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Popkultur

Die musikalische DNA von Joss Stone

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Warum wollen eigentlich so viele Teenies Popstars werden? Klar, auf den ersten Blick klingt das super: Ruhm, Bewunderung, Kohle. Aber fragt mal Joss Stone, wie einfach es wirklich ist, im zartesten Alter den Zenit zu erklimmen. Gerade 16 Jahre alt war die Britin, als ihr Debütalbum The Soul Sessions erschien und leicht fiel es ihr offenkundig nicht, mit ihrer Bekanntheit umzugehen. Dass sie die Schule für ihre Karriere sausen ließ – na gut, sie hat’s offenkundig überlebt. Aber der ständige Klatsch und Tratsch, die Paparazzi und der ihr entgegen schlagende Neid wünschen wir nun wirklich niemandem auf den Hals. Erst recht keinen pubertären Kids!


Hört euch hier die musikalische DNA von Joss Stone in einer Playlist an und lest weiter:


Stone hat sich allerdings auch ein paar polarisierende Auftritte geleistet. Beispiel gefällig? Im Jahr ließ sie 2007 bei den BRIT Awards geschmacklose Kommentare gegenüber Russell Brand fallen. Keineswegs grundlos allerdings. Der hatte vorher nämlich ein paar gehässige Kommentare über Robbie Williams‘ angekündigten Reha-Aufenthalt vom Band gelassen. Die Art und Weise ist diskutabel, die Anekdote beweist aber, dass Stone die Dinge nicht einfach so auf sich sitzen lassen will. Auch, als sie nach derselben Moderation für ihre amerikanischen Akzent bekrittelt wurde, feuerte sie just zurück: „Ich gebe einen Scheiß drauf, wenn die Leute ein Problem damit haben“, sagte sie. Immerhin arbeite sie doch in den USA, seitdem sie 14 Jahre alt war, so Stone weiter. Klingt einleuchtend, oder?


Joss-Stone


Das ist aber nur ein Grund, warum die in der Grafschaft Devon geborene Sängerin mittlerweile eher nach New York als nach London klingt. Ihre ausgeprägte Leidenschaft für US-amerikanische Soul-Musik ist schließlich bestens dokumentiert. Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA und schauen wir uns an, was sie neben dem Akzent noch so alles von ihren Idolen übernommen hat!


1. Aretha Franklin – (You Make Me Feel Like) A Natural Woman

À propos New York: Dorthin verschlug es Joss Stone Anfang 2002 für ein Vorsingen. Eingeladen hatte sie der Gründer und CEO vom Label S-Curve, Steve Greenberg. Die 14-jährige konnte ihn mit ihrer Interpretation von drei Evergreens für sich überzeugen: Otis Reddings (Sittin’ On) The Dock Of The Bay, Gladys Knight & The Pips’ Midnight Train To George und (You Make Me Feel Like) A Natural Woman von der unsterblichen Aretha Franklin. Deren Greatest Hits hatte sie erst wenige Jahre vorher im Fernsehen entdeckt. „Ich sah diesen Werbespot mit kurzen Clips von ihren Songs“, erinnerte sie sich. „Ich hatte keine Ahnung, wer das ist – ich war 10 oder so. Ich dachte, ‚Oh yeah, das sieht echt gut aus‘, schrieb es auf und fragte meine Mutter: ‚Krieg ich die zu Weihnachten?‘“ Es sollte ihre erste CD überhaupt werden und Franklin hat seitdem das Repertoire ihres weltberühmten Fans nie verlassen. Denn mit der Soul Queen kam die Musik in ihr Leben, auf der sie ihre eigene Karriere aufbauen sollte. „Ich konnte mit Soul so viel mehr anfangen als mit allem zuvor“, gestand sie in einem Interview. „Du musst tolle Vocals haben, um den Soul zu singen.“ Und kaum jemand hatte bessere Vocals als Aretha Franklin!


2. Jackie Wilson – Reet Petite

Aber Moment, wie hatten eigentlich die beiden Londoner Produzenten von der Schülerin aus Devon gehört? Alles begann an Stones alter Schule mit dem erschlagenden Titel Uffculme Comprehensive School, wo die kleine Joss ihren ersten Auftritt feierte während dem sie Jackie Wilsons Rock-Klassiker Reet Petite sang. Dem sollten schon bald weitere: Im Alter von 13 Jahren sang sie bei der BBC-Show Star For A Night vor und gewann den Wettbewerb mit fliegenden Fahnen. Von da aus ging es weiter zur Show Steps To The Stars und schließlich zu einem Benefizkonzert, wo sie von Andy Dean und Ben Wolfe entdeckt wurde. Was die bei Stones Auftritt dort wohl dachten, das hatte Jackie Wilson schon 1957 in seinem Hit gesungen: „Well, she’s so fine, fine, fine, she’s so fine, f-fine / She’s so fi-yi-yi-yi-yi-ne, she’s so fine, fine, fine / She’s really sweet, the finest girl you ever wanna meet”. Was taten die beiden darauf? Sie riefen Steve Greenberg ein und erzählten aufgeregt, dass sie „die beste Sängerin gehört hatten, die dieses Land jemals hervorgebracht hat“. Ob wir also jemals von Joss Stone erfahren hätten, wenn ihre Schule nicht eines schönen Tagen zu einem Fifties-Themenabend geladen hätte? Vielleicht nicht.


3. Donna Summer – On The Radio

Der erste Song, mit dem Stone übrigens im Fernsehen zu hören war, hieß ironischer Weise On The Radio. Den großen Donna Summer-Klassiker wählte sie für ihren Siegesauftritt bei Star For A Night aus. Damit betonte sie von Anfang an, dass ihr eigener Stil nicht nur von der Gospel-inspirierten Seite der Soul-Musik, sondern auch deren tanzbarem Gegenpart inspiriert wurde. Denn natürlich war die 1979 veröffentlichte Single der der 2012 verstorbenen Disco-Legende wie so viele ihrer Stücke auch im Club gut aufgehoben. Stone selbst übrigens stand nur wenige Jahre nach ihrem allerersten Fernsehauftritte mit Summer auf derselben Bühne, um 2005 gemeinsam mit ihr in New York bei Save The Music: A Concert To Benefit The VH1 Save The Music Foundation gemeinsam die Nummer eines berühmten Kollegen zu aingwn. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon weltberühmt und ihre Musik lief nicht nur On The Radio auf und ab.


4. Otis Redding – Try A Little Tenderness

Ihr fragt euch, wessen Song die große Diva und die britische Soul-Liebhaberin wohl gemeinsam gesungen haben werden? Natürlich einen Soul-Klassiker aus dem Stax-Universum! Try A Little Tenderness ist allerdings schon viel älter als die Version, welche Otis Redding im Jahr 1966 bekannt gemacht hat. Zuerst aufgenommen wurde das Stück schon ganze 34 Jahre zuvor vom britischen Ray Noble Orchestra, am Mikro stand damals noch Val Rosing. Ein schöner transatlantischer Austausch, der sich mit dem Duett von Summer und Stone weiter führte. Nachdem die Britin bereits Steve Greenberg beim ersten Treffen der beiden ein anderes Stück von Redding – (Sittin’ On) The Dock Of The Bay –gesungen hatte, blieb es natürlich nicht dabei. In den Linernotes von Introducing Joss Stone, laut der Künstlerin übrigens ihr eigentliches Debütalbum, findet sich der Name des musikalischen Tausendsassas ebenso wieder. Eine im Grunde doppelte Anspielung auf gleich zwei Idole, denn der Song Headturner zollt ebenso Aretha Franklin wie Redding seinen Tribut. Redding nämlich hatte Respect geschrieben, Franklins Signature-Tune, auf den Stone mit ihrer modernen Empowerment-Hymne anspielte.


5. The White Stripes – Fell In Love With A Girl

Stone verdreht aber nicht nur gerne Köpfe, sie stellt auch gerne die Dinge auf den Kopf. Ihr Debütalbum The Soul Sessions wartete mit einer überraschenden Single auf: Denn was haben The White Stripes außer ihrem Herkunftsort, der Motor City Detroit, eigentlich mit Soul am Hut? Mehr, als manche denken würden, wie Stones Coverversion bewies. Aus Fell In Love With A Girl wurde bei ihr allerdings – so viel Gerechtigkeit muss schließlich sein – Fell In Love With A Boy und aus einem rohen Garage Rock-Song mit unter zwei Minuten Spielzeit ein funkiges Soul-Stück, das ohne Umwege direkt in die Hüfte ging. Ob das aber dem Duo mit dem Faible für Rot-Weiß-Gestreiftes gefiel? Und ob! In einem Interview mit dem Q Magazin verriet Stone sogar, dass Jack White ihr Cover mehr als nur gefallen hatte. „Er sagte mir, dass er es lieben würde und dass er live lieber meine Version spielen würde als seine eigene! Wenn das mal keine Zustimmung bedeutet! Supertyp, dieser Jack White!“ Wir schließen uns da absolut an.


6. Band Aid – Do They Know It’s Christmas?

Joss Stone weiß aber nicht nur andere Musiker von ihrem Können zu überzeugen, sie hat sich auch schon früh mit ihrer Musik sozial engagiert. Wen wundert’s, schließlich wurde sie bei einem Benefizkonzert entdeckt! Nachdem Stone im April 2004 noch bei Divas Live 2004 gemeinsam mit Ashanti, Cyndi Lauper, Gladys Knight, Jessica Simpson und Patti LaBelle Geld für die Save The Music Foundation sammelte, ging sie Mitte November desselben Jahres mit Band Aid 20 ins Studio. Mit dabei waren unter anderem Chris Martin von Coldplay, Bono von U2 sowie natürlich Midge Ure und Bob Geldorf, die Initiatoren des Projekts. Diesmal sollte mit einer Neuaufnahme von Do They Know It’s Christmas Geld für die Darfur-Region im Sudan eingetrieben werden. Stone, die noch nicht auf der Welt war, als Band Aid das erste Mal zusammenkam und die zum Zeitpunkt der Aufnahmen erst 17 Jahre alt war, soll sich dem TV-Produzenten Malcolm Gerrie zufolge angeblich darauf gefreut haben, „Bob Gandalf“ zu treffen. Die Häme, welche der Teenagerin darauf hin entgegen schlug, hat sie allerdings nicht von ihrem Weg abgehalten. Nach Band Aid 20 kollaborierte sie etwa mit Bryan Adams für die Hear The World-Initiative, trat bei den Live Earth-Konzerten auf und nahm mit Annie Lennox den Song Sing auf, der am Welt-AIDS-Tag veröffentlicht wurde und auf die Krankheit aufmerksam machen sollte. Wer Bob Geldorf ist, weiß sie heute ganz sicher und steht ihm obendrein in Sachen Engagement in nichts nach.


7. Janis Joplin – Cry Baby

Nein, Joss Stone hat sich von allen Sticheleien nicht unterkriegen lassen. Wenn sie eins nicht ist, dann ein Cry Baby. Was wiederum ebenso nicht heißen sollte, dass Stone nicht gekonnt auf der Klaviatur der ganz großen Gefühle spielen kann. 2005 betrat sie während der Grammy-Verleihung die Bühne, um Janis Joplins Song Cry Baby zu performen, bevor Melissa Etheridge eine berührende Interpretation von deren Hit Piece Of My Heart zum Besten gab. Ein Medley, das in die Geschichte des prestigeträchtigen Musikpreises eingehen sollte. Für Stone war es ein ganz besonderer Moment, denn die Musik der 1970 an einer Überdosis verstorbenen Joplin begleitet sie schon ihr Leben lang. „Als Kind habe ich Janis Joplin gehört, weil ich so sehr von ihrem Akzent beeindruckt war“, erinnerte sie sich in einem Interview. „Ich gab ordentlich Druck auf die Stimme und brachte mir so ohne es zu merken bei, in dieser souligen Art zu singen.“ Wie das klingt, bewies Stone ohne Zweifel nicht allein an diesem Abend.


8. Coldplay – Yellow

Eher zweifelhaft ist dagegen die Auszeichnung, die Joss Stone im selben Jahr erhalten sollte: Die Organisation peta2 kürte sie zu sexiesten lebenden Vegetarierin. O… kay? Naja, immerhin war sie mit diesem Titel nicht in der allerschlechtesten Gesellschaft. Der – laut peta2 zumindest – betörendste Mann, der lieber auf den Frühstücksspeck verzichtete, war in jenem Jahr nämlich Chris Martin von der Band Coldplay. Mit dem hatte sie schon 2004 bei Band Aid 20 zu tun gehabt. Erst 2016 sammelten die beiden erneut zusammen Geld bei einem von Prince Harry organisierten Benefizkonzert. Zwei Kinder, auf welche eine bestimmte englische Grafschaft Devon mit Recht stolz sein kann – wie Stone nämlich wuchs Martin in Devon auf. Ob sie nebenbei noch Rezepte für fleischfreie Rezepte ausgetauscht haben, ist zwar nicht überliefert. Fest aber steht, dass Stone in ihrer musikalischen Bildung wohl kaum um Coldplay herum gekommen sein wird. Umso schöner eigentlich, in Martin einen politisch ähnlich engagierten Kollegen gefunden zu haben. Der auch noch sexy ist. Sagen jedenfalls die von peta2.


9. Berrington Levy – Here I Come

Vom Stadion-Pop Coldplays über den Rock-Sound von Janis Joplin oder den White Stripes hin zum Soul in allen seinen Facetten ging es bisher. Haben wir noch etwas vergessen? Na klar, den Reggae natürlich! Als Joss Stone 2012 ankündigte, an einem Reggae-Album zu arbeiten, blieb vielen die Spucke weg. Würde das gut gehen? Die kritischen Stimmen verstummten aber sobald Stone nachrückte, mit wem sie ins Studio gehen würde: Damian Marley nämlich, der – wie es der Nachname bereits verrät – in Sachen Reggae einiges an Fachkenntnis mit brachte. Tatsächlich war es überhaupt der Sohn des großen Bob Marleys, der Stone zu dem Versuch überredete. Als Water For Your Soul im Sommer 2015 endlich erschien, überraschte Stone damit allerdings nicht nur mit frischen Riddims, sondern auch deutlichen Hip Hop-Einschlägen und – dank Produzent A. R. Rahman – dezenten Anklängen an indische Musik oder sogar keltische Töne. Eine stilistische Wundertüte! Reggae bildete aber dennoch das Fundament des Sounds von Water For Your Soul, was sich allein schon an der Wahl der Samples leicht nachvollziehen lässt. Der Song Harry’s Symphony etwa zitiert den Berrington Levy-Klassiker Here I Come. Experiment geglückt, würden wir behaupten!


10. Jeff Beck – I Put A Spell On You (feat. Joss Stone)

Ihre gesamte Karriere über hat Joss Stone immer wieder alten Klassikern einen neuen Anstrich verpasst und somit das Interesse von vielen ihrer eigenen Idole auf sich gelenkt. Auch der ehemalige Yardbirds-Gitarrist Jeff Beck wurde auf die junge Sängerin aufmerksam und holte sie im November 2007 auf die Bühne, um gemeinsam mit ihm im Duett People Get Ready von den Impressions zu singen. Damit noch nicht genug sollte sie ihn etwas später für die Aufnahmen seiner LP Emotion And Commotion im Studio besuchen. Neben dem Song There’s No Other Me aus der Feder von Jason Rebello war es vor allem die gemeinsame Neuinterpretation des Rock-Klassikers I Put A Spell On You, die für Begeisterung sorgte. Beck und Stone wurden sogar für den Grammy nominiert! Der über 40 Jahre ältere Gitarrist scheint die Sängerin mehr als zu schätzen: Auch diese überaus erfolgreiche Kollaboration sollte nicht die letzte bleiben, folgte doch 2014 mit einer modernisierten Interpretation des Eric Bogle-Klassikers No Man’s Land (Green Fields of France) schon das nächste gemeinsame Stück. Bogle selbst allerdings war mit der Aufnahme, die einige Zeilen ausließ und dem Stück einen deutlichen Rock-Flavour verpasste, so gar nicht einverstanden. Stone polarisiert eben. Kein Wunder also, dass sie selbst einen Jeff Beck inspiriert!


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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.1.2007 singt Jim Morrison posthum gegen die Erderwärmung

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.1.2007.

von Timon Menge und Christof Leim

Unter dem Motto „Save The Planet“ finden am 30. Januar 2007 zwei Pressekonferenzen in Los Angeles und London statt. Dort stellen Perry Farrell von Jane’s Addiction, Doors-Schlagzeuger John Densmore und Schauspieler Josh Hartnett die Kampagne Global Cool vor, ein Projekt gegen die Erderwärmung — und verwenden dafür unveröffentlichte Gesangsspuren von Jim Morrison.

Hier könnt ihr euch Woman In The Window anhören:

Die globale Erwärmung schreitet voran, zahlreiche Kunstschaffende aller Couleur und weltweit engagieren sich dagegen. Als Sprachrohre der britischen Kampagne Global Cool möchten Farrell, Densmore und Hartnett es „uncool machen, nicht grün zu sein“.

Kleine Schritte, große Wirkung

Dafür erhalten die drei eine Menge prominenter Unterstützung, zum Beispiel von Kasabian, The Killers, KT Tunstall und den Scissor Sisters. Auch Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und Dave Grohl helfen mit. Die Mission der Kampagne: Menschen sollen dazu motiviert werden, ihre CO²-Emissionen über einen Zeitraum von zehn Jahren um zehn Milliarden Tonnen zu reduzieren.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen zum Beispiel das Abschalten des Lichts, das Ausstecken von Smartphone-Netzteilen, das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf Urlaubsflüge und das Herunterschalten der Heizung um eine Stufe. „Wenn viele Menschen kleine Dinge in die Tat umsetzen, wird daraus am Ende eine verdammt große Sache“, stellt Global-Cool-CEO Julian Knight fest. Alles gute Vorschläge. Für Musikfreaks wird die Aktion zusätzlich interessant.

Jim Morrison hilft auch. Quasi.

Um dem Projekt zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, greift Doors-Drummer Densmore in die Trickkiste und stellt eine bis dato unveröffentlichte Gesangsspur von Jim Morrison zur Verfügung. Der Titel der Nummer: Woman In The Window. Das Stück basiert auf einem Gedicht von Morrison, das der kurz vor seinem Tod vertont hat. Die Jahrzehnte später eingespielte Musik stammt von Farrells Band Satellite Party.

Densmore und Farrell bei der Pressekonferenz in Los Angeles – Pic: Hector Mata/AFP via Getty Images

Sein Debüt feiert der Song bei den Pressekonferenzen am 30. Januar 2007. „Wir freuen uns darüber, dass Woman In The Window die Titelmelodie eines so tollen Projektes wird“, erklärt Farrell im Interview mit dem NME. „Jim hat all das Übel in der Welt gesehen, wusste aber auch, dass wir für unser Schicksal verantwortlich sind. Und genau das tun wir. Niemand wird uns davon abhalten können, Energie und Geld zu sparen und dabei den Planeten zu retten.“ Das klang schon 2007 vernünftig.

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

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