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Die musikalische DNA von Udo Lindenberg

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Udo Lindenberg

Zigarre in der Hand, Sonnenbrille auf der Nase, Hut auf den schulterlangen Haaren, die Socken: Es braucht vielleicht nicht viel, um wie Udo Lindenberg auszusehen. Einiges aber, um wie er zu klingen oder gar wie er zu texten. Und es ist unmöglich, so wie er zu sein. Denn Udo ist ein Unikat! Als „größten deutschen Nachkriegslyriker“ bezeichnete der Die-Hard-Fan Benjamin von Stuckrad-Barre sein „Udol“. Das mag die Literaturwissenschaft vielleicht anders sehen, sein Einfluss auf deutschsprachige Rock- und Pop-Musik und die deutsche Sprache überhaupt sind jedoch kaum zu leugnen. Hätte es zum Beispiel ein Marius Müller-Westernhagen an die Spitze der Charts geschafft ohne einen Lindenberg, der nach all dem belanglosen Schlagergesäusel der sechziger Jahre für Erfrischung auf allen Ebenen sorgte? Wohl kaum. Wäre deutschsprachige Pop- und Rock-Musik heute erheblich langweiliger ohne Lindenbergs Einfluss? Wir sind uns sicher.


Hört euch hier Udo Lindenbergs musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:

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Der selbsternannte „Dauernuschler aus Prinzip“ hinterließ nicht nur Spuren, er eiferte auch anderen nach. Seine eigene Inspiration bezog er aus dem Jazz und Rock oder Pop, aber auch aus der Literatur. Darin fand er Halt, daraus machte er sein eigenes Ding. „Ich dachte auch, es muss Englisch sein, um ein Weltstar zu werden“, erinnerte er sich in einem Interview an seine Anfangstage. „Ich konnte aber nicht genau genug singen, was ich fühle. Ich habe an Deutsch geglaubt, getrickst und gemacht.“ Er hat’s geschafft! So viel also steht fest: Ein Blick auf Udo Lindenbergs musikalische DNA wird um große Texte nicht herumkommen. Ob nun gesungene oder in Bücher gebundene. Die Musik kommt aber nicht zu kurz.


1. Miles Davis – Blue In Green

Warum aber ist Lindenberg ausgerechnet Musiker geworden – und nicht etwa Literat? Nun, alles fing mit einem Stewart an, der dem jungen Udo – frisch mit 15 Jahren von Zuhause ausgebüxt – ein paar Ansichtskarten zeigte. Die von Schanghai und dem Jazz-Trompeter Miles Davis interessierten Lindenberg besonders. „Da dachte ich: Ich werde Musiker, aber vorher werde ich Steward, ein sicherer Beruf!“, erinnerte er sich.

Es blieb für ihn beim Hoteljob, immerhin aber bildete der Grünling seine vorher entdeckte Trommelleidenschaft weiter aus und versank sich im Jazz von Charlie Parker und eben jenem Miles Davis. So weit geht seine Leidenschaft für King of Cool, dass er im Rahmen einer Ausstellung im Schloss Neuhardenberg ein ganz besonderes Geschenk zeigte, das Davis ihm gemacht hatte: sein Schlagzeug. À propos Ausstellung: Beide vereinte stets auch die Leidenschaft für die bildende Kunst.


2. Klaus Doldinger – Jadoo

Wie begabt der junge Lindenberg hinter dem Kit war, zeigte sich bereits 1960, als er im Alter von 14 Jahren den ersten Preis als Schlagzeuger beim Norwestdeutschen Jazz-Jamboree gewann. Nur zehn Jahre später saß er bei einem der größten deutschen Jazz-Musiker hinter dem Kit, dem Saxofonisten Klaus Doldinger. Ratet mal, wer in der von Doldinger komponierten Titelmelodie zur Serie Tatort hinter der Schießbude sitzt! Genau, Lindenberg.

Der widmete sich daneben auch anderen Bands und spielte etwa bei Emergency und auf den ersten beiden Platten der Band Niagara mit. Der große Erfolg sollte ihn zwar als Sänger ereilen, ohne Doldinger als Mentor hätte es Lindenberg jedoch wohl kaum so weit gebracht.


3. Ton Steine Scherben – Halt dich an deiner Liebe fest

Am Schlagzeug konnte es unser Udol also. Aber am Mikrofon? 1971 debütierte er zuerst als Sänger und schien zuerst zu scheitern. Ob es an den englischen Texten lag? Vielleicht, aber auch mit LP Nummer zwei, Daumen im Wind aus dem Folgejahr, räumte er nicht unbedingt Trophäen ob. Obwohl zumindest der Hoch im Norden gut ankam. Nämlich hoch im Norden.

Erst mit dem Album Andrea Doria sollte Lindenberg der Durchbruch gelingen. Wo aber hatte er das Texterhandwerk gelernt, woher kamen die Ohrwürmer? Wichtig war unter anderem die Band Ton Steine Scherben um Frontmann Rio Reiser, der gezeigt hatte, dass sich ebenso kraftvoll wie verständlich singen lässt. „Rio war ein Flammenwerfer, ein Anzünder für uns alle“, sagte Lindenberg über den Kollegen. Seit Reisers frühem Tod im Jahr 1996 gehört Lindenberg zu denen, die sein Feuer um die Welt tragen.


4. Steppenwolf – Born To Be Wild

Ton Steine Scherben waren eine der ersten deutschen Rock-Bands, die dieses Prädikat wirklich verdient haben. Sie ließen sich nichts sagen und machten das kaputt, was sie kaputt machte. Klar, dass sich der Panikrocker auch musikalisch von ihnen inspirieren ließ, denn nach dem Jazz wurde Rock-Musik zu seiner zweiten großen Leidenschaft.

Einige der größten Rock-Songs der Musikgeschichte vertonte er selbst auf seine unnachahmliche Art, darunter auch ein Stück, dessen Titel programmatisch für sein Leben steht: Born To Be Wild von der Gruppe Steppenwolf. Auch hier gibt es mehr als eine Verbindungslinie: Die Band benannte sich nach dem Roman von Hermann Hesse, einem von Udos Lieblingsschriftstellern. 2016 wurde er sogar mit der Hermann-Hesse-Medaille von dessen Heimatstadt Calw gewürdigt. Was für eine Auszeichnung!


5. Liebeslied (Siehst du den Mond über Soho) aus der “Dreigroschenoper”

Wichtiger als Hermann Hesse war für Lindenberg wohl jedoch Bertolt Brecht. Der Dramatiker revolutionierte Anfang des 20. Jahrhunderts mit sprühendem Humor das Geschehen auf den Theaterbühnen und zeigte dabei stets Haltung. Brecht war nicht nur politisch aktiv, er hatte auch eine zarte Seite.

Die zeigte sich in jedoch eher derben Zeilen, die Lindenberg in Brecht’s Liebeslied verarbeitete. Inspiration dafür kam unter anderem aus Brechts legendärer Dreigroschenoper, seinem wohl bekanntestem Stück mit vielen denkwürdigen Musikeinlagen. Unter anderem auf seinem Album Phönix widmete sich Lindenberg weiteren Texten des Dichters und sang ihm auch 1998 zum 100. Geburtstag ein Ständchen, das der große Bert hoffentlich im Jenseits gehört hat.


6. Marlene Dietrich – Illusions

Trommeln konnte er, das Texten hat er mit Rio Reiser und Hesse gelernt. Von Brecht bekam Lindenberg allerdings noch mehr auf den Weg. Dessen skurriler Humor und nicht zuletzt sein Sinn fürs Theatralische dürften für die „Nachtigall“ ebenso von Bedeutung gewesen sein. Lindenbergs unvergleichliche Bühnenpersona findet ein anderes Vorbild in der großen Marlene Dietrich. „Man ist ja auch Projektionsfläche, bisschen fantasieren, mutmaßen, sexy-hexy, das ist wichtig. Habe ich von der Dietrich gelernt“, sagte Lindenberg in einem Interview.

1988 widmete er seiner Mutter das nach ihr benannte Album Hermine, auf dem auch ein Stück der Dietrich in Lindenberg-Manier zu hören war. Bei den Aufnahmen zu Illusions soll er in Tränen ausgebrochen sein. Der Regisseur Horst Königstein erinnerte sich an die Szene: „Das war das erste Mal, dass er sich einen solchen Gefühlsausbruch gestattet hat.“ Nur verständlich vor diesem Hintergrund – und dazu noch bei einem solchen Song!


7. Rammstein – Engel

Lindenbergs Leidenschaft für deutsche Liedkunst erstreckt sich jedoch nicht allein auf alte Klassiker. Vielmehr ist er auch Neuem aufgeschlossen. Hättet ihr vermutet, dass eine Type wie Lindenberg auf harten Metal à la Rammstein steht? Stimmt aber! Tatsächlich ist der Panikrocker sogar dicke mit Rammstein-Sänger Till Lindemann befreundet. Der selbst hat nur die wärmsten Worte für das Udol übrig. „Er sollte keinen Hut, sondern eine Krone tragen!“, so der Lindemann über den Lindenberg.

Udo wiederum dankt dem Weltgeschehen dafür, ihm Rammstein geschenkt zu haben. „Allein schon deswegen musste die Mauer weg. Um das Spektrum zu erweitern. Mit geilen Musikern“, polterte er in einem Interview mit dem deutschen Rolling Stone. Wer würde ihm widersprechen wollen?


8. Ray Charles – Chattanooga Choo Choo

Wie wütend Lindenberg auf die DDR-Obersten war, wissen wir aus einem seiner größten Hits. In Sonderzug nach Pankow wetterte er unvergleichlich charmant gegen Erich Honecker! Warum? 1979 hatte Lindenberg in einer Radiosendung gesagt, dass er gerne ein Konzert für seine Fans in Ostdeutschland geben würde. Das kam dem Kulturverantwortlichen der SED, Kurt Hager, zu Ohren. Der schrieb Lindenberg prompt eine ebenso trockene wie kurze Notiz: „Auftritt in der DDR kommt nicht in Frage“.

Wir müssen Hager wohl dankbar dafür sein, denn sonst hätte uns Udo nicht Sonderzug nach Pankow geschenkt! Der Song basiert bekanntlich auf einer Komposition Harry Warrens, die unter anderem von Glenn Miller bekannt gemacht wurde. Ebenso hörenswert ist allerdings die Version des großartigen Ray Charles, der mit seiner Musik an der Schnittstelle von Jazz und Rock einen nicht unerheblichen Anteil an der Stilbildung Lindenbergs gehabt hat.


9. The Beatles – Penny Lane

Wie dieses Beispiel allein zeigt, interessierte sich die Nachtigall nicht ausschließlich für Jazz oder deutschsprachige Musik. Natürlich nämlich widmete er sich wieder und wieder auch englischsprachigem Pop.

Auf seiner Cover-Version vom Song Penny Lane unter dem Titel Reeperbahn behauptet er sogar, einer der ersten Beatles-Fans gewesen zu sein! Ob wir’s glauben dürfen? Wohnt er doch eigentlich erst seit 1968 hauptsächlich in der Hansestadt… So oder so: Seine Penny Lane-Interpretation beschwört eine wilde und umtriebige Zeit herauf. Wer hätte die nicht gern erlebt? Da lässt sich auch mal ruhig die Wahrheit etwas biegen, finden wir.


10. Clueso – Achterbahn

Eine Wahrheit, an der allerdings definitiv nicht zu rütteln ist: Nach ungefähr einem halben Jahrhundert im Business kann Udo Lindenberg auf ganze Generationen zurückblicken, die er mit seinem Schaffen beeinflusst hat. Er sucht dabei immer noch die Nähe seiner Nachkommenschaft.

Zuletzt etwa freundete er sich mit dem Singer/Songwriter und Rapper Clueso an, dessen wunderbar verschnuschelter Flow nicht von ungefähr an das Udol erinnert. „Immer noch so kindlich zu sein und so lustig – von Udo können sich viele eine Scheibe abschneiden“, schwärmte der Rapper vom Kollegen. Und wenn sie nicht wie im Jahr 2013 gemeinsam im Studio alte Lindenberg-Klassiker wie Cello ein frisches Gewand überwerfen, dann lassen sie alle Hüllen fallen und gehen gern zusammen schwimmen, berichtete der Erfurter. Eine ungewöhnliche Paarung. Aber dafür lieben wir Udo doch: Dass er nicht wie alle anderen ist.


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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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