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Popkultur

Zeitsprung: Am 3.2.1995 starten Kiss ihre ungewöhnliche „Konvention Tour“ in Perth.

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Foto: Tim Mosenfelder/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.2.1995.

von Christof Leim

Mit der „Konvention Tour“ feiern Kiss ab 3. Februar 1995 ihre Geschichte und zeigen Fan-Nähe. Die Kiss Army bekommt angesichts eines reisenden Museums mit Memorabilia feuchte Augen, dazu spielt die Band lange Akustiksets und versucht sich zum allgemeinen Amüsement an obskuren Liedern aus der Frühzeit. Sogar ein lange verschmähtes Urmitglied darf mitmachen. Diese Rückbesinnung auf die Historie hat Folgen. 

Hier könnt ihr euch Kiss auf Akustikgitarren anhören:

Schauen wir uns an, wo Kiss Mitte der Neunziger stehen: Mit Revenge (1992) haben sie zwar den keyboardlastigen Pop-Metal der Achtziger hinter sich gelassen, aber die Welt dreht sich weiter. Als neu und spannend erweisen sich Grunge und Crossover. (Bands dieser Genres erweisen sich übrigens mehrheitlich als Kiss-Fans, siehe etwa Alice In Chains, Pearl Jam und Rage Against The Machine. Kiss wiederum nehmen sogar Ende 1995 ein düsteres, überraschend dem Zeitgeist hinterhechelndes Album namens Carnival Of Souls auf, aber das sind andere Geschichten.) Fest steht: Unsere Helden zählen wie viele andere Band der Siebziger und Achtziger nicht zum heißen Scheiß der Stunde.

Kiss zu Zeiten von „Revenge“, 1992, Promofoto

Revenge verkauft sich ganz gut, reißt aber keine neuen Rekorde ein; das Gleiche gilt für den folgenden Konzertmitschnitt Alive III (1993). Beide Platten schießen schnell rein in die Charts und fallen ebenso schnell wieder raus. Das kann man so interpretieren: Kiss haben eine treue Fanbase, und das war’s – und genau für die liefert das Quartett 1995 ab. Haben die beiden Chefs Paul Stanley und Gene Simmons bisher nicht zu sehr in der Vergangenheit leben wollen und die ikonische Schminke neben dem von viel Fans vermissten Original-Line-up hinter sich gelassen, wird das jetzt volles Programm gefeiert: Sie veranstalten eigene Conventions, das heißt Nerdveranstaltungen für Rock’n’Roll-Freaks und vor allem für Kiss-Wahnsinnige. Also: Für normale Leute wie wir hier.

Schnickschnack & Sammlerstücke

Mit den Kiss Konventions (nur echt mit dem „K“ vorne) geht ein regelrechtes Museum auf Reisen, für das die Band ihre Lagerhallen durchforstet hat. Die Fans sehen Originalkostüme aus den Siebzigern und Achtzigern, etwa Eric Carrs Prototyp als „Der Falke“, Requisiten der Bombastshows, geschichtsträchtige Instrumente und Abertausend Sammlerstücke. Man kann nach Herzenslust sammeln und handeln, an jeder Ecke sieht man die vier ikonischen Schminkegesichter, kurzum: Die Kiss-Gemeinde zelebriert ihre Lieblingsgruppe. Dazu spielen Kiss-Coverbands. 

Nun gibt es solcherlei in vielen Ecken der Fankultur, neben Musik insbesondere für Comics, Star Wars, Rollenspiele und solcherlei Späße. Üblicherweise sind die themengebenden Personen allerdings bei Treffen und Messen solcher Art nicht dabei. Hier läuft das anders: Kiss höchstselbst spielen eine große Rolle bei den „Konventions“. Sie veranstalten große Fragerunden, geben stundenlange Autogramme und spielen live – und zwar unplugged.

Wie ging der Song noch?

Die Veranstaltungen dauern üblicherweise den ganzen Tag und tragen den Hauch des Exklusiven, was neben den vergleichsweise geringen Kapazitäten auch an den üppigen Eintrittspreisen liegt. Als Gene Simmons bei der Planung gefragt wird, ob zwölf Stunden nicht ein bisschen viel sind, erklärt er: „Mir ist lieber, die Leute finden das zu lang als zu kurz.“ Klingt vernünftig. Für die oft über zweistündigen Akustikshows haben Kiss einige Songs geprobt und offensichtlich für das stromlose Setting zurechtgelegt. Aber sie nehmen – hier liegt der Gag – auch Publikumswünsche entgegen. Und erwartungsgemäß verlangen die Hardcore-Fans nach den obskursten Songs. Das erinnert ein bisschen an den Auftritt von Genes Soloband in Deutschland 2018.  

Paul Stanley, Gene Simmons, Bruce Kulick und Eric Singer machen das Spielchen mit und versuchen sich an alten Schätzchen, die sie seit ein oder zwei Dekaden nicht gespielt haben. Nicht selten müssen sie zur allgemeinen Erheiterung erst tief in ihren Erinnerungen kramen, oft kommen sie in den Liedern nicht bis zum Ende, manchmal reicht es nur für ein paar Zeilen oder ein, zwei Riffs.

Uralte Schätzchen

Die erste dieser Konvention-Shows passiert am 3. Februar 1995 im Hyatt Hotel in Perth, Australien. Auf der regulären Setlist stehen Nummern wie Strutter, Hard Luck Woman, Shandi (dareinst ein Hit in Australien!), Forever und Detroit Rock City, aber es tauchen auch tolle Altertümchen auf: Radioactive etwa von Genes 1978er-Soloalbum, oder  Charisma, All The Way, Sure Know Something, Let Me Know, Magic Touch und Room Service. Die Band spielt sogar Hotel California an. Auch bei den bei den folgenden vier Terminen „down under“ tauchen Stücke auf, die Fans mit der Zunge schnalzen oder mit der Augenbraue zucken lassen: Plaster Caster, Larger Than Life, Mr. Speed, Just A Boy, Nowhere To Run, Fits Like A Glove, Two Timer, Christine Sixteen, Love Her All I Can, All American Man, Tonight You Belong To Me, Flaming Youth, Torpedo Girl, 2000 Man, Comin Home… Herrlich.

Die Atmosphäre ist locker, die Produktion einfach: Statt Explosionen und Feuerspuckerei gibt es ein Banner mit dem Logo und vier Hocker. Fertig. Aber Berichten zufolge haben alle Spaß – die Fans und die Musiker. Hier wird die Kiss-Historie (oder: „Kisstory“) geschrieben. Freaks, die jeden handgepressten Bootleg und jede mundgeklöppelte T-Shirt-Raubkopie kennen, können vollkommen abgehen.

Ein alter Kollege taucht auf

Das funktioniert so gut, dass Kiss die Sause im folgenden Sommer in die USA bringen. Gleich zur ersten Show am 17. Juni 1995 steht (bzw. sitzt) Ur-Drummer Peter Criss wieder mit auf der Bühne – zum ersten Mal seit fast 16 Jahren. Er singt Hard Luck Woman und Nothin’ To Lose. Der Sage nach hatte Peter um Tickets für sich und seine Tochter Jenilee gebeten, worauf Gene ihn großzügigerweise mit einer Limousine abholen ließ. 

Spontan passierte Criss’ Auftritt allerdings nicht: Er hatte laut dem (akribisch recherchierten und empfehlenswerten) Buch Kiss Alive Forever – The Complete Touring History in der Woche vorher mit seinen alten Kollegen geprobt. Criss gibt Interviews, und Gene erzählt, Eric Singer habe die Mitwirkung des Kiss-Urmitglieds vorgeschlagen. Die Stimmung wirkt herzlich, die Fans feiern, und die Band erlaubt sogar Videoaufnahmen – weswegen jede Menge Bootlegs kursieren. Eine schöne Sache. 21 Mal macht Kiss Konvention Tour in Nordamerika Station.

Das Nachspiel

Wohin das führt, wissen wir allerdings auch: Das Interesse an der „Legende Kiss“, an den mystischen, für viele Fans prägenden frühen Jahren nimmt zu. Am 9. August im August spielen Kiss dann bei MTV Unplugged und laden neben Peter auch den früheren Leadgitarristen Ace Frehley für ein paar Songs ein. Am 28. Februar 1996 platzt erwartungsgemäß die Reunion-Bombe bei der Grammy-Verleihung, als Kiss nicht nur in Urbesetzung, sondern in vollem Ornat vor die Kameras treten – mit Plateauschuhen, Nieten, Glitzer und natürlich dem legendären Make-up…

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

 

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