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Popkultur

So war’s: Gene Simmons live in Oberhausen 2018

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"Gene Simmons kennen wir natürlich alle als Schlabberzunge von Kiss. Nun spielt er zum ersten Mal als Solokünstler in Deutschland – ohne Maskerade, mit eigener Band und mit einer halbspontanen Setlist aus Klassikern und Schätzchen. Wir haben uns das Konzert am 20. Juli in der Oberhausener Turbinenhalle angesehen.

von Christof Leim

Hier könnt ihr in die Setlist des Abends reinhören:

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Klickt auf “Listen” für das volle Programm.

Gene Simmons verfolgt seit jeher unzählige Projekte außerhalb von Kiss, der legendären Hard Rock-Combo mit Schminke, Feuer und großer Show. So wollte er lange Zeit als Schauspieler Fuß fassen, er engagierte sich als Produzent, Autor, Songwriter, Reality-TV-Objekt, Merch-Mogul und genereller Geldscheffler. Nur als Solokünstler ist der 68-Jährige bis vor kurzem noch nicht aufgetreten – im Gegensatz zu seinem Kiss-Kollegen Paul Stanley, der bereits 1989 und 2006 unter eigenem Namen getourt war. Im vergangenen Jahr jedoch stellte der Bassist und Sänger die Gene Simmons Band zusammen, mit der er nun zum ersten Mal in Deutschland spielt. Dazu hat ihn das Magazin Rocks eingeladen, das in Oberhausen sein zehntes Jubiläum feiert.

Das „Rocks“-Magazin hatte zum Jubiläum geladen

Es ist unfassbar heiß in der Turbinenhalle, als die Sause am frühen Abend startet. Viele Fans stehen deshalb lieber im Flur oder sogar draußen, als die russischen Melodic-Rocker Reds’ Cool loslegen. Es folgen die Briten The Brew, bei denen vor allem der Drummer mit durchschlagendem Einsatz glänzt, bevor Thunder schließlich zeigen, dass man als klassische Rockband mit Stil reifen kann. Danny Bowes mag mit den kurzen grauen Haaren ein bisschen aussehen wie ein Erdkundelehrer, aber der Mann singt so großartig, als wäre irgendwann vor zwei Dekaden die Zeit stehen geblieben. Und tolle Songs wie Low Life In High Places sind allgemein verstandene musikalische Tatsachen: Sie funktionieren eben.

Natürlich sind die meisten Gäste wegen Gene Simmons gekommen. Das belegen die überproportional vielen Kiss-Shirts, manche Fans haben sich sogar das ikonische Schwarz-Weiß-Makeup ins Gesicht gemalt, und immer wieder erschallt irgendwo der Schlachtruf „You wanted the best, you got the best“. Für seine Soloshows verzichtet Gene auf sämtliches Brimborium, sein Dämonen-Charakter bleibt ebenso zu Hause wie aufwändige Bühnenaufbauten: Hinten eine kleine Wand aus Gitarren- und Bassverstärkern, ein Schlagzeug in der Mitte und vier Mikros – fertig. Nur die beiden hüfthohen grauen Kästen vorne fallen aus dem Rahmen: Der feuerspuckende „God Of Thunder“ hat sich heute Klimaanlagen mitgebracht, die kalte Luft auf die Bühne blasen.

Ziemlich entspannt und ohne Inszenierung tritt Simmons dann vor das Publikum, in schwarzer Lederhose, schwarzem Sakko und mit der unnachahmlichen Lord Helmchen-Frisur. Rasch setzt er sich seine Sonnenbrille auf, lässt sich einen Bass reichen, und los geht’s mit Deuce, dem bewährten Opener unzähliger Kiss-Shows, den das Ur-Line-up der Band bereits vor 45 Jahren bei der ersten Probe gespielt hatte. Simmons’ Mitmusiker lassen sich dabei nicht lumpen, die drei langhaarigen Gitarristen im bestem Rock’n’Roll-Gypsy-Styling posen wie die Weltmeister. Natürlich knallt das, natürlich steht den Kiss-Fans dabei ein erstes Grinsen ins Gesicht geschrieben, ganz zu schweigen von der Freude darüber, dass hier eine Rocklegende ein verhältnismäßig kleines Hallenkonzert spielt. Nach dem Song begrüßt Gene das Publikum erstmal mit einer paar lockeren Sprüchen auf Deutsch. Er lässt sich bejubeln und filmt das sogar in aller Seelenruhe mit seinem Smartphone, das auch beim Gig in der hinteren Hosentasche steckt. Eilig hat er es nicht, was gleich klar macht, dass heute Abend kein Programm einfach runtergeballert wird.

Beste Unterhaltung: Gene Simmons mit seiner Soloband. Pic: Axel Jusseit

Das nächste Stück stammt vom Gene Simmons Vault, dem „größten Boxset aller Zeiten“, wie der Chef mit Nachdruck verkündet: Are You Ready erweist sich als generischer, aber amüsanter Rocker zwischen All Right Now und Heaven’s On Fire. Den können die Fans ohne Probleme mitsingen, obwohl die Nummer noch nicht in großem Stil veröffentlicht wurde. Anschließend greift Simmons in die große Kiss-Kiste mit den Hits und den Schätzchen: Zunächst glänzt Shout It Out Loud mit einem dreistimmigem Chor (die Einsätze von Paul Stanley teilen sich dabei die Gitarristen), dann macht Parasite überraschend viel Druck.

Die offizielle Setlist – aber dann kommt es doch anders…

Verpflichtend scheint die Setlist heute nicht zu sein, denn Simmons und seine Truppe spielen, was ihnen einfällt. Entweder schlagen die Musiker ihrem Boss ein Stück vor oder der ruft ungewöhnliche Nummern aus. Manchmal reagiert er sogar auf Zurufe aus dem Auditorium. Dann folgt eine kurze Frage an seine Mitstreiter („Do you know this one?“), und los geht’s. Das verleiht dem Abend eine angenehme Lockerheit; es macht Spaß, Seltenes wie She’s So European und härtere Spätwerke wie Unholy zu hören, selbst wenn das Quintett die Songs nicht immer bis zum Ende bringt.

Credit: Oliver Niklas

Für Do You Love Me? lädt Gene schließlich zwei Dutzend Damen auf die Bühne ein, die ihn mit hohen Stimmen unterstützen sollen. Auch hier übernehmen die Gitarristen wechselweise die Passagen von Paul Stanley, Gene singt nur im Chorus und amüsiert sich ansonsten über diese Einlage. Eine Fan-Dame fällt dem Bassisten besonders auf, weil sie sein markantes Make-up trägt. Simmons bittet sie ans Mikro, nachdem alle anderen Mädels die Bühne schon wieder verlassen haben. Er fragt sie nach ihrem Namen und muss lachen. Das Mädel heißt tatsächlich: Gina. Sie darf (eher: muss) I Was Made For Lovin’ You singen und schlägt sich ziemlich gut. Gene amüsiert sich weiter königlich.



Bisher standen mit Ausnahme von Are You Ready nur Kiss-Songs auf der Agenda, jetzt erhalten wir eine Geschichtsstunde: „Vor Peter Maffay“, beginnt Simmons einen kleinen Vortrag, „vor Die Toten Hosen, vor Die Ärzte, sogar vor Nena und Dschingis Khan, auch vor den Beatles, Led Zeppelin und Kiss, vor allen diesen Bands gab es schon die Urväter: Little Richard, Chuck Berry und Fats Domino. Sie haben den Rock’n’Roll erschaffen.“ Diesem Vermächtnis zollt die Truppe nun mit einer flotten Version von Little Richards’ Long Tall Sally Tribut. Welchen Einfluss diese „Ursuppe“ auf die Welt von Kiss hatte, zeigt sich im folgenden Let Me Go, Rock’n’Roll sehr deutlich.



Im Set finden sich weitere alte Schlachtrösser: Watchin’ You von 1974 zum Beispiel oder War Machine von 1982, bei dem damals ein junger Songwriter namens Bryan Adams mitgeschrieben hatte. Gene hält immer wieder kleine Schwätzchen mit dem Publikum und verspricht sogar, die „Arschloch-Sonnenbrille“ auszuziehen (seine Worte, nicht unsere). Seine Band fordert er auf, sich selber vorzustellen, den deutschen Fans dürfte vor allem Drummer Brent Fitz aus der Band von Slash bekannt sein.

Wirklich interessant wird es, wenn der Griff  in die Kuriositätenkiste geht: Das Instrumental Love Theme From Kiss vom Debüt hört man nicht oft, ebensowenig I vom umstrittenen 1981er-Konzeptalbum Music From (The Elder)Charisma von der Discoplatte Dynasty (1979) klingt live wesentlich rockiger, ebenso Radioactive, der einzige Track von Genes Soloalbum von 1978. Für I Love It Loud darf dann eine Horde Jungs auf die Bühne, um die „Yeah Yeah!“-Chöre mitzugrölen, bevor es wieder spontan wird: Die Band spielt Domino und Almost Human an und muss Ladies Room abbrechen. Simmons stört das nicht: „Ich weiß nicht mehr, wie das geht, und ich habe die Nummer geschrieben!“ Dafür gelingt Goin’ Blind sehr ergreifend. Bei dessen hoher Gesangslinie muss sich Gene ein wenig mehr anstrengen, eine Blöße gibt er sich nicht.



All The Way vom zweiten Album steht zwar regulär auf der Setlist, doch das lässt der Boss heute mit den Worten „Let’s skip that!“ weg. Stattdessen beenden Calling Dr. Love und natürlich Rock And Roll All Nite eine äußerst unterhaltsame Show. Man merkt, dass Gene Simmons es genießt, ohne großes Theater einfach Musik zu machen. Und die Kiss-Songs funktionieren auch so. Vielleicht sollte er Konzerte wie heute einfach öfter geben…

Credit: Oliver Niklas

 


Setlist:

Deuce
Are You Ready
Shout It Out Loud
Parasite
She’s So European
Unholy**
Do You Love Me?
I Was Made For Lovin’ You**
Long Tall Sally (Little Richard)
Let Me Go, Rock ‘N’ Roll
Watchin’ You
Love Theme From Kiss
War Machine
I
Charisma
Radioactive
I Love It Loud
Domino**
Ladies Room**
Almost Human**
Goin’ Blind**
Calling Dr. Love
Rock And Roll All Nite
(**nicht auf der Setlist, zum Teil nur angespielt)

Headerbild Credit: Axel Jusseit

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„I Am The Greatest“: Wie Muhammad Ali den Rap miterfand

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Foto: Len Trievnor /Getty Images

Vor wenigen Tagen hätte Muhammad Ali seinen 80. Geburtstag gefeiert. 1963, noch als Cassius Clay, veröffentlicht er das Spoken-Word-Album I Am The Greatest und nimmt darauf viel von dem vorweg, was in den Siebzigern in New York als Rap entstehen sollte.

von Björn Springorum

Im August 1963 ist Cassius Clay noch weit von der Boxlegende entfernt, die er auf ewig bleiben wird. Dennoch hat er sich einen Namen als junger Boxer mit einer Menge Talent gemacht: Zwischen seinem professionellen Debüt im Oktober 1960 und August 1963 kann er in 19 Kämpfen 19 Siege einfahren – 15 davon durch Knockout.

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Als beliebt kann man Clay damals nicht unbedingt bezeichnen. In all seinen Kämpfen macht er sich über seine Gegner lustig, bezeichnet den ehrwürdigen Madison Square Garden als „zu klein für mich“ und etabliert den Trash-Talk im Sport, der später vor allem im Wrestling zum Nonplusultra gehören wird. Die ganze Zeit über ist ihm klar: Wer eine große Klappe hat, muss auch liefern.

Das hat er vor. Im Februar 1964 steht die Weltmeisterschaft im Schwergewicht an, Cassius Clay wird gegen Sonny Liston antreten. Liston, gute zehn Jahre älter als Clay, ist ein gefürchteter Boxer mit krimineller Vergangenheit und engen Beziehungen zur Mafia. Und Clay? Hat im August 1963 keine bessere Idee als seinen Trash-Talk in Albumform zu veröffentlichen.

Rap-Pionier mit großer Klappe

I Am The Greatest ist im Grunde ein absurdes Album. Aufgenommen live vor einem 200 Kopf starken Publikum bei Columbia Records in New York, glorifiziert sich Cassius Clay nach allen Regeln der Kunst, teilt gegen seine bisherigen Gegner aus und provoziert seinen Gegner Sonny Liston. All das, so darf man durchaus bewundernd sagen, geschieht so eloquent, timingsicher und pointiert als wäre Clay kein 21-jähriger Box-Hitzkopf sondern ein versierter Stand-Up-Comedian.

Aufgeteilt in acht Runden, liefert Clay mit I Am The Greatest allerdings nicht nur eine unterhaltsame Spoken-Word-Abrechnung. Sondern einen frühen Vorläufer von Hip-Hop oder Battle-Rap. Clays Flow ist weniger Rezitation als Rap, funky Sprechgesang in einer sehr frühen Form, durchzogen von Themen, die bis heute allgegenwärtig im Hip-Hop sind: Die eigene Größe, Konkurrenz, das Dissen von allen und jedem, Selbstüberschätzung und gesellschaftlicher Kommentar.

Überlebensgroß

Wenige Hip-Hop-Größen sind frei von Clays Einfluss. Denn selbst wenn sie für seine legendärsten Kämpfe zu jung waren, kommt in den Siebzigern niemand an Clay/Ali vorbei: Wiederholungen seiner Kämpfe, Rollen in Comics, Dokumentationen – der Einfluss des Boxers ist überlebensgroß. „Ohne Muhammad Ali gäbe es kein Mama Said Knock You Out“, so sagte LL Cool J mal über sein viertes Album bei Def Jam. Man schaue sich zudem nur mal den Titel von Runde fünf des Albums an, Will The Real Sonny Liston Please Fall Down. Ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man hier eine Inspiration für Eminems Will The Real Slim Shady Please Stand Up erkennen möchte.

Nach Clays Sieg gegen Liston veröffentlicht Columbia die Single mit den Tracks I Am The Greatest und Will The Real Sonny Liston Please Fall Down. In der allgemeinen Box-Euphorie des Jahres wird die Single zum Dauerbrenner und Gesprächsthema. Man bringt ihn sogar dazu, ein solides Cover von Ben E. Kings Song Stand By Me aufzunehmen, um seine Popularität noch weiter auszuschlachten.

Zusammenarbeit mit Frank Sinatra

Klar, danach ging es mit seinem Ruf für weite Teile der USA den Bach runter, als er sich seinem Einzug nach Vietnam widersetzt und unter seinem neuen Namen Muhammad Ali zum Islam konvertiert; 1976 gibt es dennoch ein Comeback von ihm in Albumform. Unter dem bizarren Namen The Adventures Of Ali And His Gang Vs. Mr. Tooth Decay veröffentlicht Muhammad Ali ein mindestens ebenso bizarres Album über Mundhygiene, mit dem Kinder zu mehr Zahnpflege gebracht werden sollen.

Und das ist noch nicht alles: Neben vielen weiteren Persönlichkeiten aus der Welt des Sports und des Entertainment taucht auch Frank Sinatra als Sprecher eines Ladenbesitzers auf dem Album auf. Was zur Hölle da passiert war? Wissen wir auch nicht, aber das Album bekommt 1977 doch tatsächlich eine Grammy-Nominierung… das kann sonst auch kein Boxer von sich behaupten.

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Haben Led Zeppelin jemals in Wheaton gespielt?

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Titelfoto: Chris Walter/WireImage/Getty Images

„"Der Legende nach sollen Led Zeppelin am 20. Januar 1969 ein Konzert in Wheaton (Maryland) gegeben haben. Gerade einmal 55 Menschen könnten bestätigen, dass die Show wirklich stattgefunden hat, denn so klein soll das Publikum an jenem Abend gewesen sein. Ein paar Dinge bleiben allerdings bis heute mysteriös …

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch das Debüt von Led Zeppelin anhören:

Als Led Zeppelin Ende Dezember 1968 in die Vereinigten Staaten reisen, um ihre erste Tour auf amerikanischem Boden zu absolvieren, stehen den Briten große Dinge bevor. So tritt die Band im Rahmen ihrer ersten US-Tour nicht nur mehrfach im legendären Whisky A Go Go in Los Angeles auf sowie im fast genauso legendären Fillmore West in San Francisco. Nein, Led Zeppelin veröffentlichen am 12. Januar 1969 auch ihr Debütalbum in den US. Etwa eine Woche später ereignet sich in Maryland eine kuriose Geschichte. Das heißt … Ereignet sie sich wirklich?

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Eine Show ohne Beweise

Nach einem dreitägigen Aufenthalt in Detroit sollen Led Zeppelin am 20. Januar 1969 in einem Jugendzentrum in Wheaton spielen. Gerade einmal 55 Leute tauchen auf; das kleinste Publikum in der Karriere der Band. So lautet zumindest die Legende, denn physische Beweise für die Show gibt es nicht. Keine Eintrittskarten, keine Plakate, keine Fotos: Es ist, als hätte das Konzert nie stattgefunden. Die Musiker selbst sind nach weit mehr als 600 Konzerten wahrscheinlich froh, wenn sie sich an die Meilensteine erinnern. Gibt es denn gar keine Indizien? Doch, die gibt es.

„Ich kann mich absolut nicht daran erinnern.“

Ruft man die offizielle Website von Led Zeppelin auf, findet man dort eine „Concert Timeline“. In dem Archiv ist auch der Auftritt im „Wheaton Youth Center“ hinterlegt, allerdings mit dem Vermerk „unbestätigtes Gerücht“. Scrollt man auf der Website ein wenig herunter, findet man die Kommentarspalte. Ein Nutzer namens Gary schreibt dort: „Ich bin hinter dem Wheaton Youth Center aufgewachsen, habe dort als Teenager rumgehangen und Billard gespielt, aber ich kann mich absolut nicht daran erinnern, dass Led Zeppelin dort gespielt hätten. Ich habe auch noch nie gehört, dass dort irgendjemand über Led Zeppelin gesprochen hätte.“

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe eine vage Erinnerung an das Konzert.“

Damit scheint die Frage geklärt. Oder? Ein anderer Nutzer namens Len Jaffe glaubt, sich an das Konzert zu erinnern: „Ich habe damals als Angestellter bei Joe Goldberg’s Variety Records in der Nähe vom Wheaton Plaza gearbeitet. Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe eine vage Erinnerung an dieses Konzert. Ich bin eines Abends nach der Arbeit im Wheaton Youth Center gewesen, um The Small Faces mit … Rod Stewart zu sehen! Vielleicht war ich auch bei der Led-Zep-Show, aber ich würde nicht darauf schwören.“

Iggy Pop und Erdnussbutter

Eine weitere Spur führt zu Sharon Ward Ellis, die das Jugendzentrum früher leitete. Laut Washington Post könne sie sich zwar daran erinnern, dass sie Iggy Pop dazu aufgefordert habe, sich während seiner Show im Wheaton Youth Centre keine Erdnussbutter auf die Brust zu schmieren. An ein Konzert von Led Zeppelin könne sie sich aber nicht erinnern.

Ruth Lynn Youngwirth, eine regelmäßige Besucherin des Jugendzentrums in Wheaton, habe laut Washington Post ein Sammelalbum hervorgekramt, in dem sie einige Konzerte zwischen 1967 und 1972 dokumentiert habe. Der Led-Zeppelin-Auftritt käme darin nicht vor. „Wenn sie hier waren, erinnere ich mich nicht daran“, so Youngwirth.

„Die meisten Geschichten ergeben Sinn.“

Zuversichtlicher ist Jeff Krulik, der Macher des Films Led Zeppelin Played Here (2013), in dem er sich der Frage widmet, ob das Konzert nun stattgefunden hat oder nicht. Für die Dokumentation sammelte er viele Erinnerungen von Anwohnern sowie Fans, die denken, dass das Konzert stattgefunden hat, und kommt laut dem US-Radiosender WAMU zu dem Schluss: „Die meisten Geschichten ergeben Sinn“, kommentiert der Regisseur seine Recherche. Einige Zuschauer:innen hätten ihm erzählt, Led Zeppelin seien wegen der Akustik und des kleinen Publikums frustriert gewesen. Das höre sich für ihn glaubhaft an, denn am Abend vorher hätte die Band in Detroit gespielt und somit 600 Kilometer Fahrt hinter sich gehabt.

Auch in Zukunft ein Rock’n’Roll-Mythos

Ob Led Zeppelin am 20. Januar 1969 wirklich in Wheaton vor nur 55 Zuschauer*innen aufgetreten sind, wird sich wohl nicht mehr abschließend klären lassen, sofern mehr als 50 Jahre später nicht doch noch ein physischer Beweis für die Show auftaucht. Bis dahin werden wir uns damit abfinden müssen, dass die Lage unklar ist — und dass die Antwort auf die Frage, ob Led Zeppelin dort gespielt haben, vor allem davon abhängt, wen man fragt.

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Zeitsprung: Am 9.1.1944 kommt Jimmy Page von Led Zeppelin zur Welt.

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Zeitsprung: Ab 25.1.2000 erklärt uns Britney Spears die Halbleiterphysik. Quasi.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.1.2000.

von Christof Leim

Britney Spears taucht hier bei uDiscover ja eher selten auf. Richtig so, wie der abgeneigte Rocker sicher gerne bestätigt. Wir würden auch nie öffentlich zugeben, dass es von der Dame vielleicht sogar ein oder zwei ganz nette Liedchen gibt. Die hat übrigens oft ein schwedischer Hard Rocker namens Max Martin geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte. (Und das mit den „netten Liedchen“ muss unter uns bleiben.) Frau Spears jedenfalls taugt für die meisten Freunde der geschmackssicheren Klassiker höchstens als schlechtes Beispiel. Oder eben als Erklärhilfe für die Wunder der Halbleiterphysik. Bitte was?

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Hört hier die besten Songs von Britney Spears. Wenn ihr euch traut.

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Ja, richtig gelesen: Halbleiterphysik. Wie wir alle wissen, sind Halbleiter Festkörper, deren Leitfähigkeit zwischen der von elektrischen Leitern und Nichtleitern liegt. Damit kann man dann Computerchips und CD-Player bauen, vermutlich sogar einen Flux-Kompensator oder den Todesstern. Allerdings muss man dazu erstmal verstehen, wie sich diese lustigen kleinen Dinger gefügig machen lassen. Um das zu erklären, hat der Doktorand Carl Hepburn von der Universität Essex am 25. Januar 2000 eine spezielle Website registriert: Britney’s Guide To Semi-Conductor Physics.

Neben Bildchen und Songtexten der Sängerin findet sich hier eine Enthüllung: „Nicht viele Leute wissen, dass Britney Spears eine Expertin im Gebiet der Halbleiterphysik ist. Weil sie mehr tun will als nur zu singen und zu schauspielern, wird sie euch auf den nächsten Seiten durch die Grundlagen führen, die es möglich gemacht haben, ihre tolle Musik in digitalem Format zu hören.“

Die Physik der Halbleiter: Jetzt ist plötzlich alles klar! – Quelle: www.britneyspears.ac

Es folgen Erklärungen zu Quantentöpfen, Zustandsdichten und der Schrödinger-Gleichung. (Ja, das ist der mit der toten Katze. Oder doch nicht tot. Weiß man ja nicht.) All das wird garniert mit Fotos der Sängerin. Und manchmal kombiniert Hepburn die beiden Welten sogar für seine Erklärungen: Einmal folgt der Kragen von Britneys Oberteil einer Parabel, die das Leitungsband von Elektronen in einem Halbleiter beschreibt (fragt nicht), ein andermal beschreiben ihre Beine Energieniveau einer Quantenbarriere (ernsthaft, fragt nicht, zumindest nicht uns). Es gibt sogar ein “Lip-Glossar der Halbleiterphysik”. Insgesamt geht es wissenschaftlich richtig derbe zur Sache, wobei immerhin der schöne Satz fällt: “Diamonds might be a girl’s best friend, but their crystalline structure is closely related to the zincblende structure“. Wie poetisch… zumindest für Sheldon Cooper.

Irgendwas mit Energieniveaus – Quelle: www.britneyspears.ac

Kein Wunder also, dass die versteckten Qualitäten von Miss Spears durch die Nachrichten gehen. So greifen MTV und die BBC die Sache auf, das Fachmagazin Scientific American schreibt: „Hier findet einer der sonderbarsten Ansätze der letzten Zeit, Wissenschaft zu vermitteln, statt. Und es handelt sich ganz sicher um die einzige Website, die Promofotos und haarige Gleichungen verbindet, und zwar in einer einzigartigen Mischung aus Physik und ‚Physique‘“.

Carl Hepburn selbst schreibt auf der Seite seiner Universität: „Ich habe Britney Spears genutzt, um zu zeigen, dass Physik auch Spaß macht. Die meisten der benutzten Bilder von Britney haben irgendwie mit Physik zu tun.“

Ein Stellungnahme von Frau Prof. Spears liegt nicht vor.


Zeitsprung: Am 16.8.1958 kommt die „Queen Of Pop“ Madonna zur Welt.

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