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Popkultur

Marius Müller-Westernhagen: Ein Porträt

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Spitzbübischer Charme, exzentrische Outfits und ein unverwechselbarer Hüftschwung: Marius Müller-Westernhagen gehört zu den erfolgreichsten Rock- und Popmusikern Deutschlands. Am 6. Dezember 1948 erblickt der Ausnahmekünstler in Düsseldorf das Licht der Welt. Blicken wir zurück auf eine Karriere der Superlative.

von Timon Menge

Marius Müller-Westernhagen kommt am 6. Dezember 1948 in Düsseldorf zur Welt und wächst im industriell geprägten Heerdt auf, einem Stadtteil, der wenig Glamour verspricht. Sein Vater Hans Müller-Westernhagen gehört zum Gründgen-Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses, zu dessen Repertoire auch Marius zählt, der erste Teil einer Dramentrilogie von Marcel Pagnol. Im Leben seines Sohnes nimmt der Vater eine zwiegespaltene Rolle ein: Einerseits vermittelt er ihm engagiert die Grundlagen der Schauspielerei, andererseits leidet er an Depressionen, einem Kriegstrauma und Alkoholsucht, was ihn mit nur 44 Jahren das Leben kostet.


Hört hier in die besten Stücke von Westernhagen rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Marius ist zu jener Zeit erst 14 Jahre alt, arbeitet aber bereits an seiner eigenen Schauspielkarriere. Starthilfe erhält er von seinem Vater kurz vor dessen Tod, der sich für die erste Rolle seines Sohnes einsetzt. Mutter Liselottes Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Wenn er schon den gleichen schwierigen Weg einschlagen muss wie sein Vater, dann doch bitte in einem ordentlichen Theater, nicht im Fernsehen. Denn Westernhagen hat seinen ersten Auftritt in der TV-Produktion Die höhere Schule von Regisseur Wilhelm Semmelroth. Die Gage dafür investiert er in eine Eishockey-Ausrüstung, bleibt dann aber doch bei der Schauspielerei. Nach weiteren kleineren TV-Auftritten spricht er 1965 die Hauptrolle in der WDR-Hörspielproduktion Wickie und die starken Männer. Später engagiert man ihn für das Musikmärchen Peter und der Wolf und für Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten.



Auch die Musik reizt den jungen Künstler. Seine markante, raue Singstimme entwickelt er nicht zuletzt dank einer klassischen Gesangsausbildung, das Gitarrenspiel bringt er sich selbst bei. Mit seiner Band Harakiri Whoom fährt er Ende der Sechziger bereits regionale Erfolge in der belebten Düsseldorfer Musikszene ein. Anfang der Siebziger verschlägt es den jungen Musiker und seine damalige Partnerin, die Schauspielerin Katrin Schaake, nach Hamburg-Pöseldorf. Von dort aus besucht er regelmäßig die Künstler-WG Villa Kunterbunt, in der unter anderem Udo Lindenberg und Otto Waalkes wohnen.

Credit: WEA

1974 unterzeichnet Westernhagen einen Plattenvertrag mit Warner Music, Anfang 1975 erscheint sein Debüt Das erste Mal. Produziert wird das Album von Peter Hesslein, den Westernhagen im Rahmen der Dreharbeiten zu Roland Klicks Film Supermarkt kennengelernt hat. Noch im selben Jahr strahlt die ARD bereits eine Dokumentation über den Nachwuchsmusiker aus, obwohl das Debüt floppt. Mit Bittersüß (1976) und Ganz allein krieg ich’s nicht hin (1977) erscheinen zwei weitere relativ erfolglose Alben.



Der Durchbruch als Schauspieler gelingt 1976 mit Aufforderung zum Tanz. In dem Film verkörpert Westernhagen den sympathischen Fernfahrer Theo Gromberg aus dem Ruhrgebiet, der 1980 ein weiteres Mal über die Leinwand flimmert — diesmal in der noch deutlich beliebteren Fortsetzung Theo gegen den Rest der Welt, einem der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Der Streifen markiert den Höhepunkt in Westernhagens Schauspielkarriere, mehr als drei Millionen Zuschauer strömen ins Kino.



Der musikalische Durchbruch lässt bis 1978 auf sich warten: Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz entsteht gemeinsam mit Produzent Lothar Meid, seines Zeichens Ex-Bassist der deutschen Kultband Amon Düül II, und verkauft sich bis dato mehr als anderthalb Millionen Mal. Gehörten Westernhagens vorherige Alben eher in die Liedermacherecke, gestalten er und Meid das Image des jungen Musikers um und machen einen Rock’n’Roller aus ihm. Gemeinsam mit anderen Künstlern treibt Westernhagen die rasante Entwicklung des Deutschrock voran und bereitet die Mainstream-Tauglichkeit des Genres vor.



Für Aufruhr sorgt der Song Dicke. Eigentlich gesellschaftskritisch gemeint, wird der Text missverstanden und löst starken Gegenwind aus: „Dicke haben Blähungen / Dicke ham ‘nen dicken Po / Und von den ganzen Abführmitteln / Rennen Dicke oft aufs Klo / Und darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin / Denn dick sein ist ‘ne Quälerei / Ich bin froh, dass ich so’n dürrer Hering bin / Denn dünn bedeutet frei zu sein.“Die Aufregung um das Stück bringt etliche Radiosender dazu, das Lied boykottieren.



Auch Grüß mir die Genossen eckt an: Das Stück thematisiert die umstrittene Fahndung nach den RAF-Terroristen während des Deutschen Herbstes: „Neulich, 6 Uhr früh, tritt man mir die Tür ein / Ich spring’ aus dem Bett, da stürmt die Polizei rein / Los, stellen sie sich an die Wand, man hat sie erkannt / Ein Nachbar rief uns an: Sie sind ein Sympathisant / Ich sag: Das muss ein Irrtum sein, ich bin doch bloß ein Bürger / Doch die pflügen mir die Wohnung um, als wäre ich ein Würger.



Die Pfefferminz-Nachfolger Sekt oder Selters (1980) und Stinker (1981) fahren ebenfalls kommerzielle Erfolge ein, erreichen aber nicht so hohe Verkaufszahlen wie ihr Vorgänger. Es wird ruhiger um den gerade erfolgreich gewordenen Musiker. Ab 1982 geht Westernhagen experimentellere Wege, spielt fünf Alben lang mit der damals relativ neuen Entdeckung namens Synthesizer herum und veröffentlicht die Balladen-Compilation Laß uns leben (1985). Zudem nutzt er die Achtziger, um sich einen Namen als Livemusiker zu erspielen, was mit Bravour gelingt.



Für den Kinofilm Der Schneemann (1984) arbeitet Westernhagen wieder mit Regisseur Peter F. Brinkmann zusammen, der schon Theo gegen den Rest der Welt umsetzte. Am Set verliebt er sich in die britische Schauspielerin Polly Eltes — die Mutter seiner Tochter Mimi (eigentlich: Sarah). Die Beziehung ist nicht von Dauer.



1988 heiratet er das Model Romney Williams. Mit ihr und ihrem Sohn aus früherer Ehe verbringt Westernhagen 25 Jahre, bis die Ehe 2013 geschieden wird. (Seit 2016 ist er mit Lindiwe Suttle liiert, einer Sängerin aus Südafrika. Im Juli 2017 heiratet das Paar.) In der Zeit während der Partnerschaft mit Williams hängt er die Schauspielerei an den Nagel und vollzieht einen weiteren Imagewechsel. Er möchte nicht mehr der kleine Rotzbengel Marius sein, sondern der gut gekleidete Salonrocker Westernhagen. Sein neues Album, das ebenfalls einfach Westernhagen (1987) heißt, stößt viele Fans von früher vor den Kopf, erfährt allerdings viel Beachtung. Es wird deutlich: Der Düsseldorfer mit der unvergleichlichen Rockröhre ist gekommen, um zu bleiben. Die Platte enthält nicht nur die Klassiker Ganz und gar und Weißt Du, dass ich glücklich bin, sondern auch den Song Freiheit, der sich 1989 unbeabsichtigt zu einem Soundtrack zur deutschen Wiedervereinigung entwickelt.



Die Neunziger markieren zweifellos den Höhepunkt in Westernhagens Karriere, mindestens quantitativ. Sein 13. Album Halleluja (1989) läutet die Erfolgsserie bereits ein und bricht die bisherigen Verkaufsrekorde des Musikers. Die Platte steigt aus dem Stand auf Platz eins der Charts ein, verkauft sich in nur einem Jahr mehr als eine Million Mal und zieht stolze 50 ausverkaufte Konzerte nach sich. Der Auftritt in den Dortmunder Westfalenhallen erscheint als Doppelalbum und geht 1,5 Millionen Mal über die Ladentheke. Auch die dazugehörige VHS-Kassette verkauft sich gut. Bis heute gehören Songs wie Sexy, Weil ich dich liebe und Fertig zu Westernhagens Klassikern.



1992 produziert er in Eigenverantwortung das Album Jaja und legt damit den Grundstein für eine legendäre Tournee, die ihn als ersten deutschen Künstler nicht nur durch die größten Hallen des Landes führt, sondern auch durch die größten Fußballstadien. Am Erscheinungstag sind die Plattenläden innerhalb weniger Stunden fast ausverkauft. Was klingt, als sei es kaum zu toppen, markiert nach wie vor bloß den Anfang.



1994 brechen dann alle Dämme: Affentheater, bis heute das erfolgreichste Album des Düsseldorfers, verkauft sich bereits vor Veröffentlichung mehr als 700.000 Mal, erreicht mühelos Platz eins und enthält unsterbliche Hits wie Willenlos und Es geht mir gut. Auch die dazugehörige Affentour schlägt ein und führt den Musiker wieder durch sämtliche Stadien. Unvergessen bleibt der energiegeladene Westernhagen im besten Alter, der wie vom Teufel getrieben über die größten Bühnen des Landes fegt und Hunderttausende in seinen Band zieht wie bei einer Massenpredigt. In der Sendung Wetten dass..? ist er Dauergast, der Musiksender VIVA widmet ihm einen gesamten Tag. Die übrige Presse zeichnet indes das Bild vom “Armani-Rocker”, der inzwischen im Geld schwimmt. Das stimmt natürlich, ändert aber nichts daran, dass seine Fans ihn nach wie vor als Kumpel wahrnehmen, als “einen von uns”. Auch Westernhagen selbst erweckt nicht den Eindruck, als sei er abgehoben und übt sich stattdessen in den Werten, die sein Vater ihm mit auf den Weg gab: Bescheidenheit und Demut. Hinter den Kulissen spielen sich bisweilen andere Szenen ab, doch vergessen wir nicht, unter welchem Druck ein Superstar stehen muss, der als erster deutscher Musiker Headline-Shows vor mehr als 100.000 Menschen spielt.



1998 veröffentlicht Westernhagen Radio Maria, gefolgt von einer weiteren Tour der Superlative. Die Vorbereitungen dauern ganze anderthalb Jahre, und die Produktion umfasst nicht nur einen enorm großen, beweglichen Monitor-Satelliten, ein aufwändiges Lichtdesign sowie eine 570 Tonnen schwere Bühne, sondern auch eine Tonanlage, die ganze 200.000 Watt leistet. Für die Promotion werden ebenfalls weder Kosten noch Mühen gescheut. Die Werbekampagne im Vorfeld der Veröffentlichung verschlingt satte drei Millionen D-Mark und gipfelt in einem dreitägigen Interviewmarathon in einer Hamburger Villa. Die Songs auf Radio Maria schreibt Westernhagen in Italien, woher auch der Albumtitel stammt. Ein gleichnamiger katholischer Radiosender liefert die Inspiration. In die öffentliche Diskussion gerät das Stück Jesus. So wirft die Konferenz Evangelikaler Publizisten dem Rockmusiker vor, der Text sei gotteslästerlich. Die Single Wieder hier läuft im Radio rauf und runter. Mit über 1,2 Millionen verkauften Einheiten belegt Radio Maria Platz zwei der erfolgreichsten Westernhagen-Alben. Beim letzten Konzert der Tour in Hamburg verkündet der Musiker auf dem Zenit seines Schaffens, dass dies seine letzte Stadionshow sei. Das Rampenlicht setzt ihm zu.



Sein 16. Album In den Wahnsinn erscheint 2002, bleibt aber hinter den kommerziellen Erfolgen der vergangenen Jahre zurück. An der Qualität wird es nicht liegen, denn die Platte wartet mit genau den energie- und emotionsgeladenen Songs auf, wie man sie von Westernhagen liebt. Auch die handwerkliche Seite kann sich sehen lassen: Nie klang seine Musik abwechslungsreicher, tiefgründiger und feiner abgestimmt.

Im Frühjahr 2005 zeigt sich der Künstler von seiner introvertierten Seite und veröffentlicht mit Nahaufnahme ein Album, dessen Titel Programm ist. Ruhige, nachdenkliche Stücke zeichnen das Bild eines Mannes, der abseits der Bühne so gar nicht zur Rampensau taugt. Die Platte führt den Düsseldorfer zurück auf die Straße, wie der junge Marius es schon in Mit 18 verlangt. Dieses Mal füllt er allerdings wie angekündigt keine Stadien, sondern “nur” Hallen. Den Vertrag mit Warner Music verlängert er auf beiderseitigen Wunsch nicht, trotz 32-jähriger Zusammenarbeit. Bis heute nennt Westernhagen In den Wahnsinn und Nahaufnahme, wenn man ihn nach seinen Lieblingsalben fragt.



Williamsburg, das Westernhagen in dem gleichnamigen Stadtteil des New Yorker Bezirks Brooklyn einspielt, erscheint 2009. Es handelt sich um sein erstes Album seit vier Jahren und zudem um die erste Veröffentlichung, die er ohne Plattenfirma stemmt. 2014 folgt Alphatier, das 19. und bis dato letzte Album des Düsseldorfers.



Lobenswert: Westernhagen sammelt nicht nur goldene Schallplatten, sondern übernimmt auch gesellschaftliche Verantwortung. „Ich bin der Meinung, dass sich jeder, der etwas veröffentlicht, darüber im Klaren sein sollte, dass er Politik betreibt“, erklärt er sein Engagement. Ein Beispiel für seine Haltung: Als die Antisemitismus-Debatte um die Echo-Verleihung 2018 aufflammt, gibt er aus Protest seine sieben Echos zurück. Schon 2001 wurde er von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 2017 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Westernhagen bei der Berlinale 2010 – Credit: Siebbi

Westernhagen polarisiert. Den Einen tritt er mit seiner vermeintlichen Arroganz auf den Schlips, den Anderen imponiert er mit seiner überlebensgroßen Ausstrahlung. Fakt ist: Als Schauspieler füllt er Kinosäle, als Sänger ganze Stadien. Obwohl er vom Publikum gottgleich behandelt wird, bleibt er auf dem Boden und steckt all seine Energie in das, was wirklich wichtig ist: die Kunst und die Menschlichkeit. Ob Theo gegen den Rest der Welt, Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, Affentheater oder Radio Maria: Über Jahrzehnte hinweg fußt Westernhagens Werdegang darauf, dass er tut, worauf er gerade Lust hat. „Die Sachen, die man sich am Anfang der Karriere vorstellt, Geld, Ruhm, alle finden einen toll, die sind es nicht“, verrät er in einem Interview mit Spiegel Online. „Erst wenn du anfängst, dich in dem, was du erschaffst, zu erkennen. Dass du genau das sagst, was du sagen willst und ganz bei dir bist, das macht dich glücklich.“ Ein Deutschland ohne Westernhagen scheint unvorstellbar. Ein Ende seiner Karriere ist nicht in Sicht. Zum Glück.

Weiter aktiv: Westernhagen gut gelaunt auf der Bühne, 2014 – Credit: Stefan Brending

 


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25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Popkultur

Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Der kürzeste Song, die längste Tour: Diese 7 Bands haben Weltrekorde aufgestellt

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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