------------

Popkultur

Die musikalische DNA von Kendrick Lamar

Published on

Seitdem Kendrick Lamar Duckworth das Mic aufgenommen hat, wird im Rap-Game wieder gezittert. Als das Good Kid aus Compton sich im Sommer 2013 zum King Of New York krönte, folgte zwar eine Welle der Entrüstung, die sich in zahlreichen Diss-Tracks niederschlug. K-Dot das Wasser reichen konnte keiner der – allesamt verdienstvollen – MCs –, die sich zu Wort meldeten. Mit einem Schlag hatte Lamar die gesamte junge Rap-Garde auf die hinteren Plätze verwiesen. Und mehr noch: Er sollte Recht behalten.


Hör dir hier die musikalische DNA von Kendrick Lamar als Playlist an während du weiter liest:

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Keiner erzählt wie Kendrick, keiner hat den Flow wie Kendrick, keiner kann seine Stimme modulieren wie Kendrick, keiner bringt dermaßen konsequent Jahrzehnte alte Musiktraditionen mit zeitgenössischem Rap zusammen wie Kendrick, keiner ist dermaßen agil wie Kendrick. Keiner hat die Vision wie Kendrick. Aus dem aufmüpfigen Teenager ist schon längst der größte Rapper der Welt geworden. Und nicht wenige sprechen ihm den Titel zu, den sonst nur Künstler wie 2Pac oder Eminem für sich beanspruchen konnten: G.O.A.T., greatest of all time.

Ob er das wirklich ist oder nicht, das sei an dieser Stelle dahin gestellt. Sicher ist so viel: Kendrick hat dem Rap-Game nach langen Jahren der allgemeinen Verdumpfbackung wieder mehr Consciousness eingehaucht. Er hat die Charts getoppt und sich dennoch nicht verbogen. Er war sogar mit Taylor Swift im Studio und hat dennoch seine Würde nicht verloren. Das geht vor allem, weil er seinen Horizont nie begrenzt hat. „Ihr könnt meine Musik nicht kategorisieren, sie ist Menschenmusik“, sagte er mal und ja, das lässt sich so unterschreiben. Wir stellen euch die Menschen vor, deren Schaffen tief in seine musikalische DNA eingeschrieben ist.


1. The Temptations – The Way You Do The Things You Do

 

Kaum ein anderer Rapper vor ihm hat dermaßen schnell den Mainstream für sich gewonnen wie Lamar. Und das, obwohl der Mainstream für gewöhnlich recht wenig um Rap-Technik, Street Cred oder lyrische Inhalte interessiert. Einer der Gründe, warum K-Dot weltweit erfolgreich werden konnte, liegt ohne Zweifel in seinem Gespür für fantastische Hooks und eingängige Produktionen begründet. Bitch, Don’t Kill My Vibe, i, King Kunta – alles Hits. Lamar ist nicht nur Rapper, er ist auch Songwriter.

Das Talent dafür hat er buchstäblich mit der Muttermilch eingesaugt. Seinen Namen nämlich liehen sich die Eltern von Eddie Kendricks, dem Lead-Sänger der Temptations. Kendricks ist die Stimme von Songs wie The Way You Do The Things You Do und eine der unbestrittenen Motown-Größen. Der nicht selten experimentelle Soul-Sound seiner Gruppe prägte ganze Generationen und erreichte von Detroit aus auch das ferne Los Angeles. Und obwohl Lamar sicherlich nicht der beste Sänger ist: Die ebenso sparsame wie clevere Melodieführung seiner Refrains ist eindeutig der Tradition verpflichtet, die sein Namensgeber so entschieden beeinflusst hat.


2. Funkadelic – Ain’t That Funkin’ Kinda Hard On You?

 

Soul ist einer der zwei großen Referenzpunkte, auf den sich Hip Hop bezieht, der andere ist der Funk. Und wer Funk sagt, muss auch Funkadelic beziehungsweise Parliament sagen. Lamar hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die kosmischen Weirdos aus dem Umfeld von George Clinton glühend verehrt und nennt sie neben dem Jazz-Trompeter Miles Davis als einen seiner größten Einflüsse, wenn es um die Musik zwischen den fünfziger und siebziger Jahren geht.

Als Funkadelic 2014 mit First Ya Gotta Shake The Gate mit ihrem ersten Album seit fast einem Jahrzehnt zurück kehrten, freute das nicht nur Funk-Fans. Dass die Platte für Kendrick aber ganz besonders werden sollte, dafür musste er fast zwei Jahre warten. Im Herbst 2015 veröffentlichte die Band einen Louie Vega-Remix des Stücks Ain’t That Funkin’ Kinda Hard On You?, auf dem auch ein Gast-Part von Lamar zu hören war. Es kam aber noch besser: Anfang 2016 wurde eine zweite Version des Stücks releaset, zu Lamars Verse gesellte sich Ice Cube dazu. Drei Generationen auf einem Track vereint – besser ging’s wohl kaum.


3. N.W.A. – Straight Outta Compton

Denn apropos Ice Cube: Wenn wir über Kendrick Lamar reden möchten, dürfen wir von einer ganz besonderen Crew nicht schweigen. „Straight outta Compton / crazy motherfucker called Ice Cube / from the gang called Niggaz Wit Attitude“, heißt es in den ersten Sekunden von Straight Outta Compton und seitdem ist Rap nicht mehr derselbe. Ice Cube, Eazy-E und der Rest von N.W.A. schrieben damit als Pioniere des Gangsta Rap Geschichte.

Die Musik war der wütende, unerbittliche und nicht selten verzweifelte Ausdruck einer harten Lebensrealität, die der ein Jahr vor Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Debütalbums geborene Lamar am eigenen Leib erfahren musste. Wie N.W.A. fand er einen Ausweg in der Musik und nahm mit good kid, m.A.A.d. city eine Platte auf, die seine Lebensgeschichte in ein beklemmendes Narrativ verwandelte. Lamars Zweitwerk war unter anderem deshalb eine solche Sensation, weil er darauf den harten Gangsta Rap im Stile N.W.A.s mit aus New York beeinflusstem Storytelling zur perfekten Synthese brachte.


4. Dr. Dre – The Watcher

 

Für Straight Outta Compton saß niemand Geringeres als Dr. Dre hinter den Reglern. Lamars Bewunderung für den Produzenten und Rapper ist bestens dokumentiert. Auch wissen wir, dass Dr. Dre das Talent des Jungspunds schon früh erkannte. Fast aber hätte es sich Lamar selbst versaut, als er 2010 mit Tech N9ne und Jay Rock auf Tour war. „Mein Kumpel Ali und ich waren bei Chili’s essen, ich werd’ das nie vergessen“, erinnerte er sich grinsend. „Wir bekamen diesen Anruf von wegen ‚Yo, Dr. Dre mag deinen Kram.‘ Wir haben sofort aufgelegt…“

Es kam aber dann doch noch alles so, wie es sollte: Den nächsten Anrufer würgte Lamar nicht so schnell ab. Besser für ihn. So nämlich bekam er die Chance, einen seiner Kindheitsidole zu treffen und sogar mit ihm ins Studio zu gehen. Neben Rakim, Tha Dogg Pound und DMX nannte er den Mastermind Dre als einen seiner prägendsten frühen Einflüsse. Die Verehrung für den zwei Jahrzehnte älteren Rapper hat dabei nicht abgenommen, im Gegenteil: Noch heute konsultiert Lamar ihn in Karrierefragen ebenso wie für kreativen Input. Stimmt schon: „Times is changin’ / young niggas is aging“. Niemand aber ist besser in Würde gealtert als Dre.


5. 2Pac – California Love

Das erste Mal, dass Lamar Dre live und in Farbe erleben durfte, war im Jahr 1995. Gemeinsam mit 2Pac drehte Dre in Compton das erste der zwei Videos zum Überhit California Love. Der Achtjährige war mit seinem Vater dabei und beobachtete von Papas Schultern aus das Treiben. 2Pac sollte nur einem Jahr später den Schussverletzungen nach einem Drive-By-Shooting in Las Vegas erliegen, sein Erbe aber wird von Lamar noch immer gepflegt.

Als 2015 To Pimp A Butterfly erschien, zollte Lamar dem Idol auf die wohl denkbar schönste Weise Tribut: Im Hidden Track des Albums ist der Zusammenschnitt eines 2Pac-Interviews zu hören, das so geschickt arrangiert war, dass daraus ein Gespräch zwischen den beiden Rappern wurde. Ein mehrminütiger Gänsehautmoment für jeden Rap-Fan. Es ist nicht der einzige 2Pac-Verweis in Lamars Werk. In seinem legendären Gastvers für Big Seans Control bezeichnet er sich nicht ohne als „Makaveli’s offspring“. „I’m the king of New York / King of the coast / One hand, I juggle them both“, heißt es weiter – ein Zugeständnis daran, dass der Westküstenrapper Lamar seine Inspiration auch stets von der Ostküste bezog.


6. Nas – N.Y. State of Mind

Neben 2Pac und anderen Rappern aus New York, wie etwa der stark in den Feud zwischen Ost und West involvierten Notorious B.I.G. oder Jay Z, gehört auch Nas zu den großen Vorbildern Lamars. Nicht wenige sahen good kid, m.A.A.d city in der Nachfolge von dessen Überalbum Illmatic und fanden, dass der New Yorker spätestens mit To Pimp A Butterfly endgültig übertrumpft worden sei. Ob das so stimmt, sollen andere entscheiden. So viel zumindest ist sicher: Mit Tracks wie N.Y. State of Mind setzte Nas 1994 neue Maßstäbe im Rap und formulierte das vor, was Lamar mit To Pimp A Butterfly ins Jahr 2015 übertragen sollte. Illmatic vereinte perfektes Storytelling und makellose Rap-Technik mit einer musikalischen Finesse, die jede Facette der Hip Hop-Kultur in sich aufgesogen hatte.

Nasty Nas selbst erwidert die Bewunderung seines Schülers im Geiste. Auf die Vergleiche zwischen Illmatic und good kid angesprochen sagte er gegenüber Genius: „Das ist für mich kein fairer Vergleich, weil Illamtic eine andere Zeit repräsentiert und etwas gänzlich anderes aus anderen Gründen zum Ausdruck bringt. […] Es ist auch Kendricks Album gegenüber nicht fair, weil sein Album etwas ganz Neues zum Ausdruck bringt, das unsere Zeit abbildet. Sein Sound zeigt, was gerade abgeht, er hat einen Einfluss aufs Zeitgeschehen.“ Gibt es in der Rap-Welt ein größeres Kompliment? Wohl kaum…


7. Mobb Deep – Shook Ones, Pt. II

Im selben Interview spricht Nas auch davon, wie er sich selbst nach dem Erfolg seines kongenialen Erstlingswerks starker Konkurrenz ausgesetzt sah. Ob ihn damals Selbstzweifel geplagt hätten, wurde er gefragt und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Oh, aber sicher! Weil Jay Z am Kommen war. Das erste Ghostface-Album kam. Da war Raekwon. Da waren Mobb Deep.“ Gegenüber dem knallharten Gangsta Rap positionierte sich das Duo Mobb Deep an der Ostküste mit düsteren Lyrics und Hardcore-Anleihen.

Neben Mobb Deep-Mitglied Havoc war es vor allem der Rapper Prodigy, der Mobb Deep zu Ruhm verhelfen sollte. Der 2017 verstorbene MC gehörte zu technisch versiertesten seiner Zunft und beeinflusste auch Lamar bei seinen ersten Gehversuchen. Als der nämlich ausgestattet mit nichts weiter als einem Mic und einer gecrackten ProTools-Version als 16-jähriger das Mixtape Youngest Head Nigga In Charge aufnahm, ist darauf der Einfluss des New Yorkers deutlich auszumachen. „Ich war ein riesiger Prodigy-Fan“, erinnerte sich Lamar. „Ich habe komplett seinen Stil gebitet!“


8. Snoop Doog – The Doggfather

Doch nicht nur der unerbittliche Flow eines Prodigy, der sich mit Lines wie „I’m only 19, but my mind is old / And when the things get for real, my warm heart turns cold / Another nigga deceased, another story gets told“ für immer seinen Platz in der Rap-Geschichte gesichert hatte, lieferten für Kendrick als Teenager Inspiration. Auch Mos Def oder, und das überrascht vielleicht eher, Snoop Dogg zählen zu Lamars frühen Helden.

„Es wurden viele Storys über den OG gestrickt“, erzählte Lamar, als er 2016 bei den BET Hip Hop Awards die Laudatio auf den Kollegen halten durfte. „Er hat sich den Respekt eines Uni-Professors erarbeitet, seine Dissertation aber hat er auf der Straße geschrieben. Sein Aufstieg im Game war authentisch, mit einem zweifellos meisterhaften Flow und einem einzigartigen Stil gesegnet, der für immer unser Verständnis von West Coast-Musik verändert hat“, hieß es weiter. Noch heute zeigt sich in Lamars stimmlichen Experimenten und seinem hintergründigen Humor, wo er selbst als Studenten beim Professor Doggfather gut aufgepasst hat.


9. Eminem – Lose Yourself

Geht es um Rap-Technik, führt allerdings kein Weg an einem Rapper aus dem Norden der USA vorbei. Eminem hat die vielleicht überraschendste Karriere im Game überhaupt hingelegt: Das White Trash-Kid aus dem Trailer Park arbeitete sich mit viel irrwitzigem Humor, polarisierenden Statements und absolut übermenschlichen Fähigkeiten zum Rap God hoch. Noch heute, nach einigen enttäuschenden Alben von Marshall Mathers, nennen ihn viele zuerst, wenn die Frage nach dem G.O.A.T. aufgeworfen wird. Doubletime, komplexe Reimketten, Assonanzen wie aus dem Maschinengewehr und brüllende Punchlines – Eminem beherrscht das wie kein Zweiter.

Dass Lamar den Kollegen deswegen als „Genie“ bezeichnet, ist daher nur verständlich. Ems aggressiver Stil soll seinen eigenen Angaben nach legendäre Tracks wie den Backseat Freestyle beeinflusst haben und gerade dessen pubertären Humor dürfte er sich auch vom älteren Kollegen abgeschaut haben. 2013 durfte Lamar sogar im Studio des Idols vorbeischauen, um einen Gast-Verse für The Marshall Mathers LP 2 beitragen. Unter strengen Auflagen allerdings! Um den Zögling zu testen, soll Eminem zum Schreiben alleine in einem Raum eingesperrt zu haben. Angeblich, weil Eminem dachte, dass Lamar einen Ghostwriter für seine Texte habe! Frei nach dem Motto: „Look / If you had / One shot / Or one opportunity / To seize everything you ever wanted / In one moment / Would you capture / Or just let it slip?“ Die Antwort auf diese Frage ist auf dem Feature-Track Love Game zu hören.


10. David Bowie – Lazarus

„What a honor, what a soul. David Bowie, Spirit of Gold. RIP“, twitterte Lamar erschüttert am 11. Januar 2016, dem Tag, als der Tod des flamboyanten britischen Sängers bekannt gegeben wurde. Wie groß seine Überraschung gewesen sein muss, als er hörte, dass Bowies aufwühlendes Abschiedsalbum Blackstar von seiner eigenen Musik beeinflusst war!

Produzent Tony Visconti erzählte gegenüber dem Rolling Stone: „Wir haben [während der Aufnahmen] viel Kendrick Lamar gehört. Natürlich klingt unser Endergebnis nicht danach, aber wir haben einfach geliebt, wie offen Kendrick war und dass er nicht einfach nur ein Hip Hop-Album gemacht hat. Er hat alles mit aufgenommen und genau das wollten wir auch. Das Ziel war in vielerlei Hinsicht, keinen Rock’n’Roll zu machen.“ Das ist Bowie und Visconti gelungen. So wie es Lamar auch immer wieder gelingt, sich allen Kategorien zu entziehen. Er macht Menschenmusik, sagt er. Besser ließe es sich nicht auf den Punkt bringen.


Das könnte dir auch gefallen:

10 Hip-Hop Songs für alle, die keinen Hip-Hop mögen

10 Songs, die Hip Hop definiert haben

Das uDiscover Hip Hop Quiz

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Popkultur

Zeitsprung: Am 24.5.1974 erscheint „Diamond Dogs“ von David Bowie.

Published on

Diamond Dogs

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1974.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit seinem achten Studioalbum Diamond Dogs hat David Bowie am 24. Mai 1974 eine seiner wechselhaftesten, aber auch interessantesten Platten veröffentlicht. Als eine der Vorlagen dient der berühmte Roman 1984 von George Orwell. Ein paar Kompromisse musste Bowie allerdings eingehen.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hört hier Diamond Dogs:


Als David Bowie Anfang 1974 zu seinem achten Wurf ansetzt, liegt die Beerdigung seiner wohl bekanntesten Kunstfigur Ziggy Stardust gerade einmal ein halbes Jahr zurück. Für Diamond Dogs kramt der britische Musiker den Charakter schon wieder hervor, wenn auch unter dem Namen Halloween Jack. Zumindest sind optische Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Die Geschichte beginnt allerdings bei einer der berühmtesten Dystopien aller Zeiten.



Heute wissen wir: George Orwells Jahrhundertwerk 1984 wurde von der Realität in vielerlei Hinsicht nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Zu Beginn der Siebziger treibt David Bowie eine Begeisterung für den gesellschaftskritischen Roman um, sogar auf die Bühne möchte er das Buch bringen. Weil er nicht die nötigen Rechte dazu erhält, setzt er auf einen alternativen Plan und will das fremde Material mit seinen eigenen Vorstellungen einer postapokalyptischen Welt verschmelzen. Das Ergebnis: Songtitel wie 1984 oder Big Brother. Später mischt er die Ideen dann doch mit thematisch weiter gefassten Entwürfen, wodurch sich das Album zu einer komplexen und bunt gemischten Sache entwickelt.

Bowie während der Tour zu Diamond Dogs im Juni 1974 – Pic: Promo/MainMan

Auf der Plattenhülle sieht man Bowie als Fantasiewesen, zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Hund. Nach Erscheinen löst diese Zeichnung des belgischen Malers Guy Peellaert eine Kontroverse aus, denn öffnet man das komplette Cover, kommen in der Urfassung die Genitalien des Geschöpfes zum Vorschein. Das geht natürlich nicht, also wird das Album schnell wieder vom Markt genommen und die entsprechende Stelle übermalt. Heute wechseln Originalexemplare für mehrere Tausend Euro den Besitzer.



Musikalisch orientiert sich die Platte teilweise am Glam der vorherigen Kompositionen Bowies. Mit Songs wie Rock ‘n‘ Roll With Me, 1984 oder Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise) liefert der Ausnahmekünstler allerdings auch einen Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Für letzteres Lied bedient er sich erstmals der Cut-Up-Technik, die vor allem von Autor Williams S. Burroughs bekannt gemacht wurde. Bei dieser Methode werden Texte in ihre Bestandteile zerlegt, um sie anschließend neu zusammenzusetzen — ein Vorgehen, das Bowie weitere 25 Jahre begleiten soll und viele seiner Songs prägt.



Mit Diamond Dogs schafft Bowie gerade rechtzeitig den schrittweisen Absprung vom Glam Rock, der in den Jahren danach zu einer Talfahrt ansetzt, von der er sich nicht mehr erholt. Laut eigener Aussage handelt es sich bei Diamond Dogs um noch deutlich mehr, nämlich ein „sehr politisches Album. Mein Protest. Es entspricht mir mehr als all meine bisherigen.“ In den britischen und in den kanadischen Charts erreicht die Scheibe Platz eins, in den USA Platz fünf — zu jener Zeit Bowies Bestwert.

Zeitsprung: Am 12.11.1964 setzt sich David Bowie für den Schutz langhaariger Männer ein.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

Published on

Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

Marching Pink Floyd GIF - Find & Share on GIPHY

Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

Published on

Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss