Join us

Popkultur

Interview mit Grey Daze: „Noch zwei Tage vor seinem Suizid telefonierte ich mit Chester“

Published on

Foto: Mark Peterman/WireImage/Getty Images

Mit „Amends“ erscheint posthum das Frühwerk von Chester Bennington. Die gepeinigten, ernsten Songs zeigen: Schon damals hatte der spätere Linkin-Park-Megastar mit seinen Dämonen zu kämpfen. Ein Gespräch mit seinem engen Freund und Bandkumpel Sean Dowdell.

von Björn Springorum

Mit Grey Daze startete Chesters Karriere

Bevor Chester Bennington als Galionsfigur von Linkin Park zum Posterboy der Emo-Generation aufstieg, sang er sich bei den Arizona-Rockern Grey Daze die Seele aus dem Leib. Zu seinen Plänen, die alte Band zu reformieren und einige Stücke neu aufzunehmen, kam es nie: Im Juli 2017 nahm sich Bennington das Leben. Sein alter Kumpel Sean Dowdell hat sich seinem Vermächtnis angenommen. Amends ist ein Wiederhören mit einer der prägendsten Rock-Stimmen der Nullerjahre – und ein dicker Kloß im Hals nicht nur jedes Linkin-Park-Fans. Nur Leichenfledderei? Nicht wirklich. Als millionenschwerem Tattoostudio-Besitzer kann man Dowdell definitiv nicht vorwerfen, schnelles Geld machen zu wollen.

Sean, wie fühlt es sich heute an, über Chester und die alte Band zu sprechen?

Chester war einer meiner allerbesten Freunde, natürlich rede ich gern über ihn. Mich und ihn verbinden so viele großartige Erinnerungen – und damit meine ich nicht nur die Musik, die wir gemeinsam erschaffen haben. Wir spielten Musik zusammen, wir spielten Basketball zusammen, wir gingen gemeinsam essen, wir verbrachten unseren Urlaub gemeinsam. Außerdem waren wir Geschäftspartner. Unsere Geschichte ist lang und detailliert. Jetzt wieder darüber zu reden, fühlt sich so an, als würden wir sein Andenken ehren. Ein gutes Gefühl.

Wann und wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Er wurde mir von unserem damaligen Gitarristen vorgestellt. Wir stellten gerade eine neue Band zusammen, und Chester kam zum Vorsingen vorbei. Wir spielten Alive von Pearl Jam und konnten kaum glauben, was wir da hörten. Er konnte singen, klar, aber da war noch etwas anderes. Wir fragten ihn sofort, ob er bei uns einsteigen wollte, aber er musste erst seinen Vater fragen, weil er noch so jung war. Ich fuhr ihn also nach Hause und redete mit seinem Dad, der sich vor allem vergewissern wollte, ob wir gute Absichten hatten. Am Ende stimmte er zu – und von diesem Moment an ging es los. Wir probten mehrmals die Woche, begannen, unsere eigenen Songs zu schreiben und Konzerte in Phoenix zu spielen.

„Es gab viel Streit, wir schalteten sogar die Rechtsanwälte ein.“

Zu diesem Zeitpunkt warst du schon eine Weile in Bands aktiv. Wie kamst du zu der Musik ?

Mein Onkel Mike war Schlagzeuger, und ich fand ihn eigentlich immer verdammt cool. Ich wollte so sein wie er. Ich fing allerdings erst mit 17 Jahren an, Drums zu spielen. Als ich Chester traf, trommelte ich also erst einige Monate. Mit anderen Worten: Ich war nicht sehr gut. (lacht) Aber das passte, denn er stand auch noch ganz am Anfang und wir sammelten unsere ersten Erfahrungen in der Musikwelt Seite an Seite.

Wie sah die Szene in Phoenix damals aus?

Die Szene begann damals gerade erst aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Es gab eine Band namens Gin Blossoms und eine andere namens The Refreshments, aber wirklich viel los war damals nicht. Klar, irgendwann kamen dann Jimmy Eat World, doch zu Beginn eröffneten sie sogar unsere Shows. Nach und nach tat sich etwas in Phoenix: Clubs eröffneten, junge Bands tauchten auf – und wir waren mittendrin.

Wolltet ihr eure Band groß machen?

Ganz zu Anfang wollten wir einfach nur heiße Mädels abschleppen und Spaß haben. Und jeder Musiker, der dir etwas anderes erzählt, lügt. Erst gegen 1994, als wir so langsam gute Songs schrieben und live immer besser wurden, wurde alles ernster: Plattenvertrag, Albumaufnahmen…

Verlief die Trennung freundschaftlich, als Chester zu Linkin Park ging?

Zunächst war es schon schwierig. Es gab viel Streit, wir schalteten sogar die Rechtsanwälte ein. Chester ging irgendwann nach Los Angeles, um sich der Band anzuschließen, aus der sehr bald Linkin Park hervorgehen würden. Es gab, das verheimliche ich nicht, eine mehrjährige Funkstille zwischen uns, aber nachdem Linkin Park mit Hybrid Theory ihren gewaltigen Durchbruch feierten, wurde bei unserem ehemaligen Gitarristen Bobby Benish ein Hirntumor diagnostiziert. Daraufhin rief Chester mich an, um mir zu sagen, dass er mich zurück in seinem Leben will. Wir entschuldigten uns tausendmal und ich konnte ihm endlich sagen, wie stolz ich auf seinen Erfolg mit Linkin Park war. Ich weiß, wie hart er daran gearbeitet hatte. Ab diesem Zeitpunkt trafen wir uns wieder regelmäßig.

Wie kam es, dass Chester Grey Daze wieder reaktivieren wollte?

Da müssen wir aber einige Jahre in die Zukunft spulen. Es muss wohl 2016 gewesen sein. Linkin Park hatten damals gerade One More Light fertig gestellt und Chester und ich überlegten, wie wir unser Tattoo- und Piercingstudio Club Tattoo weiterentwickeln könnten. Chesters Idee war es, eine große Party zu schmeißen und zu diesem Anlass Grey Daze zu reformieren. Sogar ein Datum hatten wir schon: 23. September 2017. Wir setzten uns mit dem Material auseinander, das erste Mal seit vielen Jahren, und waren beide völlig begeistert davon. Er war damals schon nicht mehr bei den Stone Temple Pilots und sagte mir, dass es ihm fehlte, eine zweite Spielwiese neben Linkin Park zu haben. Also beschlossen wir, die Band wieder zurückzuholen und unsere alten Songs neu aufzunehmen.

Der Sound des neuen Jahrtausends: Diese Alben werden 20 Jahre alt

Dazu kam es nie: Am 20. Juli nahm sich Chester das Leben.

Noch zwei Tage vor seinem Suizid telefonierte ich mit Chester. Er wollte noch einen Werbespot in Los Angeles drehen und dann einige Tage mit seiner Familie in Sedona in Arizona verbringen, wo ich ihn auch treffen sollte. Wir wollten am Samstagabend zusammen essen und gleich am nächsten Tag mit den Bandproben loslegen. Aber wir wissen ja alle, was passierte.

„Bevor er auflegte, sagte er noch ‚Ich liebe dich‘. Das waren die letzten Worte, die ich je von ihm hörte.“

Welchen Eindruck machte er bei diesem Telefonat auf dich?

Einen denkbar guten. Als wir telefonierten, war er regelrecht euphorisch. Er hatte Bock auf Grey Daze, Bock auf Club Tattoo, wir alberten am Telefon herum, wie wir es immer taten. Er war in einer wirklich guten Verfassung. Bevor er auflegte, sagte er noch „Ich liebe dich“. Das waren die letzten Worte, die ich je von ihm hörte.

Wann habt ihr entschieden, dieses Album auch ohne ihn neu aufzunehmen?

Das dauerte. Das erste halbe Jahr konnte ich gar nicht daran denken, doch ich fühlte schon damals, wie es in mir nagte. Etwas in mir wusste, dass ich dieses Projekt abschließen musste. Für ihn. Irgendwann wachte ich auf und sagte meiner Frau: Ich vollende dieses Album! Ich musste der Welt einfach zeigen, wie großartig er schon vor Linkin Park war.

Klingt nach einem ziemlichen Druck, der auf deinen Schultern lastete.

Und ob! Ich fühlte die Last der Welt auf meinen Schultern! Den gesamten Entstehungsprozess dieses Albums achtete ich nur darauf, dass wir ein Ziel verfolgten, das ihn stolz gemacht hätte. Alles musste perfekt sein.

Wie seid ihr bei Amends genau vorgegangen?

Wir isolierten Chesters Gesangsspuren. Und schmissen alles andere weg. Dann fingen wir wieder bei Null an und schrieben die Songs komplett neu. Das war nicht einfach, weil die ursprüngliche Absicht, die Integrität und die Emotion beibehalten werden mussten.

Und jetzt? Ist das Kapitel Grey Daze abgeschlossen?

Es fühlt sich so an, ja. Ich glaube, Chester wäre stolz darauf – und ich weiß, dass ich seine Familie stolz gemacht habe.

Chester Bennington singt Karaoke im Auto – und bricht uns das Herz

Latest Music News

Don't Miss