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Popkultur

The Filth And The Fury – Der Aufstieg des Punk

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“The Filth and the Fury” (der Dreck und die Wut) ereiferte sich die britische Tageszeitung Daily Mirror in seiner Schlagzeile am 2. Dezember 1976. Das hätte genau so gut der Titel eines Sex Pistols Songs sein können, aber es war die Reaktion der Zeitung, und der britischen Medien im Allgemeinen, auf den frühabendlichen Fernsehauftritt der Band, bei dem sie “die schmutzigsten Ausdrücke der britischen TV-Geschichte” benutzt hatten. Es war der Schock, der zu diesen Schlagzeilen führte, aber für einige Kids im Vereinigten Königreich waren die Sex Pistols schon Kulthelden, weil sie nachvollziehbare Alternativen anboten.

Ein Album, das den Punk formte:

PunkWenn sich Musik, Mode, Kunst und eine gewisse innere Haltung so vermischen wie damals 1975, als die Sex Pistols zum ersten Mal in London auf der Bildfläche erschienen, dann schlägt diese Mischung sofort auf ganzer Linie ein. Diese Mischung wurde zum Teil dirigiert vom Strippenzieher des Punk, Malcolm McLaren. Den Nährboden für den britischen Punk bereiteten die konservativen Medien, die eifrig ihre bedauernswerte, ahnungslose Leserschaft vor den Barbaren warnte, die dort vor den Toren der wohlerzogenen Gesellschaft standen. 1975, als Margaret Thatcher Vorsitzende der konservativen Partei wurde, hassten die meisten über 25-Jährigen den Punk instinktiv. Ein Großteil von ihnen hatte die Musik wahrscheinlich noch nie gehört, aber sie wussten, dass das jedenfalls nichts für sie war.

Anfang der Sechziger, in einem Amerika vor der britischen Invasion, boten die Beach Boys und Jan and Dean eine Alternative zu dem, was die New Yorker Brill Building Songwriter nicht nur den Amerikanern, sondern der ganzen Welt aufzwangen. Zu viele Lieder über zu viele Jungs mit Namen Bobby, über den Mond und June und ein Leben, das kein Teenager sich wünschen würde. Für die Beach Boys drehte sich alles um frisierte Autos und Fun, Fun, Fun. Sie wurden als Rebellen bezeichnet, nicht als Punks.

Aus diesen amerikanischen Surf- und Gitarren Bands der frühen Sechziger und als Alternative zur British Invasion, ging eine der ersten als Punk bezeichneten Bands hervor – The 13th Floor Elevators. Ihr 1966 erschienenes Album The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators hat definitiv viele der Charakteristika, die wir mit Punk assoziieren. Einfache, energiegeladene, kurze Songs voller Attitude und Power.

PunkMalcolm McLaren, der Mann der einst auch als der Colonel Tom Parker der Blank Generation bekannt war, hatte von Leuten gelernt, die schon vor ihm den Managementstil des Strippenziehers praktiziert hatten; insbesondere Andrew Loog Oldham, der grundlegend an der Schaffung eines Images für die Rolling Stones beteiligt war. Oldham tat so viel für rebellierende und denkende Musiker, die sich nicht der Doctrine für Popmusiker unterwerfen wollten – ein Image, das die Beatles zumindest am Anfang ihrer Karriere gerne annahmen. Musikalisch hatten sich die Stones dem Blues und R&B verschrieben, aber sie gehörten nicht zu den Vorgängern des Punkrock. Als leidenschaftliche Bluesjünger wollten sie sich zweifellos von den geschniegelten Beatboom Bands der frühen 1960er abheben. Wie eine anständige Punkband wollten sie den Status Quo neu definieren.

Ein Album, das den Punk formte:

Zehn Jahre bevor die Londoner Punkszene richtig groß wurde, standen die Stones öffentlich am Pranger, weil sie in Autohöfe gepinkelt hatten, einer Autorität gegenüber respektloses Verhalten gezeigt hatten und weil sie die Dreistigkeit besessen hatten, sich wie ‘Höhlenmenschen’ anzuziehen und zu benehmen; zumindest wurden sie so in mehreren Zeitungen beschrieben. Tatsächlich war für viele Eltern im Großbritannien der frühen Sechziger das Gerücht, dass sich die Stones nicht wuschen, schon mehr als sie ertragen konnten. Dieses Image heizte Oldham noch weiter an, indem er an Familien aus der Vorstadt die Frage richtete: “Würden Sie Ihre Schwester mit einem Rolling Stone ausgehen lassen?” Verglichen mit dem was folgte, erscheinen die Eskapaden der Stones heute ziemlich harmlos, aber wie Oldham vertrat auch McLaren die Auffassung, dass es nicht ausreichte, einfach gute Musik zu machen. Bands mussten auffallen, sich abheben, eine Reaktion hervorrufen, auch – oder besonders -, wenn es sich um ablehnende oder sogar feindselige Reaktionen handelte.

Musikalisch zu polarisieren war immer ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Pop und Rock und zunächst lehnten sich die Bands, die als Wurzeln des Punk gelten, definitiv gegen die faulen und verrückten Tage des Summer of Love und das kalifornische Hippie-Idyll auf. Die amerikanische Jugend, zumindest ein Teil davon, hatte genug von Blumenkränzen, Kaftanen und verträumten Texten. Was sie wollten, war Hardcore und Detroit war die perfekte Stadt für den Gegenschlag.

In der ‘Motor City’ gehörten The Stooges und The MC5 bald zu den Großen; auch wenn die MC5 aus Lincoln Park stammten (das wäre doch mal ein Bandname) und die Stooges aus Ann Arbor, beides in Michigan. Beide Bands waren wild und ihre Musik war teilweise primitiv – Eigenschaften späterer Punkbands an denen sich die Geister von Publikum und Kritikern schieden. Die Stooges wurden 1972 von dem Kritiker Lester Bangs als “punkiest band in history” bezeichnet und ließen ihr Debütalbum von dem früheren Velvet Underground Bassisten John Cale produzieren.

Das Debütalbum von Velvet Underground and Nico wurde zu einem der wichtigsten Alben der 1960er gekürt. Als es 1967 auf den Markt kam, verkaufte es sich mit nur circa 10.000 Exemplaren sehr schlecht, aber angeblich “gründete jeder, der das Album gekauft hatte, eine Band”. Ab 1965 nannten sie sich Velvet Underground, nach einem Roman über sexuelle Subkultur Anfang der Sechziger, und wurden musikalisch von Lou Reeds Songwriting und dem Bassspiel des klassisch ausgebildeten Walisers John Cale bestimmt. Andy Warhol übernahm das Management und als das Album The Velvet Underground and Nico veröffentlicht wurde, lieferte es eine Art Vorlage für die Verquickung von Kunst und Musik, an der sich Punk später teilweise orientieren würde.

 

Ein Album, das den Punk formte:

Anfang der 1970er führten die New York Dolls den Punkethos in eine neue Richtung, gespickt mit einer ordentlichen Prise Glam. Ihr selbstbenanntes Album von 1972 wurde von dem früheren The Nazz-Mitglied Todd Rundgren produziert. Auch The Nazz beeinflussten viele ihrer Nachfolger und hatten auf ihrem Debütalbum mehrere Proto-Punktracks. Manche sind der Ansicht, dass die New York Dolls mehr Glamrock als Punkrock waren und das kann man sicherlich so sehen. Aber es ist ihr Einfluss, der ihnen diese wichtige Stellung einbringt. Nachdem sie die New York Punk Szene eine zeit lang dominiert hatten, trennten sich die Dolls im Jahr 1975. Die Tatsache, dass sie auf dem Cover ihres ersten Albums Make-Up trugen, hatte den Verkäufen geschadet; etwas, womit David Bowie nie Probleme hatte.

Malcolm McLaren und seine Freundin, die Designerin Vivienne Westwood, besaßen einen Fashion Store in der Kings Road. Dieser hatte schon mehrere Inkarnationen durchlebt und hörte unter Anderem auf die Namen ‘Let it Rock’ und ‘Too Fast To Live Too Young To Die’, bis er 1975 den Namen SEX erhielt. McLaren und Westwood waren nach New York City gereist und statteten bald die New York Dolls mit ihren Bühnenoutfits aus. 1975 war McLaren der Manager der Sex Pistols geworden. Die Tatsache, dass der Bandname den Namen ihres Shops enthielt, war kein bloßer Zufall. Marketing stand immer im Zentrum von McLarens Mission.

Beim ersten Sex Pistols Konzert 1975 trug John Lydon in zerrissenes Pink Floyd T-Shirt, allerdings nicht als Huldigung, sondern weil sie für so ziemlich alles standen, was die Sex Pistols nicht waren und nicht sein wollten. John hatte ‘I Hate’ darauf gekritzelt und das brachte die Meinung der Band zu der Musik des bombastischen Pomprock Mainstream zum Ausdruck, aber eben auch zu allem anderen, was damit assoziiert wurde. Wie der Leadsänger Johnny Rotten, wie John Lydon sich seit 1976 nannte, sagte: “Ich hasse Hippies… Ich hasse lange Haare, ich hasse Kneipenbands. Ich will bewirken, dass es mehr Bands wie uns gibt.” Dieser verzweifelte Aufschrei hätte auch von vielen anderen Bands davor und danach kommen können.

Der grundlegende Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Punk war das Alter. Johnny Rotten und die Pistols waren alle um die 20 Jahre alt, als sie berühmt wurden. Die amerikanischen Punkrocker waren Mitte 20 und in den Augen der britischen Punks viel konservativer. Ende September 1976 fand im Londoner 100 Club, dem spirituellen Zuhause des Punk, ein zweitägiges Festival statt. Es war für den Punk, was Woodstock für den Rock war, da es den Schrecken von etwas Neuem ankündigte. Die Sex Pistols waren die Headliner des ersten Tages und teilten die Bühne mit Subway Sect, Siouxsie and the Banshees und The Clash. Am nächsten Tag waren es die Slinky Toys, Chris Spedding and the Vibrators und The Damned mit dem Headliner The Buzzcocks. Siouxsie and The Banshees hatten keinen einzigen Song eingeprobt und improvisierten einfach; dabei kam auch das Vaterunser zum Vortrag … echte Performance Kunst. Man sollte nur niemals Punkrock mit Artrock in Verbindung bringen.

Als Siouxsie, die sich optisch an Malcolm McDowells Figur in A Clockwork Orange orientierte, um zu schockieren, und die Banshees ihre finale Besetzung und Gestalt gefunden hatten, unterschrieben sie im Juni 1978 einen Plattenvertrag und veröffentlichten im November 1978 ihr erstes Album The Scream. Zu dem Zeitpunkt hatten sie mit Hong Kong Garden schon eine Top 10 Single in Großbritannien gehabt. Einige ganz harte Punkfans beklagten lautstark den Ausverkauf der Band – wahrscheinlich dieselben, die bei der ‘Sign The Banshees’ Graffitikampagne in ganz London die Zügel in der Hand hatten – aber die Band fand die richtige Balance zwischen Credibility und Erfolg, mit dreißig Charthits in Großbritannien.

 

Ein Album, das den Punk formte:

PunkNach dem unglückseligen TV-Auftritt, der für so viele Kontroversen gesorgt hatte, begaben sich die Sex Pistols zusammen mit The Clash, The Heartbreakers (mit Ex-New York Doll Johnny Thunders) und bei ein paar Terminen The Damned, auf ihre erste UK-Tour. ‘The Anarchy Tour’ sollte ihre Debütsingle Anarchy in the U.K promoten, aber viele Termine wurden von besorgten Veranstaltern gecancelt; wobei nicht ganz klar ist, ob sie mehr Angst vor den Bands oder vor den Fans hatten. Im Februar 1977 kam Sid Vicious zu den Sex Pistols, aber es war nur ein schnelles und tragisches Ende für die Band. Andererseits, wäre ein anderes Ende überhaupt denkbar gewesen?

London war das geistige Zuhause des Punkrock und Kids aus den Grafschaften reisten an, um die Szene live zu erleben, berichtet Paul Weller: “Es schien so weit weg zu sein vom verschlafenen Woking … wir wollten das Gefühl einfangen; wir pilgerten gewissermaßen nach London.” Paul Wellers Band The Jam, die er 1972 mit ein paar Schulfreunden als Post-Mod Band gegründet hatte, waren der Punkszene 1976 sehr zugetan und unterschrieben Anfang 1977 bei Polydor, um ihr erstes Album In The City aufzunehmen. Viele Punkbands waren musikalisch nicht so versiert wie The Jam mit ihrem 60s-Gefühl und Wellers gekonntem, politischem Songwriting. So kamen sie ein bisschen hochklassiger rüber. Die Energie von The Jam beschränkte sich nicht auf ihre Platten und Konzerte. Nur sieben Monate nach ihrem Debüt veröffentlichten sie den Nachfolger This Is The Modern World. Energie war ein zentrales Element von allem, was mit Punk zu tun hatte. Wie Nick Lowe damals öfter sagte: “Die Ansage war Nimm es auf und hau es raus!”

Ein Jahr nach The Jam kamen Sham ’69 – um Bandleader Jimmy Pursey -, aus dem nahe gelegenen Hersham in Surrey mit Borstal Breakout, ihrer ersten Veröffentlichung bei Polydor. Die Platte sollte ursprünglich von John Cale von Velvet Underground produziert werden, aber im Endeffekt produzierte Pursey es selbst. Borstal Breakout war auch eine Ankündigung der aggressiveren Punkklänge der Oi-Musik und wie die meisten richtig guten Punksongs blieb er unter drei Minuten Länge.

Ein weitere erfolgreiche Postpunk Band sind Killing Joke mit ihrem selbst benannten Debüt 1980. Die Charterfolge waren zwar bescheiden, aber sie haben viele spätere Bands beeinflusst, nicht zuletzt Nirvana und Soundgarden in Amerika.

 

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Eine Nacht im Bordell: Die lieblose Hochzeit von Ike und Tina Turner

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Ike & Tina Turner
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Ehe von Ike und Tina Turner war durch zahlreiche Tiefpunkte geprägt. Aggression, körperliche Gewalt, Betrug: Von süßem Eheleben kann wohl kaum die Rede sein. Doch wie kam es eigentlich zu der Hochzeit? Und was zur Hölle dachte sich Ike, als er Tina in der Hochzeitsnacht in ein Bordell schleppte?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Ike & Tina Turner anhören:

Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten gehört Tina Turner zu den erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. Ike Turner hat im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere keine 100 Millionen Platten verkauft. Stattdessen war er kokainsüchtig und hat Tina verprügelt. Dass die beiden unter diesen Umständen ein Paar waren, ist kaum zu glauben. Am 26. November 1962 gaben sich Ike und Tina sogar das Ja-Wort und heirateten. Es war der unschöne Beginn einer unschönen Ehe, die trotz aller Schwierigkeiten 14 Jahre andauerte. Doch wie kam es dazu? Wie sah der Hochzeitstag aus und wie gestaltete sich die Zeit als Ehepaar? Ein Rückblick.

Ike und Tina Turners Hochzeit: Tina hat Angst, nein zu sagen

Als sich Ike und Tina kennenlernen, ist Tina gerade einmal 17 Jahre alt. Sie sieht ihn 1956 bei einem Auftritt seiner Band Kings Of Rhythm, später tritt auch sie der Gruppe bei. Schon bald geht das Duo unter dem Namen Ike And Tina Turner Revue auf Tour. Tina steht mit ihren energiegeladenen Auftritten im Zentrum der Show. Ikes Aggression und seinen Jähzorn lernt sie zu jener Zeit bereits kennen. Dennoch entwickelt sich der sieben Jahre ältere Musiker zu einer Art Mentor für Tina und die beiden landen gemeinsam ihre ersten Hits. Als Ike ihr einen Antrag macht, weiß Tina, dass eine Hochzeit nicht die beste Idee wäre — doch sie hat Angst, nein zu sagen.

Für die Hochzeit reisen Ike und Tina ins damals schon schmucklose Tijuana hinter der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. In dem Ort, der zu jener Zeit vor allem für seine günstigen Bordelle und Express-Hochzeiten bekannt ist, unterschreiben Ike und Tina einen Wisch in einem schmuddligen Hinterzimmer und sind fortan verheiratet. Kein „Ja, ich will“, keine Glückwünsche. Nur ein Stück Papier. „Ich hatte damals nicht viel Hochzeitserfahrung“, gibt Tina im Interview mit der britischen Daily Mail zu Protokoll. „Doch ich wusste, dass Hochzeiten irgendwie emotional und glücklich sein sollten.“ Ike hat allerdings andere Pläne für den Abend — und schleppt Tina in ein Bordell.

Eine Hochzeitsnacht im Bordell

„Man kann sich nicht vorstellen, was er für ein Mensch war“, erzählt Tina im Interview. „Ein Mann, der seine Frau gleich nach der Vermählung zu einer pornografischen Live-Sex-Show mitnimmt. Ich habe dort gesessen, ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und mich gefragt: ‚Findet er das wirklich gut? Wie kann er nur?’ Es war alles sehr hässlich. Der männliche Darsteller war unattraktiv und scheinbar impotent, und das Mädchen … Nun, sagen wir einfach, dass das Ganze eher gynäkologisch war, weniger erotisch. Ich habe mich elend gefühlt und war den Tränen nahe, aber es gab kein Entkommen. Wir sind nicht gegangen, bis Ike fertig war — und er hatte dort viel Spaß.“

Nach der Hochzeit redet sich Tina die Ehe schön. „Am nächsten Tag habe ich vor den Leuten geprahlt“, berichtet die Sängerin. „Ich habe gesagt: ‚Ratet mal, was passiert ist! Oh, Ike hat mich mit nach Tijuana genommen, wir haben gestern geheiratet!‘ Ich habe mir eingeredet, dass ich glücklich war, und für kurze Zeit war ich es auch. Für mich hatte der Gedanke, verheiratet zu sein, eine Bedeutung. Für Ike war es eine weitere Transaktion.“ Die Ehe des Paares ist von Ikes Gewaltausbrüchen und seiner Drogensucht überschattet. Ganze 14 Jahre geht es so, bevor Tina im Jahr 1976 die Scheidung einreicht. Seit 2013 ist sie mit Musikmanager Erwin Bach verheiratet und lebt in der Schweiz.

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Popkultur

15 Jahre Kapitulation: Tocotronics „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“

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Tocotronic
Foto: Jakubaszek/Getty Images

Mehr Musiktheater als Musik: Mit Kapitulation legen Tocotronic 2007 den zweiten Teil ihrer Berlin-Trilogie vor. Und zementieren ihren Ruf als magische Gitarrenvisionäre der Gesellschaftstheorie.

von Björn Springorum

hier könnt ihr euch Kapitulation anhören:

Nach dem Klassiker Pure Vernunft darf niemals siegen gönnen sich Tocotronic 2006 eine Pause von sich selbst. Seit dem Debüt Digital ist besser 1995 haben sie sieben Platten veröffentlicht, ein hohes Tempo, dazu Konzerte, Festivals in halb Europa und den USA. Urlaub steht dennoch nicht Agenda für die Propheten der Hamburger Schule: Sänger und Prediger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und der recht neue Gitarrist Rick McPhail vollenden Soloplatten, verwirklichen sich abseits der mittlerweile gefestigten Pfade von Deutschlands wichtigster Rockband.

Der ahnungsvolle Geist der Rockmusik

Diesen Ruf hat man sich mit viel harter Arbeit und unglaublicher Musik erarbeitet. Spätestens seit K.O.O.K. (1999) sind die Diskursrocker von der lauten, verzerrten Schrammelband zum ahnungsvollen Geist geworden, zu beschwörenden Gitarrenalchemisten, deren Musik eine tiefe Magie entströmt und deren Texte eher vergeistigte Mantren im Geiste eines Michel Focault sind, durchzogen von griffigen Slogans, die die Band auf zahlreiche Tattoos oder Jutebeutel gebracht hat.

2007 setzen sie im Studio Chez Chèrie in Berlin-Neukölln ihre mit Pure Vernunft darf niemals siegen begonnene Berlin-Trilogie fort – eine Hommage an David Bowie freilich, eine Verbeugung vor den ganz großen Denkern der Rockmusik. Zu denen zählen Tocotronic auch. Aus der einstigen Studi-Band mit Cordhose, Trainingsjacke und Seitenscheitel ist ein Phänomen geworden, ein gesellschaftliches Ereignis. Einige Jahrzehnte nach Ton, Steine, Scherben gibt es wieder eine deutsche Band, die weiß, wo die Wunden der Gesellschaft liegen, und zielgenau den Finger hineinlegt.

Musik gegen den Optimierungswahn

Tocotronic tun das auf Kapitulation indes keineswegs laut, markig oder aufbrausend. Konträr zur militärischen Symbolik in Albumtitel und vielen Texten nehmen die Musiker in wenigen Tagen ein Album gegen den Optimierungswahn unserer Zeit auf – live und in fiebrigen Sessions. Kapitulation als Ultima Ratio gegen Pragmatismus und Effizienz. „Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit“, wird die Zeit dazu sagen. Von Lowtzow konkretisiert das 2007 in einem Interview mit der taz: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass es einmal eine künstlerische Strategie gab, nichts zu tun. Und die möchten wir formulieren als Antithese zu diesem Leistungsimperativ, der neuerdings in dieser Gesellschaft herrscht. Das Unproduktive wird unterschätzt.“

Wie Herman Melvilles Bartleby sind auch Tocotronic im Müßiggang zuhause – bei aller gefühlten Effizienz ihrer vielen Alben und Touren mache man als Band anscheinend „nur ein Fünftel von dem, was andere machen.“ Das Mantra „Ich möchte lieber nicht“ geistert auch durch dieses Album, eine kurze griffige Geste der Entsagung. Musikalisch indes möchten sie. Und wie: Tocotronic verwandeln sich auf Kapitulation weiter in diese entrückte Rock-Band, der ein schwer fassbarer, beschwörender, kafkaesker Zauber innewohnt. Zwölf Songs, zwölf Indie-Schmuckkästchen, denen man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Zeitlos im besten Sinne ist das, was Tocotronic hier machen, längst in einer ganz eigenen Liga und nicht nur in Deutschland einzigartig. Das hypnotische Mein Ruin, der Befehl Verschwör dich gegen dich, die zarte Antithese zu glücklichen Pärchen-Eskapismus-Balladen, Harmonie ist eine Strategie oder der wüste Ausbruch Sag alles ab, der dann natürlich mit einer Extraportion Trotz als Single ausgekoppelt wird: Hier kann man einer der schlausten Bands Deutschlands in den Kopf schauen. Musik als Unterricht.

Immer noch Punk

Da ist der Wechsel vom dichtgemachten Hamburger Indie-Label L’Age D’Or zum Major Vertigo nur konsequent: Diese Band ist längst viel zu wichtig, um sie nicht größtmöglich zu inszenieren. Punks bleiben Tocotronic im Herzen dennoch. Sie zielen gegen das System, klinken sich aus aus den Erwartungshaltungen, die man an das Individuum stellt. Zudem möchte Vordenker und Texter von Lowtzow Kapitulation auch als „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“ verstanden wissen. Gejammer gibt es bei den Hamburgern nicht. Punk ist das schon eher. Wenn auch 2007 längst nicht mehr mit Tempo, Geschwindigkeit und Schrammeleien.

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10 Songs, die jeder Hamburger kennen muss

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Popkultur

45 Jahre „Slowhand“: Eric Claptons furioses Comeback nach Heldensturz und Heroin

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Eric Clapton
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wer ein Album mit einem Hattrick aus Cocaine, Wonderful Tonight und Lay Down Sally eröffnet, hat ein Comeback verdient: Vor 50 Jahren feuert Eric Clapton seine Karriere neu an und liefert mit Slowhand den definierenden Moment seiner Laufbahn als Solitär.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Slowhand anhören:

Das Blöde an Gitarrenhelden und musikalischen Heiligen ist ja: Sie weilen derart hoch oben in himmlischen Sphären, dass so ein Fall ganz schön tief sein kann. In den Siebzigern passiert genau das Eric Clapton. Nachdem er ab 1963 erst durch die Yardbirds, dann durch die Bluesbreakers, Cream, Blind Faith und Derek And The Dominoes zu einem der fleißigsten, besten und berühmtesten Gitarristen der Sechziger wurde, versucht er es 1970 solo. Muss ja so kommen, viel mehr kann Clapton im Bandkorsett nicht erreichen.

Heldensturz und Heroin

Die Karriere läuft einigermaßen an, wird aber von Drogen und gebrochenen Herzen torpediert. Er verfällt zu gleichen Teilen George Harrisons Frau Pattie Boyd und dem Heroin, zieht sich zurück, macht einen desolaten Auftrott bei Harrisons Concert For Bangladesh. Einer der strahlenden, mythischen Helden der Sechziger, so scheint es, wurde gestürzt. 1974 kämpft er sich aus der Dunkelheit zurück und veröffentlicht, jetzt mit Boyd an seiner Seite, sein Comeback 461 Ocean Boulevard. Der Trick: Mehr Songs, weniger Experimente.

Der Plan geht auf, doch die Nachfolgewerke There’s One in Every Crowd (1975) und No Reason To Cry (1976) sind wieder vergleichsweise ziellos und aufgebläht. Merkt er selbst und verschanzt sich mit seiner fast durchgehend US-amerikanisch besetzten Liveband im Mai 1977 in den Londoner Olympic Studios, wo sein fünftes Soloalbum Slowhand entsteht. Es soll sein definierendes Kapitel als Solitär werden. Und das hat direkt mit seinen Mitmusiker*innen zu tun: Sie bringen den originär amerikanischen Blues und Soul, dem Clapton seit Tag eins nacheifert, auf sein Album – mühelos, authentisch und mit unkompliziertem Groove. „Ich als Engländer kann mich diesem Sound nur annähern“, sagt Clapton mal dazu. „Doch die Band ist eine Tulsa-Band. Die kann gar nicht anders.“

Clapton und der Anti-Drogen-Song

Slowhand, benannt nach dem Spitznamen, den er 1964 vom Yardbird-Manager Giorgio Gormelsky bekam, beherzigt die Lektionen von 461 Ocean Boulevard, gibt sich eingängig, radiofreundlich und bleibt mit Ausnahme des Neunminüters The Core in allen Songs unter der Fünf-Minuten-Marke. Außerdem wagt Clapton deutlich mehr Eigeninitiative und packt viel weniger Cover-Songs als sonst auf die Platte. Einer wird dann aber gleich zu seinem infamen Signature-Song: Seine Interpretation von J.J. Cales Cocaine wird in Argentinien zensiert und in Folge vieler negativer Stimmen in den nächsten Jahren sehr selten live gespielt. Irgendwie konnte Eric Clapton niemanden davon überzeugen, dass wir es hier mit einem Antidrogensong zu tun haben. Na ja… „If your day is gone, and you want to ride on, cocaine – don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine“ klingt jetzt nicht gerade sehr kritisch.

Unaufdringlich virtuos

Was Slowhand auszeichnet, ist diese unaufdringliche Virtuosität. Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und macht einfach das, was er kann: Die Gitarre zum Strahlen bringen. Mit Wonderful Tonight spendiert er dem Album zudem einen seiner bekanntesten Songs – eine Ode an Pattie Boyd, inspiriert von ihrem gemeinsamen Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts 1976. Sweet. Die dritte große Nummer nach Cocaine und Wonderful Tonight ist natürlich der Country-Kracher Lay Down Sally, den Clapton gemeinsam mit Backgroundsängerin Macy Levy und Gitarrist George Terry schreibt. Gemeinsam formen sie das Triptychon, das Slowhand eröffnet und fast eigenmächtig zum Erfolg führt.

Slowhand inszeniert eine Band, die ganz genau weiß, was sie tut. Die ganz genau weiß, dass sie starkes Material in einigen hellen Momenten im Studio eingespielt hat. Der lockeren Klasse der Songs schadet nicht mal, dass Clapton laut Produzent Glyn Johns fast durchgehend alkoholisiert war. Aufrecht erhalten kann Slowhand dieses gute Blatt jedoch nicht: Die nächsten Platten sind allesamt halbherzige Versuche. Erst mit dem von Phil Collins produzierten August (1986) geht es langsam wieder bergauf, gekrönt von MTV Unplugged (1992), das ihn endgültig konsolidierte.

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30 Jahre „MTV Unplugged“: Eric Claptons intimster Moment

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