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Popkultur

Marius Müller-Westernhagen: Ein Porträt

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Spitzbübischer Charme, exzentrische Outfits und ein unverwechselbarer Hüftschwung: Marius Müller-Westernhagen gehört zu den erfolgreichsten Rock- und Popmusikern Deutschlands. Am 6. Dezember 1948 erblickt der Ausnahmekünstler in Düsseldorf das Licht der Welt. Blicken wir zurück auf eine Karriere der Superlative.

von Timon Menge

Marius Müller-Westernhagen kommt am 6. Dezember 1948 in Düsseldorf zur Welt und wächst im industriell geprägten Heerdt auf, einem Stadtteil, der wenig Glamour verspricht. Sein Vater Hans Müller-Westernhagen gehört zum Gründgen-Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses, zu dessen Repertoire auch Marius zählt, der erste Teil einer Dramentrilogie von Marcel Pagnol. Im Leben seines Sohnes nimmt der Vater eine zwiegespaltene Rolle ein: Einerseits vermittelt er ihm engagiert die Grundlagen der Schauspielerei, andererseits leidet er an Depressionen, einem Kriegstrauma und Alkoholsucht, was ihn mit nur 44 Jahren das Leben kostet.

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Hört hier in die besten Stücke von Westernhagen rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Marius ist zu jener Zeit erst 14 Jahre alt, arbeitet aber bereits an seiner eigenen Schauspielkarriere. Starthilfe erhält er von seinem Vater kurz vor dessen Tod, der sich für die erste Rolle seines Sohnes einsetzt. Mutter Liselottes Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Wenn er schon den gleichen schwierigen Weg einschlagen muss wie sein Vater, dann doch bitte in einem ordentlichen Theater, nicht im Fernsehen. Denn Westernhagen hat seinen ersten Auftritt in der TV-Produktion Die höhere Schule von Regisseur Wilhelm Semmelroth. Die Gage dafür investiert er in eine Eishockey-Ausrüstung, bleibt dann aber doch bei der Schauspielerei. Nach weiteren kleineren TV-Auftritten spricht er 1965 die Hauptrolle in der WDR-Hörspielproduktion Wickie und die starken Männer. Später engagiert man ihn für das Musikmärchen Peter und der Wolf und für Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten.



Auch die Musik reizt den jungen Künstler. Seine markante, raue Singstimme entwickelt er nicht zuletzt dank einer klassischen Gesangsausbildung, das Gitarrenspiel bringt er sich selbst bei. Mit seiner Band Harakiri Whoom fährt er Ende der Sechziger bereits regionale Erfolge in der belebten Düsseldorfer Musikszene ein. Anfang der Siebziger verschlägt es den jungen Musiker und seine damalige Partnerin, die Schauspielerin Katrin Schaake, nach Hamburg-Pöseldorf. Von dort aus besucht er regelmäßig die Künstler-WG Villa Kunterbunt, in der unter anderem Udo Lindenberg und Otto Waalkes wohnen.

Credit: WEA

1974 unterzeichnet Westernhagen einen Plattenvertrag mit Warner Music, Anfang 1975 erscheint sein Debüt Das erste Mal. Produziert wird das Album von Peter Hesslein, den Westernhagen im Rahmen der Dreharbeiten zu Roland Klicks Film Supermarkt kennengelernt hat. Noch im selben Jahr strahlt die ARD bereits eine Dokumentation über den Nachwuchsmusiker aus, obwohl das Debüt floppt. Mit Bittersüß (1976) und Ganz allein krieg ich’s nicht hin (1977) erscheinen zwei weitere relativ erfolglose Alben.



Der Durchbruch als Schauspieler gelingt 1976 mit Aufforderung zum Tanz. In dem Film verkörpert Westernhagen den sympathischen Fernfahrer Theo Gromberg aus dem Ruhrgebiet, der 1980 ein weiteres Mal über die Leinwand flimmert — diesmal in der noch deutlich beliebteren Fortsetzung Theo gegen den Rest der Welt, einem der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Der Streifen markiert den Höhepunkt in Westernhagens Schauspielkarriere, mehr als drei Millionen Zuschauer strömen ins Kino.



Der musikalische Durchbruch lässt bis 1978 auf sich warten: Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz entsteht gemeinsam mit Produzent Lothar Meid, seines Zeichens Ex-Bassist der deutschen Kultband Amon Düül II, und verkauft sich bis dato mehr als anderthalb Millionen Mal. Gehörten Westernhagens vorherige Alben eher in die Liedermacherecke, gestalten er und Meid das Image des jungen Musikers um und machen einen Rock’n’Roller aus ihm. Gemeinsam mit anderen Künstlern treibt Westernhagen die rasante Entwicklung des Deutschrock voran und bereitet die Mainstream-Tauglichkeit des Genres vor.



Für Aufruhr sorgt der Song Dicke. Eigentlich gesellschaftskritisch gemeint, wird der Text missverstanden und löst starken Gegenwind aus: „Dicke haben Blähungen / Dicke ham ‘nen dicken Po / Und von den ganzen Abführmitteln / Rennen Dicke oft aufs Klo / Und darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin / Denn dick sein ist ‘ne Quälerei / Ich bin froh, dass ich so’n dürrer Hering bin / Denn dünn bedeutet frei zu sein.“Die Aufregung um das Stück bringt etliche Radiosender dazu, das Lied boykottieren.



Auch Grüß mir die Genossen eckt an: Das Stück thematisiert die umstrittene Fahndung nach den RAF-Terroristen während des Deutschen Herbstes: „Neulich, 6 Uhr früh, tritt man mir die Tür ein / Ich spring’ aus dem Bett, da stürmt die Polizei rein / Los, stellen sie sich an die Wand, man hat sie erkannt / Ein Nachbar rief uns an: Sie sind ein Sympathisant / Ich sag: Das muss ein Irrtum sein, ich bin doch bloß ein Bürger / Doch die pflügen mir die Wohnung um, als wäre ich ein Würger.



Die Pfefferminz-Nachfolger Sekt oder Selters (1980) und Stinker (1981) fahren ebenfalls kommerzielle Erfolge ein, erreichen aber nicht so hohe Verkaufszahlen wie ihr Vorgänger. Es wird ruhiger um den gerade erfolgreich gewordenen Musiker. Ab 1982 geht Westernhagen experimentellere Wege, spielt fünf Alben lang mit der damals relativ neuen Entdeckung namens Synthesizer herum und veröffentlicht die Balladen-Compilation Laß uns leben (1985). Zudem nutzt er die Achtziger, um sich einen Namen als Livemusiker zu erspielen, was mit Bravour gelingt.



Für den Kinofilm Der Schneemann (1984) arbeitet Westernhagen wieder mit Regisseur Peter F. Brinkmann zusammen, der schon Theo gegen den Rest der Welt umsetzte. Am Set verliebt er sich in die britische Schauspielerin Polly Eltes — die Mutter seiner Tochter Mimi (eigentlich: Sarah). Die Beziehung ist nicht von Dauer.



1988 heiratet er das Model Romney Williams. Mit ihr und ihrem Sohn aus früherer Ehe verbringt Westernhagen 25 Jahre, bis die Ehe 2013 geschieden wird. (Seit 2016 ist er mit Lindiwe Suttle liiert, einer Sängerin aus Südafrika. Im Juli 2017 heiratet das Paar.) In der Zeit während der Partnerschaft mit Williams hängt er die Schauspielerei an den Nagel und vollzieht einen weiteren Imagewechsel. Er möchte nicht mehr der kleine Rotzbengel Marius sein, sondern der gut gekleidete Salonrocker Westernhagen. Sein neues Album, das ebenfalls einfach Westernhagen (1987) heißt, stößt viele Fans von früher vor den Kopf, erfährt allerdings viel Beachtung. Es wird deutlich: Der Düsseldorfer mit der unvergleichlichen Rockröhre ist gekommen, um zu bleiben. Die Platte enthält nicht nur die Klassiker Ganz und gar und Weißt Du, dass ich glücklich bin, sondern auch den Song Freiheit, der sich 1989 unbeabsichtigt zu einem Soundtrack zur deutschen Wiedervereinigung entwickelt.



Die Neunziger markieren zweifellos den Höhepunkt in Westernhagens Karriere, mindestens quantitativ. Sein 13. Album Halleluja (1989) läutet die Erfolgsserie bereits ein und bricht die bisherigen Verkaufsrekorde des Musikers. Die Platte steigt aus dem Stand auf Platz eins der Charts ein, verkauft sich in nur einem Jahr mehr als eine Million Mal und zieht stolze 50 ausverkaufte Konzerte nach sich. Der Auftritt in den Dortmunder Westfalenhallen erscheint als Doppelalbum und geht 1,5 Millionen Mal über die Ladentheke. Auch die dazugehörige VHS-Kassette verkauft sich gut. Bis heute gehören Songs wie Sexy, Weil ich dich liebe und Fertig zu Westernhagens Klassikern.



1992 produziert er in Eigenverantwortung das Album Jaja und legt damit den Grundstein für eine legendäre Tournee, die ihn als ersten deutschen Künstler nicht nur durch die größten Hallen des Landes führt, sondern auch durch die größten Fußballstadien. Am Erscheinungstag sind die Plattenläden innerhalb weniger Stunden fast ausverkauft. Was klingt, als sei es kaum zu toppen, markiert nach wie vor bloß den Anfang.



1994 brechen dann alle Dämme: Affentheater, bis heute das erfolgreichste Album des Düsseldorfers, verkauft sich bereits vor Veröffentlichung mehr als 700.000 Mal, erreicht mühelos Platz eins und enthält unsterbliche Hits wie Willenlos und Es geht mir gut. Auch die dazugehörige Affentour schlägt ein und führt den Musiker wieder durch sämtliche Stadien. Unvergessen bleibt der energiegeladene Westernhagen im besten Alter, der wie vom Teufel getrieben über die größten Bühnen des Landes fegt und Hunderttausende in seinen Band zieht wie bei einer Massenpredigt. In der Sendung Wetten dass..? ist er Dauergast, der Musiksender VIVA widmet ihm einen gesamten Tag. Die übrige Presse zeichnet indes das Bild vom “Armani-Rocker”, der inzwischen im Geld schwimmt. Das stimmt natürlich, ändert aber nichts daran, dass seine Fans ihn nach wie vor als Kumpel wahrnehmen, als “einen von uns”. Auch Westernhagen selbst erweckt nicht den Eindruck, als sei er abgehoben und übt sich stattdessen in den Werten, die sein Vater ihm mit auf den Weg gab: Bescheidenheit und Demut. Hinter den Kulissen spielen sich bisweilen andere Szenen ab, doch vergessen wir nicht, unter welchem Druck ein Superstar stehen muss, der als erster deutscher Musiker Headline-Shows vor mehr als 100.000 Menschen spielt.



1998 veröffentlicht Westernhagen Radio Maria, gefolgt von einer weiteren Tour der Superlative. Die Vorbereitungen dauern ganze anderthalb Jahre, und die Produktion umfasst nicht nur einen enorm großen, beweglichen Monitor-Satelliten, ein aufwändiges Lichtdesign sowie eine 570 Tonnen schwere Bühne, sondern auch eine Tonanlage, die ganze 200.000 Watt leistet. Für die Promotion werden ebenfalls weder Kosten noch Mühen gescheut. Die Werbekampagne im Vorfeld der Veröffentlichung verschlingt satte drei Millionen D-Mark und gipfelt in einem dreitägigen Interviewmarathon in einer Hamburger Villa. Die Songs auf Radio Maria schreibt Westernhagen in Italien, woher auch der Albumtitel stammt. Ein gleichnamiger katholischer Radiosender liefert die Inspiration. In die öffentliche Diskussion gerät das Stück Jesus. So wirft die Konferenz Evangelikaler Publizisten dem Rockmusiker vor, der Text sei gotteslästerlich. Die Single Wieder hier läuft im Radio rauf und runter. Mit über 1,2 Millionen verkauften Einheiten belegt Radio Maria Platz zwei der erfolgreichsten Westernhagen-Alben. Beim letzten Konzert der Tour in Hamburg verkündet der Musiker auf dem Zenit seines Schaffens, dass dies seine letzte Stadionshow sei. Das Rampenlicht setzt ihm zu.



Sein 16. Album In den Wahnsinn erscheint 2002, bleibt aber hinter den kommerziellen Erfolgen der vergangenen Jahre zurück. An der Qualität wird es nicht liegen, denn die Platte wartet mit genau den energie- und emotionsgeladenen Songs auf, wie man sie von Westernhagen liebt. Auch die handwerkliche Seite kann sich sehen lassen: Nie klang seine Musik abwechslungsreicher, tiefgründiger und feiner abgestimmt.

Im Frühjahr 2005 zeigt sich der Künstler von seiner introvertierten Seite und veröffentlicht mit Nahaufnahme ein Album, dessen Titel Programm ist. Ruhige, nachdenkliche Stücke zeichnen das Bild eines Mannes, der abseits der Bühne so gar nicht zur Rampensau taugt. Die Platte führt den Düsseldorfer zurück auf die Straße, wie der junge Marius es schon in Mit 18 verlangt. Dieses Mal füllt er allerdings wie angekündigt keine Stadien, sondern “nur” Hallen. Den Vertrag mit Warner Music verlängert er auf beiderseitigen Wunsch nicht, trotz 32-jähriger Zusammenarbeit. Bis heute nennt Westernhagen In den Wahnsinn und Nahaufnahme, wenn man ihn nach seinen Lieblingsalben fragt.



Williamsburg, das Westernhagen in dem gleichnamigen Stadtteil des New Yorker Bezirks Brooklyn einspielt, erscheint 2009. Es handelt sich um sein erstes Album seit vier Jahren und zudem um die erste Veröffentlichung, die er ohne Plattenfirma stemmt. 2014 folgt Alphatier, das 19. und bis dato letzte Album des Düsseldorfers.



Lobenswert: Westernhagen sammelt nicht nur goldene Schallplatten, sondern übernimmt auch gesellschaftliche Verantwortung. „Ich bin der Meinung, dass sich jeder, der etwas veröffentlicht, darüber im Klaren sein sollte, dass er Politik betreibt“, erklärt er sein Engagement. Ein Beispiel für seine Haltung: Als die Antisemitismus-Debatte um die Echo-Verleihung 2018 aufflammt, gibt er aus Protest seine sieben Echos zurück. Schon 2001 wurde er von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 2017 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Westernhagen bei der Berlinale 2010 – Credit: Siebbi

Westernhagen polarisiert. Den Einen tritt er mit seiner vermeintlichen Arroganz auf den Schlips, den Anderen imponiert er mit seiner überlebensgroßen Ausstrahlung. Fakt ist: Als Schauspieler füllt er Kinosäle, als Sänger ganze Stadien. Obwohl er vom Publikum gottgleich behandelt wird, bleibt er auf dem Boden und steckt all seine Energie in das, was wirklich wichtig ist: die Kunst und die Menschlichkeit. Ob Theo gegen den Rest der Welt, Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, Affentheater oder Radio Maria: Über Jahrzehnte hinweg fußt Westernhagens Werdegang darauf, dass er tut, worauf er gerade Lust hat. „Die Sachen, die man sich am Anfang der Karriere vorstellt, Geld, Ruhm, alle finden einen toll, die sind es nicht“, verrät er in einem Interview mit Spiegel Online. „Erst wenn du anfängst, dich in dem, was du erschaffst, zu erkennen. Dass du genau das sagst, was du sagen willst und ganz bei dir bist, das macht dich glücklich.“ Ein Deutschland ohne Westernhagen scheint unvorstellbar. Ein Ende seiner Karriere ist nicht in Sicht. Zum Glück.

Weiter aktiv: Westernhagen gut gelaunt auf der Bühne, 2014 – Credit: Stefan Brending

 


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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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Zeitsprung: Am 15.1.1969 kehrt George Harrison zu den Beatles zurück.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.1.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Getrennte Wege gehen die Beatles erst zu Beginn der Siebziger, doch dicke Luft herrscht schon vorher. Die Musiker fühlen sich ausgelaugt, gemeinsamer Tatendrang bleibt die Ausnahme. Am 10. Januar 1969 verlässt George Harrison sogar die Band. Fünf Tage später kehrt er zurück — allerdings mit Forderungen…

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Im Januar 1969 befinden sich die Beatles im Twickenham Studio in London und arbeiten an ihrer Platte Let It Be. Das White Album (1968) hallt noch nach, das Erscheinen von Yellow Submarine (1969) steht kurz bevor. Als die Band am Morgen des 10. Januar mit wenig Erfolg an den Songs Get Back und Two Of Us arbeitet, hat George Harrison die Nase voll. Er verlässt das Studio und lässt die anderen drei Musiker im Regen stehen. Nachdem sich McCartney, Lennon und Starr die erste Wut von der Seele gespielt haben, sagt Lennon trocken: “Ist er am Dienstag nicht zurück, holen wir Clapton.” Am 12. Januar treffen sich die Beatles bei Harrison zuhause, doch die Zusammenkunft verläuft alles andere als gut und endet von Harrisons Seite mit einem: “Man sieht sich.”

Einer der Gründe für Harrisons Abgang: Immer wieder geraten er und Paul McCartney aneinander. Harrison emanzipiert sich zu jener Zeit als Songschreiber und empfindet McCartney als zu dominant. In einem Interview mit dem Rolling Stone erzählt er: „Es ist mir immer sehr schwergefallen, beim Songwriting mitzumischen, weil Paul diesbezüglich sehr aufdringlich war. Wenn er meine Songs gespielt hat, lief das immer gut. Ich musste allerdings 59 seiner Ideen ausprobieren, bevor er sich meine überhaupt anhören wollte.“



Auch John Lennon und Harrison sind sich zu jener Zeit nicht grün. So stellt der britische Musikjournalist David Stubbs in einem Artikel für das Magazin Uncut die These auf, Harrison sei sogar noch genervter von Lennon als von McCartney, weil Lennon Probleme mit Harrisons wachsendem Einfluss auf das Songwriting gehabt habe. Nicht nur das: Lennons Beziehung zu Yoko Ono treibt einen Keil zwischen die beiden Beatles, die sich gerade erst richtig angefreundet hatten — vermutlich auch über ihre gemeinsame Vorliebe für LSD.

Außerdem stört Harrison sich daran, dass im Studio ein Film gedreht werden soll, obwohl die Beatles nur streiten. „Es kam vor der Kamera nie zum Eklat“, räumt er später ein. „Aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das eigentlich soll.“ Er beschließt, die Band zu verlassen — ein Prozess, den auch Schlagzeuger Ringo Starr durchläuft, und zwar nur wenige Monate zuvor während der Sessions zum White Album.



Einige Tage nach Harrisons Abgang merken McCartney, Lennon und Starr endgültig, dass die Band nicht ohne den Gitarristen funktioniert. Die Musiker setzen ein Treffen für den 15. Januar an, und der verlorene Sohn taucht wieder auf — allerdings mit Forderungen. Harrison möchte im Gegensatz zu McCartney nach unfassbar vielen Konzerten nicht mehr live auftreten. Außerdem bittet er darum, das Studio zu wechseln. Die übrigen Bandmitglieder schlagen ein, die Beatles ziehen in die Apple Studios um und setzen den Aufnahmeprozess fort.


Die Symptome lassen sich durch die Veränderungen kurzzeitig bekämpfen, doch die Ursachen liegen tiefer. Trotz vorübergehender Wiedervereinigung kommt es langfristig zur Auflösung der Band. Vorher schließen die Briten die Aufnahmen des Albums Abbey Road ab, das durch diverse Umstände sogar noch vor Let It Be erscheint. Zur endgültigen Trennung kommt es im Frühjahr 1970, etwa einen Monat vor der Veröffentlichung der letzten Platte.

Zeitsprung: Am 21.1.1966 heiratet George Harrison. Eric Clapton grätscht rein.

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