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Popkultur

Let’s Get It On: Die größten Liebeslieder der Musikgeschichte

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Liebeslieder Kassette
Foto: Getty Images

Die Liebe – mal macht sie blind, mal geht sie durch den Magen, mal wird aus einem Höhenflug eine plötzliche Bruchlandung. Auch auf dem Plattenteller darf sie nicht fehlen: Die Liebe ist die Hauptzutat in den größten Popsongs der Musikgeschichte.

von Paul McGuinness

Wer gerade keine Schmetterlinge im Bauch hat, kann hier in unseren Anti Love Songs schmachten:

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Was hat die Liebe nicht schon alles bewegt in der Menschheitsgeschichte: Mal macht sie blind, mal geht sie durch den Magen, und fast immer ist sie als Hauptzutat in den größten Popsongs der Musikgeschichte zu finden. Denn seit Menschen den Mund aufmachen und füreinander Lieder singen, haben sie damit vor allem ihre Herzen ausgeschüttet – ihre Hingabe oder Reue, ihren Herzschmerz oder ihre Leidenschaft zum Ausdruck gebracht. Wir haben die Sache mal etwas genauer beleuchtet und dabei entdeckt, dass der Oberbegriff Liebeslied genau genommen eine ganze Reihe von Unterkategorien mit sich bringt. Die folgenden Titel dürfen somit als exemplarisch für die verschiedenen Kategorien gelten. Ganz egal, ob emotionaler Höhenflug oder gebrochenes Herz – hier ist für jede*n etwas Passendes dabei…

Die Kraft der Liebe: God Only Knows (The Beach Boys, 1966)

Von den Abertausenden grandiosen musikalischen Liebesbekundungen, die in den letzten 100 Jahren in irgendeiner Form festgehalten wurden, gibt es eine, die Paul McCartney klar für die allerbeste hält: Immer wieder hat der Brite, immerhin selbst Autor von nicht wenigen Klassikern dieser Art, in Interviews betont, dass God Only Knows von den Beach Boys sein Lieblingssong ist. Tatsächlich ist die emotionale Kraft dieses Stücks dermaßen überwältigend, dass der Ex-Beatle, als er es zusammen mit Beach Boy Brian Wilson live präsentieren wollte, seine Gefühle nicht länger kontrollieren konnte: „Beim Soundcheck bin ich dann zusammengebrochen. Es war einfach zu viel für mich, da zu stehen und diesen Song, der mir so sehr den Kopf verdreht, zu singen – und das auch noch an der Seite von Brian.“

Aus irgendeinem Grund scheinen Popsongs das perfekte Format zu sein, um darin die Kraft und die ganze Herrlichkeit der Liebe zu artikulieren: Das kann mal spielerisch klingen, wie bei The Cures Friday I’m In Love, oder richtig heroisch, man denke an Heroes von David Bowie aus dem Jahr 1977. Umwerfend schön ist auch die schlichte Formel You And I, die Stevie Wonder auf seiner bahnbrechenden LP Talking Book aufgestellt und besungen hat.

Manchmal geht es auch schlicht darum, diesen Rausch einzufangen, dieses erste Glück des Verliebtseins. Otis Reddings euphorisierte Interpretation des Temptations-Hits My Girl ist so ein Beispiel, weil seine Stimme dieses Glücksgefühl wirklich greifbar macht: Er kann einfach nicht anders, muss der ganzen Welt mitteilen, wie unfassbar gut sich das anfühlt.

Während auch Something von den Beatles (eine Komposition von George Harrison, später von Frank Sinatra gecovert) genauso zu den Liebesbekundungsklassikern zählt wie Patsy Clines You Belong To Me, gibt es noch Millionen andere Beispiele, die zum Teil vollkommen anders klingen – aber doch dasselbe sagen wollen.

Ein wiederum ganz anderes Extrembeispiel kennen die Fans von The Smiths: „If a double-decker bus crashes into us/To die by your side is such a heavenly way to die“, heißt es etwas lebensmüde im Text von There Is A Light That Never Goes Out – als ob ein einstöckiger Bus da nicht ausgereicht hätte als Liebesbeweis. Wie man sieht, die Wege der Liebe sind mannigfach und nicht selten verworren, aber zum Glück sorgen sie regelmäßig für neue Hits.

Der Moment des Sich-Verliebens: The First Time Ever I Saw Your Face (Ewan MacColl, 1957)

Wer das Glück hatte, einen solchen Moment schon mal erleben zu dürfen, kann wohl selbst ein Lied davon singen: Gerade das erste Aufkommen und Anschwellen der Liebe reicht meist aus, um einen Menschen ganz verrückt im Kopf zu machen und echte Schwindelanfälle auszulösen. Ja, gerade dieser Anfang kann wirklich überwältigend sein, und kaum ein Song hat jenes Hochgefühl treffender vertont als Ewan MacColls The First Time Ever I Saw Your Face.

Komponiert hatte der Folkmusiker aus England das Stück ursprünglich für seine US-Kollegin Peggy Seeger, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, obwohl es da durchaus auch Hürden gab: „Also richtig gut lief es nicht zwischen uns“, erinnerte Seeger sich später im Interview mit dem Mojo, „schließlich war er damals ja noch mit einer anderen verheiratet.“ Natürlich bahnte sich die Liebe schließlich doch ihren Weg, die zwei blieben zusammen, heirateten noch einmal, und lange nach dem Tod von MacColl im Jahr 1989 äußerte Seeger, dass es ihr 15 Jahre lang unmöglich gewesen sei, dieses Stück noch einmal zu singen.

Die Komposition lebte trotzdem weiter, denn sie wurde immer und immer wieder gecovert, von Johnny Cash, von Roberta Flack, dann vor gar nicht langer Zeit von Kandace Springs, die The First Time Ever I Saw Your Face für ihr Debütalbum Indigo (2018) interpretierte.

Wahrscheinlich gibt es für jeden Song über das Ende einer Liebe und den Schmerz auch das Gegenstück: Melodien über diese erste Euphorie und jenes intensive Gefühl, das den nächsten Liebestaumel begleitet. Dieses erste Feuer des Sich-Verguckens hört man in Sam Cookes You Send Me, in Nat King Coles When I Fall In Love oder auch in Elvis Presleys Originalversion von Can’t Help Falling In Love. Doch es gibt auch Warnungen: Fools Fall In Love singen The Drifters, nur Narren also fallen drauf rein, lassen sich vorschnell umgarnen. Sicher ein gut gemeinter Ratschlag, nur wer könnte den schon befolgen, wenn Amor erst mal seine goldenen Pfeile auf einen abgefeuert hat? Das Herz hebt dann unweigerlich ab, man glaubt, am Horizont die Ewigkeit zu sehen – oder warum sonst sollte MacColl sogar das Ende der Zeit im Songtext erwähnt haben? „I knew our joy would fill the earth/And last ’til the end of time“.

Körperliche Liebe: Let’s Get It On (Marvin Gaye, 1973)

Natürlich ist das Herz nur die erste Bastion, und die Liebe macht dort nicht Halt: Vielmehr breitet sie sich immer weiter aus, schwappt durch den ganzen Körper – und genau hier können weitere Komplikationen auftreten. Als die Rolling Stones Anfang 1967 die Anfrage bekamen, ihre neueste Single in der Ed Sullivan Show in den Staaten zu präsentieren, folgte schon bald die Einschränkung des TV-Hosts: Die aktuelle A-Seite Let’s Spend The Night Together käme dafür jedoch nicht in Frage. Nicht ganz überraschend, wo Sullivan doch zuvor schon dafür gesorgt hatte, dass Elvis Presleys anzügliche Bewegungen nur ab der Hüfte aufwärts gefilmt wurden.

„Entweder der Song fliegt aus dem Programm – oder ihr fliegt raus.“ Der Kompromiss sah hinterher so aus, dass Jagger den Titel dezent umdichtete, in Let’s Spend Some Time Together. Und so hatte das Establishment doch wieder zumindest einen Teilsieg davongetragen und das Thema Sex mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt…

Dabei spielt Sex natürlich eine dermaßen zentrale Rolle, dass dieses Thema auch in der Musik schon immer extrem wichtig war – zu allen Zeiten und in jeder Kultur. Auch im Bereich der Popmusik hatte die körperliche Liebe schon längst ihren festen Platz, als schlüpfrig betitelte Bluesnummern wie I’m A King Bee von Slim Harpo oder der Klartext-Klassiker I Just Want To Make Love To You von Muddy Waters dort auftauchten – beides übrigens Songs, die später von den Stones gecovert wurden.

Richtig sexy wurde es dann etwas später – und zwar bei einem Künstler, der sich kurz davor noch intensiv mit Sozialkritik befasst hatte: Mit der Veröffentlichung des Vorgängeralbums What’s Going On war Marvin Gaye vom seichten Popsänger zur Stimme des jungen Amerika avanciert. Er hinterfragte in den Songs die Rolle seines Landes in Kriegen, bei der Unterdrückung von Menschen, daheim und in anderen Teilen der Welt. Auch Let’s Get It On begann zunächst als eher spirituelles Experiment, doch mussten die religiösen Anklänge schließlich weichen und Platz machen für den Themenkomplex Sex. In den Sleevenotes der dazugehörigen LP äußerte sich Gaye auch ganz konkret zu unterdrückter Sexualität im Pop und in der Gesellschaft ganz allgemein. „Ich kann nichts Schlechtes daran erkennen, wenn irgendwelche Leute einvernehmlich Sex haben. Ich glaube, dass wir da ein viel zu großes Ding draus machen.“

Erkaltete Gefühle: You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ (The Righteous Brothers, 1964)

„Your baby doesn’t love you any more.“ Mit dieser schmerzvollen Einsicht beginnt Roy Orbison seine Ballade It’s Over, ein bewegtes und bewegendes Stück, das von eben jenem Moment handelt, in dem einem ein für alle Mal klar wird, dass es, nun ja, „over“, also vorbei ist. Aus, Schluss, vorbei. Alles geht irgendwann zu Ende, und für all die unzähligen Songs, die vom Verlieben und von der umwerfenden Kraft der Liebe handeln, gibt es wohl mindestens so viele Stücke, die vom Gegenteil handeln: dem Ende, dem Schlussstrich, dem Trennungsschmerz, den ganzen unschönen Nachwehen, wenn alles plötzlich wieder vorbei ist.

Kaum eine Aufnahme bringt diese Höllenqualen so gut auf den Punkt wie der von Phil Spector produzierte Heartbreak-Hit You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ von den Righteous Brothers. Als Referenz dient hier das hypnotische I Love How You Love Me von The Paris Sisters, wo es zu Beginn heißt „I love how your eyes close whenever you kiss me“. Bei den Righteous Brothers wird daraus das schmerzerfüllte „You never close your eyes any more when I kiss your lips“ – die Augen bleiben geöffnet, der Zauber ist aus, das Gefühl nicht mehr da. Tatsächlich ist der Schmerz so kondensiert, dass nicht wenige Regisseure den Rekordhit in ihre Soundtracks integriert haben, man denke etwa an Top Gun mit Tom Cruise. Phil Spector hatte es sich damals zum Ziel gesetzt, die größte Produktion seiner Zeit zu erschaffen, was ihm auch gelang: You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ klingt auch gut 50 Jahre später immer noch genauso umwerfend wie damals.

Songs der Reue: Yesterday (The Beatles, 1965)

1983 schnappte sich Paul McCartney seine Gitarre und zog los zur Londoner U-Bahnstation Leicester Square, wo er sein Glück als Straßenmusiker versuchen wollte und in diesem Rahmen auch eine recht ausgelassen klingende Version von Yesterday spielte. „Ich stand da und klimperte ein paar Akkorde, spielte diese alberne Version des Stücks, und kein Mensch erkannte, dass ich es war“, kommentierte er gegenüber der New York Daily News. „Natürlich will kein Mensch einem Straßenmusiker in die Augen schauen, weil man darin die ganze Geschichte seines Lebens lesen würde. Also warfen die Leute einfach nur die Geldstücke in den Hut, und ich sang ‘Yesterday, all my troubles – oh, vielen Dank, der Herr – seemed so far away.’“ Hunderte gingen einfach so vorbei, obwohl einer der größten Musiker des Planeten den am häufigsten interpretierten Popsong der Musikgeschichte spielte…

Als McCartney die 1965 veröffentlichte Ballade komponierte, war er erst 22. Die Melodie kam ihm im Traum, und zwar komplett. Er selbst fand das dermaßen unglaublich, dass er zunächst davon überzeugt war, jemand anderes hätte das Stück komponiert. Er spielte es daher allen möglichen Leuten vor, den anderen Beatles, Mick Jagger, George Martin, allerdings lautete der Text dieser Vorläuferversion noch „Scrambled eggs, oh my baby how I love your legs“. Irgendwann jedoch musste McCartney einsehen, dass er der Autor des Stücks war. Als er dann die bekannten, schlicht-melancholischen Zeilen darüberlegte, entstand ein Klassiker, der seither zu den größten Sternstunden der Popgeschichte zählt.

Kein Wunder: Schließlich sind Kummer und Reue Gefühle, die jede*r kennt, der bzw. die schon mal verliebt war – weshalb sich auch dieses Thema wie ein roter Faden durch die Musikgeschichte zieht. In Elvis Presleys Hit Always On My Mind, der später noch mal ein Update von den Pet Shop Boys bekam, sind es die kleinen Unaufmerksamkeiten, die „Little things I should have said and done/I just never took the time“, die es zu bereuen gilt. Und wer kennt ihn nicht, diesen Wunsch von Cher, die Zeit einfach zurückzudrehen – If I Could Turn Back Time? Leider ist man hinterher immer schlauer, was William Bell schon 1961 zu der Zeile „you don’t miss your water/til your well runs dry“ inspirierte. So lange der Brunnen der Liebe sprudelt ist alles gut, aber was, wenn er plötzlich austrocknet?

Gebrochene Herzen: Nothing Compares 2 U (Sinead O’Connor, 1990)

Nick Hornby legt dem musikbesessenen Protagonisten seines Romanklassikers High Fidelity (1995) an einer Stelle die gute alte Ei-Henne-Frage in den Mund: „Hörte ich mir Musik an, weil ich unglücklich war? Oder war ich unglücklich, weil ich Musik hörte?“ Seine These dazu lautet: Die Geschichte des Pop vereint unzählige Songs über gebrochene Herzen. Und so ganz daneben lag Mr. Hornby damit gewiss nicht.

Schon Neil Young lehrte uns, dass nur die Liebe Herzen brechen kann – Only Love Can Break Your Heart –, während Aretha Franklin sogar davon ausging, im eigenen Tränenmeer zu ertrinken (Drown In My Own Tears). Michael Jackson ging sogar noch einen Schritt weiter, als er 1979 nach jeder Aufnahme von She’s Out Of My Life wirklich in Tränen ausbrach. Von Smokey Robinsons Tears Of A Clown bis hin zu Hank Williams’ I’m So Lonesome I Could Cry, hat Pop schon immer wie eine tröstende Umarmung funktioniert: Wenigstens blieb einem dadurch die Gewissheit, dass man nicht allein war mit seinem Schmerz und seinen Tränen.

Eine dieser Tränen schimmert deutlich heller als alle anderen, zu sehen in Sinead O’Connors Video zu Nothing Compares 2 U, das ursprünglich Prince geschrieben und aufgenommen hatte. Die Produktion der Coverversion hat Nellee Hooper dermaßen minimalistisch aufgezogen, dass man sofort diese Leere spürt; O’Connors Gesang erledigt den Rest, denn er klingt so umwerfend verzweifelt, dass jedes Wort einfach nur unter die Haut geht. Nur ganz wenige Aufnahmen in der Geschichte sind ähnlich bewegend – was auch der weltweite Erfolg der Single belegt. Denn wer hat ihn nicht irgendwann durchleben müssen, diesen unsichtbaren Schmerz, diese Tage und Stunden, die man zählt, seit alles zerbrochen ist?

Untreue: The Dark End Of The Street (James Carr, 1967)

Auch fremdgehende Parteien finden sich im Popkanon schon seit den Tagen von Hank Williams immer wieder. Was ja nur logisch ist, schließlich ist so ein Seitensprung oft der Auslöser für Trennung und gebrochene Herzen – und die werden ja, wie bereits gezeigt wurde, nicht gerade selten besungen. Auf Untreue folgt Eifersucht, zumindest bei Elvis im Song Suspicious Minds, wo er darum fleht, dass sie ihm glaubt, wenn er sagt, er habe sie nie belogen. Im Verlauf der Jahrzehnte hat auch dieses Thema immer neue Varianten hervorgebracht…

Der Song Breakfast In Bed von Dusty Springfields Albumklassiker Dusty In Memphis (1969) dreht die Sache zum Beispiel um: „Come in, baby/You can dry the tears on my dress/She’s hurt you again/I can tell“, singt sie, bietet ihm, dem Ehebrecher, einen Rückzugsort und stellt dazu klar, dass sie ihn auch ohne große Liebesschwüre an ihrer Seite haben will – „you don’t have to say you love me“ (was wiederum ein Zitat eines früheren Hits ist). Springfield tritt hier also als „die andere“ auf, bei der man nicht so regelmäßig aufschlägt, aber eben immer dann, wenn zu Hause gerade dicke Luft ist. Bei ihr darf er einfach sein, ohne dafür ein Gelübde ablegen zu müssen.

Gewiss nicht das klassische Liebeslied, gibt es durchaus noch weitere Beispiele, in denen Untreue aus anderer Perspektive erzählt wird. Die „andere“ taucht dabei immer wieder aus der Versenkung auf: Nina Simone besang ihre Einsamkeit in dem Stück The Other Woman, und auch die Südstaaten-Souldiva Doris Duke widmete eine Komposition To The Other Woman. Genau andersherum beleuchtet Paloma Faith die Sache auf Other Woman.

Welcher also ist der größte Song über eine Affäre? Die Meinungen darüber gehen sicherlich auseinander, aber der Songschreiber Dan Penn hat zumindest ganz offen davon gesprochen, dass es sein Traum sei, zusammen mit Partner Chips Moman den besten Seitensprung-Song der Geschichte zu komponieren. Mit dem grandiosen The Dark End Of The Street, das James Carr erstmals 1967 aufgenommen hat, kam er der Sache auch schon sehr nahe. Carr singt von unerlaubten Treffen, von heimlichen Stelldicheins, von einem Versteckspiel – „Hiding in shadows where we don’t belong/Living in darkness to hide our wrong“. Er ist sich der Fehltritte also durchaus bewusst, kann ihren Reizen aber doch nicht widerstehen, kehrt wieder und wieder zurück an den Ort des Verbrechens. Tja, so ist sie nun mal, die Kraft der Liebe.

Verschmähte Liebe: I’m Not In Love (10cc, 1975)

Unter einem schlechten Stern stand schon bei Shakespeare die Liebe von Romeo & Julia, weshalb es dort ganz zum Schluss heißt: „… niemals gab es ein so herbes Los / als Julias und ihres Romeos“. Das Motiv der Liebe, die „unter einem schlechten Stern steht“, findet sich in den Diskografien der Musikwelt immer wieder. Unter einem günstigen Stern bringt sie pures Glück und Lebenssinn, doch umgekehrt sorgt die nicht erwiderte, nicht gelingende oder verschmähte Liebe für viel Schmerz und innerlich gebrochene Menschen.

In dem ursprünglich von Derek & The Dominos aufgenommenen, epischen Song Layla singt Eric Clapton über seine Liebe zu Pattie, der damaligen Noch-Ehefrau von George Harrison. „Layla basierte in Teilen auf einem Buch aus dem 12. Jahrhundert, in dem der persische Dichter Nezami die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich in eine für ihn unerreichbare Frau verliebt hat“, kommentierte Pattie die ganze Angelegenheit später. „Er war fantastisch schmerzhaft und wunderschön.“ Was Clapton angeht, war sie hinterher doch nicht so unerreichbar: Die Ehe mit dem Ex-Beatle ging auseinander und die beiden heirateten doch noch. Im Song Leyla hingegen bleibt es bei der unerwiderten Liebe.

Auch das Verschmähen von Gefühlen kann natürlich ganz unterschiedliche Formen annehmen: Mal ist es ein richtiger Kleinkrieg, also konkrete Qualen für den Verschmähten, in anderen Fällen reicht schon die abgewendete Schulter – das bloße Ignorieren oder Kleinreden der Gefühle. Wieder anders gemeint war die Titelzeile I’m Not In Love von 10cc, jener Mammutproduktion aus dem Jahr 1975, bei der allein der (virtuelle) Chor drei Wochen Studiozeit beanspruchen sollte. Gerade indem er immer wieder betont, weshalb er ja eigentlich kein bisschen verliebt sein könne, zeigt Eric Stewart seine wahren Gefühle: „Das ist nur so eine blöde Phase, die ich da gerade durchmache“, heißt es, frei übersetzt, im Songtext – und auch ihr Bild an der Wand sei ja eigentlich nur da, um einen unschönen Fleck zu verdecken. Wenn man es so wortgewaltig verpackt, wird aus der verschmähten Liebe hinterher doch noch ein ultimativer Liebesbeweis.

Auf der Metaebene – Liebeslieder über Liebeslieder: Your Song (Elton John, 1970)

In Interviews ist immer wieder zu hören, dass Musiker*innen den Songwriting-Prozess als reinigende, sehr persönliche Erfahrung und eine Art Beichte verstehen, dass das Schreiben eines Stücks es ihnen erst möglich mache, die innersten Gefühle zu sortieren und sie zu artikulieren. Einige von ihnen gehen dabei sogar noch einen Schritt weiter – denn sie begreifen den Akt des Liebesliedschreibens als ultimative Ausdrucksform für die eigenen Gefühle. Die wahre Liebe, ist sie auf der Metaebene womöglich noch intensiver zu spüren?

Als perfektes Beispiel für ein derartiges Stück darf Your Song gelten, jener Klassiker von Elton Johns zweitem Album, auf dem der Brite davon singt, dass er sein Verlangen ja theoretisch auch ganz anders zum Ausdruck bringen könnte, als Bildhauer etwa oder als Zaubertrank-Mischer, „a man who makes potions in a traveling show“, doch sei das alles nun mal nicht der Fall, weshalb ihm nur dieses eine Format als Geschenkoption übrigbliebe: ein Song. Es sei gewiss nicht viel, „but it’s the best I can do“, heißt es da – und für ihn war’s denn auch das Ticket zum internationalen Durchbruch, jenes Stück, das eine der größten Karrieren der gesamten Musikgeschichte ins Rollen bringen sollte. Ein „Not much“, das mehr nicht hätte sein können: Mehr Understatement geht eigentlich gar nicht.

Während die besagten Zeilen schon damals aus der Feder seines Kollegen Bernie Taupin stammten, um genau zu sein, ist dieser Ansatz – das Singen über das Schreiben eines Liebeslieds – immer wieder verfolgt worden: Gary Barlow war noch grün hinter den Ohren, als er mit 15 A Million Love Songs verfasste. Doch als die Demoversion davon bei Nigel Martin-Smith auf dem Tisch landete, wusste der Musikmanager aus Manchester sofort, dass er es hier mit einem Ausnahmetalent zu tun hatte, um das man wunderbar eine Boy-Group auf die Beine stellen konnte. Wenig später waren Take That auch schon aus der Taufe gehoben. Barlow hatte als Songwriter eine Reife bewiesen, die – allein schon aufgrund der gewählten Perspektive – an ein Genie wie Elton John erinnerte. Und heute, viele Millionen Liebeslieder später, lieben die Fans immer noch diese Liebeslieder, die von Liebesliedern handeln.

Ewige Liebe: Let’s Stay Together (Al Green, 1972)

In der Kunst gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass dieses „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ nicht wirklich taugt, um ein großes Kunstwerk daraus zu stricken. Wenn ein Song die Leute wirklich mitreißen und bewegen soll, dann muss es im Gegenteil eher um die glühenden Anfänge einer Liebe oder um die katastrophale Bruchlandung danach gehen, um irgendein Extrem jedenfalls. Wen interessiert’s schon, ob die Protagonist*inneen sich irgendwo niederlassen und ein gutes, gemäßigtes Leben führen bis ans Ende ihrer Tage? Soweit die allgemeine Tendenz, doch es gibt trotzdem die eine oder andere Ausnahme, sprich: Songs, die vom Thema ewige Liebe handeln.

In ihrem Song Countdown singt Beyoncé etwa davon, wie sie sich immer wieder in den Mann an ihrer Seite verliebt – „still the one I need/I will always be with you“. Sie könne sich nichts Schöneres vorstellen, als die vielen Höhen und Tiefen dieser einen Beziehung auszukosten, durch „the good and the bad“ mit ihm zu gehen. In dieselbe Kerbe schlägt auch You’re My Best Friend von Queen, mit dem Bassist John Deacon schon Mitte der Siebziger zum Ausdruck brachte, wie verliebt er immer noch war, auch nach all den Jahren in dieser einen festen Beziehung. Größere Feelgood-Songs für lebenspartnerschaftliche Langzeit-Turteltauben wird man kaum finden können.

Andererseits verwundert dieses Thema doch nicht wirklich, schließlich ist ja genau das der Traum, die große Vision und der eigentliche Wunsch, der jeden Anfang einer Liebe begleitet: Wer sucht nicht nach diesem einen Menschen, mit dem man sein ganzes Leben verbringen möchte? Darum ging es auch Al Green, als er Let’s Stay Together aufnahm: Durch dick und dünn, in guten wie in schlechten Zeiten – bei ihm wird daraus „Loving you whether times are good or bad, happy or sad“. Lionel Richie und Diana Ross machten 1981 daraus ihre Endless Love, bei The Love Affair war es der Traum von einer Everlasting Love, und Cole Porter versprach die wahre Liebe, die True Love, in einem der allergrößten Liebeslieder, das je geschrieben wurde: „While I give to you and you give to me/True love, true love/So on and on it will always be/True love, true love.

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Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.1.1974.

von Christof Leim

Im Januar 1974 spielen Fleetwood Mac Konzerte in den USA. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude für Classic Rock-Fans, doch leider steht da niemand auf der Bühne, der auf den aktuellen Platten oder den letzten Touren gespielt hat. Anders formuliert: Nur der Name Fleetwood Mac geht auf Tour, die Band blöderweise nicht. Das finden Besucher und Veranstalter natürlich befremdlich, zumal sie das oft erst am Showtag erfahren. Was ist da passiert und wer steckt hinter den „Fakewood Mac“?

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Hört hier in die damals aktuelle Platte Mystery To Me rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wer sich Anfang 1974 ein Konzertticket für Fleetwood Mac kauft, der erwartet auf der Bühne die Musiker der gerade neuen Platte Mystery To Me: Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie zum Beispiel, dazu Sängerin Christine McVie und die Gitarristen Bob Welch und Bob Weston. Doch schon bei der ersten Show der Tour am 18. Januar 1974 ist keine einzige Person dieses Line-ups anwesend. Niemand. Stattdessen spielen fünf Unbekannte Fleetwood Mac-Songs.

Da muss also etwas vorgefallen sein. In einem Artikel des Rolling Stone von damals erzählt der Manager Clifford Davis: „Ich habe mich entschieden, etwas an der Band zu ändern, insbesondere auf der Bühne. Und das habe ich getan. Ich war immer schon der Anführer, der entscheidet, wer mitspielt und wer nicht.“ Eine krasse Ansage, aber Davis geht noch weiter: „Ich möchte endlich den Eindruck zerstreuen, dass dies Mick Fleetwoods Band ist. Diese Band war immer schon meine Band.“

Die echte Band Ende 1973: Welch, Fleetwood, McVie, McVie (v.l.) – Pic: Promo

Doch wie kommt der Mann dazu? In jenen Jahren verlieren Fleetwood Mac ständig ihre Gitarristen: Danny Kirwan fliegt 1972 raus, was den Abbruch einer Tour bedeutet. Im Herbst 1973 wird dann Bob Weston gefeuert, weil Drummer Mick kann es nicht länger mit ansehen, dass sein Kollege ein Verhältnis mit seiner Frau Jenny hat und damit auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hält. Autsch. Damit endet auch die erste Tour zu Mystery To Me vorzeitig. Dem Manager passt das gar nicht, angeblich nennt er das „unprofessionell“. Als die Musiker dann sogar eine Pause einlegen wollen, in der Mick sich um seine unvermeidliche Scheidung kümmern muss, stellt er kurzerhand eine Ersatztruppe zusammen und schickt sie in den USA auf die Straße.

Das Ersatzaufgebot besteht aus Musikern der Band Legs, die eine Single unter der Ägide des Managers veröffentlicht hatte: Sänger Elmer Gantry, Gitarrist Kirby Gregory, Bassist Paul Martinez und  Pianist John Wilkinson. „Ich habe mich aber entschieden, Mick zu behalten“, erklärt Davis im Rolling Stone. Allerdings habe der kurzfristig wegen privater Probleme wieder zurück nach England fliegen müssen. Also setzt sich Craig Collinge hinter das Schlagzeug.

Der erste Auftritt findet statt in Pittsburgh am 18. Januar 1974. Wenig überraschend gibt es dort umgehend Streit mit dem Veranstalter, und auch die Fans sind nicht erbaut. Deshalb muss Davis von nun an jeden Abend auf der Bühne verkünden, dass ganz neue Musiker spielen werden und Mick Fleetwood selbst, so ein Ärger, es leider nicht geschafft habe. Gut kommt das nicht an, doch es wird noch schlimmer: Eine Woche später rollt der Tross nach New York, wo 30 Minuten vor der Show feststeht, dass Elmer Gantry nicht singen können wird. „Das ist mir noch nie passiert“, röchelt er gegenüber dem Rolling Stone. Dummerweise hat sich ausgerechnet für diesen Abend die versammelte Musikpresse angekündigt. Noch doofer allerdings: Niemand sagt den Veranstaltern rechtzeitig Bescheid. Die hätten mit ein wenig mehr Vorlauf die Sause noch absagen können, jetzt aber stehen nach den Vorgruppen Kiss und Silverhead 3.400 Fans in der Halle und warten. Also fällt die Entscheidung, die „Band“ ohne Frontmann auf die Bühne zu schicken. Nach einer halben Stunde Boogie-Jam machen 800 Fans von dem Angebot Gebrauch, ihr Geld zurückzubekommen…

Das kann alles nicht lange gut gehen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der langjährige Tourmanager John Courage irgendwann das Equipment versteckt und so dafür sorgt, dass die Konzertreise unter falscher Flagge gestört und abgebrochen wird. Kein Wunder also, dass der Spuk der„Fakewood Mac“ ziemlich schnell wieder vorbei ist und Clifford Davis mit Anlauf gefeuert wird. Ein unvermeidbares gerichtliches Nachspiel klärt zwar die Namensrechte eindeutig zu Gunsten der echten Fleetwood Mac, doch es bremst die Band mehrere Monate aus.

Die Musiker der Zweitbesetzung kehren zurück nach England und gründen die Band Stretch, die im November 1975 einen Hit landet mit dem Song Why Did You Do It?. Dessen Text kann mal an als klassisches Beziehungsdrama lesen, aber die meisten Kommentatoren sehen hier eine direkte Attacke auf Mick Fleetwood – weil der sich schließlich von der unglücklichen Tour zurückgezogen habe (was der weiterhin dementiert). Fleetwood Mac verstärken sich indes mit dem Gitarristen Lindsey Buckingham und der Sängerin Stevie Nicks und gehen in den Folgejahren durch die Decke. Der Rest ist Geschichte…



Titelfoto: Michael Putland/Getty Images

Zeitsprung: Am 11.7.1975 starten Fleetwood Mac ihrem gleichnamigen Album durch.

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Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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Popkultur

„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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