicht so heavy wie die Tunes der Digital Mystikz. Sondern fragil, fragmentarisch und feinsinnig.


3. Mount Kimbie – Bave’s Chord

Blakes erste EP Air & Lack Thereof erschien 2009 auf dem Dubstep-Label Hemlock, unterschied sich aber maßgeblich von dem, was in den Clubs von London zu dieser Zeit den Dancefloor dominierte. Zart, filigran und, ja, gespenstisch klangen die melancholischen Skizzen darauf. Das Release weckte sofort das Interesse des legendären Radio-DJs Gilles Peterson, der Blake prompt zu sich in die Show einlud, um einen Mix beizusteuern.

Dessen Tracklist las sich ungemein eklektisch: Otis Redding, Joanna Newsom, afrikanische Musik und natürlich Dubstep-Tunes spielte Blake in seinem umjubelten Mix. Darunter fand sich auch ein Stück von Mount Kimbie, Bave’s Chord. Wie Blake hob das englische Duo den Dubstep-Sound auf ein neues Level. Langsamer, melodiöser klang ihre Interpretation des Genres. Post-Dubstep war geboren. Die Zuschreibung sollte sowohl Blake als Mount Kimbie, die nach wie vor mit dem Kollegen befreundet sind, lange nicht mehr loslassen. Ihre innovative Musik allerdings versperrte sich allen Kategorisierungsversuchen.


4. Feist – The Limit To Your Love

Seinen endgültigen Durchbruch feierte Blake im Jahr darauf mit einer Cover-Version von The Limit To Your Love. Der Song der kanadischen Sängerin Feist – bekannt als Mitglied des Kollektivs Broken Social Scene und für ihren Hitsong 1234 aus dem Jahr 2007 – brachte genau die dezenten Soul-Einflüsse mit, die auch in Blakes Musik auszumachen sind. Seine Version des Stücks allerdings war noch reduzierter als schon Original, pulsierte zwischen brummenden Bässen, dezenten Hip Hop-Grooves und zarten Klavierparts.

Limit To Your Love ist ein ungewöhnlicher Song, dessen intime Atmosphäre in Blakes Schlafzimmerstudio eine eigenwillige Magie entfaltete. Obwohl die Charterfolge des Stücks bescheiden ausfielen, so konnte sich der junge Songwriter damit doch über die Grenzen Großbritanniens hinaus einen Namen machen. Vor allem gelang es ihm, selbst Feist für sich zu überzeugen. „Er hat mit seiner Musik einen ganz eigenen Kosmos erschaffen“, schwärmte sie 2011 in einem Interview. „Seine Version von Limit To Your Love ist keine Kopie, sondern im Grunde ein neuer Standard wie Fly Me To The Moon von Frank Sinatra.“ Ein gewagtes Statement, keine Frage. Sie sollte aber Recht behalten.


5. Sam Cooke – (What A) Wonderful World

Die souligen Untertöne in Feists The Limit To Your Love waren wie gemacht für Blake, der selbst viel Soul-Musik in sich aufgesogen hat. Anders wäre sein Gesangsstil auch kaum zu erklären. Denn obwohl Blake insbesondere zu Beginn seiner Karriere seine Stimme liebend gern verfremdete, zerstückelte und manipulierte: Im Kern steht sein melismatischer Gesangsstil voll in der Tradition von Motown und Co.

Im Interview-Band Your Song Changed My Life des NPR-Journalisten Bob Boilen gesteht Blake in Bezug auf seine Anfangstage, dass er mit seinen gesanglichen Leistungen oftmals unzufrieden war: „Ich hatte das Gefühl, dass meine Stimme noch wachsen könnte“, ließ er sich in dem 2016 erschienenen Buch zitieren. Alles änderte sich mit dem Album Overgrown, für das er sich Inspiration beim Soul-Pionier Sam Cooke holte. Der (What A) Wonderful World-Sänger habe ihm beigebracht, seine Songs von der Hookline her aufzubauen, sagte Blake damals.


6. Aaliyah – Are You That Somebody

Vom Soul führte eine direkte Verbindungslinie zum R’n’B-Sound der neunziger Jahre. Der 1988 geborene Blake war gerade zehn Jahre alt, als Kelis Caught Out There und Aaliyah die Timbaland-Produktion Are You That Somebody veröffentlichten. Wie sehr ihn das offenkundig prägte, zeigte sich bereits auf seiner zweiten Veröffentlichung, der EP CMYK, dessen Titelstück Vocal-Samples aus beiden Stücken in einen umwerfenden Dialog integriert.

Insbesondere Aaliyah scheint es Blake angetan zu haben: Auch das Stück I’ll Try von derselben Veröffentlichung sampelt ihren Überhit Try Again. Allerdings wird es nicht allein der Gesang der viel zu früh verstorbenen Künstlerin gewesen sein, von dem sich Blake inspirieren ließ. Die innovativen Kunstgriffe ihres Produzentens Timbaland hinterließen ebenso ihre Spuren in seinem Werk.


7. Beyoncé – Crazy In Love

„Ich bin damit aufgewachsen, Timbaland und seine Produktionen zu hören“, gab Blake auch dem deutschen Magazin GROOVE gegenüber zu Protokoll. „Dazu gehört auch Destiny’s Child, also liebe ich sie schon, seitdem ich ein Kind bin. Musikalisch hat sie mich mein ganzes Leben lang begleitet.“ Wer gemeint war? Na klar, Beyoncé! An ihrem konzeptuellen Meisterwerk Lemonade beteiligte er sich, indem er am Opener Pray You Catch Me mitschrieb und mit seinem charismatischen Gesang den von ihm produzierten Song Forward prägte.

Bevor er später mit Beyoncés Gatten Jay Z ins Studio ging, musste sich Blake aber noch vor einem anderen Mitglied der Knowles-Carter-Familie beweisen: Bei den Aufnahmen zu Lemonade war auch Tochter Blue Ivy zugegen. Jedes Mal, wenn er die Hook von Forward sang, stimmte die Kleine sofort mit ein. „So weißt du, dass es eingängig ist“, soll Beyoncé jubiliert haben. Merke: Es lässt sich noch von Kids im Kindergartenalter einiges lernen!


8. Kanye West – Slow Jamz (feat. Twista und Jamie Foxx)

À propos kindisch: Kanye West dürfen wir in dieser Aufzählung natürlich ebenso wenig vergessen. Nur zwei Jahre nach seinem internationalen Durchbruch fand sich Blake unvermittelt in dessen Gesellschaft wieder und wurde von dem Detroiter Giftzwerg mehr als nur umschmeichelt: Yeezy bezeichnete den zurückhaltenden Briten doch glatt als seinen Lieblingssänger. West hatte kurz zuvor mit Jay Z das Album Watch The Throne veröffentlicht und bereitete sich auf sein bis dato ambitioniertestes Werk vor, Yeezus.

Wie viel Blake wohl von dem Rapper und Produzenten mitgenommen hat? Wir wissen es nicht. Und leider auch nicht, wie es wohl geklungen hätte, wenn Blakes Plan für ein West-Feature auf The Colour In Anything aufgegangen wäre. „Ich weiß nicht genau, wie ich erklären soll, was da schief ging“, sagte er verknirscht. „Ich wollte Kanye auf dem Song Timeless dabei haben, aber die Strophe kam uns einfach nicht. Dann veränderte sich die Grundstimmung des Albums und ich schätze mal, es hätte einfach nicht mehr gepasst.“ Wie so ein gemeinsamer Slow Jam der beiden wohl geklungen hätte?


9. Bon Iver – Skinny Love

Immerhin konnten wir uns auf demselben Album über den Auftritt eines guten Kanye-Kumpanen freuen: Die dicke Freundschaft zwischen dem Autotune-Folk-Barden Bon Iver und dem Autotune-Rapper Kanye West gehört wohl zu den skurrilsten der Pop-Geschichte. Parallel dazu aber hatten sich Blake und Justin Vernon – so der bürgerliche Name des US-Amerikaners – bereits schon kennen und schätzen gelernt. 2011 debütierte das gemeinsame Stück Fall Creek Boys Choir, dem wenige Jahre später I Need A Forest Fire folgen sollte.

Ähnlich wie Blake zwei Jahre nach ihm landete Vernon 2008 mit der Platte For Emma, Forever Ago einen Überraschungserfolg in der weltweiten Indie-Community und kam bald im Mainstream an. Anders als Blake aber wurde seine Musik darüber zunehmend verschrobener und brach mit den vormals noch recht konventionellen Folk-Strukturen seiner Songs. Dass die beiden sich somit aber stets in der Mitte treffen konnten, das steht fest. Erst recht im Gesangsregister!


10. Frank Ocean – Pilot Jones

Vernon und Blake gehören aller Experimentierfreude zum Trotz eher zu den Freunden der ruhigen Tönen. „Ich bin das Gegenteil von Punk“, sagte Blake gegenüber dem britischen Guardian. „Ich habe eine ganze Generation zum Schweigen gebracht.“ Ein krasses Statement! Ganz unrecht hat der feinfühlige Brite allerdings nicht: Seit er seinen globalen Siegeszug aufnahm, ist es in der Pop-Welt etwas stiller geworden. Davon profitierten wiederum andere, so auch Frank Ocean.

Ocean überraschte im Umfeld der rüpeligen Rap-Crew Odd Future mit einem beseelten R’n’B-Entwurf, den er nach Veröffentlichung seines Durchbruchmixtapes Nostalgia, Ultra auf der Platte Channel Orange verfeinern konnte. Die gedämpften Beats und der zarte Falsettgesang auf Stücken wie Pilot Jones legten nahe, dass Ocean das eine oder andere Ohr auf das Schaffen von Blake geworfen hatte. Auf seinem Album Blonde erst allerdings kam zusammen, was zusammen gehörte: Blake unterstützte den US-Amerikaner auf mehreren Songs mit seinen Songwriterqualitäten und, wie sollte es auch anders sein, seiner enigmatischen Stimme.


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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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