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Popkultur

Die musikalische DNA von Coldplay

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Manche Menschen machen eine Art Sport daraus, Coldplay zu hassen. Diese Menschen sind zum einen zu beneiden, weil sie offenbar viel freie Lebenszeit haben und zum anderen, weil es gar nicht so einfach ist, Chris Martin und seine Band nicht zu mögen. Geschweige denn, sie zu hassen. Denn natürlich trifft der manchmal bombastische und immer emphatische Sound von Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion vielleicht nicht jeden Geschmack. Dafür aber ziemlich viele, um nicht zu sagen die meisten. Kaum eine andere Band hat in den letzten 20 Jahren dermaßen viele Platten verkauft. Und nebenbei gesagt: Das wohltätige Engagement der Band macht sie über die Musik hinaus doch alles andere als hassenswert. Oder?


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Coldplay an, zur ganzen Playlist kommt ihr über den „Listen“-Button:


Von den stillen, traurigen Balladen hin zu den großen, orchestralen Arrangements steht Coldplays Musik ganz in der Tradition britischer Songwriter-Kunst. Ihre Songs bleiben schnell hängen und gehen ein Leben lang nicht wieder weg. Das liegt daran, dass sie einerseits leicht klingen und andererseits sehr komplex sind. Hinter jedem Coldplay-Stück steckt genauso viel handwerkliches Können wie künstlerische Leidenschaft. Denn, das muss eben auch gesagt werden: So viele Platten Coldplay mit ihrer Musik auch immer verkauft haben mögen, sie sind ihrer Vision stets treu geblieben und haben sich nie verbogen. Kein Wunder also, dass sie weit über die Pop- und Rock-Welt hinaus erfolgreich wurden.

Doch was macht ihn eigentlich genau aus, den spezifischen Coldplay-Sound, der im Stadion vor tausenden Menschen genauso gut funktioniert wie an stillen Sonntagen mit einer Tasse Tee im Bett? Die Antwort darauf finden wir in der musikalischen DNA der Band. Hören wir also mal rein und finden wir heraus, welche Musik die vier – oder eher fünf, denn Manager beziehungsweise Kreativdirektor Phil Harvey wird als Mitglied gezählt! – auf ihrem Weg beeinflusst hat.


1. a-ha – Hunting High and Low

Coldplay gründeten sich Mitte der neunziger Jahre, erst unter dem Namen Pectoralz und später als Starfish, bevor ihnen der Student Tim Crompton den Namen seiner eigenen Gruppe überließ. Ihre Wurzeln fand die Band allerdings im vorigen Jahrzehnt: Die Norweger von a-ha gelten gemeinhin als der Haupteinfluss der frühen Coldplay. „Ständig werden wir gefragt, was uns inspiriert hat, von wem wir klauen und was wir gehört haben, als wir aufwuchsen“, lachte Martin in einem Interview. „Die erste Band, die ich wirklich liebte, war a-ha.“

Der Song Hunting High and Low vom gleichnamigen Debütalbum a-has gehört zu den Lieblingen der Band. Bei einem Konzert 2008 durfte Martin sogar Songwriter Magne „Mags“ Furuholmen auf die Bühne bitten, um das Stück gemeinsam zu performen. Dabei allerdings blieb es keineswegs: Wenige Tage zuvor erschien ein Song der Band Apparatjik auf dem Charity-Sampler Bruce Parry Presents Amazon – Tribe – Songs for Survival. Neben Mags gehört auch Coldplay-Bassist Guy Berryman der Band an, die zwischen 2010 und 2012 zwei EPs und zwei Alben veröffentlichten.


2. U2 – One

Dass die Supergroup Apparatjik zuerst zugunsten einer Charity-Kampagne zusammenkam, überrascht nicht weiter: Coldplay sind für ihren philanthropischen Einsatz berühmt. Das ist nur ein Markenzeichen, dass sie sich mit den irischen Kollegen von U2 teilen. Denn natürlich haben sich die Briten von Bono und Co. auch den einen oder anderen Kniff abgeschaut. Unter anderem auch die Bandstruktur: Das demokratische Prinzip, nach dem sich die Gruppe untereinander organisiert, haben U2 maßgeblich geprägt. Keiner Egospielchen, gemeinsam sind sie stark!

Stark war auch der Eindruck, den U2s Überalbum Achtung Baby auf Chris Martin hinterließ. „Das war 1991 und ich war 14 Jahre alt“, erinnerte er sich. „Vorher wusste ich nicht mal, was ein Album ist!“ Seitdem hat er nicht nur – in seinen Worten – den gesamten U2-Backkatalog auswendig gelernt, sondern stand auch mehrmals mit der Band gemeinsam auf der Bühne. Dass Bono den Kollegen aber 2009 bei einer Live-Show als „Wichser“ bezeichnete? Martin nahm’s mit Humor: „Wusste ich’s doch, dass er so über mich denkt!“, scherzte er. „Ich find’s toll, dass wir Erzfeinde sind!“ Alles nur Neckereien unter Kumpels, offensichtlich.


3. The Verve – Bitter Sweet Symphony

Sowohl a-ha als auch U2 hatten mit ihrer Musik die achtziger Jahre geprägt, Coldplay sollten zum Ende des Folgejahrzehnts hin den Staffelstab übernehmen. Sie waren allerdings keineswegs allein. Richard Ashcrofts Band The Verve formierte sich 1990 und gehörte zu den Pionieren des Britpop-Sounds, der um 1996 herum die Insel dominierte. 1997 toppten sie mit dem Album Urban Hymns alle Rekorde und veröffentlichten mit Bitter Sweet Symphony einen Ohrwurmgaranten, der in die Musikgeschichte einging. Das – im Übrigen aus einem Rolling Stones-Song beziehungsweise das Andrew Oldham Orchestra geliehene – Streichermotiv ist unter tausenden herauszuhören.

Noch bevor Coldplay mit Viva La Vida einen ähnlich denkwürdigen Einsatz von Streichern in der Pop-Musik nachlegen konnten, standen sie gemeinsam mit Ashcroft auf der Bühne, um im Sommer 2005 im Rahmen des Live8-Konzerts im Hyde Park Bitter Sweet Symphony zu spielen. Besonders gute Freunde scheinen sie darüber allerdings nicht geworden zu sein, obwohl Martin den Kollegen noch als „besten Sänger aller Zeiten“ ankündigte. „Ich würde nichts von dem, was Coldplay erreicht haben, gegen einen unserer Songs eintauschen“, ließ sich Ashcroft 2016 noch zitieren. „Dabei denke ich, dass Martin einen Löwenanteil seines Königreichs für Bitter Sweet Symphony hergeben würde.“ Ganz schön kaltschnäuzig!


4. Oasis – Don’t Look Back In Anger

Aber so ist es eben, das Britpop-Gewerbe: streitsam und arrogant. Vorgemacht, wenn nicht sogar perfektioniert haben das schließlich Oasis. Manchmal scheinen die Gallagher-Brüder nicht einmal mehr zu wissen, auf wen sie eigentlich weswegen sauer sind, aber nach dem zwölften Bier ist das wohl auch egal. Die Hitzköpfigkeit der beiden hin oder her: Großartige Songwriter sind sie ohne Frage, wie nicht allein Songs wie Wonderwall oder Don’t Look Back In Anger beweisen.

Letzterer war auch der Song, den Chris Martin und Jonny Buckland gemeinsam mit Ariana Grande bei einem ganz besonderen Konzert aufspielten. Das One Love Manchester war ein spontanes Benefizkonzert für die Opfer des Terroranschlags auf Grandes Konzert am 22. Mai 2017. Don’t Look Back In Anger von den Lokalhelden Oasis wurde in den darauf folgenden Tagen zu einer kleinen Hymne der Stadt. Klar, dass Liam Gallagher auch bei One Love Manchester einen unangekündigten Auftritt hinlegte. Für den Oasis-Song Live Forever schnappte sich sogar Chris Martin die Gitarre. Echter Zusammenhalt ist eben sogar unter Britpoppern nicht unmöglich…


5. Travis – Battleships

Zwischen den ungestümen Hitzköpfen Ashcroft und Gallagher schien es Mitte und Ende der neunziger Jahre im britischen Rock-Zirkus eigentlich kaum Platz für stille Töne zu geben. Doch dann kamen Travis und verzauberten mit Songs wie Why Does It Always Rain on Me? oder Sing die Insel – und die Welt gleich mit. Als „die Band, die uns erfunden hat und viele andere gleich mit“ bezeichnete Chris Martin die schottische Gruppe, in der übrigens kein einziges Mitglied den Namen Travis trägt.

2009 erlaubt sich Travis-Frontmann Fran Healy allerdings einen rüpelhaften Scherz gegenüber Martin. Das Stück Battleships kündigte er bei einem Konzert seiner Band als das Stück an, das Coldplay von ihnen geklaut hätten und erzählte auch eine – äh – interessante Entstehungsgeschichte der Band: „Wir waren das! Es war wie bei X-Factor. Wir haben die Kerle ausgewählt und ich habe die Songs geschrieben. Chris ist nur eine Marionette.“ Wie bitte!? Natürlich alles nur ein Scherz – die beiden sind sehr gute Freunde. Die musikalischen Parallelen sind dennoch nicht von der Hand zu weisen.


6. George Harrison – Isn’t It A Pity

Healy spricht mit Zuneigung von Martin. Eine Anekdote erzählt er besonders gern. „Ich war in meinem Auto unterwegs und plötzlich, wie er das gerne macht, kommt Chris wie ein riesiges Hündchen in weißen Turnschuhen angesprungen und klopft ans Fenster. Ich hab mir in die Hosen geschissen vor Schreck!“ Warum Martin so aufgeregt war? Er wollte dem Kollegen unbedingt erzählen, dass die Band für das legendäre Glastonbury bestätigt worden sei und obendrein noch ein neues Album aufnehme.

Eben jenes Album war es, das Coldplay an die Pop-Weltspitze katapultieren sollte. A Rush of Blood to the Head bedeutete für die Band den endgültigen Durchbruch. Als zweite Single nach In My Place veröffentlichten sie The Scientist, bis heute ein Live-Favorit vieler Fans. Die Inspiration für das Stück kam von Beatles-Mitglied George Harrison: In dessen Heimatstadt Liverpool stöberte Martin ein altes, verstimmtes Klavier auf und wollte Isn’t It A Pity von Harrisons ikonischer All Things Must Pass-LP klimpern. Doch er schaffte es nicht! Stattdessen aber kamen ihm ein paar andere Akkord – The Scientist war geboren. Die spontane Improvisation wurde aufgenommen, der fertige Song unterschied sich nur kaum davon. Wenn die Beatles Inspiration liefern, muss es ja sitzen!


7. Sigur Rós – Takk…

Was Harrison wohl darüber gesagt hätte, dass sich Martin als (wenngleich gescheiterter) Fan von ihm outete? Wir wissen es nicht. Andere aber erlauben sich gerne ihre Scherze mit der Band, wie wir bereits gesehen haben. So auch Sigur Rós. Im April 2009 veröffentlichte das isländische Kollektiv ein achtsekündiges YouTube-Video mit dem Titel „Sigur Rós and Coldplay collaboration“. Wer drauf klickte, wurde allerdings enttäuscht: Zu hören gab es einen trödeligen Trompetensound. Die Buchstaben „APRIL FOOLS!“ flackerten über den Schirm. Und wer genau hinsah, merkte auch, dass der vermeintliche Sigur Rós-Kanal vermutlich gar kein offizieller war.

Alles nur ein schlechter Scherz also, der nicht einmal von der Band selbst kam. Dabei wäre es doch so abwegig nicht gewesen, wenn Coldplay die nordischen Kollegen ins Studio geholt hätte. Denn nicht nur spielten sie in Island bei einem Weihnachtskonzert ein Live-Cover des Songs Svefn-g-englar, auch das Album Mylo Xyloto enthält Samples von Sigur Rós-Meisterwerk Takk… Vielleicht aber steht uns das noch bevor, wer weiß? Chris Martin zumindest bezeichnete Sigur Rós neben Arcade Fire als „die beste Band der Welt“. Seine eigene Band sieht er übrigens auf einem soliden siebten Platz. Das ist noch echte Bescheidenheit.


8. Kraftwerk – Computerliebe

Wo wohl Kraftwerk in Martins eigener Rangordnung stehen? Vermutlich relativ weit oben. Das zumindest scheint Ralf Hütter – das einzig verbliebene Originalmitglied der Band – zu denken. Wie und was mit der Diskografie seiner Band geschieht, will er möglichst allein entscheiden und duldet keine Widerrede. Selbst bei einem zweisekündigen Sample lässt die öffentlichkeitsscheue Mensch-Maschine nicht mit sich spaßen: Er klagte Moses Pelham wegen der Verwendung eines Beats aus dem Stück Metall auf Metall in Grund und Boden.

Da überraschte es umso mehr, dass ausgerechnet Coldplay sich von Kraftwerk etwas leihen durften. Der Song Talk vom Album X&Y spielt die markante Melodie von Computerliebe komplett nach. Das Ganze lief aber anscheinend ziemlich problemlos ab. „Ja, ihr könnt die Melodie benutzen und danke, dass ihr mich überhaupt fragt“, soll Hütter der Band geschrieben haben. „Anders als dieses Arschloch Jay-Z.“ Der hatte sich für den Track Sunshine nämlich bei einem Stück bedient, das wiederum auf der Mensch-Maschine beruhte…


9. Jon Hopkins – Light Through the Veins

Neben dem bombastischen Post-Rock von Sigur Rós und dem cleveren Electro-Pop von Kraftwerk haben sich Coldplay immer schon überraschenden Quellen zugewandt, um dort Inspiration zu finden. Ihr Album Viva la Vida or Death and All His Friends etwa nahmen sie mit Brian Eno auf, der neben seiner Arbeit als Produzent für David Bowie auch als experimenteller Komponist gerne alle Grenzen sprengt. Von Eno ist es nur ein kleiner Schritt zu Jon Hopkins, der auf dessen Album Small Craft on a Milk Sea zu hören war.

Für Coldplay steuerte Hopkins nicht nur einen Remix zum Song Midnight bei, sondern war auch bei den Viva la Vida-Aufnahmen zugegen. Unter anderem Orgel und Harmonium spielte er auf dem Album, der Song Violet Hill basiert sogar auf einer gemeinsamen Jam-Session von ihm und Arrangeur Davide Rossi. Sein eigenes Stück Light Through the Veins schaffte es sogar zwei Mal auf Viva la Vida: Als Intro für den Song Life In Technicolour und als Hintergrund für den Hidden Track The Escapist. Ein subtiler Einfluss, der sich hier breitmacht!


10. The Chainsmokers – #SELFIE

Simples, aber doch effektives Songwriting mit elektronischen Elementen: Coldplay haben das keinesfalls erfunden, aber erfolgreicher war kaum jemand mit dieser Mischung. Doch die Zeiten ändern sich und die Geschmäcker gleich mit. The Chainsmokers gehören zu einer neuen Generation von Pop-Stars, die ihre Musik nicht mehr vom konventionellen Bandkonstrukt aus denken, wie Coldplay es noch weitestgehend tun. Ihre Musik entsteht nicht im schwitzigen Proberaum, sondern im stillen Kämmerlein.

Die Chainsmokers können dabei auf die Erfolge von Coldplay zurückgreifen und wissen ganz genau, wie sie den Briten dafür danken können. 2017 erschien die gemeinsame Single Something Just Like This. Als „einer der coolsten Momente, die wir in unserer Laufbahn im Studio hatten“ bezeichnete das US-amerikanische Duo die Arbeit an dem Song, bei der alle Coldplay-Mitglieder dabei waren. Herausgekommen ist ein Pop-Dance-Hybrid, wie ihn sich wohl nur wenige trauen würden. Aber Coldplay sind doch wagemutiger, als viele annehmen.


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Als Led Zeppelin facettenreicher wurden: „Houses Of The Holy“

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Led Zeppelin HEADER
Titelfoto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Vier durchnummerierte Platten brauchten Led Zeppelin, um die Spitze des Rockolymp zu erklimmen. Auf ihrer fünften Veröffentlichung Houses Of The Holy schlugen die Briten experimentierfreudigere Pfade ein — mit großem Erfolg. Den Titeltrack mussten sie allerdings auf das nächste Album verschieben.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Houses Of The Holy von Led Zeppelin anhören:

Pause? Für Led Zeppelin ist das zu Beginn ihrer Karriere ein Fremdwort. In gerade einmal drei Jahren veröffentlichen die Briten vier legendäre Alben, touren mehrfach um den Globus und spielen weltweit vor ausverkauften Häusern. Großbritannien, Nordamerika, Japan, Australien — und wieder von vorn. Ein wenig zur Ruhe kommen Led Zeppelin erst 1972, als sie mit der Aufnahme ihres fünften Albums Houses Of The Holy beginnen. Die Gruppe schlägt darauf experimentellere Wege ein und setzt auf aufwändige Arrangements und neue Einflüsse statt auf schnodderigen Hardrock-Sound. Doch wie genau kam es zu dieser Typveränderung — und hatten auch die Fans Freude an den neuen Led Zeppelin?

Houses Of The Holy: Ein Album unter anderen Umständen

Anfang der Siebziger ist das Bankkonto von Led Zeppelin bereits gut gefüllt — so gut, dass sich Gitarrist Jimmy Page und Bassist John Paul Jones ihre eigenen Heimstudios einrichten. Zum ersten Mal können die beiden Musiker ihre Ideen in aller Ruhe aufnehmen, noch einmal hören, bearbeiten und ergänzen. Dadurch werden die Songs ausgeklügelter als sonst — weg vom Bluesrock, hin zum AOR, wenn man so möchte. Als Led Zeppelin mit den offiziellen Aufnahmen von Houses Of The Holy beginnen, sind die vier Musiker deutlich besser vorbereitet als bei ihren vorherigen vier Alben. Zu gut, wie es scheint, denn die Band spielt mehr Songs ein als auf die Platte passen.

Während der Sessions zu Houses Of The Holy sammeln Led Zeppelin so viel Material, dass sie ein paar ihrer neuen Kompositionen für später aufbewahren müssen. Das betrifft zum Beispiel den Song Walter’s Walk, der erst 1982 auf der Zusammenstellung Coda erscheint. The Rover und Black Country Woman packen die Briten auf ihr sechstes Album Physical Graffiti (1975). Besonders kurios: Sogar den Titeltrack verschieben Led Zeppelin auf später, sodass der Song Houses Of The Holy nun nicht auf dem Album Houses Of The Holy zu finden ist, sondern ebenfalls auf dem Nachfolger Physical Graffiti. Trotzdem klingt Houses Of The Holy stimmig — auch wenn „Led Zep“ darauf einige Experimente wagen.

Da wäre zum Beispiel die Funk-lastige Nummer The Crunge, die man den Briten vorher wohl nicht unbedingt zugetraut hätte. Auch das Reggae-beeinflusste Stück D’yer Mak’er klingt nicht wie ein typischer Led-Zeppelin-Song. Genau das war das Ziel, wie Gitarrist Jimmy Page in dem Buch Light & Shade: Conversations With Jimmy Page erklärt: „Auch wenn alle ein zweites Led Zeppelin IV wollten: Es ist sehr gefährlich, sich selbst zu kopieren. Ich werde keine Namen nennen, aber jeder kennt Bands, die sich ewig wiederholen. Nach vier oder fünf Alben sind sie ausgebrannt. Bei uns hingegen wusste man nie, was als nächstes kommt.“

Eine Tour der Superlative — und der anschließende Burnout

Das gilt auch für die Tour zu Houses Of The Holy, mit der Led Zeppelin einmal mehr neue Live-Show-Maßstäbe setzen. Laser, Discokugeln, aufwändige Outfits, Pyrotechnik: Die britischen Rocker lassen sich nicht lumpen und feuern auf ihrer insgesamt dreimonatigen Tour aus allen Rohren. 55 Konzerte geben Led Zeppelin, darunter auch in Nürnberg, München, West-Berlin, Hamburg, Essen und Offenburg. Überall feiert wird die Band gefeiert; später ist sogar die Rede davon, dass die Tour der technische Höhepunkt der Gruppe gewesen sein muss. Doch der Preis ist hoch: Nach der Konzertreise sind Led Zeppelin so fertig, dass sie eine fast zweijährige Pause einlegen.

Was die Verkaufszahlen und den Erfolg von Houses Of The Holy betrifft, geht die Platte im Vergleich zum direkten Vorgänger Led Zeppelin IV beinahe unter. „Nur“ elffaches Platin gelingt den Briten bis heute mit dem Album; bei Led Zeppelin IV ist es mehr als doppelt so viel und auch der Houses Of The Holy-Nachfolger Physical Graffiti kann insgesamt 16 US-Platinveredelungen abräumen. Dennoch: Led Zeppelin zeigen sich auf Houses Of The Holy von ihrer erwachsenen Seite und das kommt an. Drei Alben bringen die Briten anschließend noch raus, bis der Tod von Schlagzeuger John Bonham die Karriere der Gruppe im Jahr 1980 beendet. Doch das ist wieder einmal eine andere Geschichte.

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5 Dinge, die ihr über John Paul Jones von Led Zeppelin noch nicht wusstet

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Zeitsprung: Am 28.3.1985 tritt Alicia Keys zum ersten Mal im TV auf. Sie ist 4.

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Alicia Keys
Paola Kudacki/Sony Music

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.3.1985.

von Timon Menge und Christof Leim

Mehr als 150 Preise gewinnt Alicia Keys im Lauf ihrer Karriere, darunter 15 Grammys. Ihre Premiere im Showgeschäft feiert sie allerdings am 28. März 1985 in einer TV-Serie – mit vier Jahren.

Hier könnt ihr euch Here anhören:

Übernachtungsparty! Die kleine Tochter der Familie hat ihre Freunde und Freundinnen eingeladen, alle sind bestens gelaunt, vor allem als sie reihum mit dem Herrn Papa Rodeo spielen. Die Regeln: Wer sitzen bleibt, gewinnt. Ein Mädchen mit Lockenkopf kann sich trotz wildester Bewegungen halten und geht als Siegerin hervor. Vier Jahre alt ist die junge Schauspielerin in dieser Szene der Bill Cosby Show, ihr Name lautet Alicia Cook. Damals kennt sie niemand, heute schon…

In den Achtzigern kann man sich ein Fernsehprogramm ohne die Familie Huxtable kaum vorstellen. In acht Staffeln thematisiert die Sitcom das Leben einer afroamerikanischen Familie aus der Mittelschicht, die sich mit alltäglichen Situationen und Problemen auseinandersetzt. Dass dieses Format auch bei der weißen Bevölkerung gut ankommt, ist zu jener Zeit noch nicht selbstverständlich. Den Familienvater Dr. Heathcliff Huxtable gibt Schauspieler Bill Cosby, nach dem die Sendung auch benannt ist. (Heute ist Cosby weltweit und zurecht in Ungnade gefallen, weil er wegen dreifachen sexuellen Missbrauchs zu mehreren Jahren Haft verurteilt wird. Aber das ist eine andere, unschöne Geschichte.)

Wer ist Alicia Cook?

Diese kleine Alicia Cook, die da einen Gast der Übernachtungsparty der kleinsten Huxtable-Tochter Rudy spielt, lernen wir Jahrzehnte später unter einem anderen Namen kennen: Alicia Keys. Mit dem Auftritt in der Show feiert sie sozusagen ihren Einstand im Showgeschäft. Hier könnt ihr euch den Ausschnitt mit ihr angucken:

In einem späteren Interview mit der Teleschau erzählt Keys: „Ich erinnere mich vor allem daran, dass es ein wahnsinnig langer Tag war. Bis das alles abgedreht war, war es später Abend – und ich und die anderen Kinder waren so müde, dass wir irgendwann einfach auf dem Sofa eingeschlafen sind. Aber ich erinnere mich auch daran, dass es extrem witzig war. Bill Cosby war super. Und hey, immerhin habe ich beim Reite-Spiel auf seinem Knie gewonnen.“

Nur der Anfang

Gewinnen wird Keys nachher noch so einiges, nämlich mehr als 150 Auszeichnungen und 14 Platinschallplatten (allein in den USA). Mit Alben wie Songs In A Minor (2001), The Diary Of Alicia Keys (2003), As I Am (2007) und The Element Of Freedom (2009) räumt sie in den 2000er Jahren wirklich alles ab. Wer hätte 1985 gedacht, dass aus der kleinen Alicia Cook einer der größten Popstars des 21. Jahrhunderts wird?

Zeitsprung: Am 7.9.1984 sind die Jacksons auf Tour und Janet brennt durch.

 

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Zeitsprung: Am 27.3.1970 veröffentlicht Alice Cooper „Easy Action“.

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Alice Cooper Easy Action Cover

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.3.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

Die Rock’n’Roll-Welt steht nicht gerade in Flammen für die Alice Cooper Band, als sie am 27. März 1970 ihr zweites Album Easy Action veröffentlicht. Das könnte nicht zuletzt an der lustlosen Produktion liegen. Trotzdem bietet sich hier ein perfektes Zeitdokument einer sich entwickelnden Band, das man fast als Vorproduktion für den Meilenstein Love It To Death im folgenden Jahr ansehen könnte.

Hier könnt ihr euch Easy Action anhören:

Geneigte Fans und Hardrock-Aficionados wissen vermutlich, dass Alice Cooper für eine Band steht, die sich 1975 auflösen wird. Erst danach adaptiert deren Sänger Vincent Furnier den Namen und wird so zu einem hochgeschätzten Heavy-Metal-Entertainer und Gottvater des Shock Rock.

Psychedelische Scheißmusik

1970 allerdings stehen solche Superlative noch in weiter Ferne. Die Truppe schraubt an ihrem zweiten Album, das ebenso wie der Vorgänger Pretties For You bei Frank Zappas Plattenfirma Straight erscheinen soll. An den Reglern sitzt David Briggs, der heutzutage vor allem bekannt dafür ist, mehr als ein Dutzend Neil-Young-Alben produziert zu haben. Schlagzeuger Neal Smith sagt später über Briggs: „David hasste unsere Musik und uns. Ich erinnere mich, dass unsere Song für ihn ‚psychedelischer Scheiß‘ waren. Wenn man mich fragt, klang Easy Action zu trocken, eher wie eine TV- oder Radiowerbung. Er half in keiner Weise beim Arrangement der Lieder oder lieferte irgendwelchen positiven Input.“ Und so wird kein einziges der Stücke von Easy Action nach der Love It To Death-Tour jemals wieder live von Cooper aufgeführt.

Nichtsdestotrotz bezeichnen manche gerade diese Scheibe als das „große unentdeckte“ Cooper-Album. Während Pretties for You eine schwierige Platte ist und Love It to Death ein Klassiker, könnte man Easy Action als das perfekte Bild einer sich entwickelnden Band ansehen. Beim ersten Stück Mr. And Misdemeanor lässt sich zum Beispiel miterleben, wie Sänger Furnier seinen bösartig klingenden Gesangsstil definiert. Alice Cooper steht später für drei Minuten lange Hits mit eingängigen Melodien und negativen Themen, welche dann gegen Ende der Alben durch längere Stücke ergänzt werden. So gesehen liefern die Rocker mit Easy Action also fast eine Vorproduktion für Love It to Death, obwohl die Band auf ersterem mehr Erfindergeist zeigt.

Unisex, roh und gewalttätig

Hinter dem Albumtitel steckt eine Zeile aus einem Lieblingsfilm von Furnier und Bassist Dennis Dunaway, dem Musical West Side Story mit der Musik von Leonard Bernstein. Zitate daraus wie „got a rocket in your pocket“ und „when you’re a Jet, you’re a Jet all the way“ werden auch bei dem Song Still No Air verwendet. Das Motiv der halbstarken Gang aus West Side Story wird auch an anderen Stellen von Alice Copper aufgegriffen. Auf dem Cover wendet sich die Band von der Kamera ab, deren unbedeckte Rücken sind nur durch ihr langes Haar bedeckt. Eine Radiowerbung von 1970 pries die Band dann auch als „unisex, roh, miteinander und gewalttätig – genau wie ihr, amerikanische Mitbürger“.

Easy, Action!

Als ob die Band den fehlenden kommerziellen Erfolg von Easy Action geahnt hätte, beginnt der letzte Song, das psychedelisch abgedrehte Lay Down And Die, Goodbye, mit den Worten des Komikers Tom Smothers: „Ihr seid der einzige Zensor. Wenn euch das, was ich sage, nicht gefällt, habt ihr die Wahl: Ihr könnt mich ausschalten.“

Die Kritiker zerreißen das Album hauptsächlich. Robert Christgau bezeichnet es im Magazin The Village Voice als „unmelodisches Singen, unmelodisches Musizieren, unmelodische Melodien und pseudomusikalischen Beton“. Erst bei Love It To Death entdeckt die Band mithilfe von Produzent Bob Ezrin den Sound für den Alice Cooper heutzutage geliebt wird…

Zeitsprung: Am 5.6.1977 gibt es einen Todesfall bei Alice Cooper – wegen einer Ratte.

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