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Popkultur

Die musikalische DNA von Coldplay

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Manche Menschen machen eine Art Sport daraus, Coldplay zu hassen. Diese Menschen sind zum einen zu beneiden, weil sie offenbar viel freie Lebenszeit haben und zum anderen, weil es gar nicht so einfach ist, Chris Martin und seine Band nicht zu mögen. Geschweige denn, sie zu hassen. Denn natürlich trifft der manchmal bombastische und immer emphatische Sound von Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion vielleicht nicht jeden Geschmack. Dafür aber ziemlich viele, um nicht zu sagen die meisten. Kaum eine andere Band hat in den letzten 20 Jahren dermaßen viele Platten verkauft. Und nebenbei gesagt: Das wohltätige Engagement der Band macht sie über die Musik hinaus doch alles andere als hassenswert. Oder?


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Coldplay an, zur ganzen Playlist kommt ihr über den „Listen“-Button:


Von den stillen, traurigen Balladen hin zu den großen, orchestralen Arrangements steht Coldplays Musik ganz in der Tradition britischer Songwriter-Kunst. Ihre Songs bleiben schnell hängen und gehen ein Leben lang nicht wieder weg. Das liegt daran, dass sie einerseits leicht klingen und andererseits sehr komplex sind. Hinter jedem Coldplay-Stück steckt genauso viel handwerkliches Können wie künstlerische Leidenschaft. Denn, das muss eben auch gesagt werden: So viele Platten Coldplay mit ihrer Musik auch immer verkauft haben mögen, sie sind ihrer Vision stets treu geblieben und haben sich nie verbogen. Kein Wunder also, dass sie weit über die Pop- und Rock-Welt hinaus erfolgreich wurden.

Doch was macht ihn eigentlich genau aus, den spezifischen Coldplay-Sound, der im Stadion vor tausenden Menschen genauso gut funktioniert wie an stillen Sonntagen mit einer Tasse Tee im Bett? Die Antwort darauf finden wir in der musikalischen DNA der Band. Hören wir also mal rein und finden wir heraus, welche Musik die vier – oder eher fünf, denn Manager beziehungsweise Kreativdirektor Phil Harvey wird als Mitglied gezählt! – auf ihrem Weg beeinflusst hat.


1. a-ha – Hunting High and Low

Coldplay gründeten sich Mitte der neunziger Jahre, erst unter dem Namen Pectoralz und später als Starfish, bevor ihnen der Student Tim Crompton den Namen seiner eigenen Gruppe überließ. Ihre Wurzeln fand die Band allerdings im vorigen Jahrzehnt: Die Norweger von a-ha gelten gemeinhin als der Haupteinfluss der frühen Coldplay. „Ständig werden wir gefragt, was uns inspiriert hat, von wem wir klauen und was wir gehört haben, als wir aufwuchsen“, lachte Martin in einem Interview. „Die erste Band, die ich wirklich liebte, war a-ha.“

Der Song Hunting High and Low vom gleichnamigen Debütalbum a-has gehört zu den Lieblingen der Band. Bei einem Konzert 2008 durfte Martin sogar Songwriter Magne „Mags“ Furuholmen auf die Bühne bitten, um das Stück gemeinsam zu performen. Dabei allerdings blieb es keineswegs: Wenige Tage zuvor erschien ein Song der Band Apparatjik auf dem Charity-Sampler Bruce Parry Presents Amazon – Tribe – Songs for Survival. Neben Mags gehört auch Coldplay-Bassist Guy Berryman der Band an, die zwischen 2010 und 2012 zwei EPs und zwei Alben veröffentlichten.


2. U2 – One

Dass die Supergroup Apparatjik zuerst zugunsten einer Charity-Kampagne zusammenkam, überrascht nicht weiter: Coldplay sind für ihren philanthropischen Einsatz berühmt. Das ist nur ein Markenzeichen, dass sie sich mit den irischen Kollegen von U2 teilen. Denn natürlich haben sich die Briten von Bono und Co. auch den einen oder anderen Kniff abgeschaut. Unter anderem auch die Bandstruktur: Das demokratische Prinzip, nach dem sich die Gruppe untereinander organisiert, haben U2 maßgeblich geprägt. Keiner Egospielchen, gemeinsam sind sie stark!

Stark war auch der Eindruck, den U2s Überalbum Achtung Baby auf Chris Martin hinterließ. „Das war 1991 und ich war 14 Jahre alt“, erinnerte er sich. „Vorher wusste ich nicht mal, was ein Album ist!“ Seitdem hat er nicht nur – in seinen Worten – den gesamten U2-Backkatalog auswendig gelernt, sondern stand auch mehrmals mit der Band gemeinsam auf der Bühne. Dass Bono den Kollegen aber 2009 bei einer Live-Show als „Wichser“ bezeichnete? Martin nahm’s mit Humor: „Wusste ich’s doch, dass er so über mich denkt!“, scherzte er. „Ich find’s toll, dass wir Erzfeinde sind!“ Alles nur Neckereien unter Kumpels, offensichtlich.


3. The Verve – Bitter Sweet Symphony

Sowohl a-ha als auch U2 hatten mit ihrer Musik die achtziger Jahre geprägt, Coldplay sollten zum Ende des Folgejahrzehnts hin den Staffelstab übernehmen. Sie waren allerdings keineswegs allein. Richard Ashcrofts Band The Verve formierte sich 1990 und gehörte zu den Pionieren des Britpop-Sounds, der um 1996 herum die Insel dominierte. 1997 toppten sie mit dem Album Urban Hymns alle Rekorde und veröffentlichten mit Bitter Sweet Symphony einen Ohrwurmgaranten, der in die Musikgeschichte einging. Das – im Übrigen aus einem Rolling Stones-Song beziehungsweise das Andrew Oldham Orchestra geliehene – Streichermotiv ist unter tausenden herauszuhören.

Noch bevor Coldplay mit Viva La Vida einen ähnlich denkwürdigen Einsatz von Streichern in der Pop-Musik nachlegen konnten, standen sie gemeinsam mit Ashcroft auf der Bühne, um im Sommer 2005 im Rahmen des Live8-Konzerts im Hyde Park Bitter Sweet Symphony zu spielen. Besonders gute Freunde scheinen sie darüber allerdings nicht geworden zu sein, obwohl Martin den Kollegen noch als „besten Sänger aller Zeiten“ ankündigte. „Ich würde nichts von dem, was Coldplay erreicht haben, gegen einen unserer Songs eintauschen“, ließ sich Ashcroft 2016 noch zitieren. „Dabei denke ich, dass Martin einen Löwenanteil seines Königreichs für Bitter Sweet Symphony hergeben würde.“ Ganz schön kaltschnäuzig!


4. Oasis – Don’t Look Back In Anger

Aber so ist es eben, das Britpop-Gewerbe: streitsam und arrogant. Vorgemacht, wenn nicht sogar perfektioniert haben das schließlich Oasis. Manchmal scheinen die Gallagher-Brüder nicht einmal mehr zu wissen, auf wen sie eigentlich weswegen sauer sind, aber nach dem zwölften Bier ist das wohl auch egal. Die Hitzköpfigkeit der beiden hin oder her: Großartige Songwriter sind sie ohne Frage, wie nicht allein Songs wie Wonderwall oder Don’t Look Back In Anger beweisen.

Letzterer war auch der Song, den Chris Martin und Jonny Buckland gemeinsam mit Ariana Grande bei einem ganz besonderen Konzert aufspielten. Das One Love Manchester war ein spontanes Benefizkonzert für die Opfer des Terroranschlags auf Grandes Konzert am 22. Mai 2017. Don’t Look Back In Anger von den Lokalhelden Oasis wurde in den darauf folgenden Tagen zu einer kleinen Hymne der Stadt. Klar, dass Liam Gallagher auch bei One Love Manchester einen unangekündigten Auftritt hinlegte. Für den Oasis-Song Live Forever schnappte sich sogar Chris Martin die Gitarre. Echter Zusammenhalt ist eben sogar unter Britpoppern nicht unmöglich…


5. Travis – Battleships

Zwischen den ungestümen Hitzköpfen Ashcroft und Gallagher schien es Mitte und Ende der neunziger Jahre im britischen Rock-Zirkus eigentlich kaum Platz für stille Töne zu geben. Doch dann kamen Travis und verzauberten mit Songs wie Why Does It Always Rain on Me? oder Sing die Insel – und die Welt gleich mit. Als „die Band, die uns erfunden hat und viele andere gleich mit“ bezeichnete Chris Martin die schottische Gruppe, in der übrigens kein einziges Mitglied den Namen Travis trägt.

2009 erlaubt sich Travis-Frontmann Fran Healy allerdings einen rüpelhaften Scherz gegenüber Martin. Das Stück Battleships kündigte er bei einem Konzert seiner Band als das Stück an, das Coldplay von ihnen geklaut hätten und erzählte auch eine – äh – interessante Entstehungsgeschichte der Band: „Wir waren das! Es war wie bei X-Factor. Wir haben die Kerle ausgewählt und ich habe die Songs geschrieben. Chris ist nur eine Marionette.“ Wie bitte!? Natürlich alles nur ein Scherz – die beiden sind sehr gute Freunde. Die musikalischen Parallelen sind dennoch nicht von der Hand zu weisen.


6. George Harrison – Isn’t It A Pity

Healy spricht mit Zuneigung von Martin. Eine Anekdote erzählt er besonders gern. „Ich war in meinem Auto unterwegs und plötzlich, wie er das gerne macht, kommt Chris wie ein riesiges Hündchen in weißen Turnschuhen angesprungen und klopft ans Fenster. Ich hab mir in die Hosen geschissen vor Schreck!“ Warum Martin so aufgeregt war? Er wollte dem Kollegen unbedingt erzählen, dass die Band für das legendäre Glastonbury bestätigt worden sei und obendrein noch ein neues Album aufnehme.

Eben jenes Album war es, das Coldplay an die Pop-Weltspitze katapultieren sollte. A Rush of Blood to the Head bedeutete für die Band den endgültigen Durchbruch. Als zweite Single nach In My Place veröffentlichten sie The Scientist, bis heute ein Live-Favorit vieler Fans. Die Inspiration für das Stück kam von Beatles-Mitglied George Harrison: In dessen Heimatstadt Liverpool stöberte Martin ein altes, verstimmtes Klavier auf und wollte Isn’t It A Pity von Harrisons ikonischer All Things Must Pass-LP klimpern. Doch er schaffte es nicht! Stattdessen aber kamen ihm ein paar andere Akkord – The Scientist war geboren. Die spontane Improvisation wurde aufgenommen, der fertige Song unterschied sich nur kaum davon. Wenn die Beatles Inspiration liefern, muss es ja sitzen!


7. Sigur Rós – Takk…

Was Harrison wohl darüber gesagt hätte, dass sich Martin als (wenngleich gescheiterter) Fan von ihm outete? Wir wissen es nicht. Andere aber erlauben sich gerne ihre Scherze mit der Band, wie wir bereits gesehen haben. So auch Sigur Rós. Im April 2009 veröffentlichte das isländische Kollektiv ein achtsekündiges YouTube-Video mit dem Titel „Sigur Rós and Coldplay collaboration“. Wer drauf klickte, wurde allerdings enttäuscht: Zu hören gab es einen trödeligen Trompetensound. Die Buchstaben „APRIL FOOLS!“ flackerten über den Schirm. Und wer genau hinsah, merkte auch, dass der vermeintliche Sigur Rós-Kanal vermutlich gar kein offizieller war.

Alles nur ein schlechter Scherz also, der nicht einmal von der Band selbst kam. Dabei wäre es doch so abwegig nicht gewesen, wenn Coldplay die nordischen Kollegen ins Studio geholt hätte. Denn nicht nur spielten sie in Island bei einem Weihnachtskonzert ein Live-Cover des Songs Svefn-g-englar, auch das Album Mylo Xyloto enthält Samples von Sigur Rós-Meisterwerk Takk… Vielleicht aber steht uns das noch bevor, wer weiß? Chris Martin zumindest bezeichnete Sigur Rós neben Arcade Fire als „die beste Band der Welt“. Seine eigene Band sieht er übrigens auf einem soliden siebten Platz. Das ist noch echte Bescheidenheit.


8. Kraftwerk – Computerliebe

Wo wohl Kraftwerk in Martins eigener Rangordnung stehen? Vermutlich relativ weit oben. Das zumindest scheint Ralf Hütter – das einzig verbliebene Originalmitglied der Band – zu denken. Wie und was mit der Diskografie seiner Band geschieht, will er möglichst allein entscheiden und duldet keine Widerrede. Selbst bei einem zweisekündigen Sample lässt die öffentlichkeitsscheue Mensch-Maschine nicht mit sich spaßen: Er klagte Moses Pelham wegen der Verwendung eines Beats aus dem Stück Metall auf Metall in Grund und Boden.

Da überraschte es umso mehr, dass ausgerechnet Coldplay sich von Kraftwerk etwas leihen durften. Der Song Talk vom Album X&Y spielt die markante Melodie von Computerliebe komplett nach. Das Ganze lief aber anscheinend ziemlich problemlos ab. „Ja, ihr könnt die Melodie benutzen und danke, dass ihr mich überhaupt fragt“, soll Hütter der Band geschrieben haben. „Anders als dieses Arschloch Jay-Z.“ Der hatte sich für den Track Sunshine nämlich bei einem Stück bedient, das wiederum auf der Mensch-Maschine beruhte…


9. Jon Hopkins – Light Through the Veins

Neben dem bombastischen Post-Rock von Sigur Rós und dem cleveren Electro-Pop von Kraftwerk haben sich Coldplay immer schon überraschenden Quellen zugewandt, um dort Inspiration zu finden. Ihr Album Viva la Vida or Death and All His Friends etwa nahmen sie mit Brian Eno auf, der neben seiner Arbeit als Produzent für David Bowie auch als experimenteller Komponist gerne alle Grenzen sprengt. Von Eno ist es nur ein kleiner Schritt zu Jon Hopkins, der auf dessen Album Small Craft on a Milk Sea zu hören war.

Für Coldplay steuerte Hopkins nicht nur einen Remix zum Song Midnight bei, sondern war auch bei den Viva la Vida-Aufnahmen zugegen. Unter anderem Orgel und Harmonium spielte er auf dem Album, der Song Violet Hill basiert sogar auf einer gemeinsamen Jam-Session von ihm und Arrangeur Davide Rossi. Sein eigenes Stück Light Through the Veins schaffte es sogar zwei Mal auf Viva la Vida: Als Intro für den Song Life In Technicolour und als Hintergrund für den Hidden Track The Escapist. Ein subtiler Einfluss, der sich hier breitmacht!


10. The Chainsmokers – #SELFIE

Simples, aber doch effektives Songwriting mit elektronischen Elementen: Coldplay haben das keinesfalls erfunden, aber erfolgreicher war kaum jemand mit dieser Mischung. Doch die Zeiten ändern sich und die Geschmäcker gleich mit. The Chainsmokers gehören zu einer neuen Generation von Pop-Stars, die ihre Musik nicht mehr vom konventionellen Bandkonstrukt aus denken, wie Coldplay es noch weitestgehend tun. Ihre Musik entsteht nicht im schwitzigen Proberaum, sondern im stillen Kämmerlein.

Die Chainsmokers können dabei auf die Erfolge von Coldplay zurückgreifen und wissen ganz genau, wie sie den Briten dafür danken können. 2017 erschien die gemeinsame Single Something Just Like This. Als „einer der coolsten Momente, die wir in unserer Laufbahn im Studio hatten“ bezeichnete das US-amerikanische Duo die Arbeit an dem Song, bei der alle Coldplay-Mitglieder dabei waren. Herausgekommen ist ein Pop-Dance-Hybrid, wie ihn sich wohl nur wenige trauen würden. Aber Coldplay sind doch wagemutiger, als viele annehmen.


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40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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