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Popkultur

Gitarrengott: Chuck Berry

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Es lebe der Rock ‘n’ Roll’. . . es lebe Chuck Berry! Ein halbes Jahr bevor man in Amerika bemerkte, dass ein weißer Musiker wie ein schwarzer Musiker klingen konnte, schuf Charles Edward Anderson Berry aus Blues, Country-Musik, Western Swing und einer Menge anderer Stile das unwiderstehliche „Maybellene“. Dies läutete den Beginn einer Karriere ein, die über ein halbes Jahrhundert andauerte und von den Rolling Stones zu den Beatles und den Beach Boys so gut wie jede Pop- oder Rockband beeinflusste. Es gibt wohl heutzutage kaum einen Gitarristen, der nicht schon einmal die Riffs und Melodien von Chuck Berry gespielt hat.


Hört hier in Chuck Berry in 20 Songs rein und lest weiter:

Für die ganze Playlist klickt auf “Listen”.

Moderne Rockmusik ohne Chuck Berry ist schwer vorstellbar. Sein Genie liegt in seiner Fähigkeit einen Song zu „präsentieren“. Der Mann, den die meisten Leute in den letzten 40 Jahren auf der Bühne gesehen haben, hat nichts oder nur sehr wenig mit dem Gitarristen zu tun, der im „Duck Walk“ daherkommt und zu seiner Bestzeit eine Offenbarung war.

Chuck Berry ist eine der wichtigsten Ikonen in der Geschichte der Popmusik und der Entwicklung der Rockmusik. Jeder kennt die Hits, es ist also an der Zeit etwas tiefer zu forschen, um den Mann, der ja eindeutig ein Genie ist, wirklich schätzen zu können.

„Wenn man dem Rock ‘n’ Roll einen anderen Namen geben wolle, könnte man ihn auch Chuck Berry nennen.” – John Lennon


Chuck Berry


Digging deeper…

In seiner Autobiografie sagt Chuck, dass er in St. Louis geboren ist. Andere behaupten jedoch, das dies nicht der Fall war und dass er in San Jose in Kalifornien auf die Welt kam und dann als sehr kleines Kind mit seinen Eltern in den Osten der USA zog. Berry lernte in den späten 30er Jahren Gitarre zu spielen und spielte bald auf Parties und Schulbällen. Er arbeitete mit dem Ray Band’s Orchestra in St Louis; seine musikalische Ausbildung wurde jedoch abrupt unterbrochen als er 1944 zu drei Jahren in einer Besserungsanstalt verurteilt wurde, nachdem er ein Auto gestohlen und den Fahrer mit einer Waffe bedroht hatte. Nach seiner Entlassung gründete er die Chuck Berry Combo und begann in der Gegend von St. Louis zu spielen. Später zog er nach Chicago, wo er Muddy Waters traf, der ihn zusammen mit Nat King Cole musikalisch stark beeinflusste. Dies mag manchen überraschend erscheinen, Cole und Louis Jordan waren jedoch damals die bekanntesten schwarzen Künstler und beide spielten eine Rolle bei der Förderung von vielen jüngeren, schwarzen Künstlern in den 50er Jahren. Was Nat anging, lag dies hauptsächlich an seiner Fähigkeit, auch für ein weisses Publikum interessant zu sein. Chuck zog immer mehr weiße Fans an, die seine verrückten Bühnenauftritte liebten.

Muddy Waters machte Berry mit Leonard Chess bekannt, der ihn sofort unter Vertrag nahm. Innerhalb von wenigen Wochen, am 21. Mai 1955, brachte er sein erstes Album heraus; es war stark von „Ida Red“, einer Country Blues Melodie, inspiriert, die Berry in „Maybellene“ umbenannte.

Auf „Maybellene“ spielt Willie Dixon am Kontrabass, Jerome Green von Bo Diddley’s Band auf Maracas und Johnny Johnson auf dem Piano und es hielt sich 1955 für 11 Wochen auf Platz 1 der R&B-Charts und auf Platz 5 in den Hot 100; es war nicht die Geburtstunde des Rock ‘n‘ Roll, aber es war ein entscheidender Moment. Später wurden eine Million Kopien des Albums verkauft. Die B-Seite war ein klassischer Blues-Song „Wee Wee Hours“, wodurch Chuck seine traditionellen Wurzeln unter Beweis stellte.



Es dauerte noch ein weiteres Jahr bis Chuck es in die Billboard-Charts schaffte, aber er war ein beliebter Künstler beim schwarzen Publikum, die dafür sorgten, dass seine nächsten beiden Singles „Thirty Days (To Come Back Home)“ und „No Money Down“ in den R&B-Top-10 landeten. „Roll Over Beethoven“ vom Mai 1956 schaffte einen bescheidenen Durchbruch in den nationalen Charts und brachte es auch bis auf Platz 2 in den R&B-Charts. Es war vielleicht etwas überraschend, dass Chucks Homage an klassische Komponisten und deren Musik und die Notwendigkeit, dass die älteren Musiker der jüngeren Generation weichen mussten, trotz dessen Kultstatus in der Rockgeschichte nicht so erfolgreich in den Billboard Hot 100 war, wie manch einer annahm. Es kletterte im Sommer 1956 bis auf den 29. Platz, war jedoch in Grossbritannien gar nicht in den Charts vertreten. Im November 1963 war es der Auftaktsong auf der B-Seite des zweiten Albums der Beatles in Grossbritannien „With The Beatles“, wodurch einige Musikliebhaber es hörten, die es vielleicht beim ersten Mal nicht wahrgenommen hatten.

„Too Much Monkey Business“ und „Brown Eyed Handsome Man“ folgten und beide Seiten der Single wurden Top 5 Hits in den R&B-Charts, schafften es jedoch nicht in die Hot 100. „School Day“, das im Frühjahr 1957 auf Platz 3 der Charts kletterte und zur gleichen Zeit die R&B-Charts toppte, wurde Chucks nächster Billboard-Hit. Elvis Presleys „All Shook Up“ war damals an der Spitze und „Little Darlin“ von den Diamonds auf Platz 2, warum es wohl keine Überraschung ist, dass Chuck daran nicht vorbeiziehen konnte.

Chucks Erfolg in den nationalen Charts machte Promoter darauf aufmerksam, dass Chuck möglicherweise an „The Biggest Show of Stars for 1957“, einer Tournee aus schwarzen und weissen Künstlern, teilnehmen könnte, wo er daraufhin auch mit den Everly Brothers, The Crickets, The Drifters, Frankie Lymon and The Teenagers, Fats Domino, Paul Anka und Sam „The Man” Taylor auftrat. Die Eröffnung der Show war am 1. September im Paramount Theater in Brooklyn und die Tournee zog sich durch fast alle amerikanischen Staaten, von Küste zu Küste. Berry trat auch im Dezember 1957 als Gast der Guy Mitchell Show im nationalen Fernsehen auf, wo er ‘Rock & Roll Music’ sang, den Nachfolgehit zu „School Day“.


Chuck Berry


Die „The Biggest Show of Stars for 1957“ Tournee sorgte dafür, dass „Rock & Roll Music“, ein klassisches Rock ‘n‘ Roll Album, das kein Blatt vor den Mund nimmt, es auf Platz 8 der Hot 100 schaffte und zwei Plätze besser in den R&B-Charts. Auf diesem Album spielen ein Musiker mit dem wunderbaren Namen Lafayette Leake am Piano, Big Willie Dixon am Kontrabass und Fred Below am Schlagzeug; alles Veteranen des Chess-Studio-Sounds. Zahllose Bands, wozu die Beach Boys gehörten, die mit dem Titel 1976 auf Platz 5 der Hot 100 landeten, brachten Cover davon heraus. Es war auch ein Klassiker bei den Live-Konzerten der Beatles während ihrer Zeit in Hamburg und während vieler ihrer Live-Radioaufnahmen 1963.

Es gefiel mir wirklich, wie Chuck Berry seine Liedertexte schrieb, er beschrieb kleine Anekdoten, die in seinem Leben und seinem Umfeld passierten und genau das taten auch wir, als ich anfing Liedertexte zu schreiben – „Surfin’ Safari“, „Surfin’ USA“, „Fun, Fun, Fun“ und „I Get Around“. Dies alles waren kleine Geschichten darüber, was in Südkalifornien damals los war als wir dort aufwuchsen.” – Mike Love



„The Biggest Show of Stars for 1957” beendete seine fast dreimonatige Tournee quer durch Amerika in Richmond, Virginia, am 24. November 1957 als „Rock & Roll Music“ gerade die Charts hochkletterte. Chuck Berry ging zurück nach Chicago und nach Weihnachten kehrte er am 29. Dezember wieder in die Chess Studios zurück, um dort mit den gleichen Musikerkollegen zu arbeiten, mit denen er auch schon „Rock & Roll Music“ aufgenommen hatte. Sie schnitten sieben verschiedene Titel, wozu „Sweet Little Sixteen“ gehörte, das Chucks nächste Single wurde, und einen weiteren Klassiker des Genres – „Johnny B. Goode“.

In der Zeit vor politischer Korrektheit, die nie wirklich zum Rock ‘n‘ Roll passte, und in einer Welt, die sich sehr von heute unterscheidet, waren viele Mädchen in Amerika im Alter von 16 Jahren (oder jünger) bereits verheiratet. Es war ein beliebtes Thema sowohl unter Rock ‘n‘ Rollern als auch Blues-Musikern. „Sweet Little Sixteen“ war Chucks am zweitbesten platzierte Chart-Single in den Hot 100, als es zu Beginn des Jahres 1958 bis auf Platz 2 kam, nur geschlagen von „Tequila“ von den Champs. Nichts hielt seinen Siegeszug in den R&B-Charts auf und „Reelin and Rockin“ auf der B-Seite macht es zum perfekten Rock ‘n‘ Roll Album. „Sweet Little Sixteen“ war Chucks zweiter Hit in Grossbritannien, wo es im Frühjahr 1958 auf Platz 16 landete. Musikalisch gesehen „lieh“ sich Brian Wilson die Melodie und das Arrangement dieses Songs für den Beach Boys Hit „Surfin’ USA“; Berry wurde vor nicht allzu langer Zeit nach einem Gerichtsverfahren als Mitkomponist anerkannt.


Chuck Berry


„Johnny B. Goode“ beginnt mit einer Intro, die so etwas wie ein Markenzeichen geworden ist; nicht nur für Berry, sondern auch für sehr viele andere Bands, darunter auch die Beatles. Es ist eine grossartige, rockige Intro, die viele tausend Male kopiert worden war, aber in Wahrheit war Chuck damals nicht nüchtern gewesen. 1946, also zwölf Jahre vorher, war Louis Jordan ein Mann, den jeder aufstrebende Musiker bewunderte. Zusammen mit seinen Tympany Five nahm er „Ain’t That Just Like A Woman“ auf. Der Gitarrist der Tympany Five war Carl Hogan und sein Gitarren-Intro zu dem Song war fast Ton für Ton dasselbe wie Chuck Berrys spätere Aufnahme. Wie man so schön sagt, es gibt keine neuen Ideen, nur alte, die man neu erfindet. Tatsächlich ist Jordans Aufnahme eine weitere, die im Wettbewerb um die allererste Rock ‘n‘ Roll Platte gute Chancen hätte.

Einen Nachfolge-Hit zu „Sweet Little Sixteen“ zu schreiben war eine fast unmögliche Aufgabe, aber wenn es ein Song schaffen konnte, so war es „Johnny B. Goode“. Angefangen von seinem brillianten, wenn auch nicht komplett originellen, Gitarrenriff zu Beginn bis zu den Texten, die, wie Berry bewusst wurde, das Land in Erinnerung riefen, das vielen seiner Fans am Herzen lag, ist „Johnny B. Goode“ ein eindeutiges Rock ‘n‘ Roll Album. Es landete auf Platz 8 der Hot 100, hielt sich fast vier Monate in diesen Charts und erzielte nur knapp keine dritte Top-Platzierung für Berry in den R&B-Charts.

„Johnny B. Goode“ stand am Ende von drei Jahren mit beinahe fehlerlosen Rock ‘n‘ Roll Alben und obwohl auch noch einige großartige Singles dabei waren, schaffte es keine davon, an die kreative Leistung dieser frühen Jahre heranzureichen . Es dauerte ganze sechs Jahre bis Berry wieder einen Top-10-Hit in den Hot 100 landete, obwohl ein Jahr vorher, 1963, „Memphis Tennessee“ den 6. Platz in Grossbritannien erreichte. Dazwischen brachte er einige hervorragende Alben heraus, zu denen „Let It Rock“, „Run Rudolph Run“, „Little Queenie“ und „Carol“ gehörten. Die letzteren beiden wurden von den Rolling Stones gecovert, was besonders gut auf ihrer Tournee durch Amerika 1969 ankam und was man auf Get Yer Ya-Ya’s Out hören kann.


Chuck Berry – immer noch Weltklasse:


Berrys fehlender ernsthafter Erfolg in den Charts lag unter anderem daran, dass er eine Weile im Gefängnis einsaß, nachdem er verurteilt wurde, da er eine Minderjährige (sie war vierzehn Jahre alt) über eine Staatengrenze gebracht habe. Berry verbrachte drei Jahre im Gefängnis und obwohl es kaum Zweifel daran gibt, dass die Rassenvorurteile und schlechte Presse dabei eine Rolle spielten, hätten die Auswirkungen auf seine Karriere katastrophal sein können; es war aber wahrscheinlich die „britische Invasion“, die bei seinem Comeback behilflich war.

„No Particular Place To Go” landete im Hochsommer 1964 in den Top 10 der Billboard-Charts. Vor Chuck waren noch eine Reihe anderer Bands der „britischen Invasion“ platziert und auf Platz 1 waren die Beach Boys mit „I Get Around“, mit Mike Loves Text, der von keinem geringeren als „Old Flat Top“ selbst inspiriert worden war. „No Particular Place To Go“ hätte es auf beiden Seiten des Atlantik ans obere Ende jeder bedeutenden Charts schaffen sollen (es erreichte immerhin Platz 3 in Grossbritannien). Chuck schaffte dies jedoch mit einem ersten Platz sowohl in den Charts in Grossbritannien, den USA und vielen anderen Ländern sechs Jahre später mit „My Ding-A-Ling“, einem Album, dessen einzige Verbindung zum Rock ‘n‘ Roll sein Thema ist.

Während der 60er und auch der 70er Jahre beeinflusste Berry weiterhin amerikanische und britische Bands. Sie waren ein Produkt von Berry wie er seinerseits ein Produkt des Proto-Rock ‘n‘ Roll von Louis Jordan, Joe Turner und Wynonie Harris in den späten 40er Jahren war. Obwohl er 1979 noch einmal im Gefängnis einsass, diesmal wegen Steuerhinterziehung, was an sich kein Stolperstein für seine Karriere darstellen sollte, ist Berry weiterhin aufgetreten, hauptsächlich mit Pick-Up-Bands; dies war nicht wirklich problematisch, da er ja einen großen Einfluss auf jeden Möchtegern-Popstar der letzten sechs Jahrzehnte hatte (sowohl Bruce Springsteen als auch Steve Miller spielten in Berry Pick-Up-Bands).


Hier stellen wir euch weitere Gitarrengötter vor:

Bo Diddley
Muddy Waters

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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