Join us

Popkultur

Die musikalische DNA von Paul McCartney

Published on

Als sich im Jahr 1954 zwei Teenager im englischen Speke auf dem Weg zur Schule kennenlernten, war noch nicht abzusehen, was die nächsten 16 Jahre für sie bringen würden. Paul McCartney erinnert sich eher verschämt daran, wie er George Harrison damals begegnete. Er sei arrogant gewesen, erzählt er einst in einem Interview, weil Harrison ein Jahr jünger als er war. Hätten sie damals nur gewusst, dass das Schicksal sie für fast ein halbes Jahrhundert zusammenschweißen sollte!

McCartneys Arroganz von damals sei entschuldigt. Nicht nur wird er in den folgenden Jahrzehnten Harrison allen erdenklichen Respekt zukommen lassen, er schreibt auch die wohl einfühlsamsten Songs aller Zeiten. Selbst inmitten einer Truppe von Genies, Seite an Seite mit genialen Songwritern wie John Lennon und Harrison, steht McCartney immer noch unerreicht für sich. Was er den Kollegen stets voraus hat, ist aber natürlich nicht das Alter. Sondern ein einmaliges Ohr für die perfekte Melodie, das sich mit einem ausgeprägten Interesse für Musik jeglicher Couleur paart. Kaum zu glauben, dass er sich das alles selbst beigebracht hat.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Jetzt in unserem Shop erhältlich:

Paul McCartney - McCartney III Imagined
Paul McCartney
McCartney III Imagined
Ltd. Splatter 2LP, CD, 2LP

HIER BESTELLEN


„Ich denke, mein musikalischer Ansatz ähnelt dem eines Höhlenmenschen, der ohne Ausbildung gemalt hat“, sagte McCartney einmal. Eine seltsame Aussage, oder? Einerseits stimmt es natürlich, dass er kein musikalisches Training im klassischen Sinne vorzuweisen hat und laut Selbstaussage nicht mal Noten lesen kann. Andererseits hat McCartney einiges dadurch gelernt, dass er sich intensiv mit der Musik anderer auseinandergesetzt hat. Ein Blick auf die musikalische DNA Paul McCartneys zeigt uns, wer ihm was beigebracht hat und was er letztlich daraus gemacht hat. Denn aus dem schnoddrigen Teenie von damals wurde ein Songwriter, wie ihn die Welt zuvor noch nicht gehört hatte.

1. Slim Whitman – All Kinds Of Everything

Alle fangen mal klein an und auch Paul McCartney macht da keine Ausnahme. Zum Glück hatte er einen musikalischen Vater, der selbst als Trompeter und Pianist in diversen Jazz-Bands aktiv war und den Sohnemann stets dazu ermutigte, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Klavierstunden lehnte Paul aber ab, es ging für ihn bestens nach Gehör! Auch die Trompete, die ihm sein Vater zum 14. Geburtstag schenkte, war schnell Geschichte, als der Rock’n’Roll Pauls Leben betrat. Er tauschte sie gegen eine Akustikgitarre ein.

So zumindest konnte er beim Musizieren auch singen. Nur machte ihm die Gitarre Probleme, weil sie für Rechtshänder gemacht war. Was tun? McCartney fand die Lösung in einem Musikmagazin, genauer gesagt auf einem Foto, das Slim Whitman zeigte. Der spielte auch auf einer Gitarre für Rechtshänder, hatte aber die Saiten anders herum aufgezogen. Eine Offenbarung für den jungen Paul, der schon bald darauf das Instrument meistern und seine ersten Songs darauf schreiben sollte. Der jodelnde Folk-Barde Whitman wurde übrigens noch von einem anderen Beatle als Inspiration genannt: George Harrison.

2. James Jamerson – Bernadette (Bass Line)

Wenn wir an Paul McCartney denken, dann haben wir eher selten eine Gitarre und vielmehr einen Bass vor Augen. Der Beatle gilt nicht ohne Grund als einer der innovativsten Bassisten aller Zeiten. Das liegt unter anderem daran, dass er sich nicht nur von Rock’n’Roll inspirieren ließ – beispielsweise bediente er sich für I Saw Her Standing There großzügig bei I’m Talking About You von Check Berry –, sondern auch vom Motown-Sound und Jazz. Lange bevor McCartney gemeinsam mit Motown-Legende Stevie Wonder im Jahr 1982 den unvergesslichen Hit Ebony & Ivory aufnahm, sog er den Soul in sich auf.

„Den größten Einfluss auf mein Bassspiel hatte James Jamerson, der auf vielen meiner Lieblingsplatten von Motown mitgespielt hat“, verriet McCartney in einer Fan-Fragerunde. Fast lässt sich auch eine Parallele zwischen den beiden ziehen, agierten sie doch stets deutlicher im Vordergrund als ihre Bandgenossen. Jamerson mag zwar heutzutage als einer der einflussreichsten Bassisten aller Zeiten gelten, im Spotlight war das Funk Brothers-Mitglied  jedoch selten zu finden. Dabei sind doch Basslines wie die von Bernadette von den Four Tops für die Ewigkeit geschrieben, wie dieser Instrumental-Mix des Stücks deutlich zeigt.

3. Buddy Holly – Peggy Sue

Der Soul-Sound Detroits war aber bei weitem nicht das einzige, was schon früh aus den USA nach Großbritannien herüber schwappte, bevor die vier jungen Beatles selbst die „British Invasion“ anführen sollten. Der US-Amerikaner Buddy Holly sollte in seiner kurzen Karriere – nur 22 Jahre alt wurde der Gitarrist, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam – für immer seinen Fingerabdruck auf dem Rock’n’Roll hinterlassen. Er inspirierte auch eine kleine Skiffle-Group aus Liverpool, deren ersten vierzig Songs laut einem ihrer Mitglieder von Holly beeinflusst gewesen sein. Genau, die Rede ist natürlich von den Beatles und McCartney, der als einer der größten Holly-Fans weltweit gilt. Selbst der Name der Beatles leitete sich von Hollys Band ab, den Crickets.

1971 kaufte McCarty die Veröffentlichungsrechte an Hollys gesamten Katalog und führte 1976 anlässlich des vierzigsten Geburtstags des Idols die jährliche „Buddy Holly Week“ in England ein. Seitdem wird er immer wieder als Experte herangezogen und spricht gerne über das Rock-Genie. Neben Songs wie That’ll Be The Day, das die Beatles – damals noch unter dem Namen The Quarrymen – schon früh in ihrer Karriere coverten, war es vor allem ein Song wie Peggy Sue, den McCartney immer noch gerne live spielt, der die jungen Pilzköpfe nachhaltig beeindrucken sollte. Besonders sehenswert ist es, wie er sich bei einer Studiosession mit Ronnie Wood die Gitarre schnappt und während einer kleinen Jam-Session die harmonischen Feinheiten des Songs diskutiert.

4. Carl Perkins – Blue Suede Shoes

Selbst Buddy Hollys Karriere wäre vielleicht aber nie möglich gewesen, hätte er sich nicht eines Tages nach einem Konzert mit Elvis Presley ein Herz gefasst. Im Vorprogramm vom absoluten King Of Rock zu spielen, bewirkt eben Wunder. Auch McCartney und die Beatles haben Elvis einiges zu verdanken. Der wiederum aber hatte auch seine Idole, darunter den kauzigen Rockabilly-Sänger Carl Perkins, der den von Elvis berühmt gemachten Song Blue Suede Shoes geschrieben hatte. „Gäbe es Carl Perkins nicht, die Beatles würden nicht existieren!“, sagte McCartney selbst.

Wie schon bei Buddy Holly war es wohl der abenteuerliche Stilmix, für den Perkins einstand. Blues, Country, Pop, das alles in einem einzelnen Song zu hören, war 1955 noch im wahrsten Sinne unerhört. Aber die Beatles und McCartney waren auf der Suche nach dem Unkonventionellen. Sie fanden es in Perkins. Ob das heißen soll, dass Elvis ihnen nicht weiter wichtig war? Schließlich ist er nicht mal auf dem Sgt. Pepper-Cover zu sehen! Iwo, winkte McCartney ab. „Elvis ist einfach zu wichtig und zu weit über allen anderen, um ihn zu erwähnen“, beschwichtigte er die Nachfragen. „Er war mehr als ein Pop-Sänger, er war Elvis the King!“ Warum Perkins aber darauf nicht aufgeführt wird…?

5. Little Richard – Long Tall Sally

Naja, zumindest waren Elvis und Perkins nicht allein – selbst Little Richard findet sich nicht auf dem wohl ikonischsten Cover-Artwork der sechziger Jahre! Dabei war es doch ein Little Richard-Song, mit dem McCartney seine Bühnenkarriere begann: Bei einer Talentshow stand er das erste Mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und spielte Long Tall Sally, den auch die Beatles später coverten. Auch nach seiner Beatles-Karriere blieb McCartney dem Idol treu und spielte dasselbe Stück auf Tour mit seiner Band Wings.

Wichtiger noch als Little Richards exaltiertes Auftreten und sein legendäres Gitarrenspiel war wohl seine Stimme. McCartney ahmte den Falsetto-Gesang des US-Amerikaners nach und gab sogar zu, I’m Down von den Beatles extra geschrieben zu haben, um sich im selben Register zu versuchen! Selbst bei einem Auftritt mit den verbliebenen Nirvana-Mitgliedern im Jahr 2013 spielte McCartney Long Tall Sally. Ein Song, der ihn zweifelsohne sein ganzes Leben lang begleitet.

6. The Beach Boys – God Only Knows

Es waren aber nicht immer nur bereits etablierte Helden, die sich maßgeblich auf das Schaffen der Beatles im Allgemeinen und auf McCartney im Speziellen auswirkten. Mit Beach Boys verbindet die Band ein produktiver Konkurrenzkampf, der sich über mehrere Alben erstreckte. Beide Bands liebäugelten in den Sechzigern stark mit der aufkommenden Psychedelic Rock-Welle und nahmen sich im Studio alle möglichen Freiheiten. McCartney lobte den Beach Boys-Mastermind Brian Wilson, „weil er ungewöhnliche Wege ging.“ Mehr als einmal sollten sich ihre eigenen Pfade überkreuzen.

Alles gipfelte im Jahr 1966, als beide Bands mit ihren bis dahin ambitioniertesten Alben ins Rampenlicht traten: Revolver von den Beatles einerseits, Pet Sounds von den Beach Boys andererseits. Angestachelt von den revolutionären Aufnahmemethoden Wilsons machten sich die Beatles sogleich daran, die kalifornischen Kollegen mit Sgt. Pepper zu übertrumpfen. Dabei war doch für Wilson selbst ein voriges Beatles-Album der Maßstab gewesen: Rubber Soul. Der Wetteifer beider Bands und ihrer Mitglieder hinderte sie allerdings nicht daran, Freundschaft zu schließen. Noch im Jahr 2002 trafen McCartney und Wilson auf der Bühne zusammen, um God Only Knows, dem zentralen Stück von Pet Sounds gemeinsam aufzuführen.

7. John Cage – Williams Mix

Sgt. Pepper markierte den Beginn eines neuen Zeitalters und das nicht nur für McCartney und seine Band, sondern auch für Pop im Allgemeinen. Plötzlich war viel mehr erlaubt als je zuvor und das Studio wurde zum Instrument. Die Grundlagen dafür legten sie allerdings schon früher. Schon Mitte der sechziger Jahre hatte Paul angefangen, mit Tonbändern zu experimentieren und nahm Stimmen oder Instrumente auf, die er dann im Loop abspielte. Ein Stück, auf dem diese Experimente zu hören sind, ist Tomorrow Never Knows von Revolver. Die Inspiration dafür lieferten Avantgarde-Komponisten wie der Deutsche Karlheinz Stockhausen oder der US-Amerikaner John Cage.

Die Liebe zu Cages revolutionären Musikexperimenten war es übrigens auch, die Yoko Ono und die Beatles zusammen brachte. Zuerst soll sie McCartney nach Manuskripten gefragt, weil sie gerade an einem Buch über Cage arbeitete. Der konnte nicht weiterhelfen und verwies auf den Kollegen Lennon. Wir wissen ja, wie die Geschichte ausging! McCartneys Interesse für avantgardistische Musik verließ ihn hingegen nicht, wie das 2000 erschienene Album Liverpool Sound Collage bewies, worauf er die Collagetechniken von damals in neuem Gewand wieder aufleben ließ. Es wäre vermutlich nie so weit gekommen, hätte er nicht Stücke wie das zwischen 1951 und 1953 von Cage produzierte Williams Mix zu hören bekommen.

8. Claudio Monteverdi – Sì dolce è’l tormento

Nicht aber allein für die sogenannte Neue Musik, sondern auch für die Klassik hat McCartney etwas übrig. Das wissen wir aber eigentlich schon lange. Spätestens seit Eleanor Rigby, um genau zu sein. Selbst klassische Gesangsstile probierte McCartney aus, wie auf der Beatles-Interpretation von Bésame Mucho zu hören ist. Je weiter seine Karriere voran schritt, desto intensiver beschäftigte sich McCartney mit klassischen Kompositionen. 1991 schrieb er ein Stück für die Royal Liverpool Philharmonic Society, er kollaborierte mit dem Komposnisten Carl Davis für Liverpool Oratorio und veröffentlichte 2006 das Album Ecce Cor Meum – und noch viel mehr!

Wie passt es aber zusammen, dass jemand, der laut eigener Aussage ein selbstgelernter Musiker ist, der nicht einmal Noten lesen kann, plötzlich Werke für ganze Orchester schreibt? Erneut lautet die Antwort: McCartney hat intensiv zugehört. Bach hätten die Beatles früher studiert, sagte er während einer Fragerunde und behauptete zugleich, dass sich viele von Claudio Monteverdis Stücken anhörten wie von den jungen Beatles geschrieben. „Er kannte nicht viele Akkorde“, frotzelte McCartney über den italienischen Barockkomponisten. Zugleich gestand McCartney aber, selbst nicht sonderlich viel über klassische Musik zu wissen und sagte weiter, dass genau das ein Segen sei. „Wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, habe ich nichts im Kopf“, hieß es. „Was ganz gut ist, denke ich, denn so wird es hoffentlich origineller.“

9. Blind Willie Johnson – Let Your Light Shine On Me

Avantgarde, Klassik und seit den neunziger Jahren auch Electronica: Kein Zweifel, Paul McCartneys Interessen sind nicht nur breit gefächert, sie orientieren sich auch am Puls der Zeit. Trotzdem war es eine kleine Überraschung für viele Fans, als sich der Ex-Beatle mit dem Killing Joke-Mitglied Youth unter dem Namen The Fireman zusammen schloss. Killing Joke nahmen 1979 als Post-Punk-Band ihren Anfang und gehörten damit zu einer Welle von Bands, die dem rotzigen Punk-Sound ein Requiem sangen, wie auch der erste Song von Killing Jokes selbstbetiteltem Debüt hieß.

Von den ersten kratzigen Synthesizer-Klängen war Killing Joke ein Album, das vieles anders klingen ließ als zuvor, eine Platte, die der „No Future“-Attitüde von Punk ein lautes „Anything Goes!“ entgegen setzte. Kein Wunder eigentlich, dass McCartney sich davon beeindrucken ließen. Denn hatten die Beatles nicht in den sechziger Jahren genau dasselbe gemacht? Erst 1993 jedoch rief er Youth an, weil er nach Remixen für sein Album Off The Ground suchte. Er fand einen Kollaborationspartner für das vielleicht ungewöhnlichste Projekt seiner Karriere als Musiker. Trotzdem gedachte er dabei auch seiner Wurzeln im Blues: Das Fireman-Stück Light From Your Lighthouse basiert auf einem Song von Blind Willie Johnson, Let Your Light Shine On Me.

10. Rihanna – Bitch Better Have My Money

So wie es unmöglich ist, Paul McCartneys gesamte musikalische DNA erschöpfend zu beleuchtend, ohne darüber gleich eine ganze Dissertation zu schreiben, so schwierig ist es ebenfalls, seinen Einfluss auf die Musikgeschichte adäquat zu beleuchten. Wir machen es uns heute mal einfach und sagen: Alles, was nach 1966 geschrieben und aufgenommen wurde, wäre ohne McCartneys Schaffen so nicht möglich gewesen. Das erstreckt sich selbstverständlich genauso auf das zeitgenössische Pop-Geschehen.

McCartney teilte sich nicht nur mit einem globalen Megastar wie Taylor Swift die Bühne, er kollaborierte im Jahr 2015 auch mit Kanye West und Rihanna für die Single FourFiveSeconds. Eine Überraschung für Fans von allen dreien. Ein Rapper, eine R’n’B-Sängerin und ein Ex-Beatle – was für eine Kombination! West und McCartney hatten sich schon 2014 für das Stück Only One zusammen geschlossen, Rihanna aber verliebte sich während der gemeinsamen Aufnahmen mit West zu ihrem Album ANTI in die Komposition. „Wenn du die Lyrics liest, ist es ein komplett anderer Songs als der, den du hörst“, schwärmte sie von der West-McCartney-Kollaboration. „Die Musik ist unbeschwert, aber der Text ist laut und voll auf die Fresse!“ Damit kennt sich die Bitch Better Have My Money-Sängerin ja bestens aus…

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Songs, die jeder Beatles-Fan kennen muss

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Popkultur

40 Jahre „Welcome To Hell“: Wie Venom selbst Metallica und Slayer beeinflussten

Published on

HEADER
Foto: Fin Costello/Getty Images

Es war einmal eine Band, die härter, extremer und radikaler sein wollte als alle anderen. Dies ist die Geschichte von Venom und ihrem unheilvollen, rumpelnden, anstrengenden und dennoch unmessbar einflussreichen Debüt Welcome To Hell.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Welcome To Hell von Venom anhören:

In der Geschichte der unheiligen Rockmusik hat man vielen Bands einen Pakt mit dem Teufel unterstellt. Led Zeppelin, Black Sabbath, AC/DC, sie alle schienen doch irgendwie mit dem Leibhaftigen im Bunde zu sein, schienen am Scheideweg ihre Seelen für den Rock’n’Roll verkauft zu haben. Kann man alles getrost vergessen. Im Grunde gibt es eigentlich nur eine Band, die im Bund mit dem Teufel zu sein scheint und direkt aus der Hölle (oder aus einem billigen Studio, je nachdem) zu uns spricht. Und diese Band heißt Venom.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Satanischer als Sabbath, lauter als Motörhead

Ziele braucht der Mensch. Ein junger Typ namens Conrad Lant macht da keine Ausnahme. Er wächst in Nordengland auf, ist sieben Jahre alt als die erste Black Sabbath erscheint. Als Schüler spielt er in diversen Bands, nennt sich bald nur noch Cronos und formt bei seiner Arbeit in den eher für Folk genutzten Impulse Studios einen ehrgeizigen Plan: Eine Band, härter, skandalöser, lauter und schockierender als alles, was es davor gab. Satanischer als Black Sabbath, lauter als Motörhead (viel Glück!), mehr Pyro und Drama als KISS und mehr Leder als Judas Priest.

Kann man machen. Wie schon gesagt: Ziele braucht der Mensch. Cronos, der Mann für Gesang und Bass, meint es aber tatsächlich ernst, hat irgendwann mit Gitarrist Mantas und Drummer Abaddon eine Truppe zusammen, die als ultimative Besetzung in die Metal-Geschichte eingehen wird. Er überredet den Studiobesitzer von Impulse, seine Band zum Schmalhalstarif ein Demo aufnehmen zu lassen, dessen Lead-Track In League With Satan durchaus auf Beachtung stößt. Im Sommer 1981 nehmen Venom deswegen alles auf, was sie haben – in nur drei Tagen. Das Resultat ist Welcome To Hell, ein sagenhaft rohes und ungeschminktes Debüt, das der einem ersten Höhepunkt entgegenpreschenden NWOBHM-Manie  das Fürchten lehrt.

Türöffner für okkulten Lärm

Im Dezember 1981 schält sich Welcome To Hell aus der diabolischen Dunkelheit. Und läutet eine neue Ära ein. Die Produktion, die Attitüde und das blasphemische Image nehmen viel von dem vorweg, was sich später als Trademark in Speed, Thrash oder Black Metal etablieren wird. Insbesondere der Song Witching Hour darf als Blaupause für den extremen Metal gelten, als Türöffner in eine unheilvolle Welt des okkulten Lärms – anstrengend, gesanglich eigentlich nicht mehr feierlich, chaotisch und dennoch historisch relevanter als vieles andere. Selbst die rigorose, scheppernde Lo-Fi-Produktion und das übergroße Pentagramm auf dem Cover gehen in die Ursuppe des Black-Metal-Genres ein.

Keine Metallica ohne Venom

Das ist ja auch das seltsam Schöne an Welcome To Hell: Die Platte ist unerträglich, unstrukturiert und unausgegoren. Aber musikgeschichtlich von derart seltener Pionierleistung, dass man vor einem Großmaul wie Cronos trotzdem nur den Hut ziehen kann. Denn irgendwie hat er seine großen Pläne ja sogar wahrgemacht. Und den Metal mit pechschwarzer Farbe, Chaos und Höllenfeuer überzogen.

Für Venom war Welcome To Hell aber natürlich nur der Anfang. Insbesondere der Nachfolger Black Metal (1982) ist bis heute ein vielzitierter Einfluss unzähliger Bands und nicht zuletzt der Namensgeber dieses notorischen Genres, das in den frühen Neunzigern in Norwegen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Mal ganz zu schweigen davon, dass es ohne Venom wahrscheinlich weder Metallica noch Slayer oder Megadeth geben würde. Und das ist ja irgendwie auch keine schöne Vorstellung.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Interview mit Volbeat: „Du musst mit der Straße verheiratet sein.“

Published on

HEADER
Foto: Emma McIntyre/Getty Images

Die Pandemie hat Volbeat nicht weichgekocht. Im Gegenteil: Auf ihrem achten Album Servant Of The Mind klingen die Dänen so aggressiv und durchgreifend wie noch nie. Im Interview begibt sich Bandchef Michael Poulsen auf Ursachensuche.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Servant Of The Mind von Volbeat anhören:

Vor rund 15 Jahren war die Kreuzung aus fettem Metal und Elvis eine mittelschwere Sensation. Insbesondere mit ihrer dritten Platte Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008) brillierten Volbeat mit hohem Wiedererkennungswert und einem letztlich einzigartigen Gemisch. In den letzten Jahren wurde das, vorsichtig ausgedrückt, ein kleines bisschen redundant. Für die Band offensichtlich auch: Auf Servant Of The Mind berufen sich Volbeat so ungestüm und hemmungslos auf ihre metallischen Wurzeln wie noch nie.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Michael, mit Servants Of The Mind dürftet ihr die meisten eurer Hörer überraschen und viele erfreuen. Woher kommt denn diese neue Lust an Heavy Metal? Steckt dahinter etwa euer 20. Geburtstag, den ihr dieses Jahr feiert?

Gut möglich. Jeder ist ja immer von allem beeinflusst, was er selbst gerne hört. Doch nach all den Jahren und Alben können Volbeat sich mittlerweile auch selbst beeinflussen. Und nach 20 Jahren tun wir das auch. Es macht mir Spaß, unsere alten Sachen zu hören und weiterzuentwickeln. Doch als Musiker reifen wir ebenso wie als Menschen. Wir werden besser, wir entwickeln uns weiter, wir finden neue Werte, wir sehen Dinge anders. Irgendwann passten wir uns mit Volbeat musikalisch also eher den großen Arenen an, die wir zu spielen begonnen hatten. Und diesmal ließen wir eben einfach die Pferde mit uns durchgehen. Es waren ja eh keine Arenen in Sicht. Man hört den neuen Songs deswegen sehr deutlich an, dass wir Black Sabbath, The Cramps oder Entombed immer noch sehr gerne hören. (lacht)

„Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm.“

Kam das denn ganz natürlich? Oder war es am Ende doch geplant?

Ich fing in den frühen Neunzigern mit Death Metal an. Diese Musik ist seither in meinem Songwriting verankert. Natürlich kamen bei Volbeat von Anfang an mit Rock’n’Roll, Psychobilly oder Punk sehr viele andere Inspirationen hinzu, aber nach sieben Alben verspürte ich plötzlich wieder große Lust, etwas härter zu werden. Die harte Seite von Volbeat war immer da, sie kam in letzter Zeit nur nicht so prägnant zum Vorschein. Diesmal war es aber einfach an der Zeit. Es geschah ganz natürlich, als ich während des Lockdowns zuhause saß, keine Konzerte spielen konnte und viele alte Platten hörte. Ich konnte nur in den Proberaum gehen, also tat ich das.

Entstanden dann auch gleich neue Songs? Oder ging es nur darum, Dampf abzulassen?

Ich hatte es gar nicht vor, aber genau das passierte. Auf einmal hatte ich all diese Ideen und fing an, sie aufzunehmen. Es fühlte sich an, als würden wir noch mal ganz von vorn anfangen. Und genau dieses Gefühl brachte mich noch näher an unsere Wurzeln zurück. Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm. Und was soll ich sagen? Es machte riesigen Spaß! (lacht)

„Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.“

Klingt, als hätte es bei den Sessions zu Servant Of The Mind keine größeren Hindernisse oder Stolpersteine gegeben…

Nach drei Monaten hatten wir plötzlich 13 neue Songs fertig. Dann gingen wir zu Jacob Hansen, um sie aufzunehmen. Zweieinhalb Wochen später war die Platte im Kasten. Wir sahen uns an und fragten uns: Und was machen wir jetzt? (lacht) Wir waren uns erst unsicher, ob wir das Album auch gleich veröffentlichen sollen, weil ja immer noch niemand weiß, wie alles genau weitergeht. Es fühlte sich aber alles so gut, so frisch an, dass wir die Songs so schnell wie möglich veröffentlichen wollten. Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.

Untypisch ist für euch nicht nur diese neue Härte, sondern auch der Albumtitel Servant Of The Mind. Worum geht’s denn auf der Platte?

Es ist doch so: Wir wachen auf, kommen irgendwie durch den Tag und schlafen. Dabei sind wir eigentlich immer unseren Gedanken oder unserem Mindset ausgesetzt. Unsere Gedanken können uns an sehr dunkle Orte führen – oder sie sorgen dafür, dass es uns richtig gut geht. Diese beiden Extreme spielten in der Musik von Volbeat immer schon eine Rolle. Hat wohl mit der Dualität des Lebens zu tun.

„Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten.“

Kommen wir noch mal auf eure frühen Tage zurück: Wie hast du die Anfangszeit der Band erlebt?

Dazu reicht eigentlich eine einzige Anekdote: Als wir mal ins Studio gehen wollten und uns die Kohle fehlte, meinte unserer früherer Bassist, ihm werde schon etwas einfallen. Wir standen gerade erst im Studio, da klingelte das Telefon klingelt und seine Frau brüllte ihn an, was er mit ihren Möbeln gemacht hat. (lacht)

Und? Was hat er gemacht?

Na ja, er hat sie verkauft, um die Studiomiete zu bezahlen.

Ihr habt also immer alles für die Band gegeben?

Ja. Bei wem das nicht so war, der ist nicht mehr dabei. Volbeat ist meine Band, mein Arbeitsplatz, mein Leben. Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten. Das ist unfassbar! Ich wusste zwar immer, dass ich Musik machen möchte. Aber so etwas zu erleben, ist schwer zu beschreiben.

Dennoch braucht eine Band auch Hierarchien. Jemanden, der alles im Blick hat.

Bei Volbeat war ich von Tag eins der, der sich um alles gekümmert hat. Booking, Merchandise, ich machte sogar die Steuer für meine Bandkollegen. (lacht) So einen braucht es in jeder Band. Doch auch alle anderen müssen 150 Prozent hinter der Band stehen. Sie müssen bereit sein, eine Menge aufzugeben. Und das sind nicht viele. Manche wollen nicht monatelang auf Tour sein, manche wollen mehr Regelmäßigkeit in ihrem Leben. Aber dann funktioniert es nicht. Du musst alles opfern, deine Sicherheit, deine Freunde, deine Partner, deine Kohle. Du musst mit der Straße verheiratet sein. Anders geht es nicht.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 6.12.1988 erliegt Roy Orbison einem Herzinfarkt.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1988.

von Timon Menge und Christof Leim

Denkt man an Roy Orbison, sieht man vor allem eines: schwarz. Mit seinen getönten Haaren, der stets dunklen Sonnenbrille, seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Gitarre gibt der Texaner der Melancholie eine vier Oktaven starke Stimme. Songs wie Only The Lonely, Oh, Pretty Woman oder You Got It verzaubern Hunderttausende. Doch sein Weg verläuft alles andere als geradlinig…

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT

Hört hier in Roy Orbisons beste Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.  

Orbisons Karriere beginnt, als er 1945 im Alter von neun Jahren einen Talentwettbewerb bei einem lokalen Radiosender zu Hause in Texas gewinnt und eine wöchentliche Show im Samstagabend-Programm bekommt. Sein erster öffentlicher Auftritt mit Band lässt deutlich länger auf sich warten: 1953, also acht Jahre später, treten er und The Wink Westerners in einer High School auf. Die Schule befindet sich in seiner langjährigen Heimatstadt Wink in Texas, einem Ort, der vor allem von der Ölindustrie lebt. Die Gruppe hatte Orbison bereits im Alter von 13 Jahren gegründet. Ein Jahr nach dem Konzert schließt Orbison die Schule ab und wechselt zum North Texas State College, um Geologie zu studieren.

Der nächste Schritt ins Musikerdasein folgt 1955: Der Gitarrist und Sänger reist mit seiner Band nach Dallas, um Columbia Records den Song Ooby Dooby vorzuspielen, geschrieben von seinen Studienkollegen Wade Lee Moore und Dick Penner. Das Stück gefällt der Plattenfirma zwar, Orbison selbst stößt allerdings auf weniger Gegenliebe. Stattdessen spielen Sid King And The Five Strings den Titel ein.



Die Musiker lassen sich durch den Rückschlag nicht entmutigen, treten in zahlreichen Radiosendungen auf und benennen sich in The Teen Kings um. Am 4. März 1956 nehmen sie Ooby Dooby doch noch auf, und zwar im Studio von Norman Petty, einem der wichtigsten Rock’n’Roll-Produzenten der Zeit. Am 19. März erscheint der Song über Weldon Rogers’ Plattenfirma Je-Wel Records, doch der Vertrag muss kurz nach Erscheinen der Single annulliert werden: Orbison ist noch minderjährig und hätte ihn gar nicht unterzeichnen dürfen.



Sam Phillips, Inhaber der legendären Vinylschmiede Sun Records, interessiert das nicht. Er bietet dem jungen Musiker einen neuen Vertrag, den dieser annimmt. Phillips gilt als Schlüsselfigur der Fünfziger und entdeckt nicht nur Elvis Presley, sondern auch Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Die Gruppe nimmt Ooby Dooby ein weiteres Mal auf, am 1. Mai 1956 erscheint die Single mit der B-Seite Go Go Go. Der Titel erreicht Platz 59 der nationalen Hitparade und verkauft sich mehr als 350.000 Mal. Um das Momentum zu nutzen, geht Orbison auf eine große Tournee mit Johnny Cash, Carl Perkins, Warren Smith, Sonny Burgess und Faron Young. Die Reise führt den Tross bis nach Kanada.


Im September folgt die zweite Single: You’re My Baby, ein Stück von Johnny Cash. Auf der B-Seite findet sich Rockhouse von Orbison und Harold Jenkins alias Conway Twitty. Der Erfolg mit Sun Records bleibt hinter den Erwartungen zurück, und Orbison wechselt zu RCA Records, wo inzwischen auch Elvis Presley unter Vertrag steht. Auch dort bleibt der Durchbruch aus. Orbison veröffentlicht zwei erfolglose Singles, der Vertrag wird nicht verlängert.

Der Nachwuchskünstler betätigt sich stattdessen als Songwriter für andere Leute. So spielt er den Everly Brothers während einer Konzertpause ein Lied vor, das er für seine Frau Claudette geschrieben hat. Die Brüder mögen das Stück, das einfach Claudette heißt, und nehmen es auf. Später schreibt er den Song Down The Line, interpretiert von Jerry Lee Lewis. Auch Buddy Holly und Rick Nelson greifen auf Orbisons Material zurück.



Ab 1959 kommt allmählich Land in Sicht. Orbison unterzeichnet einen Vertrag bei Fred Fosters Plattenfirma Monument Records. Foster erkennt das Potential des jungen Musikers und liegt goldrichtig: Mit Uptown landet gleich der zweite neue Song des Texaners in den Charts, wenn auch nur auf Platz 72. Orbison nutzt die schützenden Arme des neuen Labels, um seinen balladesken Stil weiterzuentwickeln. Am 9. Mai 1960 gelingt mit Only The Lonely (Know The Way I Feel) der nationale und internationale Durchbruch. Orbisons Falsetto beeindruckt Elvis Presley so sehr, dass er die Single gleich kistenweise kauft und an Freunde verteilt. Vier Jahre lang erreicht jeder Song von Orbison die Top 40.



Eines seiner größten Markenzeichen entsteht zufällig, als Orbison 1963 mit den Beatles durch Großbritannien tourt. Der stark weitsichtige Musiker vergisst seine Brille im Flugzeug und muss aus der Not heraus mit seiner Sonnenbrille auftreten, die ebenfalls seiner Sehstärke angepasst ist. Der Look kommt gut an, so dass man ihn im weiteren Verlauf seiner Karriere nur selten ohne Sonnenbrille sieht. (Während derselben Tour erhält er übrigens auch seinen Spitznamen „The Big O“.) Seine stets dunkle Kleidung vervollständigt das Bild des schüchternen, auf Anonymität bedachten Superstars.



Am 1. August 1964 nimmt Orbison dann die erfolgreichste Single seiner Karriere auf. Oh, Pretty Woman erreicht in unzähligen Ländern der Welt Platz 1 der Charts und verkauft sich noch im ersten Jahr mehr als sieben Millionen Mal. Als Orbison 1965 mit den Rolling Stones durch Australien tourt, inspiriert der Song Mick Jagger und Keith Richards sogar dazu, ein ähnliches Intro für (I Can’t Get No) Satisfaction zu schreiben.

Roy Orbison ohne Sonnenbrille, dafür mit seiner zweiten Frau Barbara Anne Marie Wellhöner

Nach dem späten aber erfolgreichen Start seines Musikerdaseins suchen ihn ab Mitte der Sechziger mehrere Schicksalsschläge heim. 1966 stirbt seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, 1968 kommen zwei seiner drei Söhne bei einem Hausbrand ums Leben. Am 25. Mai 1969 heiratet Orbison seine zweite Frau Barbara Anne Marie Wellhöner, geboren in Bielefeld. Sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um 23 Jahre.

Auch seine Karriere gerät ins Wanken: Beatbands dominieren die Charts, Orbison unterschreibt einen neuen Plattenvertrag über eine Million US-Dollar mit MGM. Die Klangqualität von Monument Records wird nicht mehr erreicht, und auch die kompositorische Klasse leidet, weil Orbison sich vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig neue Songs abzuliefern. Er spielt weiter Konzerte, doch es wird ruhiger um ihn.



Ein furioses Comeback gelingt ihm Ende der Achtziger Jahre mit Mystery Girl und der Single-Auskopplung You Got It. Im November 1988 tritt er beim Diamond Awards Festival in Belgien auf und präsentiert den brandneuen Song vor laufenden Kameras. Ein Raunen geht um die Welt: Roy Orbison ist zurück, besser denn je. Auch abseits seiner Solokarriere bewegt sich etwas: Er schließt sich mit Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Jeff Lynne zu den Traveling Wilburys zusammen, einer Supergroup, deren Debüt Traveling Wilburys Vol. 1 millionenfach über die Ladentheken geht.

Leider bekommt Orbison den Erfolg seines Comebacks nicht mehr vollständig mit: Bereits seit seiner Kindheit leidet er an Herzproblemen und muss sich während der Siebziger einer Bypass-Operation unterziehen. Am 6. Dezember 1988 erliegt er kurz vor Mitternacht einem Herzinfarkt. Er wird in Los Angeles beigesetzt, Mystery Girl erscheint posthum.

Bis heute zweifelt niemand am Einfluss, den Orbison auf die Musikwelt genommen hat. Dreht sich der Rock’n’Roll üblicherweise um treibende Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und rebellische Texte, findet all das in der melancholischen Musik des Texaners kaum statt. Stattdessen vergleicht man ihn mit klassisch ausgebildeten Musikern, sogar mit Opernsängern. Kein Wunder: Dank seiner Stimmgewalt füllt er jeden noch so großen Saal aus.

Orbison wird nur 52 Jahre alt. „I still have some love to give“, singt er in Handle With Care von den Traveling Wilburys. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch tolle Songs er sicher noch geschrieben hätte.

Zeitsprung: Am 29.10.1990 erscheint „Traveling Wilburys Vol. 3“.

Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Podcast - Stories, Rock & Popkultur
ADVERTISEMENT
Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss