------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Kendrick Lamar

Published on

Seitdem Kendrick Lamar Duckworth das Mic aufgenommen hat, wird im Rap-Game wieder gezittert. Als das Good Kid aus Compton sich im Sommer 2013 zum King Of New York krönte, folgte zwar eine Welle der Entrüstung, die sich in zahlreichen Diss-Tracks niederschlug. K-Dot das Wasser reichen konnte keiner der – allesamt verdienstvollen – MCs –, die sich zu Wort meldeten. Mit einem Schlag hatte Lamar die gesamte junge Rap-Garde auf die hinteren Plätze verwiesen. Und mehr noch: Er sollte Recht behalten.


Hör dir hier die musikalische DNA von Kendrick Lamar als Playlist an während du weiter liest:


Keiner erzählt wie Kendrick, keiner hat den Flow wie Kendrick, keiner kann seine Stimme modulieren wie Kendrick, keiner bringt dermaßen konsequent Jahrzehnte alte Musiktraditionen mit zeitgenössischem Rap zusammen wie Kendrick, keiner ist dermaßen agil wie Kendrick. Keiner hat die Vision wie Kendrick. Aus dem aufmüpfigen Teenager ist schon längst der größte Rapper der Welt geworden. Und nicht wenige sprechen ihm den Titel zu, den sonst nur Künstler wie 2Pac oder Eminem für sich beanspruchen konnten: G.O.A.T., greatest of all time.

Ob er das wirklich ist oder nicht, das sei an dieser Stelle dahin gestellt. Sicher ist so viel: Kendrick hat dem Rap-Game nach langen Jahren der allgemeinen Verdumpfbackung wieder mehr Consciousness eingehaucht. Er hat die Charts getoppt und sich dennoch nicht verbogen. Er war sogar mit Taylor Swift im Studio und hat dennoch seine Würde nicht verloren. Das geht vor allem, weil er seinen Horizont nie begrenzt hat. „Ihr könnt meine Musik nicht kategorisieren, sie ist Menschenmusik“, sagte er mal und ja, das lässt sich so unterschreiben. Wir stellen euch die Menschen vor, deren Schaffen tief in seine musikalische DNA eingeschrieben ist.


1. The Temptations – The Way You Do The Things You Do

 

Kaum ein anderer Rapper vor ihm hat dermaßen schnell den Mainstream für sich gewonnen wie Lamar. Und das, obwohl der Mainstream für gewöhnlich recht wenig um Rap-Technik, Street Cred oder lyrische Inhalte interessiert. Einer der Gründe, warum K-Dot weltweit erfolgreich werden konnte, liegt ohne Zweifel in seinem Gespür für fantastische Hooks und eingängige Produktionen begründet. Bitch, Don’t Kill My Vibe, i, King Kunta – alles Hits. Lamar ist nicht nur Rapper, er ist auch Songwriter.

Das Talent dafür hat er buchstäblich mit der Muttermilch eingesaugt. Seinen Namen nämlich liehen sich die Eltern von Eddie Kendricks, dem Lead-Sänger der Temptations. Kendricks ist die Stimme von Songs wie The Way You Do The Things You Do und eine der unbestrittenen Motown-Größen. Der nicht selten experimentelle Soul-Sound seiner Gruppe prägte ganze Generationen und erreichte von Detroit aus auch das ferne Los Angeles. Und obwohl Lamar sicherlich nicht der beste Sänger ist: Die ebenso sparsame wie clevere Melodieführung seiner Refrains ist eindeutig der Tradition verpflichtet, die sein Namensgeber so entschieden beeinflusst hat.


2. Funkadelic – Ain’t That Funkin’ Kinda Hard On You?

 

Soul ist einer der zwei großen Referenzpunkte, auf den sich Hip Hop bezieht, der andere ist der Funk. Und wer Funk sagt, muss auch Funkadelic beziehungsweise Parliament sagen. Lamar hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die kosmischen Weirdos aus dem Umfeld von George Clinton glühend verehrt und nennt sie neben dem Jazz-Trompeter Miles Davis als einen seiner größten Einflüsse, wenn es um die Musik zwischen den fünfziger und siebziger Jahren geht.

Als Funkadelic 2014 mit First Ya Gotta Shake The Gate mit ihrem ersten Album seit fast einem Jahrzehnt zurück kehrten, freute das nicht nur Funk-Fans. Dass die Platte für Kendrick aber ganz besonders werden sollte, dafür musste er fast zwei Jahre warten. Im Herbst 2015 veröffentlichte die Band einen Louie Vega-Remix des Stücks Ain’t That Funkin’ Kinda Hard On You?, auf dem auch ein Gast-Part von Lamar zu hören war. Es kam aber noch besser: Anfang 2016 wurde eine zweite Version des Stücks releaset, zu Lamars Verse gesellte sich Ice Cube dazu. Drei Generationen auf einem Track vereint – besser ging’s wohl kaum.


3. N.W.A. – Straight Outta Compton

Denn apropos Ice Cube: Wenn wir über Kendrick Lamar reden möchten, dürfen wir von einer ganz besonderen Crew nicht schweigen. „Straight outta Compton / crazy motherfucker called Ice Cube / from the gang called Niggaz Wit Attitude“, heißt es in den ersten Sekunden von Straight Outta Compton und seitdem ist Rap nicht mehr derselbe. Ice Cube, Eazy-E und der Rest von N.W.A. schrieben damit als Pioniere des Gangsta Rap Geschichte.

Die Musik war der wütende, unerbittliche und nicht selten verzweifelte Ausdruck einer harten Lebensrealität, die der ein Jahr vor Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Debütalbums geborene Lamar am eigenen Leib erfahren musste. Wie N.W.A. fand er einen Ausweg in der Musik und nahm mit good kid, m.A.A.d. city eine Platte auf, die seine Lebensgeschichte in ein beklemmendes Narrativ verwandelte. Lamars Zweitwerk war unter anderem deshalb eine solche Sensation, weil er darauf den harten Gangsta Rap im Stile N.W.A.s mit aus New York beeinflusstem Storytelling zur perfekten Synthese brachte.


4. Dr. Dre – The Watcher

 

Für Straight Outta Compton saß niemand Geringeres als Dr. Dre hinter den Reglern. Lamars Bewunderung für den Produzenten und Rapper ist bestens dokumentiert. Auch wissen wir, dass Dr. Dre das Talent des Jungspunds schon früh erkannte. Fast aber hätte es sich Lamar selbst versaut, als er 2010 mit Tech N9ne und Jay Rock auf Tour war. „Mein Kumpel Ali und ich waren bei Chili’s essen, ich werd’ das nie vergessen“, erinnerte er sich grinsend. „Wir bekamen diesen Anruf von wegen ‚Yo, Dr. Dre mag deinen Kram.‘ Wir haben sofort aufgelegt…“

Es kam aber dann doch noch alles so, wie es sollte: Den nächsten Anrufer würgte Lamar nicht so schnell ab. Besser für ihn. So nämlich bekam er die Chance, einen seiner Kindheitsidole zu treffen und sogar mit ihm ins Studio zu gehen. Neben Rakim, Tha Dogg Pound und DMX nannte er den Mastermind Dre als einen seiner prägendsten frühen Einflüsse. Die Verehrung für den zwei Jahrzehnte älteren Rapper hat dabei nicht abgenommen, im Gegenteil: Noch heute konsultiert Lamar ihn in Karrierefragen ebenso wie für kreativen Input. Stimmt schon: „Times is changin’ / young niggas is aging“. Niemand aber ist besser in Würde gealtert als Dre.


5. 2Pac – California Love

Das erste Mal, dass Lamar Dre live und in Farbe erleben durfte, war im Jahr 1995. Gemeinsam mit 2Pac drehte Dre in Compton das erste der zwei Videos zum Überhit California Love. Der Achtjährige war mit seinem Vater dabei und beobachtete von Papas Schultern aus das Treiben. 2Pac sollte nur einem Jahr später den Schussverletzungen nach einem Drive-By-Shooting in Las Vegas erliegen, sein Erbe aber wird von Lamar noch immer gepflegt.

Als 2015 To Pimp A Butterfly erschien, zollte Lamar dem Idol auf die wohl denkbar schönste Weise Tribut: Im Hidden Track des Albums ist der Zusammenschnitt eines 2Pac-Interviews zu hören, das so geschickt arrangiert war, dass daraus ein Gespräch zwischen den beiden Rappern wurde. Ein mehrminütiger Gänsehautmoment für jeden Rap-Fan. Es ist nicht der einzige 2Pac-Verweis in Lamars Werk. In seinem legendären Gastvers für Big Seans Control bezeichnet er sich nicht ohne als „Makaveli’s offspring“. „I’m the king of New York / King of the coast / One hand, I juggle them both“, heißt es weiter – ein Zugeständnis daran, dass der Westküstenrapper Lamar seine Inspiration auch stets von der Ostküste bezog.


6. Nas – N.Y. State of Mind

Neben 2Pac und anderen Rappern aus New York, wie etwa der stark in den Feud zwischen Ost und West involvierten Notorious B.I.G. oder Jay Z, gehört auch Nas zu den großen Vorbildern Lamars. Nicht wenige sahen good kid, m.A.A.d city in der Nachfolge von dessen Überalbum Illmatic und fanden, dass der New Yorker spätestens mit To Pimp A Butterfly endgültig übertrumpft worden sei. Ob das so stimmt, sollen andere entscheiden. So viel zumindest ist sicher: Mit Tracks wie N.Y. State of Mind setzte Nas 1994 neue Maßstäbe im Rap und formulierte das vor, was Lamar mit To Pimp A Butterfly ins Jahr 2015 übertragen sollte. Illmatic vereinte perfektes Storytelling und makellose Rap-Technik mit einer musikalischen Finesse, die jede Facette der Hip Hop-Kultur in sich aufgesogen hatte.

Nasty Nas selbst erwidert die Bewunderung seines Schülers im Geiste. Auf die Vergleiche zwischen Illmatic und good kid angesprochen sagte er gegenüber Genius: „Das ist für mich kein fairer Vergleich, weil Illamtic eine andere Zeit repräsentiert und etwas gänzlich anderes aus anderen Gründen zum Ausdruck bringt. […] Es ist auch Kendricks Album gegenüber nicht fair, weil sein Album etwas ganz Neues zum Ausdruck bringt, das unsere Zeit abbildet. Sein Sound zeigt, was gerade abgeht, er hat einen Einfluss aufs Zeitgeschehen.“ Gibt es in der Rap-Welt ein größeres Kompliment? Wohl kaum…


7. Mobb Deep – Shook Ones, Pt. II

Im selben Interview spricht Nas auch davon, wie er sich selbst nach dem Erfolg seines kongenialen Erstlingswerks starker Konkurrenz ausgesetzt sah. Ob ihn damals Selbstzweifel geplagt hätten, wurde er gefragt und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Oh, aber sicher! Weil Jay Z am Kommen war. Das erste Ghostface-Album kam. Da war Raekwon. Da waren Mobb Deep.“ Gegenüber dem knallharten Gangsta Rap positionierte sich das Duo Mobb Deep an der Ostküste mit düsteren Lyrics und Hardcore-Anleihen.

Neben Mobb Deep-Mitglied Havoc war es vor allem der Rapper Prodigy, der Mobb Deep zu Ruhm verhelfen sollte. Der 2017 verstorbene MC gehörte zu technisch versiertesten seiner Zunft und beeinflusste auch Lamar bei seinen ersten Gehversuchen. Als der nämlich ausgestattet mit nichts weiter als einem Mic und einer gecrackten ProTools-Version als 16-jähriger das Mixtape Youngest Head Nigga In Charge aufnahm, ist darauf der Einfluss des New Yorkers deutlich auszumachen. „Ich war ein riesiger Prodigy-Fan“, erinnerte sich Lamar. „Ich habe komplett seinen Stil gebitet!“


8. Snoop Doog – The Doggfather

Doch nicht nur der unerbittliche Flow eines Prodigy, der sich mit Lines wie „I’m only 19, but my mind is old / And when the things get for real, my warm heart turns cold / Another nigga deceased, another story gets told“ für immer seinen Platz in der Rap-Geschichte gesichert hatte, lieferten für Kendrick als Teenager Inspiration. Auch Mos Def oder, und das überrascht vielleicht eher, Snoop Dogg zählen zu Lamars frühen Helden.

„Es wurden viele Storys über den OG gestrickt“, erzählte Lamar, als er 2016 bei den BET Hip Hop Awards die Laudatio auf den Kollegen halten durfte. „Er hat sich den Respekt eines Uni-Professors erarbeitet, seine Dissertation aber hat er auf der Straße geschrieben. Sein Aufstieg im Game war authentisch, mit einem zweifellos meisterhaften Flow und einem einzigartigen Stil gesegnet, der für immer unser Verständnis von West Coast-Musik verändert hat“, hieß es weiter. Noch heute zeigt sich in Lamars stimmlichen Experimenten und seinem hintergründigen Humor, wo er selbst als Studenten beim Professor Doggfather gut aufgepasst hat.


9. Eminem – Lose Yourself

Geht es um Rap-Technik, führt allerdings kein Weg an einem Rapper aus dem Norden der USA vorbei. Eminem hat die vielleicht überraschendste Karriere im Game überhaupt hingelegt: Das White Trash-Kid aus dem Trailer Park arbeitete sich mit viel irrwitzigem Humor, polarisierenden Statements und absolut übermenschlichen Fähigkeiten zum Rap God hoch. Noch heute, nach einigen enttäuschenden Alben von Marshall Mathers, nennen ihn viele zuerst, wenn die Frage nach dem G.O.A.T. aufgeworfen wird. Doubletime, komplexe Reimketten, Assonanzen wie aus dem Maschinengewehr und brüllende Punchlines – Eminem beherrscht das wie kein Zweiter.

Dass Lamar den Kollegen deswegen als „Genie“ bezeichnet, ist daher nur verständlich. Ems aggressiver Stil soll seinen eigenen Angaben nach legendäre Tracks wie den Backseat Freestyle beeinflusst haben und gerade dessen pubertären Humor dürfte er sich auch vom älteren Kollegen abgeschaut haben. 2013 durfte Lamar sogar im Studio des Idols vorbeischauen, um einen Gast-Verse für The Marshall Mathers LP 2 beitragen. Unter strengen Auflagen allerdings! Um den Zögling zu testen, soll Eminem zum Schreiben alleine in einem Raum eingesperrt zu haben. Angeblich, weil Eminem dachte, dass Lamar einen Ghostwriter für seine Texte habe! Frei nach dem Motto: „Look / If you had / One shot / Or one opportunity / To seize everything you ever wanted / In one moment / Would you capture / Or just let it slip?“ Die Antwort auf diese Frage ist auf dem Feature-Track Love Game zu hören.


10. David Bowie – Lazarus

„What a honor, what a soul. David Bowie, Spirit of Gold. RIP“, twitterte Lamar erschüttert am 11. Januar 2016, dem Tag, als der Tod des flamboyanten britischen Sängers bekannt gegeben wurde. Wie groß seine Überraschung gewesen sein muss, als er hörte, dass Bowies aufwühlendes Abschiedsalbum Blackstar von seiner eigenen Musik beeinflusst war!

Produzent Tony Visconti erzählte gegenüber dem Rolling Stone: „Wir haben [während der Aufnahmen] viel Kendrick Lamar gehört. Natürlich klingt unser Endergebnis nicht danach, aber wir haben einfach geliebt, wie offen Kendrick war und dass er nicht einfach nur ein Hip Hop-Album gemacht hat. Er hat alles mit aufgenommen und genau das wollten wir auch. Das Ziel war in vielerlei Hinsicht, keinen Rock’n’Roll zu machen.“ Das ist Bowie und Visconti gelungen. So wie es Lamar auch immer wieder gelingt, sich allen Kategorien zu entziehen. Er macht Menschenmusik, sagt er. Besser ließe es sich nicht auf den Punkt bringen.


Das könnte dir auch gefallen:

10 Hip-Hop Songs für alle, die keinen Hip-Hop mögen

10 Songs, die Hip Hop definiert haben

Das uDiscover Hip Hop Quiz

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

Published on

Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

Continue Reading

Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

Published on

Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

Continue Reading

Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

Published on

Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]