------------

Popkultur

Die musikalische DNA von The Carpenters

Published on

Richard und Karen Carpenter

Es gibt eigentlich nur drei Sorten von Bands: Solche die Hotelzimmer kaputtmachen, solche die selbst kaputt gehen und solche, auf die beides zutrifft. Kaum zu glauben, dass selbst das Geschwisterpaar Carpenter in eine diese Kategorie, namentlich die zweite, fällt. Denn die Geschichte von Richard und Karen Carpenter ist nicht nur eine von Welterfolgen und großen musikalischen Momenten, sondern auch vielen persönlichen Tiefs. Karens Tod nach ihrer langjährigen Magersucht im Jahr im Februar 1983 markierte das Ende einer Ära. Ihr Bruder, selbst über lange Zeit von den Dämonen seiner Drogensucht heimgesucht, sollte das Ableben seiner Schwester schwer treffen.


Hört euch hier die musikalische DNA von The Carpenters als Playlist an und lest weiter:


Nein, bei den Carpenters war nicht alles so harmonisch wie es klang oder aussah. Selbst Lester Bangs, der berühmteste aller Rockjournalisten, machte dem Duo unerwartete Zugeständnisse. Die beiden Geschwister würden viel konservativer wirken, als sie es eigentlich seien, schrieb der Rolling Stone-Autor. Er hatte – wie so oft – Recht. Wusstet ihr, dass der Carpenters-Hit Mr. Guder eine Abrechnung mit einem Disneyland-Manager desselben Namens ist? Der hatte die beiden hochkant rausgeschmissen, als sie während eines Engagements zeitgenössische Pop-Musik statt wie gefordert olle Kamellen für ihr Publikum spielten. Dem gefiel das zwar, nur eben der Parkleitung nicht.

Aber so waren die Carpenters nun mal: Sie wollten der Welt lieber etwas Gutes tun. Oft hieß das, dass die beiden alten Songs ein völlig anderes Gewand anzogen. Mit Richards genialem Talent für Arrangements und Karens ebenso sanfter wie eindringlicher Stimme holten sie das allerbeste aus einer Vielzahl von Fremdkompositionen heraus. Den Song Goodbye To Love schrieb Richard sogar in Anlehnung an einen Bing Crosby-Film, in welchem die Hauptfigur mit dem Erfolg eines Stücks mit eben jenem Titel hadert, welches aber im Film nicht zu hören war. Also schrieb Richard ihn kurzerhand selbst. Was das talentierte Geschwisterpaar außerdem inspirierte, erfahren wir mit Blick auf ihre musikalische DNA.


1. Sergei Rachmaninoff – Liebesleid

Richard Carpenter ist ein Meister an den Tasteninstrumenten und ein genialer Arrangeur. Sein Handwerk hat er von der Pieke auf gelernt. Tschaikowski, Red Nichols, Spike Jones und Sergei Rechmaninoff standen bei dem Knirps auf dem Lehrplan, während sich seine Schwester als Tänzerin im Ballett umtrieb.

Mit Rachmaninoff versuchte er schon früh einen der schwierigsten Komponisten überhaupt zu meistern. Die Kompositionen des russischen Spätromantikers gelten als extrem komplex. Kein Problem für Richard, der noch später in seiner Karriere das Warsaw Concerto von Richard Addinsell, welches wiederum auf den Arbeiten Rachmaninoffs basierte, live interpretieren sollte.


2. Les Paul & Mary Ford – How High The Moon

Die Geschwister Karen und Richard pflegten von Kindesbeinen an ein enges Verhältnis und tauschten sich auch bald rege über Musik aus. Insbesondere die Hits von Les Paul und Mary Ford hatten es ihnen angetan. Nachdem Richard im Alter von neun frustriert seinen Klavierunterricht schmiss, brachte er sich das Spielen nach Gehör bei und nahm erst wieder mit elf Jahren den Unterricht auf, bevor er mit 14 zur Yale School of Music zugelassen wurde.

Von Paul und Ford lernten die beiden, mit Overdubs zu arbeiten und ihre Gesangsspuren nach dem Einsingen im Studio zusammenzuführen. Insbesondere Karen stach als Sängerin hervor und wurde als „One-Take-Wonder“ bezeichnet, weil sie gewöhnlich nur einen einzigen Versuch für den perfekten Lauf brauchte. So konnte das ungleiche Geschwisterpaar sein Talent bündeln – Les Paul und Mary Ford hatten es vorgemacht!


3. The Beatles – Ticket To Ride

Die erste Geige oder besser gesagt die ersten Tasten spielte aber stets Richard. 1963 zog die Carpenter-Familie sogar nach Downey, Los Angeles, um ihm bessere Aufstiegschancen im Musikbusiness zu ermöglichen. Zunächst aber musste der Jungspund auf Ochsentour gehen und bei Hochzeiten oder in der Kirche die Orgel bedienen. Auch das war dem rebellischen Teenager jedoch zu langweilig. Nicht selten spielte er neu arrangierte Beatles-Stücke statt langweiliger Messelieder!

So vermutlich kam es dazu, dass die Carpenters auf ihrem Debütalbum eine ungewöhnliche Cover-Version von Ticket To Ride von den Pilzköpfen präsentierten. Aus dem hymnischen Beat-Stück war plötzlich eine einfühlsame, getragene Ballade geworden! Es sollte die Durchbruchssingle der Geschwister werden und sogar ihre erste LP konnte sich nach einer Umbenennung in Ticket To Ride besser verkaufen als zuvor. Wenn das der Pastor wüsste!


4. Dave Brubeck Quartet – Take Five

Das Talent Richards an den Tasteninstrumenten und seine Fähigkeiten als Arrangeur machten aber immer nur die eine Hälfte der Carpenters-Magie aus. Die andere wurde von Karen beigesteuert, die dem Duo weit mehr als nur ihre Stimme lieh. Schon in High-School-Zeiten fand die junge Musikerin heraus, dass ihre Talente am besten auf dem Schlagzeugschemel aufgehoben waren.

1964 investierten die Eltern in ihre Fähigkeiten und kauften ihr ein Ludwig-Schlagzeug, nachdem sie ein ebenfalls trommelnder Freund dazu bewegt hatte. Karen dankte es ihnen, indem sie sich schon bald einen Namen als Jazz-Drummerin machte. Ihre zweifellos größte Inspiration war das Dave Brubeck Quartet, deren Songs wie Take Five sie trotz ihrer Komplexität mit verblüffender Leichtigkeit zu meistern wusste. Sogar ihr Set-Up orientierte sich an dem von Brubecks Drummer Joe Morello.


5. Frank Sinatra – Girl From Ipanema

Der Jazz war es auch, der für Karen und Richard den Ausgangspunkt ihres ersten ernsteren Unterfangens bedeutete. 1965 gründeten sie gemeinsam mit dem Klassenkameraden Wes Jacobs das Richard Carpenter Trio, bei dem sie erstmals mit den Aufnahmetechniken experimentierten, für welche die Carpenters wenig später berühmt werden sollten. Auch spielten sie fleißig Konzerte und erprobten so ihre Bühnenfähigkeiten. 1966 ging es für das Trio sogar auf die Bretter des weltbekannten Hollywood Bowl, wo sie mit einer eigenen Komposition sowie einer Interpretation des Bossa Nova-Standards Girl From Ipanema aus der Feder von Antônio Carlos Jobim auftraten. Girl From Ipanema ist wohl am bekanntesten in seiner Interpretation durch Frank „Ol’ Blue Eyes“ Sinatra.

Das Richard Carpenter Trio sollte Erfolg haben und den „Battle Of The Bands“-Wettbewerb im Hollywood Bowl gewinnen, was sogleich mit ihrem ersten Plattenvertrag belohnt wurde. Unter ihren ersten Aufnahmen fanden sich auch Interpretationen von Beatles-Songs (Every Little Thing) und, na klar, Frank Sinatra (Strangers In The Night). Nur dem Label gefiel das nicht und schon war die Karriere des aufstrebenden Trios wieder vorbei…


6. Dionne Warwick – (They Long To Be) Close To You

Sei’s drum, die Carpenters haben es ja trotzdem geschafft. Durchschlagen konnten sie sich nämlich bestens. Ihre größten Hits stammten indes zumeist nicht aus eigener Feder. Stattdessen vermochten es Karen und Richard, unerfolgreichen Songs ein neues Leben einzuhauchen und die Originale zu übertrumpfen. Oder an wen denkt ihr bei den Zeilen „Why do birds suddenly appear / ev’ry time you are near“? Na klar, die Carpenters.

Geschrieben hat den Song (They Long To Be) Close To You allerdings ein anderer: Burt Bacharach. Die gemeinsame Komposition mit Hal David wurde zuerst von Richard Chamberlain mit mäßigem Erfolg eingesungen, bevor Dionne Warwick das Stück bekannt machte. Zum Welterfolg allerdings brachten es erst die Carpenters 1970 mit ihrer Interpretation. Sie hauchten dem Stück das gewisse Etwas ein. Insbesondere Karen natürlich, die darauf eine ihrer besten Gesangsleistungen ablieferte.


7. Joe Cocker – Superstar (Live At The Fillmore East 1970)

Zeit ihrer Karriere bewiesen die Carpenters ein unvergleichliches Gespür für das ungenutzte Potenzial, das in fremden Kompositionen schlummerte. Mit Superstar von Bonnie Bramlett und Leon Russell allerdings hatten sie sich ordentlich etwas vorgenommen: Zuerst erschien der Song nämlich auf dem Live-Album Mad Dogs & Englishmen von Joe Cocker, gesungen wurde er dort von Rita Coolidge. Eine ganz schöne Herausforderung!

Die Carpenters aber meisterten sie. Ein paar Kompromisse mussten sie dennoch machen. Nicht nur klang der Song als solcher glatter, auch die Lyrics mussten sie ändern: Aus „I can hardly wait to sleep with you again“ machten sie „I can hardly wait to be with you again“. Aus ihrem Saubermann-Image war eben kein Ausbrechen. Das wurde ihnen beiden zum Verhängnis.


8. Ella Fitzgerald – My Funny Valentine

Unter der heilen Fassade des erfolgreichen Geschwisterpaars nämlich brodelte es schon lange. 1979 ließ sich Richard schließlich wegen seiner Drogenabhängigkeit einweisen. Seine Schwester stritt derweil ab, an Magersucht zu leiden und verweigerte jede Behandlung. Da ihr Bruder sich eine Pause gönnte, um neue Kraft zu sammeln und seine Dämonen ein für alle Mal zu verbannen, wollte Karen die Zeit lieber für ihr erstes Solo-Album nutzen. Es sollte ihr einziges werden und in einem kreativen Desaster enden. Erst 13 Jahre nach ihrem Tod erschien die Platte, deren Produktion fast eine halbe Million Dollar verschlungen hatte.

Während sich Richard langsam wieder ans Spotlight annäherte, ging es mit Karens Gesundheit Anfang der achtziger Jahre rapide bergab. Einer ihrer letzten Karrierehöhepunkte war ein gemeinsames Medley mit Ella Fitzgerald im Rahmen des Carpenters-TV-Specials Music, Music, Music im Jahr 1980. Gemeinsam sangen die beiden ein unvergessliches Duett mit vielen Klassikern und Standards aus Fitzgeralds Repertoire wie etwa My Funny Valentine.


9. Dusty Springfield – Son Of A Preacher Man

Bis heute kümmert sich Richard um das Erbe seiner 1983 an den Folgen ihrer Magersucht verstorbenen Schwester. Leicht werden ihm aber weder die Verwaltung des Nachlasses noch die ersten Schritte als Solo-Künstler nach Karens Tod gefallen sein. Mit Karen ging nicht nur seine Schwester und engste Vertraute, sondern auch seine beste musikalische Partnerin. Die beiden hatten sich ergänzt wie sonst kaum jemand. Das ließ sich nicht ersetzen.

Als Richard vier Jahre später mit seinem ersten Solo-Album zurückkehrte, fanden sich darauf viele Gastsängerinnen, doch die Carpenters-Magie fehlte. Neben einem Stück mit Dionne Warwick allerdings stach zumindest Something In Your Eyes heraus, der gemeinsame Song mit Dusty Springfield. Obwohl Springfields ungleich rauchigere Stimme nicht an Karens herankam: So ging es auch.


10. Sonic Youth – Tunic (Song For Karen)

Den Carpenter-Geschwistern wurde ihre Karriere über ein Image aufgezwängt, unter deren Last sie letztlich zerbrochen sind. Dabei hatten sie sich doch, wie wir gesehen haben, oft genug die Konventionen aufgelehnt. Das erkannten Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre sogar Bands aus der US-Indie Rock-Szene, die dem Duo 1994 mit der Compilation If I Were A Carpenter ein Denkmal setzten.

Neben Shonen Knife, den 4 Non Blondes und der irischen Band The Cranberries waren auch Sonic Youth mit einem Stück vertreten. Es war nicht das erste Mal, dass sie Karen Carpenter ihren Tribut zollten: Tunic (Song For Karen) vom 1990 erschienenen Album Goo war der Sängerin gewidmet. Was die wohl zu dem krachigen Sechs-Minuten-Song gesagt hätte? Wir werden es leider nie erfahren…


Das könnte dir auch gefallen:

Die musikalische DNA von Paul McCartney

Die musikalische DNA von Joe Cocker

10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

Popkultur

Komplex, überraschend, mitreißend: „Octopus“ der Prog-Legenden Gentle Giant wird 50!

Published on

Gentle Giant
Foto: Jorgen Angel/Getty Images

Am 1.12.1972 veröffentlichten Gentle Giant ihr Album „Octopus“ — ein grandioses Werk zwischen Komplexität, Überraschung und Eingängigkeit.

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch Octopus anhören:

Es gibt Alben, die schwere Geburten sind. Und es gibt Alben, bei denen von Anfang an alles rundzulaufen scheint — die Ideen, der Vibe, die Stimmung im Studio. Als Gentle Giant am 24. Juli 1972 ins Tonstudio gingen, um ihr viertes Album aufzunehmen, war zweiteres der Fall. „Ich erinnere mich, dass wir uns ziemlich sicher fühlten, als wir dieses Album aufnahmen”, erinnert sich  Gitarrist Gary Green in den Liner Notes der Neuauflage des Albums. „Wir hatten einen guten Haufen Melodien und unsere Studiotechnik (besonders die von Ray) wurde mit jeder Platte besser. Wir experimentierten weiter mit Instrumentenkombinationen, Sounds und Effekten und tauschten unsere Ideen mit dem Tontechniker Martin Rushent aus, der unsere verrückten Ideen voll und ganz unterstützte“.

Großes Selbstvertrauen, große Inspiration

Die Inspiration war so groß wie das Selbstvertrauen, die Band brauchte nicht lange, um dorthin zu kommen, wo sie hin wollte: Am 5. August 1972 waren die Aufnahmesessions schon wieder zu Ende. Herausgekommen ist in diesen wenigen, höchst kreativen Tagen dabei eines der komplexesten, vielschichtigsten und bemerkenswertesten Alben der Prog-Geschichte. Wohin die Reise auf Octopus gehen würde, macht bereits der Opener The Advent Of Purge klar. Extrem vielschichtig, vertrackt, überbordend vor Ideen und Richtungen. Octopus geht seinen eigensinnigen Weg zwischen Prog, Jazz und Klassik. Manchmal meint man auch, etwas Folk-Einflüsse durchzusehen. Es setzt auf Gesangsschichtungen, Kontrapunkte und überraschende  Wendungen, auf das Spiel mit Dissonanzen und Brüchen — nur um wenige Sekunden später wieder plötzlich völlig eingängig daherzukommen.

Literarische und philosophische Inspirationen

Natürlich musste das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Anspruch und einen roten Faden haben. So ließ man sich von literarischen und philosophischen Werken inspirieren — unter anderem von den französischen Schriftsteller François Rabelais und Albert Camus. Die Band selbst war zufrieden mit dem Ergebnis. „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht“, erklärte Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Ray Shulman einmal.

Zur Genese des Albums erzählt er: „Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“ Dass die Platte Octopus heißt, soll der Ehefrau von Shulmans Bruder und Bandkollegen Phil Shulman geschuldet sein. Die brachte Octopus als Anspielung auf die Zahl acht (die Anzahl der Tracks) und das Wort Opus ins Spiel.

Ein geniales gut gealtertes Werk

Oft ist es bei Alben, die zu jener Zeit als avantgardistisch gelten ja so, dass man Jahrzehnte später bemerkt, dass sie irgendwie schlechter gealtert sind oder anachronistisch klingen. Bei Octopus ist dies nicht der Fall — das kreative Wagnis von Garry Green, Kerry Minnear, Derek, Ray und Phil Shulman sowie John Weathers klingt heute sogar noch überraschend frisch. Octopus quillt nur so über voller musikalischer Abenteuerlust — und klingt bei aller Raffinesse und allem Intellekt nie verkopft. Im Gegenteil: Manchmal, wie in „Dog’s Life“ geht es textlich geradezu leichtfüßig zur Sache.

2015 hat sich Prog-Superstar Steven Wilson der Platte angenommen und den Mix überarbeitet — so erstrahlte Octopus in Wilsons Remix/Remaster noch besserer Soundqualität. Aber in welcher Version auch immer: Octopus ist ein mitreißendes Abenteuer, das im Plattenregal jedes Prog-Fans stehen sollte. Octopus zeigt auch den besonderen Status, den Gentle Giant in der Proggeschichte haben. Sie wurden keine Superstars wie andere ihrer Kollegen und Kolleginnen — leider! — aber gelten als wichtiger Einfluss für viele Bands, die danach kamen.

Eine großartige Platte und eine unbedingte Empfehlung!

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Continue Reading

Popkultur

„Happy Xmas (War Is Over)“: Wie der Protestsong zu einem Weihnachtsklassiker wurde

Published on

John Lennon und Yoko Ono

„And so this is Christmas“: Man könnte mit dem Zitieren des Textes hier aufhören und hätte seinem Gegenüber bereits einen Ohrwurm verpasst. Längst ist der Song aus der Feder von John Lennon und Yoko Ono ein Klassiker in Sachen Weihnachts- und Protestsong – normalerweise nicht unbedingt miteinander verwandte Genres.

von Markus Brandstetter

Dabei sah es zumindest bei der Erstveröffentlichung in den USA zunächst nicht danach aus, als hätte man es hier mit einem zukünftigen Klassiker zu tun. Denn als Happy Xmas (War Is Over) am 1. Dezember 1971 in den Vereinigten Staaten erschien, schaffte der Song zunächst nur mäßige Chartplatzierungen. Gut, der Platz drei bei den Billboard Christmas Singles Chart mal ausgenommen. Das hatte einerseits damit zu tun, dass man Weihnachtssongs, zumindest damals, für gewöhnlich mit etwas mehr zeitlichem Vorlauf veröffentlichen sollte, andererseits schien auch die PR-Abteilung nur wenig motiviert.

Erfolg in Großbritannien

In Lennons Heimat Großbritannien sah das schon besser aus. Allerdings dauerte es bis zum Release dort eine ganze Weile. Aufgrund von einem Streit um Publishing-Rechte mit Northern Songs erschien der Song dort erst am 24. November 1972. Happy Xmas (War Is Over)  schaffte es bis auf Platz vier der Single-Charts, die Platte musste bald nachgepresst werden. Zunächst erschien der Song nur als Single, auf einem Album landete er erst 1975 – auf der Compilation Shaved Fish.

Ewiger Klassiker

Aber was macht Happy Xmas (War Is Over) so bemerkenswert und erinnerungswürdig? Den Slogan ansich hatten Lennon und Ono nicht erfunden, der tauchte bereits in anderen Stücken auf – bei The Doors und John Ochs. Lennon und Ono waren zu dem Zeitpunkt bereits bekannte Aktivist*innen, hatten mit den Bed-Ins, bei denen sie im Bett vor Medienvertreter*innen für den Weltfrieden demonstrierten, bereits für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Lennon und Ono ließen in zwölf großen Städten Plakate mit den Worten „WAR IS OVER! If You Want It – Happy Christmas from John & Yoko“ errichten.

Bei dem Stück trifft eine eingängige, durchaus weihnachtstaugliche Melodie auf Sozialkritik. Diese kommt aber nicht von oben herab, sondern eher mit besorgt-freundlichem, sanft optimistischen Ton. Lennon wollte Kitsch vermeiden, aber die soziale Message in etwas Eingängiges packen. Es war Lennons und Onos Statement gegen den Vietnamkrieg, der noch bis 1975 wütete und viele Opfer fordern sollte. Man könnte sagen, der Song setzte dort an, wo Give Peace A Chance 1969 aufgehört hatte. „And so happy Christmas / For black and for white / For yellow and red ones / Let’s stop all the fights / A very merry Christmas / And a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / Without any fears“ heißt es darin. Unterstützt werden Lennon und Ono gesanglich vom Harlem Community Choir, den Lennon für die Aufnahmen leitete.

Eigenleben

Happy Xmas (War Is Over), produziert von Phil Spector, nahm über die Jahre ein Eigenleben an. Es kam immer wieder in die Charts – die höchste Platzierung erfuhr es nach der Ermordung Lennons 1980 mit Platz zwei der britischen Single-Charts (Platz eins ging damals an Imagine). Er wurde tausende Male gecovert – von Celine Dion und Neil Diamond, von Carly Simon und REO Speedwagon, von Laura Pausini und Miley Cyrus, von Jimmy Buffett, John Legend und Jessica Simpson.

Längst gehört Happy Xmas (War Is Over) in den Kanon der Weihnachtsklassiker – und jener der Protestsongs. Man kann den Fokus beim Hören legen wie man möchte. Happy Xmas (War Is Over) funktioniert als nachdenklicher, altruistischer Weihnachtssong, als Statement gegen Krieg – und als ewig gültige und stets nötige Hoffnung, dass sich die Welt vielleicht doch ein Stück bessert.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

„Imagine“: Wie der kontroverse Song von John und Yoko zur Friedenshymne wurde

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.12.1944 erblickt The-Doors-Drummer John Densmore das Licht der Welt.

Published on

Foto: Chris Walter/WireImage/GettyImages

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 01.12.1944.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Dezember 1944 wird John Densmore geboren, Drummer von The Doors. Der Kalifornier zeichnet sich nicht nur als Jazz-geschulter Rhythmiker und präziser Psychedelic-Percussionist aus, sondern später auch als idealistisches Gewissen der Band.

Hier könnt ihr euch die größten Hits der Doors anhören:

Der junge John trommelt schon zu High-School-Zeiten, in der Marschkapelle nämlich. Er besucht zunächst das Santa Monica City College, um später auf der California State University in Northridge dann doch bei einem Studium der ethnischen Musik unter der Ägide von Jazz-Cellist Fred Katz zu landen. Erste eigene musikalische Gehversuche unternimmt er Mitte der Sechziger zusammen mit Gitarrist Robby Krieger in einer Band namens The Psychedelic Rangers. 

Hereinspaziert ins Hippieleben

Wenig später musiziert er bereits mit Keyboarder Ray Manzarek, dessen zwei Brüdern und einem gewissen Jim Morrison in einer Combo namens Rick & The Ravens. Nach dem Ausstieg der unbekannteren Manzareks-Brüder rekrutiert Densmore schließlich seinen alten Gitarrenkumpel Krieger. Und so sind The Doors geboren, eine der einflussreichsten Psychedelic-Blues-Rock-Bands über die Hippie-Ära hinaus.

Ladies & gentlemen, The Doors! Ganz links: John Densmore.

Mit seinem reduziert-ökonomischen und stets taktvollem Spiel ist Densmore der perfekte Mann im Hintergrund, der dem vielgliedrigen Tasten- und Saitenspiel von Manzarek und Krieger sowie dem mit der Zeit immer eruptiver werdenden Frontmann Morrison die nötige Rückendeckung gibt. Dabei lässt sich nicht überhören, dass Densmores Drum-Verständnis eher an Jazzgrößen wie Elvin Jones aus der Band von John Coltrane geschult ist als an den Rhythmus-Rampensäuen des Rock.

Rhythmisches Rückgrat

Dass der Drummer darüber hinaus auch so etwas wie das moralische Rückgrat der Band darstellt, beweist er zunehmend nach dem Tod von Sänger Jim Morrison im Jahre 1971. Dessen bekannte ablehnende Haltung gegenüber kommerzieller Ausschlachtung und Weiterverwertung des Doors-schen Schaffens übernimmt Densmore stellvertretend: Als 2003 der Autohersteller Cadillac den verbliebenen Bandmitgliedern das stolze Sümmchen von 15 Millionen US-Dollar für die Werbenutzungsrechte ihres Hits Break On Through (To The Other Side) anbietet, macht Densmore von seinem Vetorecht Gebrauch. Das geschieht ganz in Anlehnung an Morrisons einstiges Aufbrausen, als die restlichen Doors es im Oktober 1968 tatsächlich in Erwägung gezogen hatten, vom Automobilkonzern Buick für die potentielle Verfremdung ihres Riesenhits Light My Fire für einen Werbejingle mit den unschönen Zeilen „Come on, Buick, light my fire“ 75.000 Dollar kassieren zu können.

Seiner antikommerziellen Attitüde entsprechend ist Densmore auch derjenige, der juristisch vorgeht, als Krieger und Manzarek zusammen mit The-Cult-Sänger Ian Astbury im Jahre 2002 beschließen, unter dem Bandnamen Doors Of The 21st Century zu touren. Das Gericht kommt mit Zeugenaussagen zugunsten Densmores von solch prominenten Musikerkollegen wie Bonnie Raitt, Randy Newman, Neil Young, Tom Petty, Eddie Vedder und Tom Waits der Klage des Drummers im Sommer 2005 schließlich nach und urteilt zu dessen Gunsten. In seinem 2013 veröffentlichtem Buch The Doors: Unhinged blickt der Schlagzeuger auf ebendiese juristischen Streitigkeiten zurück. 

Frühe Großtaten

Dagegen wird es in Sachen Solokarriere oder neuen Bands nach dem Ende der Doors eher still um Densmore. Nach seinem Bühnendebüt als Schauspieler in einem selbstverfassten Einakter 1984 schreibt er in den Achtzigern vermehrt Musik fürs Theater und tritt gelegentlich noch in Filmen wie Get Crazy oder der Teenie-TV-Serie Beverly Hills 90210 auf. Die Musikfilm-Doku Re:Generation von 2012 zeigt den Trommler indes, wie er noch einmal im Studio mit dem angesagten Dubstep-DJ und Musikproduzent Skrillex kollaboriert. 

Dass Densmore in der kurzen, aber höchst einflussreichen, nur vier Jahre währenden(!) Hauptwirkungszeit der Doors mit Morrison (die immerhin sechs originäre Studioalben abwirft) Musikgeschichte geschrieben hat, steht außer Frage. Anlass genug also für einen Trommelwirbel zu seinem Ehrentag – aber bitte mit Jazzbesen!

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss