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Popkultur

Die musikalische DNA von Paul McCartney

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Als sich im Jahr 1954 zwei Teenager im englischen Speke auf dem Weg zur Schule kennenlernten, war noch nicht abzusehen, was die nächsten 16 Jahre für sie bringen würden. Paul McCartney erinnert sich eher verschämt daran, wie er George Harrison damals begegnete. Er sei arrogant gewesen, erzählt er einst in einem Interview, weil Harrison ein Jahr jünger als er war. Hätten sie damals nur gewusst, dass das Schicksal sie für fast ein halbes Jahrhundert zusammenschweißen sollte!

McCartneys Arroganz von damals sei entschuldigt. Nicht nur wird er in den folgenden Jahrzehnten Harrison allen erdenklichen Respekt zukommen lassen, er schreibt auch die wohl einfühlsamsten Songs aller Zeiten. Selbst inmitten einer Truppe von Genies, Seite an Seite mit genialen Songwritern wie John Lennon und Harrison, steht McCartney immer noch unerreicht für sich. Was er den Kollegen stets voraus hat, ist aber natürlich nicht das Alter. Sondern ein einmaliges Ohr für die perfekte Melodie, das sich mit einem ausgeprägten Interesse für Musik jeglicher Couleur paart. Kaum zu glauben, dass er sich das alles selbst beigebracht hat.


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„Ich denke, mein musikalischer Ansatz ähnelt dem eines Höhlenmenschen, der ohne Ausbildung gemalt hat“, sagte McCartney einmal. Eine seltsame Aussage, oder? Einerseits stimmt es natürlich, dass er kein musikalisches Training im klassischen Sinne vorzuweisen hat und laut Selbstaussage nicht mal Noten lesen kann. Andererseits hat McCartney einiges dadurch gelernt, dass er sich intensiv mit der Musik anderer auseinandergesetzt hat. Ein Blick auf die musikalische DNA Paul McCartneys zeigt uns, wer ihm was beigebracht hat und was er letztlich daraus gemacht hat. Denn aus dem schnoddrigen Teenie von damals wurde ein Songwriter, wie ihn die Welt zuvor noch nicht gehört hatte.

1. Slim Whitman – All Kinds Of Everything

Alle fangen mal klein an und auch Paul McCartney macht da keine Ausnahme. Zum Glück hatte er einen musikalischen Vater, der selbst als Trompeter und Pianist in diversen Jazz-Bands aktiv war und den Sohnemann stets dazu ermutigte, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Klavierstunden lehnte Paul aber ab, es ging für ihn bestens nach Gehör! Auch die Trompete, die ihm sein Vater zum 14. Geburtstag schenkte, war schnell Geschichte, als der Rock’n’Roll Pauls Leben betrat. Er tauschte sie gegen eine Akustikgitarre ein.

So zumindest konnte er beim Musizieren auch singen. Nur machte ihm die Gitarre Probleme, weil sie für Rechtshänder gemacht war. Was tun? McCartney fand die Lösung in einem Musikmagazin, genauer gesagt auf einem Foto, das Slim Whitman zeigte. Der spielte auch auf einer Gitarre für Rechtshänder, hatte aber die Saiten anders herum aufgezogen. Eine Offenbarung für den jungen Paul, der schon bald darauf das Instrument meistern und seine ersten Songs darauf schreiben sollte. Der jodelnde Folk-Barde Whitman wurde übrigens noch von einem anderen Beatle als Inspiration genannt: George Harrison.

2. James Jamerson – Bernadette (Bass Line)

Wenn wir an Paul McCartney denken, dann haben wir eher selten eine Gitarre und vielmehr einen Bass vor Augen. Der Beatle gilt nicht ohne Grund als einer der innovativsten Bassisten aller Zeiten. Das liegt unter anderem daran, dass er sich nicht nur von Rock’n’Roll inspirieren ließ – beispielsweise bediente er sich für I Saw Her Standing There großzügig bei I’m Talking About You von Check Berry –, sondern auch vom Motown-Sound und Jazz. Lange bevor McCartney gemeinsam mit Motown-Legende Stevie Wonder im Jahr 1982 den unvergesslichen Hit Ebony & Ivory aufnahm, sog er den Soul in sich auf.

„Den größten Einfluss auf mein Bassspiel hatte James Jamerson, der auf vielen meiner Lieblingsplatten von Motown mitgespielt hat“, verriet McCartney in einer Fan-Fragerunde. Fast lässt sich auch eine Parallele zwischen den beiden ziehen, agierten sie doch stets deutlicher im Vordergrund als ihre Bandgenossen. Jamerson mag zwar heutzutage als einer der einflussreichsten Bassisten aller Zeiten gelten, im Spotlight war das Funk Brothers-Mitglied  jedoch selten zu finden. Dabei sind doch Basslines wie die von Bernadette von den Four Tops für die Ewigkeit geschrieben, wie dieser Instrumental-Mix des Stücks deutlich zeigt.

3. Buddy Holly – Peggy Sue

Der Soul-Sound Detroits war aber bei weitem nicht das einzige, was schon früh aus den USA nach Großbritannien herüber schwappte, bevor die vier jungen Beatles selbst die „British Invasion“ anführen sollten. Der US-Amerikaner Buddy Holly sollte in seiner kurzen Karriere – nur 22 Jahre alt wurde der Gitarrist, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam – für immer seinen Fingerabdruck auf dem Rock’n’Roll hinterlassen. Er inspirierte auch eine kleine Skiffle-Group aus Liverpool, deren ersten vierzig Songs laut einem ihrer Mitglieder von Holly beeinflusst gewesen sein. Genau, die Rede ist natürlich von den Beatles und McCartney, der als einer der größten Holly-Fans weltweit gilt. Selbst der Name der Beatles leitete sich von Hollys Band ab, den Crickets.

1971 kaufte McCarty die Veröffentlichungsrechte an Hollys gesamten Katalog und führte 1976 anlässlich des vierzigsten Geburtstags des Idols die jährliche „Buddy Holly Week“ in England ein. Seitdem wird er immer wieder als Experte herangezogen und spricht gerne über das Rock-Genie. Neben Songs wie That’ll Be The Day, das die Beatles – damals noch unter dem Namen The Quarrymen – schon früh in ihrer Karriere coverten, war es vor allem ein Song wie Peggy Sue, den McCartney immer noch gerne live spielt, der die jungen Pilzköpfe nachhaltig beeindrucken sollte. Besonders sehenswert ist es, wie er sich bei einer Studiosession mit Ronnie Wood die Gitarre schnappt und während einer kleinen Jam-Session die harmonischen Feinheiten des Songs diskutiert.

4. Carl Perkins – Blue Suede Shoes

Selbst Buddy Hollys Karriere wäre vielleicht aber nie möglich gewesen, hätte er sich nicht eines Tages nach einem Konzert mit Elvis Presley ein Herz gefasst. Im Vorprogramm vom absoluten King Of Rock zu spielen, bewirkt eben Wunder. Auch McCartney und die Beatles haben Elvis einiges zu verdanken. Der wiederum aber hatte auch seine Idole, darunter den kauzigen Rockabilly-Sänger Carl Perkins, der den von Elvis berühmt gemachten Song Blue Suede Shoes geschrieben hatte. „Gäbe es Carl Perkins nicht, die Beatles würden nicht existieren!“, sagte McCartney selbst.

Wie schon bei Buddy Holly war es wohl der abenteuerliche Stilmix, für den Perkins einstand. Blues, Country, Pop, das alles in einem einzelnen Song zu hören, war 1955 noch im wahrsten Sinne unerhört. Aber die Beatles und McCartney waren auf der Suche nach dem Unkonventionellen. Sie fanden es in Perkins. Ob das heißen soll, dass Elvis ihnen nicht weiter wichtig war? Schließlich ist er nicht mal auf dem Sgt. Pepper-Cover zu sehen! Iwo, winkte McCartney ab. „Elvis ist einfach zu wichtig und zu weit über allen anderen, um ihn zu erwähnen“, beschwichtigte er die Nachfragen. „Er war mehr als ein Pop-Sänger, er war Elvis the King!“ Warum Perkins aber darauf nicht aufgeführt wird…?

5. Little Richard – Long Tall Sally

Naja, zumindest waren Elvis und Perkins nicht allein – selbst Little Richard findet sich nicht auf dem wohl ikonischsten Cover-Artwork der sechziger Jahre! Dabei war es doch ein Little Richard-Song, mit dem McCartney seine Bühnenkarriere begann: Bei einer Talentshow stand er das erste Mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und spielte Long Tall Sally, den auch die Beatles später coverten. Auch nach seiner Beatles-Karriere blieb McCartney dem Idol treu und spielte dasselbe Stück auf Tour mit seiner Band Wings.

Wichtiger noch als Little Richards exaltiertes Auftreten und sein legendäres Gitarrenspiel war wohl seine Stimme. McCartney ahmte den Falsetto-Gesang des US-Amerikaners nach und gab sogar zu, I’m Down von den Beatles extra geschrieben zu haben, um sich im selben Register zu versuchen! Selbst bei einem Auftritt mit den verbliebenen Nirvana-Mitgliedern im Jahr 2013 spielte McCartney Long Tall Sally. Ein Song, der ihn zweifelsohne sein ganzes Leben lang begleitet.

6. The Beach Boys – God Only Knows

Es waren aber nicht immer nur bereits etablierte Helden, die sich maßgeblich auf das Schaffen der Beatles im Allgemeinen und auf McCartney im Speziellen auswirkten. Mit Beach Boys verbindet die Band ein produktiver Konkurrenzkampf, der sich über mehrere Alben erstreckte. Beide Bands liebäugelten in den Sechzigern stark mit der aufkommenden Psychedelic Rock-Welle und nahmen sich im Studio alle möglichen Freiheiten. McCartney lobte den Beach Boys-Mastermind Brian Wilson, „weil er ungewöhnliche Wege ging.“ Mehr als einmal sollten sich ihre eigenen Pfade überkreuzen.

Alles gipfelte im Jahr 1966, als beide Bands mit ihren bis dahin ambitioniertesten Alben ins Rampenlicht traten: Revolver von den Beatles einerseits, Pet Sounds von den Beach Boys andererseits. Angestachelt von den revolutionären Aufnahmemethoden Wilsons machten sich die Beatles sogleich daran, die kalifornischen Kollegen mit Sgt. Pepper zu übertrumpfen. Dabei war doch für Wilson selbst ein voriges Beatles-Album der Maßstab gewesen: Rubber Soul. Der Wetteifer beider Bands und ihrer Mitglieder hinderte sie allerdings nicht daran, Freundschaft zu schließen. Noch im Jahr 2002 trafen McCartney und Wilson auf der Bühne zusammen, um God Only Knows, dem zentralen Stück von Pet Sounds gemeinsam aufzuführen.

7. John Cage – Williams Mix

Sgt. Pepper markierte den Beginn eines neuen Zeitalters und das nicht nur für McCartney und seine Band, sondern auch für Pop im Allgemeinen. Plötzlich war viel mehr erlaubt als je zuvor und das Studio wurde zum Instrument. Die Grundlagen dafür legten sie allerdings schon früher. Schon Mitte der sechziger Jahre hatte Paul angefangen, mit Tonbändern zu experimentieren und nahm Stimmen oder Instrumente auf, die er dann im Loop abspielte. Ein Stück, auf dem diese Experimente zu hören sind, ist Tomorrow Never Knows von Revolver. Die Inspiration dafür lieferten Avantgarde-Komponisten wie der Deutsche Karlheinz Stockhausen oder der US-Amerikaner John Cage.

Die Liebe zu Cages revolutionären Musikexperimenten war es übrigens auch, die Yoko Ono und die Beatles zusammen brachte. Zuerst soll sie McCartney nach Manuskripten gefragt, weil sie gerade an einem Buch über Cage arbeitete. Der konnte nicht weiterhelfen und verwies auf den Kollegen Lennon. Wir wissen ja, wie die Geschichte ausging! McCartneys Interesse für avantgardistische Musik verließ ihn hingegen nicht, wie das 2000 erschienene Album Liverpool Sound Collage bewies, worauf er die Collagetechniken von damals in neuem Gewand wieder aufleben ließ. Es wäre vermutlich nie so weit gekommen, hätte er nicht Stücke wie das zwischen 1951 und 1953 von Cage produzierte Williams Mix zu hören bekommen.

8. Claudio Monteverdi – Sì dolce è’l tormento

Nicht aber allein für die sogenannte Neue Musik, sondern auch für die Klassik hat McCartney etwas übrig. Das wissen wir aber eigentlich schon lange. Spätestens seit Eleanor Rigby, um genau zu sein. Selbst klassische Gesangsstile probierte McCartney aus, wie auf der Beatles-Interpretation von Bésame Mucho zu hören ist. Je weiter seine Karriere voran schritt, desto intensiver beschäftigte sich McCartney mit klassischen Kompositionen. 1991 schrieb er ein Stück für die Royal Liverpool Philharmonic Society, er kollaborierte mit dem Komposnisten Carl Davis für Liverpool Oratorio und veröffentlichte 2006 das Album Ecce Cor Meum – und noch viel mehr!

Wie passt es aber zusammen, dass jemand, der laut eigener Aussage ein selbstgelernter Musiker ist, der nicht einmal Noten lesen kann, plötzlich Werke für ganze Orchester schreibt? Erneut lautet die Antwort: McCartney hat intensiv zugehört. Bach hätten die Beatles früher studiert, sagte er während einer Fragerunde und behauptete zugleich, dass sich viele von Claudio Monteverdis Stücken anhörten wie von den jungen Beatles geschrieben. „Er kannte nicht viele Akkorde“, frotzelte McCartney über den italienischen Barockkomponisten. Zugleich gestand McCartney aber, selbst nicht sonderlich viel über klassische Musik zu wissen und sagte weiter, dass genau das ein Segen sei. „Wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, habe ich nichts im Kopf“, hieß es. „Was ganz gut ist, denke ich, denn so wird es hoffentlich origineller.“

9. Blind Willie Johnson – Let Your Light Shine On Me

Avantgarde, Klassik und seit den neunziger Jahren auch Electronica: Kein Zweifel, Paul McCartneys Interessen sind nicht nur breit gefächert, sie orientieren sich auch am Puls der Zeit. Trotzdem war es eine kleine Überraschung für viele Fans, als sich der Ex-Beatle mit dem Killing Joke-Mitglied Youth unter dem Namen The Fireman zusammen schloss. Killing Joke nahmen 1979 als Post-Punk-Band ihren Anfang und gehörten damit zu einer Welle von Bands, die dem rotzigen Punk-Sound ein Requiem sangen, wie auch der erste Song von Killing Jokes selbstbetiteltem Debüt hieß.

Von den ersten kratzigen Synthesizer-Klängen war Killing Joke ein Album, das vieles anders klingen ließ als zuvor, eine Platte, die der „No Future“-Attitüde von Punk ein lautes „Anything Goes!“ entgegen setzte. Kein Wunder eigentlich, dass McCartney sich davon beeindrucken ließen. Denn hatten die Beatles nicht in den sechziger Jahren genau dasselbe gemacht? Erst 1993 jedoch rief er Youth an, weil er nach Remixen für sein Album Off The Ground suchte. Er fand einen Kollaborationspartner für das vielleicht ungewöhnlichste Projekt seiner Karriere als Musiker. Trotzdem gedachte er dabei auch seiner Wurzeln im Blues: Das Fireman-Stück Light From Your Lighthouse basiert auf einem Song von Blind Willie Johnson, Let Your Light Shine On Me.

10. Rihanna – Bitch Better Have My Money

So wie es unmöglich ist, Paul McCartneys gesamte musikalische DNA erschöpfend zu beleuchtend, ohne darüber gleich eine ganze Dissertation zu schreiben, so schwierig ist es ebenfalls, seinen Einfluss auf die Musikgeschichte adäquat zu beleuchten. Wir machen es uns heute mal einfach und sagen: Alles, was nach 1966 geschrieben und aufgenommen wurde, wäre ohne McCartneys Schaffen so nicht möglich gewesen. Das erstreckt sich selbstverständlich genauso auf das zeitgenössische Pop-Geschehen.

McCartney teilte sich nicht nur mit einem globalen Megastar wie Taylor Swift die Bühne, er kollaborierte im Jahr 2015 auch mit Kanye West und Rihanna für die Single FourFiveSeconds. Eine Überraschung für Fans von allen dreien. Ein Rapper, eine R’n’B-Sängerin und ein Ex-Beatle – was für eine Kombination! West und McCartney hatten sich schon 2014 für das Stück Only One zusammen geschlossen, Rihanna aber verliebte sich während der gemeinsamen Aufnahmen mit West zu ihrem Album ANTI in die Komposition. „Wenn du die Lyrics liest, ist es ein komplett anderer Songs als der, den du hörst“, schwärmte sie von der West-McCartney-Kollaboration. „Die Musik ist unbeschwert, aber der Text ist laut und voll auf die Fresse!“ Damit kennt sich die Bitch Better Have My Money-Sängerin ja bestens aus…

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10 Songs, die jeder Beatles-Fan kennen muss

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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