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Popkultur

Modtastic!

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Also, was genau waren Mods?
Es mag Euch überraschen zu hören, dass der Begriff seinen Ursprung im Modern Jazz der 1950er Jahre hat. Damals wurden Musikfans, die die Platten von Labels wie Blue Note Records hörten, ‘Modernists’ genannt – oder eben Mods. Die Mod-Bewegung entstand in London und schon Mitte der 60er konnte man die gut gekleideten jungen Leute in italienischen Anzügen und Scootern – Lambrettas oder Vespas – in Clubs in ganz Großbritannien tanzen sehen.

 

Digging deeper…

 

Die Liebe zur Mode war ein wichtiger Teil der Modszene, aber auch ohne Musik wäre sie nicht denkbar gewesen. Es war die schwarze Musik, zu der die Mods in Clubs wie dem Marquee, La Discothèque, The Flamingo und ihrer spirituellen Heimat, dem angesagtesten Club von allen, The Scene Club im Ham Yard in London, tanzten. Für viele Leute sind heute The Who gleichbedeutend mit der Modkultur. Sie waren eine der ersten vom Mod beeinflussten Bands und ihre Zugehörigkeit ist vor allem ihrem Album Quadrophenia (1973) ganz deutlich anzumerken. Als 1979 das Mod-Revival Fahrt aufnahm, von dem auch The Jam ein Teil waren, wurde das Album sogar in einem Film verarbeitet. Die Musik von The Who fand bei den Mods aus den ländlichen Gegenden sehr viel mehr Anklang als bei den Londonern, die sich wahrscheinlich für etwas Besseres als ihre Kameraden in der Provinz hielten.
Die Begeisterung der Mods für schwarze Musik galt den Künstlern auf Motown, Stax Records, und Aufnahmen unbekannter amerikanischer Labels, sowie Jamaican Ska. Die Tourneen von Motown-Künstlern in Großbritannien und ihr früher Ansturm auf die britischen Charts mit den Supremes, Martha and the Vandellas und Marvin Gaye – dem bestangezogenen der bestangezogenen Motown-Künstler – wurde von den Plattenkäufern aus der Modszene, nicht nur in London, sondern immer mehr auch in anderen großen und kleineren britischen Städten, angefeuert.

 

Mod LogoDie Fernsehshow ‘Ready Steady Go! – the Weekend starts here’, die im August 1963 auf Sendung ging, war absolutes Pflichtprogramm für jeden Mod, der was auf sich hielt; und auch all jene, die zwar vorgaben Mods zu sein, aber noch nicht mal alt genug waren, um einen Scooter zu besitzen (das Mindestalter für den Führerschein war 16). In der ersten Folge von RSG! traten Bill Fury, Brian Poole und die Tremeloes auf, aber es dauerte eine Weile, bis sich die Sendung etablierte. Von Anfang an durchstreiften die Produzenten die Clubs und Tanzbars in und um London – wie z. B. den Orchid Ballroom in Purley – auf der Suche nach den besten Tänzern, von denen alle zu den neuesten Sounds der amerikanischen Black R&B- und Soulkünstler tanzten.

 

The Who traten Ende Januar 1965 mit einer Playbackversion von ‘I Can’t Explain’ zum ersten Mal bei RSG! auf und wer sie dort gesehen hat, konnte sofort erkennen, was die Band so großartig machte. Es gibt keine Bilder von dem Auftritt, aber wenn man sich den Auftritt in der amerikanischen Fernsehsendung Shindig ansieht, der sechs Monate später in den Twickenham Studios aufgezeichnet wurde, dann versteht man die Aufregung. Daltrey sah in seinem Hemd fantastisch aus und er erhob hier definitiv Anspruch auf den Titel als bester Rocksänger aller Zeiten. Moon prügelte das Leben aus seinem Schlagzeug heraus und der dreckige Sound von Townshends Gitarre ist einfach perfekt.
Oh, und auf Keith Moons Sweatshirt prangt das kreisrunde rot-weiß-blaue Logo der Royal Air Force – welches mittlerweile untrennbar mit der Modszene verbunden ist.

 

ModIm April 1965 hatte Dusty Springfield die Idee, eine Special Edition von Ready Steady Go! dem Motown zu widmen. Die Show begann mit einem Duett des Klassikers ‘Wishin and Hopin’ zwischen Dusty und Martha and the Vandellas. Außerdem traten Smokey Robinson and the Miracles, Stevie Wonder, Marvin Gaye, The Temptations und The Supremes auf. Die Supremes, mit Frontsängerin Diana Ross, zeigten zum ersten Mal ihren ‘Stop In The Name of Love’-Tanz und die Temptations performten ‘My Girl’ mit seiner ebenfalls nicht zu verachtenden Choreographie. Und ab dem Moment tanzten die Mods genau so; es war einfach total cool.
The Who wurden stark von der Modkultur und der Musik beeinflusst, und als sie den Kleidungsstil annahmen und begannen, schwarze Musik zu covern, verbreiteten sie die Modkultur noch weiter. Auf ihrem Debütalbum My Generation (1965) coverten sie James Browns ‘I Don’t Mind’ und auf A Quick One (1966) Martha and the Vandellas‘ ‘Heatwave’.
Bei ihren frühen Liveshows sangen The Who Songs von Miracles, Bo Diddley, Booket T & the MG’s und Howlin’ Wolf. Mods liebten die Tanzmusik von Motown und Stax, und den Blues von Chess Records. Auch Ska, der Vorbote von Reggae, war für Mods Pflicht: Songs wie Jimmy Cliffs ‘King of Kings’ und ‘Train to Skaville’ von The Ethiopian.
Die Carnaby Street war ein Mekka für Mods. 1963 eröffnete John Stephen, der selbsternannte King der Carnaby Street, seinen ersten Shop, ‘His Clothes’. Bald folgten ‘I Was Lord Kitchener’s Valet’, ‘Lady Jane’, ‘Kleptomania’, ‘Mates’, ‘Ravel’ und noch einige mehr, die sich speziell an Mods richteten. Für die meisten männlichen Mods verkörperte kaum jemand den Stil besser als Marvin Gaye. Seine unverwechselbare Art, den schicksten Anzug von allen zu tragen, hätte schon ausgereicht, ihn zum Star zu machen. Aber sein musikalisches Talent war außergewöhnlich. Sein erster UK-Hit als Solokünstler, ‘How Sweet It Is (To Be Loved By You)’, entwickelte sich zu einer Art Mod-Hymne und für viele Mod-Pärchen waren seine Duette mit Kim Weston und Tammi Terrell ‘unser Lied’. Eine spätabendliche Knutscherei zu ‘Your Precious Love’ von Marvin und Tammi war für viele Teenager der Vorgeschmack auf Sex.
Im Rahmen ihrer Verbreitung über das Stadtgebiet Londons hinaus, entstanden regionale Variationen der Modkultur. Am bekanntesten ist wohl der Northern Soul. Er hatte seine Wurzeln in der Modszene der 1960er Jahre und konzentrierte sich im Norden Englands, und besonders in Clubs wie dem Wigan Casino, dem Twisted Wheel in Manchester und dem Torch in Stoke-on-Trent. Northern Soul ist viel weniger Mainstream als normale Soul Musik und es geht hauptsächlich ums Tanzen. Er führte zu Disco und später auch Breakdance. Anwesende im Wigan Casino konnte jeden Abend Spins, Flips, Karate Kicks und Backdrops sehen, die allesamt von amerikanischen Soulacts inspiriert waren, die zu der Zeit in Großbritannien auf Tour waren.

 

ModThe Jam waren eine Punkband, aber in ihren Marvin Gaye-Gedächtnisanzügen und musikalischen Einflüssen wie The Who und Small Faces waren sie der Inbegriff einer Mod-Revivalband. 1977 wurden sie von Polydor unter Vertrag genommen und die Songs auf ihrem ersten Album, das im Mai desselben Jahres erschien, darunter z. B. ‘Non Stop Dancing’ und ein Cover von dem zehn Jahre zuvor schon von The Who aufgenommenen ‘The Batman Theme’, erinnerten sehr an die Modkultur. Die B-Seite der zweiten Single war ein von Bassist Bruce Foxton geschriebener Song mit dem vielsagenden Titel ‘Carnaby Street’. Nach der Auflösung von The Jam gründete Paul Weller 1983 zusammen mit Mick Talbot die Band The Style Council. Talbots frühere Band hieß The Merton Parkas: Ein Parka gehörte zur Standardgarderobe jedes Mods, wenn er auf seiner Lambretta TV 175 oder Li125 unterwegs war. Komplettiert wurde das Outfit durch eine Sonnenbrille – bei jedem Wetter – Bügelfaltenhose, Ben Sherman Hemd, kein Helm, und einen Fuchsschwanz, den es bei Esso kostenlos zur Tankfüllung gab und der an der knapp 2 Meter langen Antenne am hinteren Ende des Scooters befestigt wurde.
Mehr brauchte man nicht, um zur ‘In Crowd’ dazu zu gehören. ‘The In Crowd’ war auch der Titel des Dobie Gray Songs, einer weiteren Mod-Hymne. Einen eindrucksvollen Beleg, dass der Song nicht unterzukriegen ist, liefert Gregory Porters Album Liquid Spirit (2013 auf Blue Note), auf dem sich eine Coverversion von ‘The In Crowd’ findet, deren Sound unweigerlich Bilder von Marvin Gaye vor dem inneren Auge hervorruft.

 

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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

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